Nachrichten der beck-aktuell-Redaktion vom 18. April 2011
Top-MeldungenOLG Karlsruhe: Verkehrsbetriebe müssen Schottergleise nicht gegen Steinewerfer sichern
Verkehrsbetriebe müssen Schottergleise grundsätzlich nicht gegen Steinewerfer sichern. Das gilt auch dann, wenn die Gleise über eine für Fußgänger geöffnete Brücke führen. Dies hat das Oberlandesgericht Karlsruhe mit Urteil vom 08.04.2011 entschieden und die Klage einer Grundstücksmieterin abgewiesen. Eine Inanspruchnahme als mittelbare Handlungsstörer schließt das Gericht aus, weil die Verkehrsbetriebe keine Rechtsmacht hätten, um auf die Steinewerfer einzuwirken. Eine Haftung als Zusstandstörer verneint es, weil fehlende Sicherungsmaßnahmen gegen Steinewerfer keine Verletzung der Verkehrssicherungspflicht begründeten. Die Forderung, sämtliche Schottergleise zu sichern, würde Bahnunternehmen überfordern. Offen ließ das OLG allerdings, ob die Verkehrsbetriebe Sicherungsmaßnahmen ergreifen müssen, wenn unter der Brücke eine öffentliche Straße verläuft (Az.: 12 U 24/11).
Kammergericht: Springer darf umstrittene Speer-E-Mails nicht wörtlich oder sinngemäß verbreiten
Die Axel Springer AG darf E-Mails in direkter oder indirekter Rede weder verbreiten noch verbreiten lassen, die die Privatsphäre des früheren brandenburgischen Innenministers Rainer Speer betreffen. In einem Berufungsverfahren bestätigte das Kammergericht mit Urteil vom 18.04.2011 insoweit ein entsprechendes Verbot des Landgerichts Berlin durch eine einstweilige Verfügung vom 02.09.2010 (Az.: 10 U 149/10). Das Kammergericht bejahte jedoch ein hohes öffentliches Informationsinteresse an den Umständen, die zum Rücktritt des Ministers geführt haben und beschränkte das Verbot auf die Wiedergabe in wörtlicher oder indirekter Rede.
OLG Brandenburg: NPD-Vorsitzender Voigt muss Hausverbot durch Nobelhotel hinnehmen
Ein Hotelbetreiber kann aufgrund seines Hausrechts frei darüber entscheiden, wem er zu seinem Hotel Zutritt gewährt und wem nicht. Für ein Hausverbot müsse wegen des damit verbundenen Eingriffs in die Grundrechte des Gastes allerdings ein sachlicher Grund vorliegen, der angesichts der politischen Überzeugung des Vorsitzenden der NPD gegeben sei. Das hat der Erste Zivilsenat des Brandenburgischen Oberlandesgerichts mit Urteil vom 18.04.2011 entschieden (Az.: 1 U 4/10). Der Hotelbetreiber dürfe zu Recht befürchten, dass sich andere Gäste durch die Anwesenheit des Herrn Voigt provoziert und gestört fühlten, der in exponierter Stellung für eine Partei mit extremen politischen Überzeugungen tätig sei.
VGH München: Studienplatzbewerbung bei der Stiftung für Hochschulzulassung nur mit Abiturzeugnis
Die «Zwischenbilanz nach dem Ausbildungsabschnitt 13/1» reicht nicht für eine Bewerbung bei der Stiftung für Hochschulzulassung (im Folgenden: Stiftung), der früheren ZVS, um einen Studienplatz im Studiengang Medizin für das Sommersemester 2011. Vielmehr muss das Abiturzeugnis vorgelegt werden. Das hat der Verwaltungsgerichtshof München mit Beschluss vom 14.04.2011 in einem Verfahren des vorläufigen Rechtsschutzes festgestellt (Az.: 7 CE 11.807).
Unterhaltsansprüche können bald europaweit schneller durchgesetzt werden
Kinder und andere Unterhaltsberechtigte können künftig in Europa Unterhaltsansprüche besser durchsetzen. Der Bundesrat hat nach Mitteilung des Bundesjustizministeriums vom 15.04.2011 keine Einwände gegen den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Durchführung der EG-Unterhaltsverordnung erhoben. Dadurch ist gewährleistet, dass das Durchführungsgesetz zum 18.06.2011 in Kraft treten kann. Ab diesem Zeitpunkt wird die EG-Unterhaltsverordnung angewandt. Nach der Neuregelung kann in Zukunft beispielsweise eine deutsche Mutter direkt den französischen Gerichtsvollzieher beauftragen, um einen deutschen Unterhaltsbeschluss in Frankreich gegen den Schuldner zu vollstrecken. Dies gilt laut Bundesjustizministerium für fast alle EU-Staaten.
Weitere NachrichtenBundesrat billigt neues Ausländerrecht
Der Bundesrat hat eine Reihe ausländerrechtlicher Neuerungen gebilligt. Die Anstiftung zur Zwangsheirat soll ein eigener Straftatbestand werden, der mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden kann. Das Strafmaß wird damit zwar nicht erhöht, die Verfolgung aber klarer geregelt. Bislang können Zwangsehen nur als schwere Nötigung geahndet werden. Der Bundesrat verzichtete darauf, den Vermittlungsausschuss anzurufen. Die Länderkammer hätte das Gesetz damit nur verzögern, aber nicht verhindern können.
Bundesrat billigt Recht auf Kinderlärm
Klagen gegen den Lärm aus Kindergärten, Kitas oder von Spielplätzen werden erschwert. Der Bundesrat stimmte am 15.04.2011 einer entsprechenden Änderung des Immissionsschutzgesetzes zu. Kinderlärm, der aus diesen Einrichtungen dringt, gilt künftig nicht mehr als schädliche Umweltwirkung.
Bundesrat strebt Ausstieg aus europäischer Atomforschung an
Der Bundesrat hat in seiner Plenarsitzung am 15.04.2011 zu einem Vorschlag der Europäischen Kommission Stellung genommen, dessen Ziel es ist, die von der EU geförderten Forschungs- und Ausbildungstätigkeiten im Bereich der Nuklearwissenschaften und -technologien in den Jahren 2012/2013 fortführen zu können. Der Bundesrat vertritt die Ansicht, dass im Lichte der Erfahrungen aus der Katastrophe in Japan auf europäischer Ebene ein schneller Ausstieg aus der Kernspaltung als Energietechnologie anzustreben ist und fordert daher die Bundesregierung auf, sich auf europäischer Ebene für eine sofortige und grundlegende Überarbeitung des «Europäischen Strategieplans für Energietechnologie» einzusetzen.
Bundesrat verlangt Überarbeitung des Gesetzentwurfs zum Telekommunikationsrecht
Der Bundesrat hat den Entwurf eines Gesetzes zur Änderung telekommunikationsrechtlicher Regelungen (BR-Drs. 129/11) kritisiert. Die Bundesregierung will mit dem Gesetzentwurf in einer weitreichenden Novellierung des Telekommunikationsgesetzes Europäische Vorgaben umsetzen. Wie der Bundesrat am 15.04.2011 mitteilt würden dabei die rundfunkbezogenen Regelungen der verfassungsrechtlichen Stellung der Länder nicht gerecht. Insbesondere die vorgesehene Beschränkung der Mitwirkung des Bundesrates bei der Ausgestaltung der Frequenzordnung sei aus Ländersicht nicht hinnehmbar.
Bundesratsmehrheit für Beibehaltung der Zuständigkeitsregeln von Insolvenzgerichten
Der Bundesrat hat sich am 15.04.2011 mit einer breiten Mehrheit der Bundesländer für die Beibehaltung der bisherigen Zuständigkeitsregelungen im Bereich der Insolvenzgerichte ausgesprochen. Der Niedersächsische Justizminister Bernd Busemann (CDU) begrüßte das Abstimmungsergebnis, das auf einem niedersächsischen Änderungsantrag zum Gesetzentwurf der Bundesregierung zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen basiert. Der Regierungsentwurf habe in diesem Punkt eine angemessene Berücksichtigung der unterschiedlichen Rahmenbedingungen in den Ländern verhindert. Mit der vorgesehenen neuen Zuständigkeitsregelung hätten die Landesregierungen in den Flächenländern die Möglichkeit verloren, Bürgern eine ortsnahe Justiz zur Verfügung zu stellen, sagte Busemann.
Bundestag beschließt Ausweitung der Lkw-Maut auf vierspurige Fernstraßen
Der Bundestag hat am 15.04.2011 eine Ausweitung der Lkw-Maut auf vierspurige Fernstraßen beschlossen. Die Regierung erhofft sich durch die Ausweitung der Mautpflicht auf einer zusätzlichen Strecke von insgesamt rund 1000 Kilometern Mehreinnahmen von 100 Millionen Euro im Jahr.
Kroatien im Schock nach Verurteilung General Gotovinas
Am 15.04.2011 hat das UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag den ehemaligen kroatischen General Ante Gotovina wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 24 Jahren Haft verurteilt. Als auf dem Jelasic-Platz im Zentrum von Zagreb das Urteil über die Videowände flimmert, herrscht bei den mehreren tausend Demonstranten Fassungslosigkeit. «Schock, Aufschrei, Tränen», titelte die Zeitung «Danas». «Katastrophe, Trauer, Schande», wiederholen die Protestierenden immer wieder.
LG Bochum verurteilt Fußball-Wettbetrüger zu Gefängnisstrafen - «Fairplay mit Füßen getreten»
Verzockt und hart bestraft - am Ende eines langen Prozesses gab es bei den Fußball-Wettbetrügern betroffene Gesichter. Die ersten Urteile am Bochumer Landgericht am 14.04.2011 gegen die Zocker fielen drastisch aus. Die Strafen: bis zu drei Jahre und elf Monate Haft. Richter Carsten Schwadrat bezeichnete die drei Angeklagten als «Gefahr für den Fußball». Sie hätten es nicht verdient, sich mit dem Sport zu befassen. «Meine Herren, Sie haben nicht den Ball mit Füßen getreten, sondern den Gedanken an das Fairplay», sagte Schwadrat.
OVG Berlin-Brandenburg fragt EuGH: Visumsfreie Einreise türkischer Staatsangehöriger zu Besuchszwecken?
Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat am 13.04.2011 über die Berufung einer türkischen Staatsangehörigen verhandelt, die ohne Visum in das Bundesgebiet einreisen möchte, um Familienangehörige zu besuchen. Sie ist der Ansicht, dass die derzeit geltende Visumspflicht gegen die so genannte Stillhalteklausel im Zusatzprotokoll zum Abkommen vom 12.09.1963 verstößt, das die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die Türkei zur Gründung einer Assoziation geschlossen haben. Das Oberverwaltungsgericht hat das Verfahren mit Beschluss vom 13.04.2011 ausgesetzt und eine Vorabentscheidung des Gerichtshofs der Europäischen Union angefragt (Az.: 12 B 46.09).
LG Osnabrück: Fußballspieler erhält Schmerzensgeld wegen fehlerhafter Oberschenkeloperation
Das Landgericht Osnabrück hat einem angehenden Profifußballspieler wegen einer fehlerhaften Operation am Oberschenkel ein Schmerzensgeld von insgesamt 8.000 Euro zugesprochen. Im Krankenhaus waren die Diagnosen verwechselt und der Fußballer deshalb zunächst am falschen Muskel operiert worden. Das LG wertete dies in seinem Urteil vom 15.04.2011 als schweren Behandlungsfehler (Az.: 2 O 1265/10).
OVG Koblenz: Richter erhält nach Bedrohung kein erhöhtes Unfallruhegehalt
Ein Richter, der infolge von Drohungen und Beleidigungen eines Prozessbeteiligten dienstunfähig erkrankt, kann keine Erhöhung seines Unfallruhegehalts verlangen. Dies hat das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz in Koblenz mit Urteil vom 15.04.2011 entschieden. Das Land erkannte den Vorfall als Dienstunfall an und gewährte dem Richter Unfallausgleich und ein Unfallruhegehalt. Die Anerkennung als qualifizierten Dienstunfall und eine hieran anknüpfende Erhöhung seines Unfallruhegehalts wurden hingegen abgelehnt. Dies hat das OVG mit seiner Entscheidung bestätigt (Az.: 10 A 11091/10.OVG).
VGH München: Benutzungspflicht kann auch für zu schmalen Radweg bestehen
Die Radwegbenutzungspflicht darf unter engen Voraussetzungen sogar für nicht den Mindestanforderungen der Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung entsprechende Radwege angeordnet werden. Das hat der VGH München mit jetzt mitgeteiltem Urteil vom 06.04.2011 entschieden und die Berufung eines Radfahrers zurückgewiesen (Az.: 11 B 08.1892).
Ausgewählte UrteilsanalysenOLG Schleswig: Notarielles Nachlassverzeichnis trotz vorausgegangener eidesstattlicher Versicherung
BGB §§ 242, 260, 2314
1. Die bloße Beurkundung von Erklärungen des Auskunftspflichtigen ist etwas anderes als ein notarielles Nachlassverzeichnis. Ein notarielles Nachlassverzeichnis liegt gemessen an den Anforderungen des § 2314 I 3 BGB nur dann vor, wenn der Notar den Nachlassbestand selbst und eigenständig - wenn auch zunächst ausgehend von Angaben des Auskunftspflichtigen - ermittelt hat und durch Bestätigung des Bestandsverzeichnisses als von ihm aufgenommen zum Ausdruck bringt, für den Inhalt verantwortlich zu sein.
2. Das Verlangen des Klägers nach einem derartigen notariellen Nachlassverzeichnis ist auch dann nicht rechtsmissbräuchlich, wenn der Beklagte bereits ein notariell protokolliertes Nachlassverzeichnis vorgelegt und dessen Richtigkeit an Eides statt versichert hat. (Leitsätze des Gerichts)
OLG Schleswig, Urteil vom 25.01.2011 - 3 U 36/10,, BeckRS 2011, 06218
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