Nachrichten der beck-aktuell-Redaktion vom 27. Oktober 2011
Top-MeldungenEuro-Gipfel: Banken erlassen Griechenland Hälfte der Schulden
Griechenland wird rund die Hälfte seiner Schulden erlassen. Hierauf haben sich die Staats- und Regierungschefs der Euro-Länder in Brüssel mit den Banken geeinigt, wie die Bundesregierung am 27.10.2011 mitteilt. Zudem wollen die Euro-Länder die Schlagkraft des Euro-Rettungsschirms EFSF erhöhen, um eine Ausweitung der Krise zu verhindern.
BVerwG: Beurteilungsrichtlinie der Bundeswehr verstößt gegen Soldatenlaufbahnverordnung
Die in der Beurteilungsrichtlinie der Bundeswehr geregelte Bildung von Vergleichsgruppen für die planmäßige Beurteilung von Soldaten ist nicht mit der Soldatenlaufbahnverordnung vereinbar. Dies hat das Bundesverwaltungsgericht mit Beschluss vom 25.10.2011 entschieden (Az.: 1 WB 51.10).
EuGH: Portugals Erstattungsregelung für Kosten ambulanter ärztlicher Behandlungen in anderen Mitgliedstaaten EU-rechtswidrig
Die portugiesische Regelung der Kostenerstattung für ambulante ärztliche Behandlungen in einem anderen Mitgliedstaat verstößt gegen das Unionsrecht. Der Europäische Gerichtshof stellt klar, dass die Mitgliedstaaten für ambulante ärztliche Behandlungen, die ohne vorherige Genehmigung in einem anderen Mitgliedstaat erfolgt sind, die Möglichkeit einer Kostenerstattung nach ihren eigenen Sätzen vorsehen müssen. Das gelte zumindest insoweit, als es sich nicht um Behandlungen handele, die den Einsatz kostspieliger Großgeräte erfordern (Urteil vom 27.10.2011, Az.: C-255/09).
OVG Münster: Informationsfreiheitsgesetz gilt auch für Bundesrechnungshof
Der Bundesrechnungshof muss einem Journalisten Niederschriften über die Prüfung verschiedener Stiftungen herausgeben. Ein entsprechender Anspruch des Journalisten ergibt sich laut Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen in Münster aus dem Informationsfreiheitsgesetz des Bundes. Dieses sei auch auf den Bundesrechnungshof anzuwenden. Das OVG hat wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Sache die Revision zum Bundesverwaltungsgericht zugelassen. (Urteil vom 26.10.2011, Az.: 8 A 2593/10).
Weitere NachrichtenEU-Kommission setzt Deutschland Frist für Vorratsdatenspeicherung
Die Bundesrepublik Deutschland muss die EU-Vorschriften zur Vorratsdatenspeicherung nun bald umsetzen. Hierfür hat die Europäische Kommission ihr eine Frist von zwei Monaten gesetzt. Gleiches gilt für Rumänien. In beiden Ländern hatten die Verfassungsgerichte die nationalen Gesetze zur Vorratsdatenspeicherung aufgehoben (vgl. für Deutschland: BVerfG, NJW 2010, 833), ohne dass die Regierungen bislang die Kommission über einen neuen Anlauf für eine Regelung unterrichtet hätten.
Natriumchloratkartell: EuG erklärt Geldbuße gegen Aragonesas und Uralita für nichtig
Die Geldbuße von 9,9 Millionen Euro, die die Europäische Kommission gesamtschuldnerisch den spanischen Unternehmen Aragonesas und Uralita mit der Begründung auferlegt hatte, Aragonesas habe sich drei Jahre lang an einem Natriumchloratkarell beteiligt, ist nichtig. Dies hat das Gericht der Europäischen Union mit Urteil vom 25.10.2011 entschieden. Nachgewiesen sei nur ein Beteiligungszeitraum von einem Jahr, die Geldbuße mithin falsch berechnet. Uralita als damalige Muttergesellschaft müsse sich allerdings die Kartellbeteiligung von Aragonesas zurechnen lassen (Az.: T-348/08 und T-349/08).
BGH: Zeitschriftenvertrieb haftet auch für kriminelle Subunternehmer
Wer Zeitschriften vertreibt, haftet auch für kriminelles Verhalten seiner Subunternehmer. Dies geht aus einem Urteil des Bundesgerichtshofs vom 17.08.2011 hervor, über das die Verbraucherzentrale Hamburg berichtet, die in dem Verfahren Klägerin war. Konkret ging es um die Verantwortung einer Vertriebsfirma für rechtswidrige Werbung (Az.: I ZR 134/10).
VG Karlsruhe: Streit am Bundesgerichtshof um Beförderungen und Zeugnisnoten
Es ist ein Streit zwischen juristischen Schwergewichten - und es geht um einen sehr einflussreichen Posten im deutschen Strafrecht: Den Vorsitz an einem der fünf Strafsenate des Bundesgerichtshofs. Mit juristischen Mitteln kämpft BGH-Richter Thomas Fischer um eine Beförderung. Sein Gegenspieler ist Gerichtspräsident Klaus Tolksdorf. Nun konnte Fischer vor dem Verwaltungsgericht Karlsruhe einen ersten Erfolg verbuchen. Die Besetzung des Senatsvorsitzes wurde im einstweiligen Rechtsschutz zunächst gestoppt (Az.: 4 K 2146/11).
LG Traunstein: Wieder Freispruch in Prozess um Bad Reichenhaller Eissporthalle
Im Prozess um den verheerenden Einsturz der Eislaufhalle von Bad Reichenhall ist der Angeklagte am 27.10.2011 erneut freigesprochen worden. Nach Überzeugung des Landgerichts Traunstein ist der Bauingenieur nicht für den Tod von 15 Menschen mitverantwortlich. Der 58-Jährige hatte sich seit September 2011 abermals wegen fahrlässiger Tötung verantworten müssen. Sein Freispruch im ersten Prozess war 2010 vom Bundesgerichtshof kassiert worden (NStZ 2011, 31).
LG Berlin: Reiseveranstalter muss auf Einfuhrbestimmungen des Urlaubslandes für Medikamente hinweisen
Ein Reiseveranstalter ist verpflichtet, einen Kunden vor Vertragsschluss darauf hinzuweisen, dass im Urlaubsland strenge Einfuhrbestimmungen für Medikamente gelten. Dies gilt jedenfalls dann, wenn die entsprechenden Regelungen für den Veranstalter leicht über die Internetseite des Auswärtigen Amtes zu ermitteln sind. Dies stellt das Landgericht Berlin mit Urteil vom 10.10.2011 klar (Az.: 38 O 43/11).
LSG Bayern bestätigt Rechtsprechung: Keine Änderung eines bestandskräftigen Beitragsbescheids nach Betriebsprüfung
Nach einer Betriebsprüfung ist die Behörde grundsätzlich an ihre früheren Feststellungen gebunden, auch wenn zu einem bereits abgeschlossenen, früheren Prüfzeitraum neue Erkenntnisse gewonnen werden. Nur unter besonderen Voraussetzungen dürfen Nachforderungen für die Vergangenheit geltend gemacht werden. Dies entschied das Landessozialgericht München und bestätigte seine Rechtsprechung zu abgeschlossenen Betriebsprüfungen (Beschluss vom 07.10. 2011, Az.: L5R 613/11 B ER).
AG München: Geldbuße gegen Strafverteidiger wegen Weiterleitung eines Briefes seines inhaftierten Mandanten
Das Amtsgericht München hat gegen einen Strafverteidiger eine Geldbuße verhängt, weil dieser von seinem inhaftierten Mandanten einen als Verteidigerpost gekennzeichneten Brief entgegengenommen und an dessen Freundin weitergeleitet hatte. Dadurch sei die Briefkontrolle umgangen worden. Auf das Verteidigerprivileg könne sich der Verteidiger nicht berufen, da der Inhalt des Briefes nicht unmittelbar der Vorbereitung der Verteidigung gedient habe (Urteil vom 19.04.2011, Az.: 1123 OWi 120 JS 13019/10, rechtskräftig).
Kabinett startet Vermittlungsverfahren zu CO2-Speicherung und Gebäudesanierungen
Das Bundeskabinett will das CO2-Speichergesetz und den Steuerrabatt für Gebäudesanierungen durch neue Verhandlungen mit den Bundesländern retten. Daher beschloss das Bundeskabinett am 26.10.2011 in beiden Fällen die Anrufung des Vermittlungsausschusses von Bundestag und Bundesrat. Dennoch bleibt unklar, ob die harten Fronten aufgelöst werden können.
Koalition lehnt Gesetzentwürfe von SPD und Grünen zum erweiterten Kündigungsschutz bei unter 25-Jährigen ab
Sozialdemokraten und Grüne wollen, dass Beschäftigungszeiten, die vor der Vollendung des 25. Lebensjahres eines Arbeitnehmers angefallen sind, bei der Berechnung der Kündigungsfrist berücksichtigt werden. Sie verlangten daher die Streichung des § 622 Abs. 2 BGB, der die Anrechnung unmöglich macht. Mit den Stimmen der Koalition hat der Ausschuss des Bundestages für Arbeit und Soziales am 26.10.2011 allerdings diesbezügliche Gesetzentwürfe der SPD-Fraktion (BT-Drs. 17/775) und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (BT-Drs. 17/657) abgelehnt. Dies teilte die Bundestagspressestelle am selben Tag mit.
Koalition will nach BFH-Urteil Werbungskostenabzug für Erststudium durch Gesetzesänderung vermeiden
Aufwendungen für eine erstmalige Berufsausbildung oder ein Erststudium sollen auch in Zukunft nicht als steuerliche Werbungskosten oder Betriebsausgaben berücksichtigt werden können. Zwar hatte der Bundesfinanzhof in mehreren Entscheidungen das bisherige Abzugsverbot für nicht klar genug definiert gehalten und einen Werbungskostenabzug zugelassen (u.a. BFH, NJW 2011, 2909). Die Koalitionsfraktionen von CDU/CSU und FDP haben aber am 26.10.2011 im Finanzausschuss des Bundestages eine «Klarstellung der vom Gesetzgeber gewollten Rechtslage» vorgenommen.
Ausgewählte UrteilsanalysenOLG Schleswig: Wechselbezüglichkeit einer Ersatzschlusserbeneinsetzung
BGB § 2270 II
Die Wechselbezüglichkeit der Schlusserbeneinsetzung lässt nicht von vornherein den Schluss auf die Wechselbezüglichkeit und damit die Bindung des längstlebenden Ehegatten an die Einsetzung auch eines Ersatzschlusserben zu, wenn beide nur mit diesem Längstlebenden verwandt sind. Aus dem Gesamtzusammenhang des Testamentes, seinem Wortlaut und seiner Systematik unter Einbezug von Feststellungen über gute Beziehungen des Ersatzerben zu dem erstverstorbenen Ehegatten - auch wenn diese noch nicht ein hinreichendes Näheverhältnis im Sinne von § 2270 II BGB ergeben - kann sich jedoch im Wege der individuellen Auslegung des Testamentes als tatsächlicher Erblasserwille die Wechselbezüglichkeit der Ersatzschlusserbeneinsetzung entnehmen lassen. (Leitsatz des Gerichts)
OLG Schleswig, Beschluss vom 05.09.2011 - 3 Wx 64/10, BeckRS 2011, 24295
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