Nachrichten der beck-aktuell-Redaktion vom 24. November 2011
Top-MeldungenBVerfG: Ausgestaltung des Elterngelds als Einkommensersatzleistung verfassungsgemäß
Die Ausgestaltung des Elterngeldes als steuerfinanzierte Einkommensersatzleistung verletzt weder den allgemeinen Gleichheitssatz aus Art. 3 Abs. 1 GG noch das Grundrecht auf Schutz und Förderung von Ehe und Familie aus Art. 6 Abs. 1 und 2 GG. Dies hat das Bundesverfassungsgericht mit Beschluss vom 09.11.2011 entschieden. Die Ungleichbehandlung aufgrund der einkommensbezogenen Differenzierung der Elterngeldhöhe sei sachlich gerechtfertigt, weil das Elterngeld die Verbindung von Beruf und Familie begünstigen und helfen soll, überkommene Rollenverteilungen in der Familie zu überwinden (Az.: 1 BvR 1853/11).
EGMR: Sicherungsverwahrung ohne gerichtliche Vollstreckungsanordnung stellt Menschenrechtsverletzung dar
Die Bundesrepublik Deutschland hat gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoßen, indem sie einen Straftäter nach der vollständigen Verbüßung seiner Haftstrafe neun Monate ohne gerichtliche Vollstreckungsanordnung in der Sicherungsverwahrung untergebracht hat. Hierin liege eine Verletzung des Rechts auf Freiheit und Sicherheit gemäß Art. 5 § 1 EMRK, so der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. Jetzt muss Deutschland den betroffenen Beschwerdeführer mit 5.000 Euro entschädigen und außerdem die ihm entstandenen Kosten erstatten (Urteil vom 24.11.2011, Az.: 48038/06).
EuGH: Internetprovider muss kein Filtersystem gegen unzulässigen Dateien-Download einrichten
Ein nationales Gericht darf einen Anbieter von Internetzugangsdiensten nicht verpflichten, ein System der Filterung einzurichten, das einem unzulässigen Herunterladen von Dateien vorbeugt. Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass eine solche gerichtliche Anordnung gegen Europarecht verstößt. Sie missachte sowohl das Verbot, solchen Anbietern eine allgemeine Überwachungspflicht aufzuerlegen, als auch das Erfordernis, ein angemessenes Gleichgewicht zwischen dem Recht am geistigen Eigentum und der unternehmerischen Freiheit, dem Recht auf den Schutz personenbezogener Daten und dem Recht auf freien Empfang oder freie Sendung der Informationen zu gewährleisten (Urteil vom 24.11.2011, Az.: C-70/10).
BVerwG: Kosten aus Amtspflichtverletzungen der BaFin sind umlagefähig
Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) kann die Kosten aus Amtspflichtverletzungen im Wege der Umlage von den von ihr beaufsichtigten Finanzinstituten fordern. Dem stehen weder das Gesetz über die Bundesanstalt (FinDAG) und die dazu ergangene Kostenverordnung noch Verfassungsrecht entgegen, entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am 23.11.2011 (Az.: 8 C 20.10).
BVerwG präzisiert Beurteilungsspielraum der BNetzA bei Genehmigung der Entgelte für Nutzung von Telekom-Anschlüssen durch Wettbewerber
Die Bundesnetzagentur (BNetzA) darf sich bei den Berechnungsmethoden für die Genehmigung von Entgelten für die Nutzung von Telekomanschlüssen durch Wettbewerber zwischen einer Berechnung des Investitionswertes nach den tatsächlich entstandenen Anschaffungs- und Herstellungskosten und einer solchen nach Wiederbeschaffungskosten entscheiden. Sie muss aber die widerstreitenden Interessen abwägen und unter anderem prüfen, welcher Kostenmaßstab den Interessen beider Parteien und dem Ziel eines chancengleichen Wettbewerbs am ehesten gerecht wird (Urteile vom 23.11.2011, Az.: 6 C 11.10; 6 C 12.10; 6 C 13.10).
BGH: EuGH soll rechtserhaltende Benutzung von Marken klären
Der Bundesgerichtshof hat dem Europäischem Gerichtshof in zwei Verfahren Fragen zur rechtserhaltenden Benutzung von Marken zur Vorabentscheidung vorgelegt. Er will vor allem wissen, ob § 26 Abs. 3 Satz 2 MarkenG mit der europäischen Markenrechtsrichtlinie vereinbar ist (Beschluss vom 17.08.2011, Az.: I ZR 84/09 – «PROTI»). Außerdem soll der EuGH klären, ob auch dann von der rechtserhaltenden Nutzung einer Marke ausgegangen werden kann, wenn die benutzte, als Marke eingetragene Form eine Kombination von zwei weiteren Marken des Markeninhabers ist und die zusammengesetzte Marke keine geringfügige Abwandlung der aus den einzelnen Bestandteilen bestehenden Marken darstellt (Beschluss vom 24.11.2011, Az.: I ZR 206/10 – «Stofffähnchen II»).
Weitere NachrichtenBGH lässt im Urheberrechtsstreit um «Stuttgart 21» Revision nicht zu
Im Urheberrechtsstreit mit der Deutschen Bahn AG um «Stuttgart 21» muss der Erbe des Architekten des Stuttgarter Hauptbahnhofs eine Niederlage hinnehmen. Der Bundesgerichtshof wird nicht über den Fall verhandeln. Er hat es, wie schon die Vorinstanz, abgelehnt, die Revision gegen das klageabweisende Urteil des Oberlandesgericht Stuttgart zuzulassen (Beschluss vom 09.11.2011, Az.: I ZR 216/10). Der Kläger hatte mit seiner Klage den Wiederaufbau des Nordwest-Flügels erreichen sowie den Abriss des Südost-Flügels und der Treppenanlage des Stuttgarter Hauptbahnhofs verhindern wollen.
BVerwG: Vermögensrechtliche Restitution schließt Kulturgutschutz nicht aus
Das Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung (Kulturgutschutzgesetz) findet auch auf solche Vermögenswerte Anwendung, die ihren jüdischen Eigentümern durch nationalsozialistische Unrechtsmaßnahmen entzogen und nach der Wiedervereinigung gemäß § 1 Abs. 6 VermG restituiert worden sind. Dies hat das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom 24.11.2011 entschieden (Az.: 7 C 12.10).
EuG: Kein Schadenersatz für rechtswidriges Einfrieren von Geldern
Jose Maria Sison, ein in den Niederlanden wohnender philippinischer Staatsangehöriger, erhält für das rechtswidrige Einfrieren seiner Gelder durch den Rat der Europäischen Union keinen Schadenersatz. Dies hat das Gericht der Europäischen Union mit Urteil vom 23.11.2011 entschieden (Az.: T-341/07). Es verweist auf «besondere Zwänge und Verantwortlichkeiten», die auf dem Rat im Zusammenhang mit der Bekämpfung des internationalen Terrorismus gelastet hätten. Unter ähnlichen Umständen hätte nach Ansicht des EuG daher auch eine durchschnittlich umsichtige und sorgfältige Verwaltung einen solchen Fehler begehen können.
LG München I: Elvis-Erben verlieren Streit um Tantiemen aus Tonaufnahmen
Die Firma Elvis Presley Enterprises, in die nach dem Tod des «King of Rock´n`Roll» die Rechte an seinen Tonaufnahmen eingebracht worden sind, muss an den in Deutschland posthum erzielten Erlösen aus der Verwertung der Musikaufnahmen nicht beteiligt werden. Dies hat das Landgericht München I zugunsten der beklagten Plattenfirma Sony Music Entertainment mit Firmensitz in München entschieden (Az.: 21 O 25511/10, nicht rechtskräftig). Grund ist ein Vertrag, den die Plattenfirma 1973 mit Elvis Presley geschlossen hatte und mit dem dieser sich für die Nutzung seiner Verwertungsrechte hatte abfinden lassen. Es geht um Forderungen in Millionenhöhe.
LSG Sachsen-Anhalt: Hartz IV-Empfänger kann nach Gerichtstermin Anspruch auf «Hausfrauenentschädigung» haben
Führt ein Hartz IV-Empfänger einen eigenen Haushalt für mehrere Personen, so steht ihm als Entschädigung für die gerichtlich angeordnete Teilnahme an einem Gerichtstermin die sogenannte «Hausfrauenentschädigung» in Höhe von zwölf Euro pro Stunde und nicht bloß die geringere Zeitaufwandsentschädigung zu. Dies hat das Landessozialgericht Sachsen-Anhalt mit Beschluss vom 18.11.2011 entschieden (Az.: L 4 P 18/09, rechtskräftig).
OVG Berlin-Brandenburg: Bürgerbewegung pro Köln e.V. durfte im Verfassungsschutzbericht des Bundes erwähnt werden
Die Erwähnung der Bürgerbewegung «pro Köln e.V.» in den Verfassungsschutzberichten des Bundesinnenministeriums für die Jahre 2008 bis 2010 war rechtmäßig. Dies hat das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg entschieden und damit die Vorinstanz bestätigt. Die Berichterstattung über den Verein sei angemessen und stelle insbesondere deutlich heraus, dass es sich lediglich um einen Verdachtsfall handele. Wegen grundsätzlicher Bedeutung wurde die Revision zugelassen (Urteil vom 23.11.2011, Az.: OVG 1 B 111.10).
LAG Düsseldorf: Kündigungsverzicht gilt auch für außerordentliche betriebsbedingte Kündigungen
Als Gegenleistung für den Verzicht auf das Weihnachtsgeld hatte ein kirchlicher Träger eines Krankenhauses in einer Dienstvereinbarung auf ordentliche betriebsbedingte Kündigungen bis zum Jahresende verzichtet, später aber zur Abwendung einer drohenden Insolvenz 121 außerordentliche betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen. Das Landesarbeitsgericht Düsseldorf entschied, dass diese Kündigungen unwirksam sind. Die Revision wurde nicht zugelassen (Urteile vom 23.11.2011, Az.: 12 Sa 926/11; 12 Sa 928/11; 12 Sa 946/11; 12 Sa 982/11; 12 Sa 1079/11; 12 Sa 1164/11).
ArbG Berlin: Arbeitsverhältnisse von Beschäftigten der City BKK trotz Schließung der Krankenkasse nicht wirksam beendet
Die Arbeitsverhältnisse von Beschäftigten der durch das Bundesversicherungsamt zum 30.06.2011 geschlossenen City BKK sind nicht nach der gesetzlichen Regelung des § 164 Abs. 4 SGB V beendet worden und bestehen demnach fort. Denn eine gesetzliche Auflösung der Arbeitsverhältnisse sei nur möglich, wenn die Arbeitnehmer ein zumutbares Weiterbeschäftigungsangebot erhalten und dieses abgelehnt hätten. Hieran fehlte es in den zu entscheidenden Fällen, befand das Arbeitsgericht Berlin, das aber die Berufung zuließ (Urteile vom 23.11.2011, Az.: 21 Ca 7861/11; 21 Ca 7934/11; 21 Ca 8139/11; 56 Ca 8155/11).
Datenschutzbeauftragter schlägt Gesetz zu datenschutzgerechter E-Verwaltung vor
Der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, Johannes Caspar, fordert für das elektronische Dokumentationsmanagement der Hamburger Verwaltung im Rahmen des Projektes «Hamburger Informationsmanagement (HIM)» eine Rechtsgrundlage, um einen datenschutzgerechten Umgang mit personenbezogenen Daten zu gewährleisten. Wie er am 24.11.2011 mitteilt, hat er dazu ein Gesetz vorgeschlagen, das insbesondere Vorschriften vorsieht, die die Zugriffsrechte der Behördenmitarbeiter regeln.
Zweiter Angriff: EU-Kommission klagt erneut gegen VW-Gesetz
Die Europäische Kommission geht zum zweiten Mal auf dem Gerichtsweg gegen das VW-Gesetz vor. Die Brüsseler Behörde hat am 24.11.2011 entschieden, in dem schon zehn Jahre laufenden Verfahren Deutschland erneut wegen Verletzung des EU-Vertrags vor dem Europäischen Gerichtshof zu verklagen. Das teilte die EU-Kommission am gleichen Tag mit. Als Sanktion verlangt die Behörde, dass Deutschland zu einem Bußgeld von mindestens 46,5 Millionen Euro verurteilt wird.
Ausgewählte UrteilsanalysenKG: Stillschweigende Zusage des Anwalts bei offenbarter Bedürftigkeit des Mandanten
ZPO §§ 114 ff; RVG § 54
Teilt der Mandant seinem Rechtsanwalt seine Bedürftigkeit vor der Klageerhebung mit, steht es dem Rechtsanwalt frei, seine weitere Tätigkeit für den Kläger davon abhängig zu machen, dass der Mandant dem Rechtsanwalt bereits entstandene und von einer späteren Bewilligung von Prozesskostenhilfe nicht erfasste Gebühren sogleich bezahlt. Wenn der Rechtsanwalt in Kenntnis der Bedürftigkeit seines Mandanten auf eine solche Vorleistung verzichtet, Prozesskostenhilfe beantragt und einer nur eingeschränkten Beiordnung nicht entgegentritt, darf ein verständiger Mandant dies als stillschweigende Zusage verstehen und darauf vertrauen, dass während des laufenden Rechtsstreits bereits entstandene und nicht von der Prozesskostenhilfe erfasste Gebührenforderungen seines Rechtsanwalts nicht von diesem gerichtlich gegen ihn geltend gemacht werden. Macht der Rechtsanwalt während des laufenden Rechtsstreits dennoch derartige Gebühren und Auslagen gerichtlich gegen seinen Mandanten geltend, ohne dass im weiteren Verlauf besondere Umstände hinzugetreten sind, dann ist dadurch ein veranlasster Wechsel in der Beiordnung des Prozessbevollmächtigten vom Rechtsanwalt schuldhaft im Sinne des § 54 RVG herbeigeführt worden.
KG, Beschluss vom 13.10.2011 - 5 W 230/11, BeckRS 2011, 25668
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