DIE LORENZIANER
Gemeinschaft in Christo Jesu
Zwischen den im 14. Jahrhundert angelegten bäuerlichen Bergsiedlungen
Pockau und Lengefeld, unweit der erzgebirgischen Bergstädte Olbernhau
und Marienberg, liegt der 1945 nach Pockau eingemeindete Ortsteil
Marterbüschel. Die meisten Anwesen im romantischen Flöhatal waren
damals der Herrschaft Niederlauterstein dienstverpflichtet und mußten
neben ihren Abgaben aus dem Holz- und Mühlengewerbe in den
fischreichen Gewässern Forellen für die Schloßherrschaft fangen.
Damals wie heute war das Holz aus den umliegenden Wäldern Rohstoff
genug für den Auf- und Ausbau des holzverarbeitenden Handwerks sowie
der späteren bescheidenen Manufaktur- und Fabrikverarbeitung. Waren es
in den vergangenen Jahrhunderten vor allem Gerätschaften, die der
Bergbauer bei der Bearbeitung des kargen Erzgebirgsbodens benötigte,
so stand im 19.Jahrhundert die Herstellung von Kisten, Furnieren und
Möbel im Mittelpunkt der Verarbeitung des Holzes. Durch die Anbindung
Pockaus an das Eisenbahnnetz im Jahre 1875 vollzog sich auch hier ein
gewisser Anschluß an die übrige Welt und der Austausch von
Erzeugnissen und Gedanken war nunmehr etwas weniger durch die Berge
behindert.
Die zunehmende Industriealisierung führte auch in dieser
Erzgebirgsregion nicht zu dem erhofften Wohlstand für viele oder gar
alle. Nur ganz wenige hielten der auswärtigen Konkurrenz stand, die
nicht nur über die Bahnlinie Einzug hielt. So wechselten Zeiten, wie
in den Jahrhunderten davor, zwischen bescheidenem Hochgefühl
einerseits und tiefen, manchmal tragischen Depressionsphasen
andererseits, einander ab. Die Betroffenen, und dies war in unserem
Falle die Mehrheit, suchten Trost in ferneren Welten. Dies sollte nicht
verwundern, denn in der gesamten Kulturgeschichte der Menschheit ist
nachzuweisen, daß immer dann, wenn die Entwicklung voran gebracht
wurde, gleichzeitig oder danach tiefe restriktive Phasen folgten, von
denen große Menschengruppen berührt waren und immer wieder neu
betroffen sind. Die Suche nach Halt, Gemeinschaft, egozentrischen
Werten, gepaart mit fremd bestimmter Hilfe -, kurz, das Hangeln nach
jenem hoffnungsvollen Strohhalm der diesseits oder wenigstens im
Jenseits ein wohlbefindliches Leben ermöglichen kann, war auch hier im
Erzgebirge beheimatet.
Die so benachteiligten Menschen schufen sich von jeher selbst ihre
Götter und deren Vermittler auf Erden gleich dazu, wie es die eine
Lesart meint. Während die andere davon ausgeht, daß die Götter die
Menschen in ihren geteilten Befindlichkeiten so geschaffen haben wie
sie sind und ihnen gottähnliche Vermittler an die Seite gaben, die sie
für ein besseres Leben, außerhalb dieser Welt, reifen lassen. In
diese beiden Auffassungen war und ist der große Erdkreis wesentlich
geteilt. Allerdings die kleine Welt von Marterbüschel kaum.
Trostreiche Propheten
Das Leben der Erzgebirger war fast zu allen Zeiten hart und die
Sehnsucht nach Linderung von Not und Elend zieht sich nahezu durch die
gesamte bisherige Geschichte unserer Heimat. In solche Zeiten hinein
sind Menschen geboren worden, die später die Geschicke eines nicht zu
vernachlässigenden Teils der Erzgebirger in spezifischer Weise in die
Hände nehmen sollten, auch weil sie fest daran glaubten, daß dies
gottgewollt und somit vorherbestimmt sei.
Einer von ihnen ist der am 9.9.1835 in Schlettau geborene Sohn eines
Schneidermeisters - Oswald Ferdinand Schneider. Eine Lehre als
Posamentierer hatte er erfolgreich abgeschlossen. Später heiratete er
dann am 16.1.1859 die aus Buchholz stammende Christiane Henriette
Hunger. Nach deren Tod nahm er sich die im Jahre 1868 geborene Auguste
Emma Bitterlich aus Crottendorf zur Frau und verehelichte sich
schließlich 1888 mit Johanna Christiane Wilhelmine Hohlfeld aus
Waltersdorf.
Schneider soll als Handelsmann verschiedene Familien in der Umgebung
von Kleinsermuth, Frankenberg und Hausdorf besucht sowie zu
Andachts-"Stunden" in sein Haus eingeladen haben. Nach
Augenzeugenberichten fanden derartige Versammlungen in einem
geräumigen Zimmer statt, "...wobei er sich durch Gesang und
Ziehharmonikaspiel einschläferte und dann, nach heftigen
konvulsivischen Zuckungen schlafend predigte". Sein Anwesen in
Kleinsermuth hieß fortan nur noch, wegen der eigenartigen Bewegungen
in seinem Inneren, - das "Strampelhaus". Daselbst starb Schneider
am 12.1.1908 .
Vermutlich hatte er den 1. Boten der Bewegung, den "Reichel-Lieb"
aus Oberseiffenbach, gekannt und dessen Verhaltens- und Ritualmuster
übernommen. Auch dieser, am 8.8.1832 geborene Sohn eines Drechslers,
Gottlieb Heinrich Reichelt, versammelte in seiner Werkstatt zu
bestimmten Zeiten zwischen 30 und 40 Personen und hielt gleichfalls
"Stunden" ab. Regelmäßig nahm daran auch eine Familie Lorenz
teil.
Bei einer solchen Zusammenkunft fand schließlich auch die Berufung des
3.Boten, die Bestimmung des Hermann Lorenz zum "auserwählten
Werkzeug Gottes" statt. Lorenz´ Mutter hatte bereits nach Schneiders
Tod dessen Werk in Dörnthal bis 1912 fortgefohrt. Sie soll eine Frau
gewesen sein, die über die gleichen Fähigkeiten verfügte, wie ihre
sehenden Vorgänger.
Die Metamorphose des Hermann Lorenz
Diese Begabung, die sicher auch einer späteren neuro-psychologischen
Bewertung bedarf, hat sich offenbar auf den am 11.6.1864 in
Oberlochmühle/b.Deutschneudorf, als Sohn eines Drechslers und
Spielwarenhändlers, geborenen Hermann Lorenz übertragen und vererbt.
Vater August Samiel, der im Volksmund "Salomon" genannt wurde und
einem guten Tropfen in recht regelmäßiger Weise nicht abhold gewesen
sein soll, wird viele Sorgen mit dem schwächlichen und nicht unbedingt
lernbegabten Knaben gehabt haben. Über seine Schulzeit sind lediglich
die andauernd verträumte Lernabwesenheit und seine verzögerte
Auffassungsgabe überliefert. Die normalen Kinderkrankheiten sollen
sich beim kleinen Hermann besonders heftig und langwierig ausgetobt
haben. Wohnungsumzüge führten den jungen Lorenz erst nach Hirschberg
bei Olbernhau und dann im Jahre 1886 nach Dörnthal. Schließlich
heiratete er am 7.10.1888 die Bertha Theresie Hörtwig aus Olbernhau
und lies sich mit ihr in Haselbach bei Forchheim nieder. Erst im Jahre
1908 taucht Hermann Lorenz an seinem eigentlichen Wirkungsort in
Marterbüschel auf. Dort kaufte er eine alte Ölmühle, die er zu einer
Tintenlöscher-Fabrik umbaute. Wegen der schlechten Wirtschaftslage
verkaufte er aber sein Unternehmen am 19.10.1911 an die Stadt Chemnitz,
um es im nächsten Atemzug von derselben zu pachten. Etwa 35 Arbeiter
beschäftigte er noch während des I. Weltkrieges, von denen nicht
bekannt ist, ob sie ausschließlich Tintenlöscher hergestellt haben.
Im Jahre 1912 starb Mutter Lorenz. Dies war ein großer Verlust für
den Sohn, aber auch für die aufkeimende Gemeinde.
Sowohl die individuelle Situation in der sich Lorenz, auch auf Grund
seiner schweren Krankheit befand (wahrscheinlich eine nie ganz
ausgeheilte komplizierte Hirnhautentzündung), als auch der Beginn des
von ihm vorausgesagten I. Weltkrieges werden es gewesen sein, die mit
zur eigentlichen Offenbarung beigetragen haben. Vermutlich am 2.8.1914
besuchten Freunde den Kranken mehr zufällig denn geplant, um sich bei
dieser Gelegenheit nach seinem Befinden zu erkundigen und
Genesungswünsche aus der Gemeinde zu überbringen. Nach kurzer Zeit
richtete er sich plötzlich im Bett auf, hielt eine etwa halbstündige,
predigtartige Rede an die Umstehenden über die Ausdehnung und die
Verderben des Krieges, und daß dieser Krieg das Ende allen
Weltgeschens mit sich brächte. Nach dieser emphatischen Ansprache soll
er noch im selben Augenblick völlig gesund vom Lager aufgestanden und
ins Freie gegangen sein. Von den Anwesenden ist dies als sicheres
Zeichen (s)einer Übermacht gewertet worden.
Die verschworene "Gemeinschaft in Christo Jesu"
Von nun an waren die Wunderseher eine verschworene Wissens- und
Glaubensgemeinschaft, der sich viele Anhänger aus dem Schneiderschen
Kreis hinzugesellten und in Lorenz den von Gott gesandten Nachfolger
Schneiders erblickten, - ihn als den neuen Propheten anerkannten.
Nunmehr nahm die Zahl der Mitglieder rasch zu. Im Jahre 1919 waren es
schon 1.800 und ein Jahr später ist die von Lorenz anvisierte Zahl von
5.000 Gemeindegliedern nahezu erreicht worden. Jetzt war auch eine
Werbung für die "Lorenzianer" - wie sie im Volksmund und nie
offiziell genannt werden - nicht mehr nötig. Die Rekrutierung der
Gemeinde ausschließlich aus den eigenen Reihen (von wenigen Ausnahmen
abgesehen) hatte hier ihren Ursprung.
Im Jahre 1922 wurde die Bezeichnung "Gemeinschaft in Christo Jesu"
angenommen und durch die Eintragung ins Vereinsregister beim
Amtsgericht Lengefeld am 13. Juni des selben Jahres staatlich
anerkannt. Unter den Mitgliedern ist Geld gesammelt worden, um aus
einem alten Fabrikgebäude (Grundstück war Eigentum von Lorenz) jenes
Zenralheiligtum der Gemeinschaft "mit heiligen Händen", in
aufopferungsvoller Tag- und Nachtarbeit im kleinen Waldstück von
Marterbüschel zu errichten. Nach zahlreichen Litaneien für den
"Tempel in jenem stillen Tal" konnte dieser dann am 30. September
1923 als "Elias-Burg" eingeweiht werden.
Jedes Gemeindemitglied hat noch heute den geweihten Raum, der ca.1.000
(nach anderen Hinweisen nur 600) Personen faßt, einmal wöchentlich zu
gottesdienstlichen Versammlungen aufzusuchen. Selbstverständlich kann
der Gläubige die Altarstufen nur dann betreten, wenn er vorher seine
Schuhe ausgezogen hat. Aber eben nur er, denn "Fremde" haben zum
"Tempel" - wie die mit Zinnen bewehrte und mit goldenen Lettern
versehene Kirchen-Fabrik von den Betroffenen selbst teilweise
bezeichnet wird - in keinem Falle Zutritt.
Die innere Architektur folgt den Vorbildern des isrealitischen
Tempelbaues, der von mehreren kleineren Kammern umgeben ist. Der
Hauptaltar zeigt das Bild des Auferstandenen sowie die Bildnisse von
Moses und dem Namenspropheten des Baues - Elias. Die isrealitische
Tempel-Idee der "kleinen Tempelkammern" wird in Marterbüschel auch
konsquent nach draußen verlegt. So sind im Umkreis des
Zentralheiligtums - der Elias-Burg - mehrere Lokalheiligtümer
angesiedelt, die sich z.T. in größeren Räumen, aber vorzüglich in
Wohnungen befinden. In den Zimmern der Gläubigen sind daher oftmals
auch Kopien vom Altar des Haupt-Tempels anzutreffen.
Diese Ortsheiligtümer werden auch im religiösen Selbstverständnis
der Anhänger der "Gemeinschaft in Christo Jesu" als deren
jeweiliges Bethanien, d.h.Zufluchtssttten, Bergungsorte oder
Zwischenaufenthalte für die bevorstehende "Entrückung" ins
apokalyptische "Harmagedon" (Offenb.16./16.) der wenigen
Auserkorenen angesehen und entsprechend behütet. Dort, irgendwo am
Nordpol, wo dieses Harmagedon liegen soll, warten schon die übrigen
Auserwählten auf jene aus dem sächsisch-erzgebirgischen Raum, deren
Werk als das höchste und darum auch als das letztlich zu vollendende
angesehen wird. Die theologischen Hintergründe dieses Erlösungswerkes
sowie die ihm nachfolgende Errichtung des "Friedensreiches" für
nur wenige Auserwählte, werden an anderer Stelle zu besprechen sein.
Die Erzgebirgs-Elite der 5.000
Was aber wirkte nun so magnethaft-faszinierend auf diesen Teil der
Bevölkerung in jenem relativ eng begrenzten erzgebirgs-sächsischen
Raum, und was ist es, das auch heute noch so starken Einfluß auf die
Verschworenen hat und das Gesamte von jeher als nebulös für die
Außenstehenden erscheinen läßt?
Am 3.2.1918 veröffentlichen mehrere sächsische Zeitungen Artikel mit
Balken-Überschriften wie "Weltuntergang im Februar - zwei
Prophezeiungen" oder "17. Februar - Jüngstes Gericht - beginnt mit
Sintflut!". In den Beiträgen wird darauf hingewiesen, daß auf den
Flußwiesen der Flöha bei Blumenau eine Arche gebaut werden soll, die
dann auf dem Hainberg bei Olbernhau von den Auserwählten zu besteigen
ist, um sie - wie einstmals Noah seine Lebewesen - vor den Fluten zu
erretten und nunmehr das Überleben des besten Teiles der Menschheit zu
sichern.
Dieses Auswahlprinzip wird es in erster Linie sein, welches die
Gemeinschaft so anziehend für den einen oder so abstoßend für den
anderen macht. Jene biblisch selbstverordnete Eingrenzung auf die
144.000 (Offenb.14) Auserwählten, von denen 5.000 (nach Lorenz) aus
dem sächsischen Raum um Marterbüschel stammen, und die nach dem
Weltuntergang die gottgewollte Art erhalten sollen, ist es, welche die
anderen ausgrenzt und letztlich damit zu Überlebensunwürdige
erklärt.
Wer also wollte damals die Chance vertun und nicht zu jener Elite
gehören, die durch Gotteseifer, Selbstdisziplin und unter Einhaltung
vorgeschriebener strenger Verhaltensrituale eine Überlebensgarantie in
der Lorenzschen "Brautgemeinde" erhalten ? Gott als Bräutigam in
einer bedrohten oder verunsicherten Zeit ist zumindest eine Garantie
auf Hoffnung. Das Versprechen, daß er es ist, der die Hungernden
ernähren wird und sie durch diese Speisung immer mehr Gottes Ebenbild
werden können, ist eine akzeptable Verheißung in unsicheren und
menschlich kalten Zeiten - damals wie heute.
Daß bis dahin ein asketisches Leben gefordert wird, ist unter eh schon
spartanischen Verhältnissen für den einzelnen durchaus annehmbar,
wenn nicht sogar wünschenswert, weil mühelos zu erfüllen. Damit sind
allerdings nicht die Bündel mit Nahrung und Kleidung gemeint, die von
den Gläubigen noch heute stets griffbereit für die "große Reise"
bereit liegen sollten. Vielmehr sind es die kommunikativen
Beschränkungen, die man zwanghaft gern befolgt. Nach Lorenz'
Anweisungen haben z.B. Kontakte mit den "Weltmenschen" auf das
absolut notwendige Maß reduziert zu werden. Dies bezieht sich sogar
auf dringend erforderliche Konsultationen beim weltlichen Arzt. Wenn
auch neuerdings Gläubige heimlich diese und andere
Verhaltensvorschriften durchbrechen, um bei schweren Krankheiten nicht
allein auf die Kräutermedizin herkömmlicher lorenzianischer Prägung
angewiesen zu sein, ist die Mehrzahl jedoch noch immer diesem
zweifelhaften Gehorsam verhaftet.
Stabiles Berichts- und Überwachungssystem
Waren bei Gründung und in den ersten Jahren der "Lorenzianer" der
Tanz oder andere Vergnügungen jeglicher Art absolute Tabu-Bereiche, so
sind es heute - wohlgemerkt zusätzlich - die modernen
Massenkommunikationsmittel wie Fernsehen, Kino, Rundfunk und Zeitungen,
deren Benutzung man sich zu enthalten hat. Bekannt ist allerdings auch
(aus eigenem Erleben des Autor), daß sich besonders einige jüngere
Gläubige nicht mehr in vollem Umfang an diese Verbote mit ihrem
Absolutheitsanspruch gebunden fühlen. Dabei sickern natürlicher weise
immer zuerst die Extreme in die Öffentlichkeit, die bei einzelnen
Gläubigen z.B. im Umgang mit Alkohol und Frauen überhaupt nicht im
Sinne der selbstverordneten Askese waren und sind. Besonders der
männliche Teil der Gemeinschafts-Mitglieder neigt stärker zum
Ausleben entsprechender "männlicher" Bedürfnisse, wenn auch eher
heimlich, denn offen. Diese natürlichen weltlichen Lustbefriedigungen
finden auch deshalb teilweise unter strengster Verschwiegenheit statt,
weil ein ausgesprochen stabiles Berichts- und Überwachungssystem
existiert. Der Begriff des "Wächters" für den nächsten
Vorgesetzten und unmittelbaren Vertrauten des Gläubigen deutet direkt
auf dessen inhaltliche Funktion in der Gemeindehirarchie hin. Die o. g.
lustvollen Annäherungen an die übrige Welt treffen daher immer nur
auf Einzelfälle zu.
Die Mehrheit der Gläubigen unterwirft "freiwillig" seine
Persönlichkeit diesem recht weltfernen Regelwerk mit teilweise
selbstverachtender Disziplin. Berichte, nach denen sich auch heute noch
Angehörige der "Gemeinschaft in Christo Jesu" der Behandlung eines
Arztes entziehen sollen, sind nur im Hinblick auf leichtere Krankheiten
bestätigt worden. Bekannt ist allerdings, daß Lorenz selbst in
medizinische Bereiche eingriffen hat. Wenn auch nur auf der Basis von
Naturheilverfahren unter Anwendung der heimischen Flora. Überliefert
ist, daß es "Heilungen" im Rahmen von Ferndiagnosen und- therapien
durch Hermann Lorenz gegeben haben soll, die aber einer
wissenschafts-medizinischen Bewertung bisher nicht unterzogen worden
sind. In diesem Zusammenhang richtet Lorenz auch heftige Angriffe gegen
seine mediale Konkurrenz . Jenen "falschen Christus" aus
Reitzenhain, den Spiritisten Eugen Georg Schuffenhauer (geb.28.6.1881)
- bekannt als "Reitzenhainer Mannl" (siehe dazu entspr. Text vom
selben Autor) - der ebenfalls vorgab, in Visionen von Christus den
Auftrag zur Krankenheilung erhalten zu haben.
Über Leiden zur Leidenschaft
Hermann Lorenz litt Zeit seines Lebens an somnambulismus artificalis,
bzw. somnabulitis catalepticus. Bei beiden medizinischen
Erscheinungsbildern handelt es sich um den sogenannten Krampfschlaf,
der oftmals einher gehen kann mit epileptischen Kontraktionen und nicht
selten mit starken Wahnvorstellungen bis hin zu vermuteten
hellseherischen Fähigkeiten auftritt. Eine der ersten in Deutschland
approbierten praktische Ärztin, Frau Dr. med. Jenny Springer, hat in
ihrer sächsischen Praxis offenbar Erfahrungen mit Somnambulen sammeln
können. Im Jahre 1910 schreibt sie davon, daß im Verlauf dieser
Krankheit beim Patienten "...gewissermaßen ein doppeltes Bewußtsein
vorhanden ist, wobei das eine nichts vom anderen weiß. In dieses
Gebiet gehören auch die Fälle von Hellsehen oder Somnambulismus,
ebenso die Entzückungen oder Visionen von göttlichen
Erscheinungen". (Die Aerztin im Hause, Dr.med.Jenny Springer, Dresden
1910).
Heute ist in der Medizin bekannt, daß sowohl nicht ausgeheilte
Gehirnhautentzündungen als auch Vererbungs-Faktoren beim Somnambulen
Ursache für dessen Krankheit sein können. Beides trifft auf Hermann
Lorenz bedauerlicherweise zu. Inwieweit die bei seinem Vater vermutete
und ab und an nachgesagte Alkohol-Abhängigkeit hierbei diagnostisch
verwertbar sein kann, ist über diesen Zeitraum kaum noch feststellbar.
Die neuro-psychische Verwertung seines Leidens durch ihn selbst, bzw.
die gruppen-psychologische und religiös-motivierte "Vermarktung"
auch durch ihn und seinen Kreis, sind Folgeerscheinungen und für die
damalige Zeit sowie für den besprochenen Raum durchaus nicht
unüblich, wie u.a. das Reitzenhainer-Mannl-Beispiel zeigt.
So sind aber auch Vergleiche mit dem von Max Döbritz (1874 - 1947)
gebildeten "Bund der Kämpfer für Glauben und Wahrheit", auch als
Horpeniten(1918) bekannt, oder mit dem vom Kaufmann Fedor Mühle 1922
ins Leben gerufenen "Gottesbund Tanatra" (auch Tanatra-Loge)
durchaus angebracht. Hierher gehören auch die teilweise unter
somnamulen Verhalten gemachten Offenbarungen des schweizerischen
Seidenwebers Johann Jakob Wirz (1778 - 1858), auf den die Gründung der
"Nazarener-Gemeinde" (1852) zurückgeht. Anleihen, besonderes beim
Letztgenannten, sind auch in der Gemeinde des Hermann Lorenz
nachzuweisen. Der Weg bis zur totalen Vermarktung von Gefühlen und
Leiden wie bei einer Erika Bertschinger - alias "Uriella von Fiat
Lux" aus dem schweizerischen Bergen um Strittmatt - in unseren Tagen,
war damals bereits konturenhaft vorgezeichnet, wenn auch noch weit
davon entfernt.
Der Kampf mit Satanas, dem zweiten "Schöpfer"
Hier wie dort basieren das theologische Gesamtgebäude sowie die
religiösen Hintergründe auf apokalyptischen Weltuntergangstheorien,
die ihre praktische Erfüllung z.B. bei Lorenz im Jahr 2000 haben
sollen. Die Urmächte und Gegenkräfte allen Lebens, sowohl diesseits
als auch im jenseitigen "Harmagedon", sind Gott und jener
selbstständige "Gegengott" - Satanas. Es handelt sich also beim
Teufel nicht nach dem herkömmlichen christlichen Verständnis um den
gefallenen Engel Luzifer, sondern um einen zweiten Schöpfer, der ein
Drittel der Gesamtschöpfung als sein Werk beansprucht. Menschen, Tiere
und Pflanzen sind von dieser "Vielmacht" gegen oder als Ergänzung
zur Allmacht Gottes geschaffen worden. Zum Sündenfall kam es demnach,
weil Adam und Eva zu Objekten des Kampfes der beiden Urmächte
instrumentiert worden sind. Die Menschen könnten durchaus heute noch
im Paradies leben, hätte Adam damals auch vom Baum des Lebens und
nicht nur vom Baum der Erkenntnis gegessen. Durch die Vertreibung der
ersten Menschen aus dem Paradies kamen dem Geiste nach zwar
gottgleiche, aber dem Leibe nach sündige Menschen in das
Herrschaftsgebiet Satans. Diese dualen Geschöpfe wußten nun um Gut u
n d Böse. Im Dunstkreis des Teufels mußten sie von nun an die profane
Ernährung auf irdische Weise bestreiten und die vom Herrscher dieses
Gebietes selbst geschaffenen Nahrungsmittel in sich aufnehmen. Unter
dieser Abhängigkeit bildete sich ein Organ im menschlichen Körper,
was fortan als das Zentrum alles Bösen und als Wohnung des Satanas
angesehen werden mußte - die Galle. Der Kampf des Hermann Lorenz mit
dem Satan zieht sich durch dessen gesamte Leidensgeschichte. In
völliger Selbstüberschätzung vergleicht er seinen Kampf gegen das
Böse u.a. mit der Passion des Jesus von Nazareth.
Das Schriftgut
In einem öffentlichen Gebet am 20.4.1924, das von einem Pfarrer aus
Ehrenfriedersdorf aufgezeichnet und dort am 24.6.1971 gefunden worden
ist, äußert sich Lorenz dann auch konsequenterweise wie folgt:
"Nicht umsonst hast du deine Kinder wissen lassen, daß auch jetzt
wieder das Leiden, was einst dein lieber Sohn hat auf sich nehmen
müssen einer deiner treuen Diener auf Erden auf sich nehmen muß, nach
dem sich die g a n z e Welt richten muß. Deine Kinder mögen
mitfühlen, was dein Diener geleistet hat, Übermenschliches hat er
schon bisher auf sich nehmen müssen, und wieviel satanische Angriffe
sind schon zerschellt worden durch die Treue, durch die Hingabe deines
Dieners auf Erden !" Setzt er sich hier mit IHM noch gleich, so
behauptet er an anderer Stelle in übergöttlichem Messianismus:
"...wenn i c h nicht will, kann der Herr auch nicht wollen!" Dies
geht weit über seine Überzeugung hinaus, daß Gott durch ihn rede.
Schon die Abfassung der sogenannten "Pergamente" (2.Tim,4,13) -
also die Aufzeichnungen seiner Offenbarungen - lassen an verschieden
Stellen eine beachtliche Selbstüberhöhung vermuten. Jene
"geheimen" Schriften, die der Bibel gleichberechtigt sind, dürfen
weder nachgedruckt noch abgeschrieben werden. Zusammen mit einigen
biblischen Texten werden nur Teile aus den Pergamenten den Gläubigen
durch die Wächter anvertraut.
In ihnen ist das arglos-komplizierte, dreistufige Erlösungswerk,
welches noch am Ende unseres Jahrtausends in Erfüllung gehen soll,
dubios konzipiert. Es handelt sich bei der hier vorliegenden Anwendung
der sogenannten Trias um eine gnostische, also um eine Erkenntnislehre,
die auf geheimen Offenbarungen von Gnostikern (Geheimwissern,
Gotteskundigen) beruht und in ihrer Dreiheit von der Existenz Gottes,
dessen Sohn und Luzifer ausgeht. Letzterer wurde wegen seiner
Anmaßungen und Überheblichkeiten aus dem triatischen Bund
ausgeschlossen. Seitdem herrscht der bereits angedeutete Kampf zwischen
Gott (einschließlich dessen Sohn Jesus) und dem Teufel, der in den aus
göttlichen und teuflischen Elementen gebildeten Menschen in einer
dreistufigen Erlösung zum Ende gebracht wird:
1. Die Erlösung durch Gottes Sohn Jesus Christus, wie sie in der
Heiligen Schrift überliefert steht.
2. Die Vollendung dieses unvollkommenen Werkes durch Hermann Lorenz,
dem "Propheten des Endes", und die Sammlung der letzten 5.000 aus
dem erzgebirgs-sächsischen Raum, jener insgesamt 144.000 Auserwählter
und deren Aufbruch in das tausendjährige Gottes-Reich (Millennium)
noch vor dem Jahr 2000.
3. Das Jüngste Gericht, die Auferstehung - und nach der entsprechenden
Läuterung - die (un)endliche Aufnahme in das Himmelreich.
Demnach bildet sich die göttliche Trias neben Gottvater, aus dem Sohn
und aus dem Heiligen Geist (anstelle Luzifer), der die Veredlung der
geretteten Menschheit im Jenseits fortsetzt. Die Berechnung des relativ
genauen Endes in der sogenannten zweiten Erlösungsstufe geht auf die
sechstägige Schöpfungsgeschichte zurück und deren Übertragung auf
die Dauer der Welt von 6000 Jahren. Dies bedeutet, daß 2000 Jahre vom
ersten Menschen bis zur Sintflut und von dieser bis zur Geburt des
Gottessohnes noch einmal 2000 Jahre zu berechnen wären. Die letzten
2000 Jahre vor dem endgültigen "tausendjährigen Friedensreich"
werden entsprechend verkürzt, da man sich auf Matthäi 24, 22. berufen
kann wo es heißt: "Und wo würden die Tage nicht verkürzet, so
würde kein Mensch selig; aber um der Auserwählten willen werden die
Tage verkürzet".
Diese letztendlich elitäre Auffassung vom göttlichen Erlösungswerk
und einem darauf abgestellten Leben nach dem "Nicht-Tod" eben jener
religiösen Elite, hat in der Religionskritik bisher kaum, und wenn,
dann in einer teilweisen unsachlichen, auch unwürdigen Form
stattgefunden. In der kaum vorhandenen Literatur über die
"Gemeinschaft in Christo Jesu" überwiegen pauschale
Verurteilungen, statt toleranter Einordnungen dieses religiösen
Phänomens in die Zeit und den Raum seiner Entstehung, Entwicklung und
in seine Grenzbereiche.
Daß es allerdings zu teilweise unseriösen Bewertungen in der
Vergangenheit über die "Lorenzianer" kam, liegt nicht zuletzt auch
an deren mangelnde Transparenz, an ihrer zwar begründbaren, aber zu
absolut organisierten Konspiration und ihrer damit einher gehenden
Entfernung von der hiesigen Welt, die eine offenbar gewollte Aura des
Mystischen schafft. Andererseits muß eingeräumt werden: Verhielten
sich die "Lorenzianer" nicht derart, wären es nicht mehr die
Gläubigen dieser verschworenen Gemeinschaft. Die (klein)geistige Nähe
zum Logen-Verhalten der Freimaurer ist in ihrem Schweigegebot
gegenüber Außenstehenden durchaus zu bemerken. "Niemand soll und
wird es schauen, was einander wir vertrauen,denn auf Schweigen und
Vertrauen ist der Tempel aufgebaut!" meint Johann Wolfgang .von
Goethe in seinem Logen-Gedicht "Verschwiegenheit".
Die kritischen Bemerkungen, die der Pfarrer Friedrich Wilhelm Haack im
Hinblick auf die übertriebene Konspiration geheimer Männerbünde
äußert, kann durchaus auch auf das Verhalten der "Lorenzianer"
Anwendung finden: "Was als vornehme Zurückhaltung gedacht ist, kann
leicht zur Quelle böser Folgen werden."
Die zwei Seiten der Toleranz
Die gesamte Kirchengeschichte - auch die der "Neben-Kirchen" - ist
gleichsam eine Geschichte von Evolutionen und Reformationen. Von daher
bestehen Hoffnungen auf mögliche Öffnungen auch dieser Gemeinschaft
gegenüber der übrigen Welt, von der sie ein Teil ist, ob dies nun so
von ihr gesehen wird oder nicht. Ist sie dazu nicht bereit, so wird man
ihr den Vorwurf des Sektierertums, der Bildung einer Sekte, nicht
allein innerhalb oder gegen die etablierten Amtskirchen, sondern
vielmehr gegen den von ihr ausgegrenzten Teil der Menschheit, nicht
ersparen können. Den Begriff der Sekte haben die Amtskirchen gegen den
sich ausbreitenden religiösen Pluralismus, in ihrer zentralistischen
Auslegung des Credo, eingeführt, nachdem es nur "...die eine,
heilige, christliche (apostolische) Kirche" gäbe. Mittlerweile gibt
es aber eine Vielzahl von Einzelkirchen in Deutschland, ganz abgesehen
von den Weltreligionen und deren jeweiligen administrativen Strukturen,
die in ihrem Glaubensbekenntnis letztendlich immer den einen
erlösenden Gott meinen, - auch dann ,wenn dieser andere Namen trägt.
Der Begriff der Sekte wird von der Amtskirche auch abwertend gegenüber
den Mitgliedern nicht nur dieser Gemeinde gebraucht. Alternative
religiöse Entwürfe, von denen Anregungen und Impulse für die
etablierten Kirchen ausgehen könnten, werden oftmals vorschnell von
diesen als Häresie, als falsche Lehre und unchristliches Verhalten
abgetan, indem man sich u.a. auf den 2. Brief Petrus2,1.ff. beruft, wo
es u.a. heißt: "...wie auch unter euch sein werden falsche Lehrer,
die nebeneinführen falsche Sekten, sie verheißen Freiheit, obwohl sie
selbst Knechte des Verderbens sind."
Die Auseinandersetzungen mit und über Pfarrer Eugen Drevermann und
dessen Kirchenkritik geschehen größtenteils auch auf diesem
Hintergrund. Sollte es sich bei den "Lorenzianern" also um eine
"Sekte" handeln, so wäre sie es also nur im Verhältnis zur
Kirche, - nie für sich allein oder aus sich heraus! Sekten werden
demnach von intoleranten Kirchen "produziert" bei jeglichem Verlust
für die Maßstäbe aller möglichen Formen c h r i s t l i c h e n
Glaubens: Die Umsetzung des Evangeliums in das tägliche Leben (unter
besonderer Berücksichtigung des Sakramentes der Taufe) und der
vorherigen Anerkennung der biblischen Wahrheiten. Deshalb ist die
Aufforderung zu mehr Toleranz gegenüber solch pluralen Einheiten
zuerst an die etablierten Kirchen zu richten, dann an autokrate Staaten
und zuletzt sind intolerante Eiferer als Mitschuldige auszumachen.
Wahrscheinlich ist das eine zu bekämpfende Tier, wie Hermann Lorenz es
bezeichnet - der Vatikan und der Katholizismus - auf mangelnde Toleranz
dieser nestorischen Kirche gegenüber den "Nebenkirchen"
zurückzuführen.
Das zweite Tier, dem Lorenz den Kampf angesagt hat - der Kommunismus -
bedarf sicher keines weiteren Kommentars; jedoch muß die Anfrage
erlaubt sein, wie die Gemeinschaft innerhalb der vorangegangenen
Diktaturen leben und überleben konnte, da sie aus ihrem
Antikommunismus nie einen Hehl gemacht hat, bzw. ihre Abkehr auch von
dieser - den einzelnen ebenso stark vereinnahmenden Ideologie - schon
aus ihrem religiösen Selbstverständnis heraus - offen vortrug.
Inwieweit die Gerüchte einen Kern von Wahrheit enthalten, nachdem sich
einige lorenzianische Glaubensbrüder und -schwestern mit dem
Ministerium für Staatssicherheit der DDR verbandelt hatten, um zu
überleben oder nur besser zu leben, wird die Zeit ans Licht bringen.
Soviel ist schon jetzt bekannt: zu DDR-Zeiten war die Gemeinschaft zu
keinem Zeitpunkt verboten. Sie unterlag zunächst den gleichen
Einschränkungen wie sie ihre Schwesterkirche, die
Sächsisch-lutherische Landeskirche, erfahren hat. Aufgrund ihrer
selbstverordneten Mitgliederbeschränkung auf maximal 5.000, gehört
sie mit zu den "überschaubarsten" religiösen Vereinigungen im
deutschsprachigen Raum und damit wahrscheinlich nur bedingt zu einem
der begehrlichen Objekte geheimer Dienste. Da die Gemeinschaft selbst
mit konspirativen Mitteln arbeitet, die jedoch wesentlich nach innen
und nur zur Abschirmung nach draußen gerichtet sind, wird ein
Eindringen nur sehr schwer möglich, jedoch nicht gänzlich
auszuschließen sein, wie dies aus anderen Kirchenkreisen hinlänglich
bekannt geworden ist. Welche Rolle die Gemeinschaft während der Zeit
des Nationalsozialismus spielte, bedarf noch einer ausführlichen
Untersuchung (die vorerst nur in Ansätzen geleistet werden konnte,
aber bruchstückhaft vorliegt). Von einem Verbot während dieser Zeit
oder besonderen Repressalien - wie sie etwa die Freimaurer erleiden
mußten - ist bisher nichts bekannt geworden.
Traditionen über Zeit und Raum gerettet
Heute ist die "Gemeinschaft in Christo Jesu" noch immer fast
ausschließlich im erzgebirgischen Raum um Marterbüschel ansässig.
Einige Gemeinschaftsmitglieder gibt es in Chemnitz, Leipzig, Dresden
und in mehreren kleinen Ortschaften Sachsens. Durch geringfügige
Wanderungsbewegungen im Laufe der Jahrzehnte sind nun auch Gläubige in
nördlicheren Gegenden, u.a. in Berlin und Hamburg, anzutreffen, die
dort ihr Bethanien geschaffen haben, aber auch häufig an den
religiösen Veranstaltungen im Zentralheiligtum in Marterbüschel
teilnehmen (dem Autor liegen zahlreiche Todesanzeigen von
"Lorenzianern" vor, die eine zahlenmäßig geringe sowie
unregelmäßige Streuung über das gesamte Bundesgebiet - mit
Konzentration im südlichen Raum - verdeutlichen).
Nach 1945 ist in den alten Bundesländern, in Hiddenhausen bei Herford,
ein eigenes westdeutsches Zentrum errichtet worden, in dem die wenigen
Anhänger der lorenzianischen Lehre, die die DDR verlassen haben, ihre
religiöse Heimat fanden. Noch 1985 leitete ein Sohn des Hermann Lorenz
gemeinsam mit Herrn Baunack aus Zöblitz die Gemeinschaft. Ihnen steht
ein sogenannter Bruderrat - auch Konferenz genannt - zur Seite, der aus
50 Männern besteht. Diese frauenfreie Männergruppe hat ihre
inhaltlichen Wurzeln im Alten Testament, 2. Buch der Könige, in dem
von Elias Wundereifer, Wundertaten und dessen Himmelfahrt zu lesen
steht (2. Könige,1.2.). Mehrfach ist dort von der Vernichtung der
Hauptleute samt ihren 50 Mannen die Rede, die im Feuer umkommen, das
Elias vom Himmel auf sie schickte, da diese ihn offenbar nicht als Mann
Gottes akzeptieren, wie er es von ihnen verlangt hatte. Erst als sich
der dritte Hauptmann auf die Knie vor Elias nieder ließ und ihn als
Gottesmann anerkannte, blieb die Vernichtung jener 50 Männer aus und
der Engel sprach zu Elias: "Gehe mit ihm hinab und fürchte dich
nicht vor ihm. Und er machte sich auf und ging mit ihm hinab zum
König... (1,15. siehe auch Sir.48,3.) ... aber funfzig Männer unter
der Propheten Kinder gingen hin..." (2,8. siehe auch 2.Mos.14,21.) .
Und weiter unten folgt dann eine etwaige Ortsbestimmung, wenn es
heißt: "Siehe, es sind unter deinen Knechten funfzig Männer, starke
Leute, die laß gehen und deinen Herrn suchen; vielleicht hat ihn der
Geist des Herrn genommen und irgend auf einen B e r g, oder irgend in
ein T h a l geworfen." (2.Kön. 2,16.)
Die ungewollte Nähe zum Katholizismus kommt nicht nur im fast totalen
Ausschluß von Frauen in der Administration und Hirarchie der
Gemeinschaft zum Ausdruck. Die "Erstkommunion", wie sie in der
römisch-katholischen Kirche zum tradierten Ritualbstand gehört, wird
hier als "Erstabendmahl" im Zusammenhang mit der Konfirmation
durchgeführt. Später wird auf das Abendmahl ganz verzichtet. Auch mit
der katholischen Beichte vergleichbare Formen werden praktiziert. So
ist z.B. jedes Gemeinschaftsmitglied verpflichtet, seinem zuständigen
Wächter sein Leben in regelmäßigen Abständen zu offenbaren. Es wird
davon berichtet, daß Absolution nur in Verbindung mit einer Reihe von
Auflagen zur Ausübung von guten Taten zu erlangen sei. Auch der
Zölibat, jene Ehelosigkeit der katholischen Priester, wird von Hermann
Lorenz - zumindest für die Funktionsträger - energisch empfohlen.
Neben den zahlreichen Wächtern gibt es eine Reihe Ortswächter, sechs
Bezirkswächter sowie zwei Oberwächter, die auf alle Fälle Mitglieder
des Bruderrates sind. Taufen führt übrigens die Evangelische
Landeskirche durch. Kinder bis sechs Jahre, die noch nicht
landeskirchlich getauft worden sind, erhalten von den Wächtern eine
trinitarische Taufe, eine Art geistige Weihe, von deren Praxis nichts
bekannt ist. Zu vermuten ist aber, daß eine Einsegnung auf die bereits
beschriebene heilige Trias stattfinden dürfte.
Die Mitglieder der Gemeinschaft in Christo Jesu tragen heute nicht
mehr, wie zu Beginn des Jahrhunderts und bis etwa 1935, ein
Vergißmeinnicht als Erkennungszeichen. Ein Symbol übrigens, welches
die Freimaurer nach der Auflösung der Großen Landesloge von Sachsen
am 10. August 1935 in Dresden noch eine geraume Zeit ebenfalls als
Attribut kleiner, verschworener, hoffnungsvoller und langlebiger
Gemeinschaften trugen. Seitdem legen beide Vereinigungen keinen
besonderen Wert auf Öffentlichkeit. Vielleicht tragen noch einige der
Christo Jesu Gemeindler ein Amulett auf der Brust mit den Worten des
91. Psalm; dort, wo dereinst die lorenzianischen Soldaten im I.
Weltkrieg einen Kugelsegen unter ihrem feldgrauen Rock trugen, - durch
den dennoch so manch tödliches Eisen traf.
Die "Lorenzianer" verfügen über ein stark ausgeprägtes
Traditionsbewußtsein, sowohl im Bezug auf die von der Gemeinschaft
selbst geschaffenen Bräuche und Rituale, als auch im Hinblick auf die
Gestaltung der Advents- und Weihnachtszeit oder dem Karfreitags- und
Osterwasserholen. Auch hier sind - wie in allen Religionen -
Mischformen zwischen heidnischen Gepflogenheiten, jüdisch-christlichen
Brauchtumsformen und abergläubigem Traditionsverhalten anzutreffen.
Erzgebirge - stilles Bethanien
Kommt der Wanderer zufällig oder der Neugierige gezielt heute nach
Marterbüschel, so umfängt ihn eine Art von Ruhe, die irgendwie
beunruhigend auf ihn wirkt. Man tritt in einen gewissermaßen magisch
wirkenden Dunstkreis ein, von dessen Bewohnern Mystisches berichtet
wird. Gleichsam einer mittelalterlichen Burgwehr mutet der schmale
Eingang hin zum Dorfkern an. Wer sich auf ihn zu bewegt, meint Augen
hinter den sauberen Gardinen an den blank geputzten Fensterscheiben zu
entdecken. Hier und da ist dann auch Bewegung aus jener Richtung
auszumachen. Ängstlich-fragende Gesichter verfolgen den Weg des
Eindringlings, dem freundlich-scheu die Richtung zum Tempel beschrieben
wird.
In der Nähe des heiligen Ortes scheint absolutes Informations-Verbot
zu herrschen. Keiner der Angesprochenen ist bereit, Näheres über die
Gemeinde zu offenbaren. Selbst auf die Frage, ob der überdimensionale
Parkplatz am Fuße des Tempelberges mit seinem Privat-Schild die
Gemeindemitglieder meint, wird die Auskunft verweigert. Halbwüchsige
stehen an der Bushaltestelle. Allesamt sauber aber etwas trist
gekleidet. Dunkle Strümpfe die Mädchen und die langen Haare zu einer
Nackenrolle sorgsam gelegt. Voreingenommenheiten?? Die aberwitzigen
Vermutungen und hartnäckigen Behauptungen von auch sexuellen
Komponenten in der praktische Religionsausübung - dem sogenannten
"Engelhaschen" - drängen sich zwar angesichts dessen auf, sind
aber in keinem Gespräch bisher bestätigt worden. Die Knaben allesamt
ordentlich wie von Muttis Händen persönlich gekämmt. Man unterhält
sich fast gesetzt, zurückhaltend, ist höflich zueinander und immer
sehr leise. Sind dies noch Kinder oder schon "Entrückte"? Wird
ihre Kindheit glücklich verlaufen sein, vergleichbar der anderer
Weltenmenschen, zu denen ihnen die Kontakte versagt bleiben sollen?
Welch anmaßendes Fragen, - vielleicht !?
Transparenz aus Verantwortung
"Licht ins Dunkel" - so ist der Titel jener Streitschri, die 1927
von der Gemeinschaft herausgegeben wurde. Welch aktueller Gedanke im
Hinblick auf mehr Transparenz auf der einen Seite, die zu mehr Toleranz
auf beiden führen könnte. Eine Toleranz, die für "alle Kinder
Gottes" plädiert. Denn wie soll es gehen, wenn es "Lorenzianer"
plötzlich in Asien, Afrika und anderwärts geben wird, die sich dann
ebenfalls als Auserwählte Gottes ihres jeweiligen Territoriums
wähnen? Welch Enge wird dann herrschen im eisigen Harmagedon und welch
Gedränge im Jenseits. Oder haben die unfreiwillig spartanisch lebenden
Völker der 2., 3. und 4. Welt nicht erst recht einen Anspruch auf
Mitnahme aus ihrem fegefeuerartigen Bethanien? Wieso nur die
selbsternannten religiösen Zivilisationsflüchtlinge aus der 1. Welt?
Wo ist diese "gottgewollte" These in den Testamenten so
nachzulesen? Transparenz hat auch etwas mit Wahrheit zu tun. Und nur
über jene wahrhaftige Transparenz ist wirkliche Toleranz möglich, die
dann schließlich zu einer dringend notwendigen Reformation im
geistigen und praktischen Bereich führen wird.
Es scheint an der Zeit, Europa und die Welt auch im kleinen
erzgebirgischen Marterbüschel lorenzianisch (vielleicht eher im Sinne
des Hl. Lorenz) mit zu denken. Toleranz aber auch von der Mehrheit
dann, wenn diese Bereitschaft dazu von der Gemeinschaft derzeit noch
nicht erbracht werden kann oder will. Vielleicht ist sie auch nicht zu
leisten, und unser Wünschen überfordert die Gläubigen, die längst
erkannt haben, daß dies sonst zu einer Selbstaufgabe im doppelten
Sinne führen würde. Tun wir aber alles dafür, daß die schreckliche
Vision des Hermann Lorenz vom Ende unserer Tage noch vor dem Jahr 2000
- durch uns selbst verschuldet - niemals Wahrheit werden möge!
Behandeln wir deshalb die von unseren Enkeln und Ur-Kindern
überantwortete Leihgabe Erde so, daß sie für die Ungläubigen wie
für die Zweifler, für die Gläubigen aller Richtungen und nicht
zuletzt auch für die "Lorenzianer" bewohnbar bleibt - bis in alle
E w i g k e i t !
Gotthard B. Schicker