Pornos im Uni-Computer abbestellt - Kontrolle nicht moeglich
(Stuttgarter Zeitung, 21.12.91), reprinted without permission
Sex und Sadismus im Wissenschaftsprogramm - Universitaet droht mit
dienstrechtlichen Konsequenzen - Studenten sprechen von Zensur
"Mit Steuergeldern macht der Professor sein Uni-Buero zur Peep-Show" -
diese Enthuellungsgeschichte der Frauenzeitschrift "Emma" ueber
"Pornos im Uni-Computer" hat auch die Universitaet Stuttgart augeschreckt.
Denn natuerlich ist die Uni Stuttgart Teilnehmerin am weltweiten
Wissenschaftsnetz "Usenet", und so kann an jedem Institutsrechner
die elektronische Informationsboerse "News" aufgerufen werden und mit
anderen Teilnehmern ueber die sogenannte "elektronische Mailbox" Kontakt
aufgenommen werden.
So wollte ein Professor laut "Emma" Informationen darueber, wie man
"eine Frau am effektivsten mit Stromstoeszen" traktieren koenne,
ohne Spuren zu hinterlassen. Die Antwort in der Sex-Gruppe
"alt.sex.bondage" (Sklaverei) kam prompt: "Pasz auf, dasz der Strom
von Herz und Zentralnervensystem wegbleibt - dann duerfte sie ueberleben...
Wenn Du ihren Kopf nach unten haengen laeszt, bleibt sie eher
bei Bewusztsein." Doch im Sexprogramm gibt's nicht nur verbale
Folterratschlaege, sondern auch pornographische Bilder,
statische und bewegte wie die Gruppenvergewaltigung einer
gefesselten Frau.
Die Informationsmanagerin im Rechenzentrum der Universitaet
Stuttgart, Barbara Burr, hat sich - alarmiert von diesem Bericht -
"kundig gemacht" und selbst elektronische Recherche durchgefuehrt.
"So etwas moechte ich nie wieder sehen", sagt sie angewidert.
Die Universitaet Stuttgart hat, wie die meisten deutschen
Universitaeten, prompt reagiert und inzwischen die bekannten
Sex-Gruppen "abbestellt". Auch deswegen, weil es den Landesrechnungshof
interessieren koennte, was Angestellte in ihrer Dienstzeit auf mit
oeffentlichen Geldern finanzierten Computern treiben. Ob damit jedoch
alle Porno-, Sex- und Sadismusgruppen erfaszt sind, bezweifelt
Barbara Burr. Denn die "News-Diskussionsgruppen" umfassen 600 Megabyte,
vergleichbar mit 200000 Seiten Papier - und diese Menge Daten
koennten unmoeglich durchgeforstet werden. Zumal die Sex-Gruppen
umbenannt werden koennen. "Eine dauerhafte Kontrolle ist nicht
moeglich", gibt sich die Informationsmanagerin keiner Illusion
hin.
Da baut sie lieber auf die Illusion, dasz das Thema "Pornos
im Uni-Computer" hierzulande fuer Professoren und Studenten uninteressant
sei aufgrund liberalerer Gesetze als in den prueden USA. Dort naemlich
sitzen (vorlaeufig noch) die Computerpornoproduzenten und der
Groszteil der Voyeure. Laut einer Statistik die die "Informatiker"
der Uni Stuttgart erstellt haetten, laege der Zugriff auf die
Pornoprogramme "unter einem Prozent", sagt Burr. Obwohl das Rechenzentrum
technisch in der Lage waere, jeden Rechner, also jeden Personal Computer
und jede Work-Station, zu orten, von dem aus diese Programme aufgerufen
werden, werde dies nicht geschehen, betont sie.
Sollte allerdings ein Angestellter oder Professor in flagranti
erwischt werden, werde dies "dienstrechtliche Konsequenzen" haben,
kuendigte die Pressesprecherin der Universitaet, Ursula Zitzler, an.
Ebenso strafrechtliche nach dem Paragraphen 184 ueber die Verbreitung
pornographischer Schriften. Wobei es natuerlich auch Konsequenzen
fuer ertappte Studenten geben kann.
Die Informatikstudenten jedenfalls, so berichtet Fachschaftsvertreter
Christof Ullwer, fuehlen sich verunglimpft durch den "Emma"-Artikel.
"Wir sind nicht pervers und ziehen uns keine sadistischen Pornos
am Computer rein", sagt Ullwer. Die meisten haetten gar nichts von
diesen Sex-Programmen gewuszt und seien jetzt neugierig geworden.
Und es haette einen "Aufschrei" gegeben ueber die "Zensur" des
Rechenzentrums - aus grundsaetzlichen Ueberlegungen, dasz "von oben
entschieden wird, was gelesen werden darf". Wer's darauf anlege,
koennte diese lokale Zensur voellig unterlaufen - im weltweiten
Netz auf andere Rechner in anderen Staedten oder eben auch in den
USA auf die Programme zugegriffen werden. (awk)
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