Im Osten
Über die DDR ist schon zu ihren Lebzeiten viel, seit ihrem Tode sogar noch
mehr geschrieben worden. Nach meiner ganz persönlichen Meinung und
Beobachtung ist das Verhältnis zwischen Zutreffendem und Unzutreffendem in
diesen Schilderungen ausgeglichen mit leichten Vorteilen für die unzufriedene
Hälfte. Aus diesem Grund sehe ich auch davon ab, mit meiner persönlichen
Bewertung der Gegebenheiten in diesem - ehemaligen - Lande den Leser zu
langweilen. Wie sollte auch ausgerechnet ich dazu befugt sein, der ich zwar
fünf Jahre in der DDR gelebt habe, aber von den Problemen des DDR-Bürgers,
seinen Hoffnungen und seinen Ängsten, nie etwas gespürt habe. Mir ist es in
der DDR, im Sozialismus, gut gegangen - nicht wegen des Sozialismus, sondern
trotz des Sozialismus.
Aber meine Gedanken an diesem späten Nachmittag im August drehten sich um
andere Dinge. Hinter mir lag ein großes, vermutlich das größte abgeschlossene
Kapitel meines Lebens. Ich hatte es durch meinen Übertritt der öffentlichen
Begutachtung anheimgegeben, und diese Begutachtung würde zu einer
vernichtenden Kritik und einer totalen, zum Glück ohnmächtigen Verurteilung
desjenigen führen, der es gelebt hat. An meine Kinder mußte ich denken, die
inzwischen wohl das Verschwinden ihres Vaters bemerkt hatten.
Schließlich war ich seit dreißig Stunden ohne Erklärung von zu hause fort,
für mich ein mehr als ungewöhnliches Verhalten.
Sieht man einmal von Martina ab, der jüngsten, hatten sie mir nicht allzu
viel Freude gemacht in den Jahren seit dem Tod meiner Frau. Sie waren jetzt
achtzehn, siebzehn und fünfzehn Jahre alt. Aber welche Töchter machen Vätern
in diesem Alter schon überwiegend Freude? Und welche Freude hatte ich ihnen
gemacht in den letzten Jahren? Selbstvorwürfe und die vermeintlich klare
Erkenntnis, was ich den Kindern gegenüber falsch gemacht hatte, vor allem,
was ich nicht gemacht, was ich verabsäumt hatte, das alles heizte meine
Erregung noch an. Aber die zentrale, für mich persönlich entscheidende Frage
blieb, was mich am Ende dieser abenteuerlichsten und folgenschwersten
Dienstreise meines Lebens erwartete. Denn es bestand kein Zweifel daran, daß
einzig und allein mein dienstliches Wissen mir die Tür in eine erträgliche
Zukunft öffnen konnte, daß dem Privatmann Hansjoachim Tiedge, dem versoffenen
Witwer mit drei Töchtern, nicht das geringste Interesse entgegengebracht
wurde. Damit würde ich leben können. Aber in dieser Betrachtung der Dinge
sollte ich angenehm überrascht werden.
Wie um mich abzulenken, begann der gut aussehende Offizier, der sich neben
den Fahrer gesetzt hatte, auf der Autobahn mit mir ein Gespräch über die
Präsidenten des BfV, freundlich und unverbindlich, ohne eine Tiefe im
Gespräch zu suchen. Er wollte nichts anderes als Konversation betreiben und
so unterbrach ich das Gespräch, als wir eine Brücke überquerten, und
erkundigte mich arglos nach dem Namen des Flusses, über den sie führte. Ich
schämte mich, als ich die Antwort hörte.
"Die Elbe", sagte mein Vordermann nicht ohne Erstaunen und fügte vorsorglich
gleich hinzu: "Und die Stadt dort rechts, das ist Magdeburg."
Nach einigen Kilometern begannen Fichtenwälder. Auffällig waren die etwa
dreißig Zentimeter hohen, schräg nach unten zusammenlaufenden Einkerbungen in
den Stämmen, wie breite, stilisierte Pfeile ohne Schaft. An den Spitzen der
Pfeile hingen Gläser, die aussahen wie kleine Einmachgläser.
"Die Bäume werden geharzt", erklärte meine Gesprächspartner, "man beginnt
damit etwa vier Jahre vor dem Fällen. Kennen Sie das denn nicht?" fügte er
überrascht hinzu.
"Nein", sagte ich und dachte nach, wie die Bundesrepublik ihren Harzbedarf
deckte.
Vielleicht, beantwortete ich mir die Frage selbst, importierte sie ihn aus
der DDR.
Die Zeit verflog. Plötzlich wurde es ruhiger auf der Autobahn. Soeben waren
wir an einem Schild vorbeigefahren, das den Transitverkehr nach Berlin (West)
nach rechts ableitete. Die Autos auf unserer Fahrbahn wurden kleiner, die
Straße holpriger, nur das friedliche Landschaftsbild blieb.
Wir überquerten das Schönefelder Kreuz mit dem für mich neuen Turm der
Polizei und bogen am Abzweig Frankfurt/Oder nach Norden ab. Zehn Kilometer
weiter hielten wir an der Ausfahrt Erkner im Osten Berlins, wo ein großer BMW
der 7er Baureihe und ein bescheideneres Auto, ein Lada 1600, wie ich später
erfuhr, auf uns wartete.
Neben den Wagen standen einige Männer. Zwei von ihnen, offensichtlich meine
Gesprächspartner, begrüßten mich während des fliegenden Wechsels von dem Lada
in den BMW mit Handschlag.
"Herzlich willkommen, Herr Tiedge", sagte der Ältere hastig, "kein Wort über
dienstliche Dinge während der Fahrt. Warten Sie bitte, bis wir da sind." Die
beiden anderen Kraftfahrer und Begleitpersonen, verteilten sich auf die
beiden Autos. Ich hätte mir auch einen Observationstrupp mitgenommen, schoß
mir durch den Kopf, wenn ich einen MfS-Offizier meiner Preisklasse auf
offener Strecke in der Bundesrepublik hätte übernehmen müssen. Der BMW fuhr
los und beschleunigte auf eine Geschwindigkeit, die erheblich über den in der
DDR erlaubten 100 Stundenkilometern lag. Auch das überraschte mich nicht,
darf doch sogar der Verfassungsschutz unter bestimmten Voraussetzungen
Straßenverkehrsvorschriften verletzen.
Erst als unser Wagen den Autobahnring um Berlin verließ und in Richtung
Prenzlau nach Nordosten abbog, fragte ich, mehr neugierig als beunruhigt: "Wo
werde ich eigentlich hingebracht? Bleiben wir denn nicht in Berlin?"
"Nein", lautete die Antwort, "wir fahren etwas nach außerhalb. Warten Sie ab,
es wird Ihnen gefallen." Meine Frage schien mir beantwortet, als ich an der
Ausfahrt Bernau lesen konnte, die nächste hieße Wandlitz. Hier wohnte nicht
nur die DDR-Prominenz, hier stand auch das "Objekt", das Haus, in dem CM
"Keil" bei seinen Treffs in der DDR seit einigen Jahren abgefertigt wurde. Er
hatte von dem Objekt geschwärmt, von der Lage am See und der eindrucksvollen
Lage des Grundstücks.
Ich wollte zeigen, daß ich einiges über das MfS wußte, und deutete daher
Vermutungen über das Fahrziel an. "Ach, das Haus in Wandlitz kennen Sie?"
fragte der ältere meiner Begleitung und zog die Augenbrauen hoch.
"Interessant, interessant. Aber dort fahren wir nicht hin. Das Haus, zu dem
wir fahren kennen Sie mit Sicherheit nicht."
Unsere Fahrt führte in der Tat an Wandlitz vorbei und erst an der nächsten
Ausfahrt verließen wir die Autobahn. Über eine schmale Landstraße fuhren wir
in der beginnenden Dunkelheit durch einen offensichtlich herrlichen Laubwald
bis zu einem Dorf, wo wir auch die Landstraße verließen und auf einer Art
asphaltiertem Weg in einen Nadelwald hineinfuhren. Nach etwa vierhundert
Metern bogen wir in ein Grundstück ein, an dessen Eingang ich Leute erkennen
konnte, die hastig das Tor wieder hinter uns schlossen, während der BMW über
das parkartige Grundstück auf ein freistehendes, spitzgiebeliges Haus zufuhr.
Als wir anhielten, forderten meine Begleiter auf, das Haus unverzüglich zu
betreten und Haus und Grundstück zu einem späteren Zeitpunkt in Augenschein
zu nehmen.
"So, Herr Tiedge, jetzt wollen wir Sie erst einmal begrüßen", sagte der
ältere meiner Begleiter, offensichtlich der Ranghöhere von beiden und ihr
Wortführer, als wir uns im Wohnzimmer versammelt hatten.
"Also herzlich willkommen in der DDR. Sie sind hier in Sicherheit und
brauchen sich keine Sorgen zu machen. Alles wird für Sie geregelt werden.
Aber zwei Fragen seien uns gleich am Anfang erlaubt, dafür müssen Sie
Verständnis haben. Zum einen, warum sind Sie gekommen, was waren Ihre Motive
und was muß aus Ihrer Sicht sofort geregelt werden, ich meine - er lächelte -
"müssen oder können irgendwelche Leute gerettet werden? Mehr wollen wir heute
gar nicht wissen."
Ich sah meine Gesprächspartner an. Der ältere von ihnen war etwa Mitte
fünfzig, klein, rundlich und mit einem dunkelblonden Haarkranz um den sonst
kahlen, sonnengebräunten Schädel, ein quirlig wirkender, Energie
ausstrahlender Mann. Seine Augen glänzten vor Freude und Vergnügen, aber der
Blick war hart, es war erkennbar, daß dieser Mann auch unangenehm werden
konnte. Aber im Moment strahlte er neben Energie nur Wohlwollen und
Zuversicht aus. Sein Begleiter war etwas jünger als ich, etwa einen Meter
achtzig groß und schlank. Er hielt sich etwas gebeugt und wirkte überraschend
ernst. Der Eindruck mag von seinem Gesicht ausgegangen sein, in das für einen
Mann von etwa Mitte vierzig erstaunlich scharfe Falten eingegraben waren.
"Ich bin", erklärte ich wahrheitsgemäß, "aus rein persönlichen Gründen
gekommen. Mich hat weder der Sozialismus als Idee noch die DDR als Staat
fasziniert, ich bin auch nicht vom sogenannten Kapitalismus enttäuscht. Ich
bin ganz einfach am Ende."
Ich schilderte meine ausweglose Situation, der ich in der Bundesrepublik
ausgesetzt war und wies auch auf den Selbstmord als einzige Alternative zu
meinem Übertritt hin.
"Na. gut," sagte wieder der ältere, "wir wissen Ihre Ehrlichkeit und
Offenheit zu schätzen. Ich hoffe, Sie werden sich trotzdem in dieses Land
eingewöhnen. Und nun zu den Fällen."
Ich berichtete vorbehaltlos über "Keil", "Martin" und "Fäller", über die
Eheleute Willner, Margarete Höke und einige andere Fälle, die sich in
aktueller Bearbeitung befanden und in denen ich Maßnahmen des MfS für möglich
hielt. Ich hatte mir von Anfang an, als mein Entschluß feststand, in die DDR
zu gehen, die Frage gestellt, ob ich mein Wissen dem bisherigen Gegner
uneingeschränkt zur Verfügung stellen oder gewisse Dinge für mich behalten
sollte. Ich dachte in erster Linie an "Schneider", der als einziger in der
DDR wohnte und daher dem Zugriff des MfS ausgesetzt war. Wenn ich ihn
verschwieg, könnte ich ihn vielleicht retten, hatte ich mir immer wieder
gesagt. All den anderen CM, die im Westen wohnten, verbaute ich Wege zu ihren
Freunden und Verwandten in der DDR, ihnen selbst drohte allerdings kein
nennenswertes Ungemach, allenfalls der Verlust einer lieb gewordenen
Nebeneinnahme. Aber "Schneider" war verloren, das wußte ich.
Mein Wunsch, ein neues Leben aufzubauen, war jedoch stärker als meine
Rücksichtnahme auf den mir persönlich sympathischen CM "Schneider".
Ich kannte aus meiner eigenen Dienstzeit die Vorbehalte, die man
unaufrichtigen Überläufern entgegenbringt. Sobald man vermutet, sie hielten
Teile ihres Wissens, aus welchen Gründen auch immer, zurück, beginnt man,
alle ihre Angaben skeptisch zu betrachten. Genau diesen Eindruck aber wollte
ich, aus ganz vordergründigen, persönlichen Motiven, in der DDR vermeiden.
Und daher erzählte ich auch, daß wir mit dem IM "Günter" des MfS, recte Horst
Garau aus Calau im Bezirk Cottbus, seit zehn Jahren eine G-Operation mit der
Deckbezeichnung "Schneiderwerkstatt" führten.
Ich bin überzeugt, mein ganzes Leben seit 1985 wäre anders verlaufen, hätte
ich damals geschwiegen. Denn das MfS kannte die Doppelrolle Garaus seit 1982,
seit sich Klaus Kuron den Kollegen aus der Normannenstraße offenbart hatte.
So konnten meine Gesprächspartner die Richtigkeit meiner Angaben am ersten
Tage erkennen, dank der Informationen, die ihnen Kuron hatte zukommen lassen
- aber auch umgekehrt konnte ich Kurons Angaben bestätigen. Von all dem wußte
ich natürlich nichts, aber von Anfang an konnten keine Zweifel daran
aufkommen, daß der dicke, übernächtigt wirkende Mann im schmutzigen Hemd und
zerknittertem Anzug, es ehrlich meinte, daß er bereit war, eine aufrichtige
Zäsur in seinem Leben zu ziehen.
Nach etwa einer halben Stunde erhob sich der ältere meiner Gesprächspartner.
"Herr Tiedge, wir danken Ihnen für Ihre Informationen. Das reicht für heute.
Jetzt wollen wir erst einmal gemeinsam anstoßen auf Ihre Gesundheit, um die
wir uns kümmern werden, und auf Ihre Zukunft in der Deutschen Demokratischen
Republik." Wir stießen mit Sekt an, meine beiden Gesprächspartner, ein
Ehepaar, etwa in meinem Alter, das plötzlich dazugekommen war, und ich. Der
Sekt war kalt und schmeckte vorzüglich.
"Wir müssen jetzt zur Frage der Anrede kommen", fuhr der ältere fort, "ich
heiße ..."
"Ich darf Sie unterbrechen", sagte ich, bemüht, mit meinem Wissen zu glänzen.
Ich glaubte, seit einiger Zeit zu wissen, wer meine Gesprächspartner waren.
Ich hatte sie zwar noch nie gesehen, aber CM "Keil" oft von ihnen erzählen
hören. "Ich vermute daß Sie die MfS-Offiziere Karl" - ich blickte den älteren
an - "und Bernd sind. Habe ich recht?"
"Stimmt", war die enttäuschend wenig überraschte Reaktion. "Von wem wissen
Sie das, von Wieland?" Wieland war bekanntlich der Deckname "Keils" in der
DDR. Ich bestätigte und wir stießen erneut an. Seither duzten wir uns und
seit diesem Augenblick hieß ich "Jochen". Erst später, aber noch lange vor
der Wende, erfuhr ich nach und nach, wer meine beiden Gesprächspartner waren.
Der ältere hieß tatsächlich Karl, Karl-Christoph Großmann, und war ein Vetter
des letzten HVA-Chefs Werner Großmann. Er hatte seine Karriere als Leiter der
Kreisdienststelle des MfS im sächsischen Hainichen begonnen, war später der
jüngste Oberst der DDR und seit Mitte der siebziger Jahre stellvertretender
Leiter der Abteilung IX der Hauptverwaltung Aufklärung.
Der jüngere war Bernd Trögel, im Range eines Oberstleutnants Referatsleiter
innerhalb der Abteilung I und zuständig für den Verfassungsschutz. Bernd war
zwei Jahre jünger als ich und ebenfalls in erster Ehe verwitwet. In zweiter
Ehe war er mit Tatjana Wolf verheiratet, der Tochter von Markus Wolf, dem
damaligen HVA-Chef und großen Mann der DDR-Spionage. Auch das Ehepaar wurde
mir vorgestellt. Sie hießen Dietrich und Renate, ihnen oblag die Verwaltung
des Objektes, in dem ich untergebracht war.
Als auch die zweite Flasche Sekt geleert war, verabschiedete sich Karl und
versprach, am nächsten Tage wiederzukommen. Auch das Ehepaar zog sich zurück
und Bernd zeigte mir das Gebäude, das bis auf weiteres mein Zuhause sein
sollte. Bereits das Wohnzimmer hatte mir hervorragend gefallen. Es war etwa
dreißig Quadratmeter groß und mit zwei voneinander getrennten Sitzgruppen
möbliert. Die Große, auf der wir saßen, bot etwa zehn bis zwölf Personen
Platz und war als Eckcouch gestaltet, die den großen, viereckigen, niedrigen
Tisch zu zwei Dritteln umschloß. Die andere Sitzgruppe bestand aus vier
schweren, hellblauen Sesseln und einem runden Tisch. Eingebaute Schränke und
Bücherwände, tischhohe raumteilende Schränke und die übliche
Unterhaltungselektronik, vom Fernseher über das Radio bis zu Plattenspieler
und Videorecorder, alles westlicher Provenienz, rundeten die Möblierung ab.
Der Raum war fast völlig mit Holz verkleidet, ebenso furniert wie die wenigen
Möbel, die außer den Sitzgruppen noch im Raum verteilt waren. Gardinen und
schwere Vorhänge schmückten die lange Fensterfront auf der Längsachse des
Zimmers.
Dem Wohnraum vorgelagert war ein Eßzimmer, zweckmäßig und gediegen
eingerichtet, mit einem ausziehbaren, sechseckigen Tisch. Aus diesem Eßzimmer
führten, neben dem Durchgang zum Wohnraum, zwei Türen in weitere
Räumlichkeiten des Hauses, eine in die Diele, über die wir hereingekommen
waren, und die andere in ein kleines Zimmer, das später als mein "Büro" am
intensivsten genutzt werden sollte. Ein Badezimmer und eine außerordentlich
große Küche rundeten das Erdgeschoß ab. Im Obergeschoß mit leicht schrägen
Wänden befand sich rechts vom schmalen Treppenaufgang ein geräumiges
Schlafzimmer mit Doppelbett und einer langen, eingebauten Schrankwand. Auf
der anderen Seite waren ein kleines Durchgangszimmer und ein weiteres
hübsches kleines Badezimmer mit Dusche, WC und Waschbecken untergebracht.
"Das ist Dein Reich für die nächste Zukunft", erläuterte mir Bernd lächelnd
und quittierte meine offen zur Schau getragene Überraschung mit einem
selbstgefälligen Grinsen.
"Wir sind gar nicht so schlecht, wie Ihr immer geglaubt habt, was?"
Dies also war, wie ich aber auch erst im Laufe der Zeit erfuhr, das
Leitungsobjekt der HVA in Prenden im Kreis Bernau. Es war der Abteilung IX
der HVA zur besonderen Nutzung zugewiesen und führte HVA-intern die
Deckbezeichnung "Waldhaus".
Ich habe es deswegen so ausführlich geschildert, weil diese ersten Eindrücke
auf dem Boden der DDR in so diametralem Gegensatz zu meinen Erwartungen, aber
auch zu meinen eigenen dienstlichen Erfahrungen in der Bundesrepublik
standen. Es war immer wieder ein Problem gewesen, für Überläufer, die es zu
betreuen galt, geeignete Unterkünfte für die erste Zeit zu finden. Sie mußten
zumutbar, sollten sogar gemütlich sein, andererseits aber auch den strengen
Augen der Rechnungsprüfer genügen, denn der Verfassungsschutz konnte nur auf
die gewerbliche Hotellerie zurückgreifen. Über Objekte und konspirative
Wohnungen verfügte er nicht. Auch dem BND ging es offensichtlich nicht
anders. Auch er brachte Überläufer in Pensionen und Hotels im Raum München
unter. Nur bei Werner Stiller machte er eine Ausnahme - er ließ ihn auf dem
BND-Gelände in Pullach wohnen. Vom Standpunkt der Sicherheit Stillers eine
vertretbare Lösung, vom Standpunkt der Sicherheit des
Bundesnachrichtendienstes ein trotz allem zweifelhaftes Risiko.
Trotz meiner Begeisterung für das Objekt hatte ich mir damals nie träumen
lassen, das die von Bernd als "nächste Zukunft" umrissene Zeit bis zum
Jahresende 1987 dauern sollte, also fast zweieinhalb Jahre. Doch an diesem
Abend ließen wir uns beide erst einmal das reichliche, ja üppige Abendbrot
schmecken, das Renate während unseres Rundganges im Haus aufgetragen hatte.
Schon zum Essen tranken wir Bier und als wir uns nach Tisch wieder in den
Wohnraum begeben, brachte Dietrich immer neue Flaschen und auch die
Schnapsflasche schien auf wundersame Weise wieder gefüllt. Mein Alkoholkonsum
an diesem Abend ist nahezu in die Annalen des MfS eingegangen - Sechzehn
Halbliterflaschen Bier und eineinhalb Flaschen Wodka, Halbliterflaschen
versteht sich.
Unsere nach und nach undeutlicher werdenden Gespräche drehten sich um das BfV
, um meine Arbeit dort, meine Kollegen, meine Erfolge und Mißerfolge. Wir
wollten und sollten uns kennenlernen, beriechen, Kontakt zu einander finden;
die eigentlichen Befragungen sollten später beginnen.
Als wir weit nach Mitternacht ins Bett schwankten, ich in mein neues
Schlafzimmer, Bernd ins "Büro", wußten wir vor allem eines von einander,
nämlich daß wir beide einen ganzen Stiefel vertrugen.
Als ich am nächsten Morgen geduscht und mangels anderer Möglichkeiten meine
alte Kleidung, von der Unterwäsche bis zur Krawatte, wieder angezogen hatte,
ging ich durch den Wohnraum auf die große Terrasse des Hauses und konnte erst
jetzt sehen, wie herrlich das Haus gelegen war. An einem kleinen Abhang,
oberhalb des Bauersees, in dem Fischzucht betrieben wurde, lag es mitten im
Wald. Der Blick ging über den See zu dem links gelegenen Dorf Prenden hin,
ansonsten sah man in der leicht welligen Landschaft des Barnim Bäume, Bäume
und nochmals Bäume. Ein tiefer Frieden umfing mich in der Vormittagssonne des
August, ein Maß an Zufriedenheit wie ich es seit Jahren nicht gekannt hatte.
Wie einen nassen Mantel hatte ich meine Sorgen abgestreift und fühlte mich
wie ein neugeborenes Kind in einer freundlichen Umwelt. Das Bewußtsein, mit
meinem Schritt, meinem Übertritt, alle Brücken hinter mir zwar nicht
abgerissen, aber unpassierbar gemacht zu haben, machte vorübergehend sogar
meine Gedanken an die Kinder problem-, ja bedeutungslos.
Gegen zehn Uhr erschien wie versprochen Karl. Er spielte eine Rolle, die ich
in der Folgezeit fast täglich an ihm beobachten konnte, die Rolle des
Weihnachtsmannes im Sommer. Er brachte eine Hose, die mir sogar paßte,
Oberhemden, Unterwäsche, Strümpfe Krawatten, Taschentücher, einen Schlafanzug
und ein Paar Hausschuhe. Ich weiß bis heute nicht, wo er das über Nacht
aufgetrieben hatte. Ich bedankte mich aufrichtig, ging nach oben, duschte
erneut und zog mich neu an. "Aus Dir mach ich noch einen richtigen
DDR-Bürger", bemerkte Karl, als ich die Treppe wieder herunter kam. Die
Sachen waren neu und paßten, daher fühlte ich mich nach über zwei Tagen in
den gleichen Sachen wie neu geboren.
Am Nachmittag wurde Bernd von Oberst Gunter Nehls abgelöst, zu dem ich auf
Anhieb eine besondere Beziehung fand. Gunter war so alt wie ich, ein ruhiger
Mecklenburger, der auf dem Darß großgeworden war. Was uns von Anfang an
verband, war eine Reihe von Fällen, an denen wir beide gearbeitet hatten.
Jeder auf seiner Seite und jeder mit großer Intensität. So hatte er vor
vielen Jahren im damaligen Bezirk Rostock eine Frau angeworben, die später
als "Sophia" lange Zeit Quelle des norwegischen Dienstes war.
Ich habe nie in Erfahrung gebracht, ob "Sophia" in erster Linie norwegische
Interessen oder die der DDR wahrnahm, oder ob sie nicht zu allererst eigene
Ziele verfolgte. Auch habe ich die Frau persönlich nie kennengelernt, aber
gemeinsam mit den Kollegen in Oslo eine Reihe von Fällen beobachtet und
bearbeitet, die auf ihre Informationen zurückgingen.
Mit Gunter begann ein eigenwilliger Rhythmus von Befragungen. Nachdem wir den
Tag über intensiv gearbeitet hatten, begannen wir, wie mit Bernd am Vorabend,
Bier und Wodka zu trinken und uns formlos über den Verfassungsschutz und die
westlichen Dienste zu unterhalten. Immer, wenn mir ein symptomatischer Fall
für das einfiel, was ich sagen wollte, bat ich Gunter, sich ein bestimmtes
Stichwort aufzuschreiben. Am nächsten Morgen standen auf dem Notizblatt etwa
zwanzig Stichworte, von denen die letzten beiden nicht mehr zu entziffern
waren und zwei weitere mir nichts mehr sagten - Folgen des intensiven
Trinkens am Vorabend. Die bleibenden sechzehn Stichworte aber "arbeiteten wir
ab", wie man im MfS formulierte. bis dann gegen siebzehn Uhr die Ablösung für
Gunter kam. Mit diesem Kollegen begann ich nach dem Abendbrot mit Bier und
Wodka, aber auch mit Erzählungen und Stichworten. Der Rhythmus erwies sich
als so günstig, daß wir ihn die ersten acht bis zehn Wochen beibehielten.
Tagsüber erschienen in loser Folge Beauftragte von Karl, die mich mit Anzügen
und Schuhen, Hemden und Krawatten, Strümpfen, Handschuhen, Schals und Wäsche
in überreicher Fülle ausstatteten, wie ich es bei einem Nachrichtendienst
niemals für möglich gehalten hätte.
Noch heute, sieben Jahre nach jener Zeit, liegt und hängt in meinen Schränken
Kleidung, die ich leicht ironisch als Grundausstattung bezeichne. Zehn
Anzüge, zwanzig Oberhemden, fünfundzwanzig Satz Unterwäsche nannte ich nach
wenigen Wochen mein eigen, mehr, als ich als Beamter des höheren Dienstes im
Verfassungsschutz je gleichzeitig besessen hatte.
Auch Karl selbst erschien häufig, in der ersten Zeit fast täglich, in meinem
Domizil. Er brachte mir die neuesten Informationen über die Reaktion der
Bundesregierung auf meinen Übertritt und aktuelle Tageszeitungen, kam aber
auch, um mich mit seinen Vorgesetzten bekannt zu machen. Ich lernte Harri
Schütt kennen, der, damals noch im Range eines Oberst, Leiter der Abteilung
IX der HVA war, und in der zweiten Woche besuchte mich Werner Großmann, der
stellvertretende Leiter der gesamten Hauptverwaltung. Er richtete mir
persönliche Grüße von Markus "Mischa" Wolf aus und erkundigte sich eingehend
nach eventuellen noch unerfüllten Wünschen meiner Seite. Ich war zunächst ein
wenig enttäuscht, Wolf nicht persönlich kennen zu lernen, aber später, vor
allem nach Wolfs Ausscheiden aus dem aktiven Dienst im Jahre 1987, habe ich
es als Glücksfall angesehen, von Anfang an einen persönlichen Kontakt zu
seinem Nachfolger gehabt zu haben.
Gelegentlich riß uns Karl regelrecht aus der konzentrierten Befragung. Das
war etwa der Fall, als der Staatssekretär im Innerdeutschen Ministerium in
Bonn, Ludwig A. Rehlinger, nach Berlin gekommen war und mit mir zu sprechen
begehrte. Ich habe für derartige, diplomatische Pflichtübungen nie
Verständnis gehabt, schon im Verfassungsschutz nicht, wenn die östlichen
Botschaften von der Bundesregierung verlangten, mit den Überläufern sprechen
und versuchen zu können, sie zur Rückkehr zu bewegen. Man kann doch nicht
erwarten, daß jemand, der sich nach langen, inneren Kämpfen durchgerungen
hat, aus welchen Gründen auch immer, sein Land zu verraten und ihm den Rücken
zu kehren, allein auf Grund eines Gespräches mit einem Abgesandten dieses
Landes, und sei es ein leibhaftiger Staatssekretär, freiwillig zurückkehrt.
Klaus-Dieter Rauschenbach, der Oberstleutnant der DDR-Grenztruppen, hat einen
solchen doppelten Übertritt hinter sich gebracht, aber er wurde in seiner
Heimat nicht mehr glücklich und ist einige Zeit später verstorben.
Also schrieb ich höflich, aber bestimmt, daß ich an einem solchen Gespräch
kein Interesse hätte, schließlich hätte ich durch meinen Schritt in die DDR
die weitere Richtung meiner Lebensplanung vorgezeichnet. Zugleich bat mich
Karl, nun auch an meine Kinder zu schreiben. Er wußte, daß mir dieser Wunsch
auf der Seele lag, hatte mich aber die ersten Tage vertröstet. Nun war der
Zeitpunkt gekommen, meine Töchter um Verständnis für mein Verhalten zu bitten.
Karl bat mich nur darum, keine Angaben auf meinen konkreten Aufenthaltsort zu
machen, überließ den Text des Briefes aber selbstverständlich mir. Ich wußte
seit Tagen, was ich schreiben würde, trotzdem wählte ich meine Worte mit
Bedacht:
"Berlin, den 5.9.1985 Liebe Andrea, liebe Claudia, liebe Martina, nicht ohne
innere Bewegung schreibe ich diese Zeilen an Euch. Ich habe einen
wohlüberlegten Schritt getan, der nicht nur mein Leben von Grund auf
verändern wird, sondern auch einen deutlichen Einschnitt in Euer junges Leben
darstellt. Hier und heute ist nicht der Ort, sich über das Warum und das Wie
auszulassen, aber seid gewiß, daß mir die Entscheidung, so zu handeln,
Euretwegen schwerfiel, daß ich aber sicher bin, diesen Schritt nicht bereuen
zu müssen.
Ich bitte Euch um Verständnis und darum, daß Ihr mich nicht vergeßt.
Ich kann Euch versichern, liebe Kinder, daß es mir hier gut geht. Vera und
frühere Kollegen von mir werden Euch erklären, warum ich Euch nicht meinen
gegenwärtigen Aufenthaltsort nennen kann. Geht aber bitte davon aus, daß kein
Anlaß besteht, sich um mich Sorgen zu machen. Für mich wird hier in jeder
Hinsicht, auch in medizinischer, gesorgt.
Ich habe Dich, liebe Andrea, im Fernsehen gesehen. Du hast mir gefallen, aber
warum warst Du so zappelig? Na, war wohl auch mächtig aufregend, nicht wahr?
Liebe Kinder, ich verspreche Euch, auch in Zukunft für Euch zu sorgen, und
zwar besser als bisher.
Ich habe für die Regelung dieser Probleme bewußt Vera Vest-Linke gewählt, die
Ihr kennt und der Ihr Vertrauen entgegen bringt, Es wird sich für Euch alles
zum Guten regeln.
... Und irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werden wir uns hier sehen.
Bitte drängt nicht - ich sehne mich auch danach.
Für heute soll das genügen.
Ich habe Euch lieb, drücke Euch in Gedanken an Euch und küsse Euch.
In Liebe Euer Vati" Eine Woche später war der Brief, zum Teil sogar als
Faksimile, in der bundesdeutschen Presse nachzulesen. Die in dem Brief
erwähnte Rechtsanwältin Vera Vest-Linke war eine alte Freundin meiner
Familie, die sich in rührender Weise und mit viel menschlichem und
juristischem Geschick um die Kinder und meine finanziellen Dinge gekümmert
hat. Sie nimmt noch heute meine Interessen wahr.
Etwa vierzehn Tage nach meinem Eintreffen in der DDR kam Karl in Begleitung
eines jungen Mannes, den er mir als den "Genossen Doktor" vorstellte. Dieser
war von meinem gesundheitlichen Zustand rechtschaffen entsetzt und schenkte
meiner Zusage wenig Glauben, vom kommenden Montag an auf jedweden
Alkoholgenuß zu verzichten. Erst als er merkte, daß es mir mit meinem
Versprechen ernst war, entwickelte sich zwischen uns eine enge und gute, auch
persönliche Beziehung. Er blieb, solange ich in der DDR lebte, mein Hausarzt.
Nach Auflösung des MfS im Frühjahr 1990 eröffnete er eine private Arztpraxis
und ich suchte ihn in Begleitung meiner Ehefrau als einer der ersten
Patienten auf.
Mit Spannung hatte ich von Anfang an im Fernsehen die Reaktionen auf mein
Verschwinden, das sich erst Tage später als Übertritt erwies, verfolgt. Nicht
ohne Belustigung beobachtete ich den ohnmächtigen Zorn, der in den Worten
hoher Sicherheitsbeamter zu hören war, und registrierte mit Neugier die
Versuche, je nach politischem Standort meinen Verrat als Gefahr für den Staat
Bundesrepublik zu dramatisieren oder als Fehlverhalten eines Alkoholikers zu
bagatellisieren. Dies alles berührte mich wenig. Aber die Haltung
Hellenbroichs, in der er, den Tränen nahe, am 29. August 1985 das Kanzleramt
verließ, ging mir unter die Haut. Ich hatte diese Reaktion der
Bundesregierung erwartet, dennoch bedrückte mich der rüde "Rausschmiß" eines
erfolgreichen und engagierten Beamten. Vor allem aber fragte ich mich, ob man
wirklich einen Schuldigen entlassen oder nur der Öffentlichkeit gegenüber ein
Opfer gebracht hatte. Hätte Hellenbroich denn anders entscheiden können,
hätte er etwas anderes tun können, als er getan hat?
Natürlich hätte er, als Kaspereit ihm gegenüber am 1. Juli 1983
Sicherheitsbedenken gegen mich geltend machte, anders entscheiden können, als
er entschieden hat. Er hätte meine sofortige Versetzung aus dem BfV in eine
andere Bundesbehörde veranlassen können und damit zumindest formell seine
Entschiedenheit bei der Behandlung von Sicherheitsrisiken unter Beweis
stellen können. Aber erreicht hätte er damit gar nichts. Hellenbroich wußte
ganz genau, wie ich unter meiner Umsetzung in die Abteilung V des BfV im
Jahre 1976 gelitten hatte, und konnte sich daher ausrechnen, daß eine solche
Maßnahme zwar vordergründig den Interessen des von ihm geleiteten Amtes
dient, die Katastrophe aber fördert, statt sie zu verhindern. Ich bin
überzeugt, daß ich bei einer Versetzung etwa zum Bundesverwaltungsamt eher
den Schritt in die DDR getan hätte, als ich ihn beim BfV getan habe. Denn
wäre zu allen Sorgen und Lasten, die auf mir lagen, noch eine totale
Frustration angesichts der Warenhauskompetenz dieser Behörde gekommen, hätte
ich sicherlich nicht bis zum absoluten Ende ausgeharrt und von einem
Strohhalm zum anderen gegriffen. Wäre ich bei meinem Übertritt schon ein Jahr
aus dem Amt ausgeschieden gewesen, wäre der Schaden für das BfV nur
geringfügig kleiner gewesen.
So hat Hellenbroich sicherlich nicht leichtfertig, schon gar nicht
verurteilungswürdig falsch gehandelt, als er versuchte, mich langsam aus
meiner Aufgabe zu lösen. Vielleicht glaubte er als amtierender Präsident
wirklich, das Sicherheitsreferat organisiere eine groß angelegte "Hilfsaktion
Tiedge" zur Rettung des gestrauchelten Mitarbeiter. Ich selbst habe aber
weder von Hellenbroichs Lösungsbemühungen noch von einer Hilfsaktion des
Sicherheitsreferates irgend etwas bemerkt. Hellenbroichs Neigung zum
operativen Handeln, zum Verfolgen anderer Ziele als sie das Handeln erkennen
läßt, macht die von ihm getroffene Entscheidung aus seinem Naturell heraus
verständlich, nachgerade zu zwingend.
Wenn man unbedingt einen Schuldigen suchen will, dann ist dieser an anderer
Stelle zu finden. Wäre zwischen meinem Eintritt ins BfV und der Einleitung
meiner ersten Wiederholungsüberprüfung nicht ein Zeitraum von siebzehn Jahren
verstrichen, sondern hätte diese, wie vorgeschrieben, alle fünf Jahre
stattgefunden, hätte das BfV eher von meinem Lebensstil erfahren und damit
rechtzeitig Konsequenzen, äußerstenfalls sogar die Notbremse ziehen können.
Wäre ich beispielsweise 1979 nicht wieder in die Abteilung IV, sondern zum
Bundesverwaltungsamt gekommen, wäre mein Leben mit Sicherheit anders
verlaufen. Meine Frau lebte damals noch, meine Tante hatte mich noch nicht
enterbt - vermutlich hätte ich wieder Boden unter die Füße bekommen. Gewiß.
ich hätte meinen Ärger, meinen Frust erst überwinden müssen, aber vermutlich
hätte eine solche Versetzung sogar geholfen wie vielleicht ein Ordnungsruf
Dr. Meiers einige Jahre zuvor mich zur Umkehr veranlaßt hätte: Aber derartige
Überlegungen in der grammatischen Form des Irrealis sind eigentlich das
Papier nicht wert, auf das sie geschrieben werden.
Eine regelmäßige Wiederholungsüberprüfung hätte jedoch vorausgesetzt, daß das
Sicherheitsreferat spürbar verstärkt worden wäre. Denn dieses war, ich hatte
es schon erwähnt, mit der Überprüfung der Neubewerber für das ständig
wachsende Amt mehr als ausgefüllt. Daß eine Verstärkung nicht erfolgte, ist
nicht Hellenbroich anzulasten. Wenn neue Planstellen nicht bewilligt wurden,
mag das am Haushaltsausschuß des Deutschen Bundestages, der nicht wollte,
oder am Innenministerium, das nicht konnte oder vielleicht auch nicht wollte,
jedenfalls nicht an Hellenbroich gelegen haben. Denn eine Personalverstärkung
im Sicherheitsreferat, die Wiederholungsüberprüfungen im Fünfjahres-Rhythmus
gewährleistet hätte, hätte zu einem Zeitpunkt beantragt werden müssen, zu der
Hellenbroichs Präsidentenwürde noch in ferner Zukunft lag.
Aber auch die Unterlassung von Umschichtungen im BfV zugunsten des
Sicherheitsreferates kann ihm niemand vorwerfen, denn als Kaspereit ihm
gegenüber die Sicherheitsbedenken geltend machte, am 1. Juli 1983, war
Hellenbroich noch nicht einmal zum Präsidenten des BfV ernannt worden,
sondern amtierte lediglich seit der Versetzung seines Vorgängers Dr. Meier in
den einstweiligen Ruhestand am 26. April des gleichen Jahres. Selbst wenn er
am nächsten Tag den Personalbestand des Referates "S" verdreifacht hätte, auf
meinen Fall wäre eine Einflußnahme nicht mehr möglich gewesen. Wenn also
jemanden eine Schuld an meinem Verrat trifft, dann sind es namentlich nicht
eingrenzbare politische und administrative Kreise, die später über
Hellenbroich den Stab brachen und ihn eine Suppe auslöffeln ließen, die er
sich nicht selbst eingebrockt hatte.
Aber über Hellenbroichs Schicksal dachte ich allenfalls in ruhigen Stunden
nach, von denen es in den ersten Monaten in der DDR wenige gab. Allmählich
änderte sich der Stil der Befragungen. An die Stelle spontan vorgetragener
Fälle und Methoden trat eine systematische Erarbeitung der
verfassungsschutztypischen Verhaltensweisen. Es war für mich ein gehöriges
Stück Arbeit, meinen Gesprächspartnern die wesentlich andere Rolle
näherzubringen, die ein Sicherheitsdienst in einer westlichen, freiheitlich
organisierten Demokratie gegenüber vergleichbaren Einrichtungen in einem der
kommunistischen Ideologie verpflichteten Gemeinwesen spielt.
Anfangs erntete ich nur Unverständnis und Kopfschütteln, wenn ich auf die
Frage nach Quellennetzen in Bundesministerien, in Verbänden und
Organisationen erklärte, derartiges gäbe es nicht, ja sie seien nicht einmal
vorstellbar. Aber meine Gesprächspartner konnten sich erfreulich schnell in
die Gegebenheiten einer real existierenden bürgerlichen Demokratie
hineindenken. Sie mußten, obwohl sie sich Jahre, zum Teil Jahrzehnte
beruflich mit der Bundesrepublik befaßt hatten, erst lieb gewordene
Vorurteile abbauen, aber genau so erging es mir, angesichts der Gegebenheiten
in der DDR.
Ich glaube, alles in allem hat das MfS für die letzten drei, vier Jahre
seines Bestehens mehr Honig aus meinen Informationen gesaugt, was der
Verfassungsschutz alles nicht macht und nicht machen kann, als aus meinen
Schilderungen seiner Aktivitäten.
Neben diesen rein dienstlichen, tage-, wochen- und monatelangen Befragungen
begann auch ein touristisches Reiseprogramm durch die DDR, das mich in den
fünf Jahren dort mehr von dem Land sehen ließ, als mancher gestandene
DDR-Bürger in Jahrzehnten zu sehen bekam. Einer unvergeßlichen Fahrt in einer
MfS-eigenen Jacht über die Gewässer in Berlin folgte im Herbst 1985 eine
Reise über Rheinsberg nach Neubrandenburg und im November eine nach Magdeburg
und in den Harz.
Zuvor erteilte mir Karl Verhaltensmaßregeln über das, was ich zu meiner
Stellung dem MfS gegenüber zu sagen hätte:
"Du mußt allen Mitarbeitern des Ministeriums, gleichgültig, ob sie aus der
Zentrale kommen oder aus den Bezirksverwaltungen, erklären, daß du jahrelang
als Kundschafter für uns tätig warst!
Einzelheiten brauchst du nicht anzugeben, danach wird dich niemand fragen.
Der Minister hat in diesem Sinne auch den Generalsekretär unterrichtet." Als
ich Karl etwas zweifelnd ansah, warum der Minister Erich Mielke den
Generalsekretär Erich Honecker über den Fall Tiedge unzutreffend unterrichtet
haben soll, gab er mir eine entwaffnende Erklärung:
"Wenn man so will, hast du selbst daran schuld. Du hast in Marienborn, als du
ankamst, unsere Namen genannt. Eigentlich wäre für Dich die Abwehr zuständig,
aber wir haben uns mit Dir befaßt, weil du zu uns wolltest. Und Dir gefällt
es doch ganz gut bei uns", fügte er augenzwinkernd hinzu, "oder nicht?"
Meiner Ansicht nach war es für Honecker völlig gleichgültig, ob sich die HVA
oder die Hauptabteilung II des MfS, die Abwehr, mit mir befaßte, aber mir
sollte es egal sein. War ich halt Agent gewesen oder Kundschafter, meinem
Ansehen konnte das nicht schaden. Und entsprechend habe ich mich auch im
ersten Entwurf dieser Erinnerungen eingelassen, der ja nicht in der DDR
entstand. Ich habe Karl zwar in dieser Hinsicht nie geglaubt, aber die
Wahrheit erkannte ich erst 1990 nach der Enttarnung Kurons. Vermutlich hatte,
die HVA durch ihn über BfV-Interna verfügt, deren Herkunft in den
Bezirksverwaltungen Rätsel ausgelöst hatten. Durch mich konnte das Geheimnis
der Kenntnis "gelüftet" und der Agent Kuron gleichwohl weiter geführt werden.
Weihnachten 1985 kam es dann zu einem ersten Besuch meiner Tochter in der
DDR. Das Treffen, das fast eine Woche dauerte, fand in dem schon erwähnten
Objekt in Wandlitz statt und für mich in gewisser Hinsicht eine Erlösung.
Meine Kinder konnten meinen Schritt zwar nicht nachvollziehen, aber sie
nahmen ihn mir auch nicht wirklich übel. Die Tage, die wir verbrachten, waren
zwar von einer teilweise lächerlichen Vorsicht meiner Betreuer geprägt,
verliefen alles in allem aber in angenehmer, familiärer Harmonie.
Das Jahr 1986 war geprägt von größer werdenden Freiräumen. Zwar durfte ich
das Gelände des Prendener Objektes bis zu meinem Auszug Weihnachten 1987
nicht allein verlassen, aber das MfS stellte einen Offizier zu meiner
Betreuung ab, der sich nicht um mein fachliches Wissen, sondern um meine
Zerstreuung und Unterhaltung zu kümmern hatte.
Die täglichen Befragungen klangen langsam aus und ich erhielt vorgegebene
Fragespiegel zur schriftlichen Ausarbeitung. Daneben war ich in meiner Zeit
völlig ungebunden und konnte mit meinem Spezialbetreuer Berlin und Umgebung
so erobern, wie ich schon immer gern Städte kennengelernt habe -
Kartenstudium, Fahren, laufen, Kartenstudium. Zum Schluß kannte ich Berlin so
gut, daß sogar hier geborene MfS-Offiziere nach dem besten Weg von unserem
Haus in Karolinenhof nach Schwanebeck im Norden der Stadt fragten.
Anfang 1986 hatte ich im MfS-Krankenhaus in Berlin-Buch mein Gewicht auf die
Rekordmarke von 99,5 kg gedrückt. Entsprechend wohl fühlte ich mich bei den
Unternehmungen des Jahres, unter denen Reisen zu verschiedenen
Bezirksverwaltungen die ausgesprochenen Highlights waren. Meine Betreuer
fuhren mit mir nach Dresden, Halle, Rostock, Schwerin, auf die Leipziger
Messe und noch einmal nach Neubrandenburg. Ich besichtigte Gedenkstätten und
Museen, war in Konzerten und im Theater, stattete Industriebetrieben und
Neubauvierteln Besuche ab, kurz, ich wurde herumgeführt wie ein Staatsgast.
Dabei übernachtete ich jeweils in den Perlen unter den Objekten, die dem
ausschließlichen Belegungsrecht des regionalen BV-Chefs unterlagen.
So wohnte ich in Dresden in dem Objekt oberhalb des Blauen Wunders, das nach
der Wende der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf als Residenz
erkor. Es lag zu meiner Freude in der Nähe der Tiedgestraße, die seit den
zwanziger Jahren ihren Namen nach Christoph August Tiedge führt, dem Bruder
eines entfernten Vorfahren. Tiedge, ein Epigone Gleims und Zeitgenosse
Goethes, verfaßte neben seinem Hauptwerk, der heute zu Recht vergessenen
"Urania", in erster Linie Gedichte, von denen zwei immerhin von Ludwig van
Beethoven vertont wurden. Er stammte aus Gardelegen in der Altmark und hat in
späteren Jahren in Dresden verarmte Poeten unterstützt.
In Rostock war ich in einem alten, aber gepflegten und gediegenen
Backsteinbau in der Warnemünder Parkstraße untergebracht. Nach der Wende
erwarb Alexander Prechtel, der neu ernannte Generalstaatsanwalt in Schwerin,
dieses ehemalige Abteilungsobjekt der MfS-Bezirksverwaltung Rostock. Als sich
die Presse mit dem Fall beschäftigte, wiegelte Prechtel, den ich noch aus
Karlsruhe als Staatsanwalt beim Generalbundesanwalt kenne, ab und hob Mängel
und Nachteile des Hauses hervor.
Prechtel wird seine Gründe haben, ich jedenfalls konnte an der großzügig
geschnittenen Villa, auch bei meinem zweiten Besuch zusammen mit meiner Frau
im Sommer 1988, nichts Nachteiliges finden.
In Halle wohnte ich in der Suite, in der einst Cubas Diktator Fidel Castro zu
nächtigen geruhte. In der Stadt an der Saale unterhielten die Bezirksleitung
der SED und die Bezirksverwaltung des MfS ein gemeinsames, teilweise
luxuriöses Gästehaus. Im Bezirk Neubrandenburg wiederum war ich von der
gesamten Architektur und der Ausstattung des Leitungsobjektes an einem See in
der Nähe von Lychen fasziniert.
Wenn ich mir diese Objekte ansah und daran dachte, mit welchen kargen KWs,
konspirativen Wohnungen, wir in unseren G-Operationen vorlieb genommen und
dabei geglaubt hatten, den Gegner an der Gurgel gepackt zu haben, mußte ich
fast wehmütig ob dieses Irrtums lächeln. Selbst der herausragende Fall
"Keilkissen" hatte uns "nur" die Objekte in Wandlitz und am Mooskopfring in
Rauchfangswerder beschert, die trotz aller Gemütlichkeit und trotz ihrer
idyllischen Lage doch deutlich gegen diese Objekte abfielen.
Aber Karl, mein Oberbetreuer und vorübergehend fast ein persönlicher Freund,
sorgte auch für anderes. So stellte er einen Kontakt her zwischen einer
inoffiziellen Mitarbeiterin und mir, wobei er an dem amourösen Zweck des
Kontaktes keinen Zweifel ließ. Aber er war auch bemüht, für mich eine
ernsthaftere Partnerin zu finden, mit der ich meine Zukunft in der DDR auf
eigene, gemeinsame Beine stellen konnte. Mehrere Versuche, in die zum Teil
auch Gunter eingeschaltet war, schlugen fehl; die Damen waren entweder
gebunden oder hatten gerade eine schmerzhafte Trennung hinter sich gebracht,
zum Teil fehlte es einfach auch an der gleichen Wellenlänge.
Am 26. Februar 1987 war es dann soweit. Ich war mit Karl und einem
inoffiziellen Mitarbeiter im Restaurant "Moskau" auf der Berliner
Karl-Marx-Allee zum Abendessen verabredet. Plötzlich sprang Karl auf,
begrüßte eine Dame. die gerade das Restaurant betreten hatte und brachte sie
nach einiger Diskussion an unseren Tisch. Ich war über den Zuwachs nicht
sonderlich erbaut, hielt ich Karls Bekannte doch für die Ehefrau eines seiner
Kollegen, die ihr Strohwitwendasein in der Geselligkeit des "Moskau"
überbrücken wollte.
Sie wirkte gepflegt, machte einen ausgesprochen attraktiven Eindruck und
erwies sich als charmante Plauderin. Im Laufe des Gesprächs stellte sich
heraus, daß sie geschieden war und im Kulturbund in Potsdam die Position
eines Bezirkssekretärs für bestimmte Bereiche kultureller Aktivität
bekleidete. Sie und Karl kannten sich von der Parteihochschule her, wo beide
in den siebziger Jahren studiert hatten. Mein Interesse war geweckt, zumal
unser Gast, der sich als Brigitta vorstellte, nicht nur außerordentlich nett
war, sondern auch nur geringfügig jünger zu sein schien als ich.
Die lernte mich unter meiner neuen Identität kennen, unter der ich in der DDR
lebte. Karl hatte mir einige Monate zuvor einen Satz Personaldokumente -
Personalausweis, Führerschein, Versicherungsausweis pp. - auf den Namen
"Prof. Dr. Helmut Jochen Fischer" beschafft, über dessen akademische
Verzierungen die bundesdeutschen Medien nach unserer Enttarnung hämische
Bemerkungen machten. Dabei ist der Grund hierfür eher trivial und konnte
vermutlich nur im Kopf eines Geheimdienstoberst in der DDR entstehen. Karl
hatte für mich in Stolzenhagen, Triftstr. 3, ein Grundstück besorgt, dessen
bisherige, jahrzehntelangen Eigentümer sich aus Altersgründen von ihrem
Besitz trennen wollten. Nun ist Stolzenhagen, vom eigentlichen Ortskern
abgesehen, eine reine Datschen-, also Wochenendsiedlung, zugänglich fast
ausschließlich der gehobenen Funktionärsklasse in Berlin, die sich aus
vielerlei Gremien und Zirkeln kennt und jeden Neuling zunächst mißtrauisch
begutachtet. Karl suchte nach einem Grund, den ein Mann in arbeitsfähigem
Alter angeben kann, wenn man ihn nach seiner, in Wahrheit nicht vorhandenen
Arbeitsstelle fragt.
"Weißt Du", hatte Karl gesagt, als das Thema anfing, akut zu werden und ich
das Grundstück für 150.000 Mark der DDR von den alten Leuten kaufen sollte,
"wir machen Dich einfach zum Professor. In der DDR gibt es so viele
Wissenschaftler mit dem Professorentitel, die mehr zu hause als sonstwo sind.
Das fällt nicht auf, das glaubt jeder."
So wurde ich zum Professor. Das Grundstück habe ich auch vor einem Notar in
Berlin-Karlshorst unter dem Namen Fisch gekauft, trotzdem wurde nichts aus
der ganzen Geschichte. Als Karl im MfS aus persönlichen Gründen in Ungnade
fiel und ausscheiden mußte, geriet die Grundstücksangelegenheit ins Stocken.
Angeblich bereitete es Schwierigkeiten, eine Fünfundzwanzig-Volt-Leitung[???]
zu dem Haus zu legen, aber ich vermutete, daß sich die Datschenkolonie in
Stolzenhagen, die sich zum großen Teil aus höheren MfS-Offizieren
rekrutierte, gegen den Überläufer in ihren Reihen wehrte.
Doch zurück zu meiner neuen, charmanten Bekanntschaft aus dem Restaurant
"Moskau".
Einige Zeit später offenbarte ich ihr - mit Karls Einverständnis - meine
wahre Identität und als wir uns Ostern 1887 verloben wollten, lud uns Karl zu
einem Urlaub in die CSSR ein. Im Hotel "Lux" im slowakischen Banska Bystrica
tauschten wir wie junge Leute die Ringe und fuhren von dort für eine Woche
ins Hotel "Partizan" nach Tale in der niederen Tatra.
Das ganze Jahr 1987 über zerfielen die Wochen in zwei scharf von einander
getrennte Teile.
Die Woche über verbrachte ich bei intensiver Arbeit, nun schon an meiner
Promotion, in meinem Objekt in Prenden, die Wochenenden bei meiner Verlobten
in Potsdam. Trotz aller Annehmlichkeiten und trotz fürsorglicher,
kalorienbewußter Ernährung durch Renate begann ich, mich in Prenden mehr und
mehr eingeengt zu fühlen, und litt gelegentlich unter einem regelrechten
Lagerkoller. Auf der einen Seite ließ die Intensität der Betreuung, zumindest
die Frequenz der Besuche nach, und zum anderen machte ich an den Wochenenden
die Erfahrung, daß Privatleben ohne Vorsichtsregeln des MfS auch in der DDR
schön war. Nun, ich hatte eigentlich nichts anderes erwartet.
Durch meine Verlobte lernte ich den Bezirk Potsdam näher kennen, häufig
fuhren wir am Samstag oder Sonntag, aber ohne Wissen des MfS, nach Berlin,
das in diesem Jahr sein 750jähriges Bestehen feierte. Meine und damit unsere
Beweglichkeit verdankte ich einem neuen Golf-Diesel, den mir das MfS im
Sommer 1986 zur Verfügung gestellt hatte. In der PKW-Hierarchie des MfS kamen
nach den Trabant- und Wartburg-Fahrern, also den Benutzern inländischer
Produkte, die Klasse der Offiziere, denen ein sowjetischer Lada zur ständigen
Benutzung überlassen war. Dies betraf zunächst die stellvertretenden
Abteilungsleiter, die sich ihrerseits durch den Ladatyp und den
personengebundenen Kraftfahrern von den Referatsleitern abhoben, die zwar
auch Ladas benutzten, diese aber selbst fahren mußten.
Harri Schütt fuhr als Generalmajor einen Fiat-Regata, und so konnte ich mit
meiner Einstufung als Fahrer eines Westwagens, wenn auch "nur" einen Golf
recht zufrieden sein.
Zwischendrin wurde uns wieder einmal ein Haus zugesagt, herrlich gelegen am
Waldrand in Hohen Neuendorf an der S-Bahnstrecke nach Oranienburg. Christel
Guillaume und Lothar Lutze wären unsere unmittelbaren Nachbarn gewesen und so
waren wir nicht sonderlich unglücklich, als sich auch dieses Projekt
zerschlug.
Was mich aber erwartete, als ich im Herbst des Jahres 1987 zum S-Bahnhof
Grünau bestellt wurde, hatte ich nicht in meinen kühnsten Träumen gedacht.
Harri Schütt und Gunter Nehls führten mich nicht ohne Stolz und Genugtuung
durch das uns nun endgültig zugewiesene Haus in Karolinenhof im Stadtbezirk
Berlin-Köpenick. Ein solches Haus hatte ich bisher kaum je betreten,
geschweige denn, als mein Heim ansehen können. Daß Wohnzimmer war sage und
schreibe sechzig Quadratmeter groß mit einem mächtigen offenen Kamin und an
zwei Seiten durch eine Fensterfront erhellt, die anderen Räume der Wohnetage
wie der Wohnraum selbst mit exzellenter Strukturtapete geschmückt. Küche, Bad
und WC übertrafen einander in der Ausstattung mit technischen Finessen und
innenarchitektonischen Feinheiten. Von allen Einbaugeräten und Armaturen
strahlten die Embleme bundesdeutscher Nobelfirmen.
Nichts wirkte jedoch neureich und protzig, eher solide und gediegen.
Aus dem marmorgefliesten, holzverkleideten Vorraum führte eine Wendeltreppe -
nein, nicht in den Keller, über etwas derart Profanes verfügte das Haus
nicht, man betrat über die Treppe die Kellerbar, mit Schränken verkleidet,
mit eingebautem Tresen, der über fließend Warm- und Kaltwasser ebenso
verfügte wie über einen integrierten, würfelförmigen Kühlschrank. Den etwa 25
qm großen Barraum konnte man durch drei Türen verlassen. Die eine führte in
die "untere Naßzelle", die sich in Sauna, Dusche, Badezimmer/WC und
Waschküche gliederte; eine zweite Tür führte über einen kleinen Flur in zwei
kleinere Fremdenzimmer, in die geheizte und geflieste Garage sowie in einen
Raum für die Gasheizung. Die dritte Tür schließlich gestattete den Austritt
in den etwa 1300 qm großen Garten, an den sich hinter einem drei Meter hohen
Zaun der Wald über vier Kilometer bis nach Grünau erstreckte. Der absolute
Clou im Garten aber war ein natürlicher Teich, in dem Frösche quakten und in
dem in allen drei Frühjahren, die wir dort verbringen durften, ein
Entenpärchen nistete.
Der Gedanke an die Möblierung dieser insgesamt 294 qm Wohnfläche machte uns
Sorgen. Aber das MfS winkte ab und Karl Schütt erklärte, selbstverständlich
werde uns das Haus möbliert zur Verfügung gestellt, möbliert mit unseren
eigenen Möbeln. Während der normale DDR-Bürger sich in Möbelgeschäften anhand
eines "Beratungsmusters" entscheiden konnte, ob er es bestellt, vielleicht in
einem halben Jahr geliefert bekommt oder vom Kauf absieht, konnten wir unser
Riesenhaus innerhalb von gut zwei Stunden anhand attraktiver Kataloge
einrichten. Etwa achtzigtausend Mark der DDR hat sich das MfS unser Wohnen
kosten lassen. Als dann im Februar 1988 alles stand, das Auto in der Garage
war und ich meine prall gefüllten Schränke ansah, wurde ich ganz klein bei
dem Gedanken, wie wir in der Bundesrepublik beim BfV den Hundertmarkschein
umgedreht hatten, ehe wir ihn für einen Überläufer ausgegeben haben. Ich
glaube, wenn Markus Wolf selbst gekommen wäre und die gesamte DDR-Spionage an
den Pranger gestellt hätte, er wäre, gemessen an meiner Behandlung, mit
Almosen abgespeist worden.
Als ich dann Weihnachten 1987 mein Objekt in Prenden verließ, tat ich dies
mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es war mir doch ans Herz
gewachsen, dieses hübsche, gepflegte Haus im Walde. Zu viele einschneidende
Erinnerungen aus der aufregendsten Zeit meines Lebens hatten sich mit dem
"Waldhaus" verbunden, aber die Freude auf ein gemeinsames Leben mit Brigitta
in unserem herrlichen Haus am Karolinenhofweg 10 ließ Wehmut gar nicht
richtig aufkommen.
Noch zweimal kehrte ich nach Prenden zurück: Am 8. April 1988 heirateten
Brigitta und ich in Berlin-Lichtenberg. Nach einem festlichen Essen im Hotel
Johannishof, neben dem Friedrichstadtpalast, im Kreise unserer Freunde und
Bekannten vom MfS verlegten wir die eigentliche Feier in kleinerem Rahmen in
mein altes Objekt. Die Ehefrauen meiner neuen Kollegen kamen hin, und am
Nachmittag gab uns auch Werner Großmann die Ehre, inzwischen Generaloberst
und Leiter der HVA. Brigitta hat nur bedauert, daß ihre damals
zweiundsiebzigjährige Mutter an der Feier nicht teilnehmen konnte. Angeblich
standen dem Sicherheitsüberlegungen entgegen.
Den zweiten Besuch habe ich in bedrückenderer Erinnerung. Es war mein
zweiundfünfzigster Geburtstag, den wir bei strahlendem Sonnenschein auf der
Terrasse des Objektes begingen.
Beiläufig erkundigte ich mich bei Gunter nach dem Befinden von "Schneider",
der, wie ich wußte, zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden
war. Gunter druckste herum bis er bekannte, daß "Schneider" verstorben sei.
"Ja, der ist tot", sagte er und vermied es, mich anzusehen, "der hat
Selbstmord gegangen." Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Unser CM
"Schneider", der vor Optimismus und Lebensfreude sprühte, hatte seinem Leben
ein Ende gesetzt. Schuldgefühle beschlichen mich. Hätte ich damals nicht ...
Aber ich verwarf den Gedanken sofort wieder. Es war seine eigene Entscheidung
gewesen, Selbstmord zu begehen, allerdings ausgelöst von tiefer Verzweiflung
und Hoffnungslosigkeit, in die ich ihn gestürzt hatte.
Seit der Enttarnung Kurons muß ich die Sache anders sehen. Selbst wenn ich
unsere Verbindung zu "Schneider" verschwiegen hätte, wäre er trotzdem
verhaftet und verurteilt worden. Niemand hätte mir geglaubt, daß ich ihn zu
schützen versucht hätte. Seine Festnahme nach seinem Übertritt wäre in der
Bundesrepublik als Beweis gewertet worden, daß ich ihn verraten habe. Aber -
egal, wie ich es sehe, ich muß mit dem Gedanken leben, für den Tod eines
Menschen eine wesentliche Ursache beigetragen zu haben.
Zwei Ereignisse haben mich, noch in der DDR, in schlimmer Weise an den Fall
erinnert. Das eine war die reißerische Berichterstattung der "Bunten", nach
der die Witwe Garau glaubte, ihr Mann sei in der Strafvollzugseinrichtung
Bautzen II erschlagen worden. Nach einem anderen Bericht soll die Leiche
sogar blutüberströmt gewesen sein. Noch beim letzten Besuch sei Garau
hingegen optimistisch und gesund gewesen, so daß ein Selbstmord
auszuschließen sei. Ich weiß nicht, was Frau Garau den Sicherheitsbehörden
gesagt hat, aber daß ihr Mann beim Besuch gesund und optimistisch war und
kurz darauf erschlagen wurde, das glaube ich einfach nicht. Der Strafvollzug
der DDR mag kein Hort der Nächstenliebe gewesen sein, aber daß Gefangene fast
im Vorübergehen totgeschlagen werden, das schließe ich aus. Das mag es in den
fünfziger Jahren gegeben haben, aber nicht ein Jahr vor dem Ende der DDR.
Das andere Ereignis, an das ich denke, ist eine Information, die mir mein
Ostberliner Rechtsanwalt, Prof. Dr. Wolfgang Vogel, hat zukommen lassen. Er
erzählte mir, daß die Bundesregierung nicht ein einziges Mal den Austausch
Garaus vorgeschlagen habe, was ihn, einen der Väter des Agentenaustausches,
deutlich befremdet habe. Gewiß, es ist mehr als fraglich, ob Garau vor seinem
Selbstmord schon hätte ausgetauscht werden können, aber als Zeichen des guten
Willens hätte es gewertet werden können. Vielleicht hielt man es dort für
möglich, daß ich "Schneider" geschützt habe und wollte ihn durch einen
solchen Schritt nicht erst in Gefahr bringen, aber für einen
Nachrichtendienst wäre eine solche Argumentation kläglich.
Unser Leben in Karolinenhof ab Anfang 1988 war so normal, so
durchschnittlich, daß es darüber nichts zu berichten gibt, es sei denn meine
Promotion im Mai 1988 an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ich hatte mich,
wie in der bundesdeutschen Presse nachzulesen war, über die "Abwehrarbeit der
Ämter für Verfassungsschutz in der Bundesrepublik Deutschland" ausgelassen
und war dafür mit dem Titel eines Dr. jur. und der Bewertung magna cum laude
belohnt worden.
Höhepunkte für mich persönlich waren in dieser Zeit die Begegnungen mit
meinen Kinder, die uns, die älteste inzwischen mit Mann und Kind, in
regelmäßigen Abständen besuchten. Da sie aus den hinlänglich bekannten
konspirativen Gründen weder die Identität Fischer noch unseren Wohnort kennen
durften, fanden diese Treffen in Berlin entweder in dem Objekt in Wandlitz
oder dem in Rauchfangswerder statt. Da auch mein Auto mit dem Kennzeichen
IB-05-12 auf Professor Fischer zugelassen war, mußte ich jedesmal im Wald das
Kennzeichen gegen ein anderes austauschen, dessen Papiere offen auf
Ministerium für Staatssicherheit lauteten. So bin ich sicherlich einer der
wenigen, wenn nicht der einzige, der in beiden Teilen des damals noch
getrennten Deutschlands im Wald die Kennzeichen getauscht hat und sich im
Falle eines Aufplatzens jeweils auf die Obrigkeit hätte berufen können.
Die Wende in der DDR nahm ich als interessierter Staatsbürger zur Kenntnis,
ohne anfangs irgendwelche konkreten Konsequenzen für mich zu befürchten.
Wie der damalige DDR-Verteidigungsminister, der Pfarrer Rainer Eppelmann, war
auch ich der Ansicht, die Wiedervereinigung werde, falls sie überhaupt komme,
noch Jahre auf sich warten lassen.
Ich erinnere mich noch meines Kopfschüttelns, als mich die Rufe in Leipzig
"Wir sind das Volk" in "Wir sind ein Volk" wandelten. Als sich erwies, daß
meine politische Prognose so falsch war wie die von Rainer Eppelmann, habe
ich erklärt, notfalls bis hinter den Ural zu laufen, um nicht in die Hände
der Bundesrepublik zu fallen.
Nachdem uns der ARD-Korrespondent Werner Sonne in Karolinenhof enttarnt
hatte, waren die Medien außerordentlich interessiert daran, mit mir ein
Interview zu machen. Aber außer dem Spruch mit dem Ural und einigen
Erklärungen über mein Wohlergehen haben sie von mir nicht viel erfahren. Aber
nicht einmal mit dem Spruch hatte ich recht.
Ich bin weder gelaufen noch hinter dem Ural gelandet. Aber gleich im nächsten
Jahr, 1991, ging auch die UdSSR kaputt. Zum Glück hat dieser Untergang auf
mein Leben in Rußland bisher keinen Einfluß gehabt. Jetzt, zu Beginn des
Winters 1993/94, wo Frost und Kälte Einzug in Rußland halten, sind wir schon
über drei Jahre in diesem Land.
In dieser Zeit hat das Leben wie immer Schmerz und Freude für mich bereit
gehalten. Am 27. April 1993 verstarb meine mittlere Tochter Claudia während
ihres Besuches bei mir, dafür konnte ich bei den Besuchen meiner beiden
anderen Töchter insgesamt drei Enkel, zwei Jungen und ein Mädchen, in die
Arme schließen. Es sollen, glaubt man den Worten meiner beiden mir noch
gebliebenen Töchter, mehr werden. Warten wir es ab ... Trotz des schweren
Verlustes, der mich getroffen hat, fängt das Leben wieder an, Vergnügen zu
bereiten, wie es auch in Wüstensachsen und Frankfurt am Main Spaß gemacht
hat, in Köln ebenso wie in Berlin.
Wie sagt der Lateiner? Ubi bene, ibi patria - wo es mir gut geht, da bin ich
zu hause.