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Tiedge: Der Ueberlaeufer [9]

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Oct 22, 1998, 3:00:00 AM10/22/98
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Neuntes Kapitel

Befreundete Dienste - ein

Kapitel für sich

Meine Einstellung zu dem komplizierten Thema des Umgangs mit befreundeten
Diensten war bis zum Ende geprägt von einem Erlebnis, das ich mit Dr. Meier
gehabt hatte. Es war zu Beginn meiner Tätigkeit im Amt gewesen, wohl Ende
1966, jedenfalls in der Phase, als ich mit jedem Entwurf eines Schreibens zum
Abteilungsleiter mußte. Der kanadische oder der australische Dienst,
jedenfalls der Sicherheitsdienst eines klassischen Einwanderungslandes hatte
beim BfV wegen eines Bundesbürgers angefragt, der dort die Staatsbürgerschaft
beantragt hatte.

Gegen seinen Protest hatte ich meinen Mitarbeiter Alfred Wittmann angewiesen,
den nachrichtendienstlichen Verdacht, der in der Vergangenheit gegen den
Auswanderer einmal bestanden hatte, haargenau darzulegen, um den Empfänger
der Information in die Lage zu versetzen, über den Einbürgerungsantrag
sachgerecht und unter Abwägung aller vorhandenen Erkenntnisse entscheiden zu
können. Als ich Dr. Meier den Entwurf vorlegte, sah er mich an wie ein Vater
auf seinen Sohn blickt, der das erste Mal Fußball gespielt hat und nun
verschwitzt und dreckig, aber auch stolz und glücklich vor ihm steht. Aus
seinen Augen sprach Verständnis für das ungebremste Engagement des Jüngeren
und eine Abgeklärtheit, wie sie nur Erfahrung mit sich bringt.

"Herr Tiedge", dozierte er weich und mild, ein gefährlicher, wenn auch
sympathischer Zug an ihm, gefährlich für den, der sich darauf verließ, denn
sofort konnte seine Stimme in Härte und Zynismus umschlagen, aber nicht so in
diesem Gespräch. "Dieser Mann will doch weg. Mit dem haben wir nichts mehr zu
tun. De mortuis nil nisi bene. Sie hatten ja Latein in der Schule, über Tote
nur Gutes."

Mit seinem violetten Abteilungsleiterstift strich er meinen schönen Entwurf
durch und gab mir die Akte zurück:

"Schreiben Sie einfach, über den Mann liegen keine nachteiligen Erkenntnisse
vor." Als ich zaghaft protestierte und auf die Gefahr hinwies, der Empfänger
unseres Schreibens könnte von anderer Seite auf den Verdacht hingewiesen
werden, kam Unwillen in Dr. Meiers Stimme:

"Wir befinden uns nicht im Zivilrecht, Herr Kollege, unsere Arbeit wird nicht
von Gewährleistungsansprüchen bestimm!"

Wittmann grinste, als ich zurückkam, aber was ich in diesem Dialog gelernt
hatte, habe ich mit Erfolg fast zwanzig Jahre lang praktiziert. Dr. Meier
hatte mir deutlich vor Augen geführt, daß sich der Erkenntnisaustausch mit
befreundeten, von BND und MAD abgesehen, ausländischen Diensten nach völlig
anderen Regeln vollzieht als das im Umgang mit den Landesbehörden für
Verfassungsschutz der Fall ist. Diese haben gegen das BfV als
Auswertungszentrale einen legitimen, unbezweifelbaren Anspruch auf Mitteilung
aller einschlägigen Informationen und Erkenntnisse, die für die Bearbeitung
und die Beurteilung ihres konkreten Falles bedeutsam sind. Diesen Anspruch
erfüllt das BfV auch in aller Regel und weicht nur in ganz wenigen Fällen von
dieser Linie ab. Dies ist ausschließlich dann der Fall, wenn das BfV den
Quellenschutz höher bewertet als das Informationsbedürfnis des anfragenden
LfV. Dies wurde in all meinen Jahren im Amt im Rahmen meiner eigenen
Zuständigkeit und nur bei Informationen gesehen, die aus den geschilderten
Fallkomplexen "Schneiderwerkstatt"/"Martinszug" und
"Keilkissen";/;"Holzfäller" stammten und nicht anderweitig bestätigt waren.

Völlig anders war die Situation bei der Weitergabe von Informationen an
befreundete Dienste, die in jedem einzelnen Fall von dem Gedanken des "Cui
bono" geregelt ist, dem Gedanken, wem diese Information nützt. Die
Interessenlage rangiert eindeutig vor der Pflicht zur Vollständigkeit und zur
Wahrheit. Wie alles war auch der Verkehr mit befreundeten Diensten im Ausland
durch eine Dienstvorschrift des BMI geregelt, die allerdings, wie üblich bei
derartigen Vorschriften, nur allerdings begrenzte Beachtung fand. So wurde
manchen Sachverhalt, dessen schriftliche Mitteilung mit der Dienstvorschrift
unvereinbar war, bei nächster sich bietender Gelegenheit mit dem
befreundeten, Dienst mündlich erörtert. Ebenso wurde aber auch, ohne zu
zögern, dem befreundeten Dienst gegenüber wahrheitswidrig das Vorliegen von
Erkenntnissen geleugnet. Mitunter war ich schon recht froh, daß sich die
Beziehungen der Dienste untereinander, um Dr. Meier noch einmal zu zitieren,
außerhalb der Gewährleistungsansprüche bewegten. Das war etwa bei einer
Entscheidung Hellenbroichs der Fall, die allerdings keinen ausländischen
Dienst, sondern den MAD betraf und die sich auch völlig mit meiner Auffassung
deckte, nur meine Entscheidungsbefugnis überschritt.

Ich habe schon berichtet, daß CM "Schneider", der Reisekader der Abteilung VI
der HVA und verhinderte Cottbuser Bezirksschulrat Horst Garau, etwa 1985,
Instrukteur der eingeschleusten Agentin "Ursula Richter" geworden war. Obwohl
der Fall, bedingt durch Kurons Verrat zu diesem Zeitpunkt bereits vom MfS
gegengesteuert wurde, bestand an Frau "Richters" eigener jahrelanger
nachrichtendienstlicher Tätigkeit ebensowenig ein Zweifel wie an den Angaben
über ihr nachrichtendienstliches Umfeld. So war ihr Lebensgefährte Lorenz
Betzing, den sie selbst zwanzig Jahre zuvor für den Dienst der DDR geworben
hatte, als Bote in der Datenverarbeitung des Bundeswehrverwaltungsamtes
eingesetzt. Er wurde aber nicht mit ihr gemeinsam durch "Schneider", sondern
von einem eigenen, dem BfV unbekannten Kurier oder Instrukteur, vermutlich
der HVA-Abteilung IV bedient. Als ich diesen Sachverhalt durch die Angaben
"Schneiders" auf den Tisch bekam, sah ich mich in einer Zwickmühle. Auf der
einen Seite gab es die "streng geheim" eingestufte, jede denkbare Sicherheit
genießende B-Operation "Schneiderwerkstatt", auf der anderen Seite stand der
identifizierte Agent Lorenz Betzing, der aufgrund seiner Arbeitsstelle
eindeutig in die Zuständigkeit des MAD fiel. Dem MAD nichts zu sagen,
erschien mir aus Fairneßgründen bedenklich, ganz abgesehen davon, daß eine
solche Unterrichtung durch die Zusammenarbeitsrichtlinien ohne Einschränkung
geboten war. Den MAD jedoch zu unterrichten, erschien mir wiederum mit
Rücksicht auf die Sicherheit "Schneiders" fragwürdig. Eine Festnahme Betzings
mußte unweigerlich den Verdacht auf "Schneider" lenken. Hellenbroichs
Entscheidung folgte auch in dieser Frage operativen Geboten. Eine
Unterrichtung des MAD habe mit Rücksicht auf die hochrangige G-Operation "bis
auf weiteres" zu unterbleiben. Als sich Ursula "Richter" 1985 in die damalige
DDR absetzte, wurde sie von dem bis dahin unbehelligten Lorenz Betzing
begleitet.

Mußte man in diesem Fall noch die Entscheidung des Präsidenten herbeiführen,
so wurde die Auswahl der mitzuteilenden Erkenntnisse bei ausländischen
Adressaten nicht erst auf der Leitungs-, sondern schon auf der Arbeitsebene
getroffen. Trotzdem liefen gleichsam als Kontrollinstanz, alle Schreiben an
ausländische Dienste über den Schreibtisch des Abteilungsleiters I, dem unter
anderem die organisatorische Ausgestaltung des Verkehrs mit diesen Diensten
unterstand. Sein Hauptaugenmerk lag dabei eindeutig auf der Einhaltung
bestimmter Gebote, die die "Dienstanweisung über den Verkehr mit
ausländischen Diensten" vorschrieb.

Da gab es das Verbot, über deutsche Staatsbürger ohne zwingende Notwendigkeit
nachteilige Erkenntnisse mitzuteilen. Auch war es untersagt, Unterlagen im
Original oder in Ablichtung zu übersenden, die nicht unmittelbar vom
Verfassungsschutz stammten. Letztendlich sollte die Fiktion gewahrt bleiben,
daß in den Akten des Empfängerdienstes das BfV nicht als Absender des
Schreibens erkennbar war. Daher erfolgte die Korrespondenz auch auf Bögen
weißen. neutralen Papiers ohne Briefkopf, auf die in der Abteilung I als eine
Art Aktenzeichen ein mit dem Empfänger vereinbartes Kenn- oder Codewort sowie
eine fortlaufende Nummerierung hinzugefügt wurde. Im Verkehr mit dem
Schweizer Dienst, etwa der dortigen Bundespolizei, waren dies die Namen
"Tell" für die Kollegen in Bern und "Arminius" für das BfV.

Natürlich war auch zwingend vorgeschrieben, gegenüber den ausländischen
Diensten den Quellenschutz zu wahren, wenn gleich sich dies bei
routinemäßigen, in erster Linde technischen Quellen auf das Verbot
reduzierte, sie beim Namen zu nennen. So gab es international übliche, nur
von Diensten gebräuchliche Terminologien, die dem Insider mehr über die
Herkunft und die Art einer Information aussagen, als ein Laie dem
geschriebenen Text hätte entnehmen können. "Aus einer empfindlichen, absolut
zuverlässigen Quelle wurde bekannt" heißt bei allen Diensten der westlichen
und hieß vermutlich auch bei allen Diensten der östlichen Welt, daß die nun
folgend Information durch das rechtmäßige oder auch rechtswidrige Mittel der
Post- und Telefonkontrolle gewonnen wurde.

Eine weitere Einschränkung war die sogenannte "Drittlandklausel",. die es
verbot, Informationen. die von einem ausländischen Dienst stammten, ohne
dessen ausdrückliche Zustimmung an einen anderen ausländischen Dienst
weiterzugeben. Hier half man sich aus der Klemme, indem man dem anfragenden
Dienst empfahl, selbst bei dem Dienst anzufragen, der über die Information
verfügte. Hin und wieder wurde durch dieses Verfahren auch etwas über das
Verhältnis anderer Dienste untereinander deutlich. So war das Verhältnis
zwischen der österreichischen Bundespolizei und dem BND vorübergehend wegen
dessen selbstherrlichen Auftretens in Österreich sichtbar gespannt. In
mehreren Schreiben baten uns die österreichischen Kollegen expressis verbis,
von einer Weitergabe der mitgeteilten Informationen an den BND abzusehen.

Aber ohne diese Klauseln und ohne diese Einschränkungen wäre die weltweite
Verbindung der Nachrichten- und Sicherheitsdienste untereinander gar nicht
denkbar.

Die Beziehungen der Dienste untereinander unterliegen den gleichen
politischen Geboten und Maximen wie die Beziehungen der Staaten zueinander,
denen sie dienen. Folgen die Staaten unterschiedlichen oder sogar
kontrastierenden politischen Idealen, ist auch für die Beziehungen der
Dienste untereinander kein Raum. Dies wurde für den Verfassungsschutz
deutlich, als 1978/79 die Mullahs im Iran dem Schah die Macht entrissen und
ihn stürzten. Mit dem Schah stürzte sein Sicherheitsdienst, die SAVAK, und
mit ihr die Beziehungen des BfV zum iranischen Dienst. Gleichwohl gibt es
Zweckbündnisse der Dienste untereinander. So unterhält.

das BfV, trotz der klaren und kompromißlosen Parteinahme aller
Bundesregierungen in der politischen Nahostdebatte für Israel, Beziehungen
mannigfacher Art in die arabische Welt, meist zu politischen, in der
Vergangenheit aber teilweise auch militärischen Gegnern des Judenstaates.

Für die Spionageabwehr spielten diese Verbindungen allerdings überhaupt keine
Rolle. Sie wurden nur geschaffen, um für den Verfassungsschutz
Ansprechpartner im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu finden,
wobei allerdings die offizielle Position einiger arabischer Länder zum
Terrorismus zumindest schwankend war. Im Sachgebietskatalog der Abteilung IV
des BfV gab es demgegenüber mit "125" ein eigenes Aktensachgebiet für
"Nachrichtendienste arabischer Staaten" und mit "1126" sogar eines für deren
legale Residenturen. Ich vermag allerdings nicht einmal zu sagen, ob unter
diesen Aktensachgebieten überhaupt Schriftverkehr abgewickelt wurde.

Um wieviel einfacher war demgegenüber die Zusammenarbeit mit dem BND. Auch er
zählt zu den befreundeten Diensten, obwohl er wie das Bundesamt für
Verfassungsschutz der Bundesregierung, expressis verbis dem Bundeskanzleramt
, untersteht. Auch im Verkehr zwischen BND und BfV gelten einige sonst nur
international übliche Sicherheitskautelen, wie die Abtarnung von Quellen und
das Verschweigen bestimmter operativer Methoden. Trotzdem ist die
Zusammenarbeit zwischen den Ämtern auf der Ebene kooperierender
Arbeitseinheiten doch erheblich enger als mit den meisten ausländischen
Partnerdiensten. Sie wird in der Intensität eigentlich nur von der
Kooperation mit dem militärischen Abschirmdienst übertroffen. Grund hierfür
ist einmal die identische Auftragslage bei BfV- und MAD-Amt, dem früheren
ASBw, zum anderen der Umstand, daß sich die Zentralen beider Dienste in Köln
befinden, was einen engen persönlichen Kontakt einzelner Mitarbeiter
untereinander zur Folge hatte.

Meine erste nachhaltige, ja fast bleibende Erinnerung an den BND geht auf die
erste Hälfte des Jahres 1967 zurück. Ich war damals Grundsatzreferent der
Abteilung IV und mir oblag unter anderem die Erstellung aller damals noch
üblichen Periodika aus der Spionageabwehr. Auf der Suche nach interessanten,
von der Norm abweichenden Ereignissen bot die Ernennung Juri W. Andropows zum
Vorsitzenden des KGB als Nachfolger Wladimir J. Semitschastnys einen
akzeptablen Beitrag für den Monatsbericht. Die dünne, erst vor kurzem
angelegte Akte des BfV über Andropow enthielt neben Pressepublikationen auch
Korrespondenz mit befreundeten Diensten, darunter dem BND über die
Personalien. Bei der Lektüre der als "Geheim" eingestuften ND-Meldung
stolperte ich über einige Formulierungen, die mir bekannt vorkamen. Beim
Rückblättern in der Akte fand ich die gleiche Meldung mit absolut demselben
Wortlaut als Pressebeitrag eines Moskauer Journalisten zu einer deutschen
Tageszeitung. Ich kann mich heute weder an den Journalisten noch an die
Zeitung erinnern, in der der Beitrag erschienen war. Aber niemand kann mir
verdenken, daß eine ständige Skepsis gegenüber Quellenmeldungen des BND
geblieben ist.

Der BND bringt in die persönliche Zusammenarbeit durch die Abtarnung der
einzelnen Mitarbeiter eine zusätzliche konspirative Komponente ein. Jeder
BND-Angehörige führt im dienstlichen Bereich und dort, wo er als Mitarbeiter
seines Dienstes auftritt, einen Arbeitsnamen, unter dem allein er im
dienstlichen Umfeld bekannt sein sollte. Diese einstmals starre Regel befand
sich, zumindest vom Unterabteilungsleiter an aufwärts, seit Ende der
siebziger Jahre in Auflösung. Hieß Reinhard Gehlen noch "Dr. Schneider" und
Richard Meier als BND-Abteilungsleiter noch "Dr. Manthei", so führte Meiers
Nachfolger Albrecht Rausch keinen Decknamen mehr und "Herr Mank", der
Abteilungsleiter V, Sicherheit im BND, bis zur Wende 1982, trat im BfV unter
seinem Klarnamen Ludwig Merz auf.

Merz war nicht der einzige, der im Zusammenhang mit des von
CDU/CSU-Politikern als geistig-moralische Wende mißinterpretierten
Regierungswechsels die Funktion abgab. Als Leiter der Abteilung Sicherheit,
der sowohl Zugang zu den Sicherheitsakten aller BND-Bediensteten hatte als
auch von allen Pannen und allen Mißerfolgen seines Hauses Kenntnis erlangte,
hatte es Merz zu einer beachtlichen, im BND gelegentlich gefürchteten "grauen
Eminenz" gebracht. Aber trotz seines rabenschwarzen, christlich-sozialen
Weltbildes mußte er seinen Stuhl räumen. Er wurde Inspekteur des BND - eine
zwar mit schönen Reisen rund um die Welt verbundene - ansonsten aber aller
Machtkriterien entkleidete Funktion. Sein Nachfolger wurde ein anderer,
jüngerer CSU-Protegé, Dr. Paul Münstermann, Deckname Dr. Heidecker, der
wenige Jahre später zum Vizepräsidenten des Dienstes aufstieg.

Seine schnelle und überraschende Karriere verdankte Dr. Münstermann nicht nur
einer strammen CSU-Protektion, sondern auch einem tragischen Umstand, nämlich
dem Tod seines angesehenen, intellektuell gelegentlich bravourösen Vorgängers
Norbert Klusak, der am 27. Februar 1986 einem Herzinfarkt erlegen war.
Klusak, geringfügig jünger als ich, kam Mitte der Siebziger Jahre aus dem
Innenministerium ins BfV, wo ihm die Leitung der Abteilung I - fachliche
Grundsatzfragen, Dateiwesen und Durchführung des Gesetzes zu Artikel 10 GG -
übertragen wurde, bis er 1980 den Sessel des stellvertretenden Chefs in
Pullach übernahm.

Während seiner Tätigkeit im BfV reiste Klusak täglich gemeinsam mit Dr.
Rudolf von Hoegen, seinerzeit Leiter der BfV-Abteilung V, mit dem Zug von
Bonn nach Köln an. Da beide im Winter ihre Köpfe mit karierten Schirmmützen
gegen Schnee und Regen schützten, verspottete sie Präsident Dr. Meier
wohlwollend, wenn auch süffisant als "die Fahrschüler aus Bonn".

Ähnlich wie Merz war es auch Albrecht Rausch ergangen. Ihm wurde 1982, nach
der Übernahme der Macht durch die Union bekundet, wer in seinem Alter -
Rausch ist Jahrgang 1930 - noch nicht in der "richtigen" Partei sei, verdiene
es nicht, die herausragende Tätigkeit eines Beschaffungsleiters des BND zu
bekleiden. Nun war Rausch beileibe kein Roter, eher ein liberaler
Konservativer. Aber er wurde umgesetzt, so wie er selbst Jahre lang Leute
umgesetzt hatte, und war fortan Leiter der Schule des BND als Nachfolger
seines affärenbelasteten Kollegen Kurt Weiß alias "Winterstein".

Bis zu seiner Pensionierung, spätestens im Jahre 1995, brauchte allerdings
auch Rausch auf dem ungeliebten Stuhl des Schulleiters nicht auszuharren. Bei
einem Besuch, etwa 1983 beim BfV- Abteilungsleiter IV, Dr. von Hoegen,
bemühte sich Rausch zwar auf meine Frage hin, seine damalige Position als
"überraschend vielseitig und interessant" zu bewerten, machte aber keinen
Hehl daraus, daß es in seinen Augen ein erhebliches Minus an Arbeitsfreude
bedeute, diesen Posten nach dem des Beschaffungsleiters zu bekleiden. Nach
Dr. Münstermanns Aufstieg wurde dessen Stube des Abteilungsleiters V für
Rausch frei. Es wird seine letzte Verwendung im BfV bleiben.

Neuer Beschaffungsleiter als Nachfolger Rauschs wurde 1982 ein Herr "Kempe",
bis dahin Regierungsdirektor im Polenbereich der Osteuropaabteilung. Böse
Zungen behaupteten, seine Beförderung habe ihren Grund in erster Linie darin,
daß "Kempe" unter seinem Klarnamen Rudolf Werner mit Horst Teltschik, dem
früheren außenpolitischen Berater des Bundeskanzlers Helmut Kohl, gemeinsam
die Schulbank gedrückt habe. Inzwischen ist Volker Förtsch, im übrigen ein
Neffe des ersten Heeresinspekteurs der Bundeswehr, General Friedrich Förtsch,
Werners Nachfolger.

Aber auch sein Stuhl wackelte schon, als er ohne Beteiligung der Amtsspitze
militärisches Gerät der früheren NVA, als Landmaschinen getarnt nach Israel
verschiffen wollte.

Nun möchte ich mich wahrlich nicht in die Personalpolitik des BND verlieren,
steht mir doch ein Urteil hierzu gar nicht zu. Dennoch möchte ich mit Herrn
"Betz" einen BND-Mitarbeiter nicht unerwähnt lassen, mit dem ich viele Jahre
eng, gut und, fast möchte ich sagen offen, zusammengearbeitet habe. "Betz"
ist ein Mann der ersten Stunde des BND, etwa 1922 geboren, der, nach Rückkehr
aus dem Krieg, als Wachmann bei der Organisation Gehlen angefangen haben soll
und der inzwischen, vermutlich 1987, als Leitender Regierungsdirektor in den
verdienten, Ruhestand gegangen sein dürfte. Ich vermute, daß er identisch ist
mit einem "Beetz" genannten BND-Mann, der seinen verurteilten und
inhaftierten Ex-Kollegen Heinz Felfe gemeinsam mit Amerikanern in der Haft
aufsuchte. Einzelheiten sind bei Felfe, der "Beetz" allerdings betont negativ
skizziert, auf Seite 326 seiner Memoiren "Im Dienst des Gegners" nachzulesen.

Mein Gesprächspartner "Betz", der den Namen auch wie "Beetz" aussprach, war
ein freundlicher, gebildeter und fachlich ungemein beschlagener Mann, der,
als ich ihn kennenlernte, Stellvertretender Leiter des Referates
Gegenspionage war. Seit dessen Aufwertung zur Unterabteilung bekleidete er
zugleich die Funktion des Leiters des Referates "Gegenspionage/Auswertung".
Er liebte noch den alten Gehlenschen BND mit der Konsequenz, daß er aus
Gründen der Konspiration gelegentlich Dinge leugnete, die die Spatzen von den
Dächern pfiffen. Entsprechend sprachlos war er, als, als ich ihn eines Tages
in München unter seinem Privatanschluß 841 76 23 anrief und, als sich eine
Frauenstimme mit Binder meldete, nach "Herrn Betz" fragte, Werner Binder
alias "Betz" war zu hause. Er konnte sich meine Kenntnis seiner Klaridentität
nicht erklären.

"Betz" - bleiben wir bei dem mir vertrauteren Namen - ist der Kollege, dem
die meisten meiner Besuche beim BND galten. Besuche in Pullach gab es für
Angehörige der Arbeitsebene erst ab etwa 1970, bis dahin lief der gesamte
Kontakt über das Bonner Verbindungsbüro des BND, das damals ein General
leitete, der sich "Eschenburg" oder ähnlich nannte. Sein Vertreter und
Nachfolger, Oberst Dr. Heinz Raffoth. nahm dann nach dem Tod des Generals
eher die Aufgaben eines Briefträgers wahr, zugleich aber die eines
Partylöwen, da er als Repräsentant seines Dienstes zu jedem Empfang
eingeladen wurde. Dr. Raffoth hieß zwar BND-intern "Dr.

Rüster", verzichtete aber auf einen Decknamen, da er nach eigenen Worten in
Bonn zu viele persönliche Bekannte hatte, die für den Gebrauch eines anderen
Namens kein Verständnis gehabt hätten. 1985 war - Dr. Raffoth befand sich
inzwischen im Ruhestand - Oberst Gerhard Schulz Leiter der Verbindungsstelle,
ein parketterfahrener Offizier, von dem ich aber noch nicht einmal sagen
kann, ob Schulz sein Klarname oder sein raffiniert ausgedachter Deckname war.
So locker war die Verbindung zur Bonner Repräsentanz geworden.

Die Zentrale des BND lag und liegt in einem Gelände an der Heilmannstraße in
Pullach bei München, einem der nobelsten und reizvollsten Vororte der
bayerischen Metropole, oberhalb der Isar gelegen, gegenüber dem
Schickeriastadtteil Grünwald. Nach Norden grenzt das Gelände an das
großbürgerliche Großhesselohe, im Osten bilden die Isar und im Westen die
S-Bahn nach Wolfratshausen natürliche Grenzen, die von der fast völlig
umlaufenden Mauer nur noch zusätzlich verstärkt werden. Die Geländeteile
beiderseits der Heilmannstraße sind durch eine von außen nicht zu erkennende
Unterführung miteinander verbunden. Das Gelände, städtebaulich gesprochen
locker bebaut, nimmt erst im neueren Teil an der Oberkante des Isarhanges mit
sechsgeschossigen Bürohäusern den Charakter einer oberen Bundesbehörde an,
obwohl die diensteigenen Tennisplätze und das diensteigene Schwimmbad unter
hohen Bäumen eher wie eine elegante Hotelanlage anmuten.

Daß alle Mitarbeiter dieser Behörde sich mit Händen und Füßen gewehrt haben,
ins Rheinland und dann auch noch in die Voreifel nach Euskirchen umzuziehen,
was Mitte der siebziger Jahre allen Ernstes zur Diskussion stand, dafür hatte
ich bei jedem Besuch immer wieder vollstes Verständnis.

Bevor ein Besuch unmittelbar in den Büros der BND-Mitarbeiter gestattet war,
wurden Besprechungen in einem gesonderten Bereich durchgeführt, neben dem
Präsidialbau gelegen und in reizvolle Salons untergliedert, die die Aufgabe
von Besprechungszimmern hatten. Hier erneuerte ich im "Roten Salon", so
benannt nach der Farbe der Sessel, schmerzhaft die Bekanntschaft mit den
Gepflogenheiten der Dienste untereinander.

Durch unseren, damals in Buenos Aires lebenden CM "Martin", hatten wir etwa
1980/81 von einer Deutschargentinierin erfahren, die für die bundesdeutsche
Botschaft in Argentinien tätig war. Sie übersetzte unter anderem
Personaldokumente aus dem Spanischen ins Deutsche, die sich auf argentinische
Staatsangehörige bezogen, deren Vorfahren einst aus Deutschland ausgewandert
waren und die jetzt in die prosperierende Bundesrepublik zurückkehren wollten.

Wie "Martin" den Andeutungen seiner DDR-Führungsleute in Buenos Aires hatte
entnehmen können, bestand seitens der DDR-Botschaft oder, genauer gesagt,
seitens der MfS-Residentur in dieser Botschaft ein nachrichtendienstliches
Interesse an dieser Frau. Wegen dieses Interesses und "Martins"
nachrichtendienstlicher Beschäftigung mit jung verstorbenen
Deutschargentiniern kamen wir zu der schon geschilderten Überzeugung, das
Entstehen einer neuen Schleusungsmethode mitzuerleben. Daher war bei uns der
Wunsch entstanden, mit dieser Frau anläßlich ihres zwar geplanten, zeitlich
und örtlich aber noch nicht näher eingrenzbaren Besuches in der
Bundesrepublik ein Gespräch zu führen.

Weil das BfV aber zu dem argentinischen Sicherheitsdienst wegen der im Lande
herrschenden Militärdiktatur aus politischen Gründen keine Verbindung
aufnehmen konnte, mußte es den BND um Hilfeleistung bitten.

Dieser war, was ich allerdings nicht mehr genau weiß, in Argentinien entweder
mit einem eigenen Residenten präsent oder hielt die Verbindung dorthin über
eine Hauptresidentur in Brasilia.

In der Besprechung im "Roten Salon" sagte der Südamerikareferent des BND, ein
freundlicher, unverbindlicher Herr, der unter dem Arbeitsnamen "Kriebele"
auftrat, die erbetene Hilfe war vollmundig zu, wollte später aber
offensichtlich das Süppchen selbst kochen. Natürlich haben wir von "Martin"
und seiner Anbindung an die "Übersiedlungsabteilung" der EVA, der Abteilung
VI, nichts erzählt, aber Andeutungen über unsere Vermutung. einer neuen
Einschleusungsmethodik auf der Spur zu sein, mußten wir schon machen, um den
außergewöhnlichen Wunsch des BfV zu begründen mit einer Frau ausgerechnet aus
Argentinien sprechen zu wollen. Aber mit Personen aus Argentinien, vor allem
aber mit ihnen in Argentinien zu sprechen, war nun einmal eher die Sache des
BND als die des BfV. Immer wieder wurden wir vertröstet und, sogar als die
Frau, vom BfV unbemerkt, die Bundesrepublik besucht hatte, immer noch mit
wachsweichen Ausreden hingehalten.

Natürlich hat es uns in den Fingern gejuckt, Klaus Kuron mit der
Kontaktaufnahme in Argentinien zu beauftragen. Er hatte Martin dort zweimal
aufgesucht und mit ihm dabei einmal einen Urlaub in Punta del Este in Uruguay
verbracht.

Kuron hätte ohne weiteres ein Gespräch mit dieser Frau führen können, aber an
die Konsequenzen ihrer Meldung an die deutsche Botschaft, von einem
Angehörigen eines deutschen Dienstes angesprochen worden zu sein, mochten wir
gar nicht denken.

So blieb es bei den immer schwächer werdenden Erinnerungen an den BND, ohne
daß es jemals zu dem gewünschten Gespräch gekommen wäre. Inzwischen hatte die
HVA von Kuron und 1985 von mir erfahren. daß die Einschleusungsmethodik über
Südamerika dem BfV bekannt war.

In den letzten Jahren meiner Tätigkeit im BfV hatte die BND- Zentrale selbst
für Außenstehende erkennbar, ihr Gesicht verändert. Der Eingang war von der
Westseite der Heilmannstraße auf die Ostseite verlegt worden. An die Stelle
der alten Zufahrt an der langen Umgrenzungsmauer, die in dem in München
üblichen Residenzgelb gestrichen war und die mit dem grauen Schiebetor die
Gemütlichkeit und Beschaulichkeit des gesamten Geländes noch unterstrich, war
ein modernes, mit wechselseitig zu schaltenden Ampeln ausgestattetes
Sicherheitstor getreten. Dieses war zwar nicht ganz so futuristisch wie das
am Gelände des Bundesgerichts und des Generalbundesanwalts in Karlsruhe, aber
es verbreitete nichts als das Gefühl der Betriebsamkeit und der seelenlosen
Zweckmäßigkeit.

Zudem kam man jetzt unmittelbar in den neueren Teil des Areals, zwar mit
Schwimmbad und Tennisplätzen, aber halt gekennzeichnet von den modernen
Bürogebäuden.

Die alten Einfamilienhäuser der einstigen "Bormannn-Siedlung" aus der
Nazizeit und späteren Keimzelle des BND sah man nicht mehr, allenfalls wenn
man zum Essen in die ungemütliche BND-Kantine mitgenommen wurde, sofern man
nicht ein Essen im nahe gelegenen "Rabenwirt" in Alt- Pullach vorzog.

Galten meine ersten Besuch im BND noch dem allgemeinen Erkenntnisaustausch
über das Personal legaler Residenturen, so brachte meine Beschäftigung mit
der DDR ab 1979 die Erörterung anderer Themen mit sich. In erster Linie ging
es um methodische Beurteilungen von Verhaltensweisen des MfS oder des
militärischen Dienstes der DDR, der Verwaltung Aufklärung, die wir im Rahmen
von G-Operationen festgestellt hatten oder die für die Beurteilung von
Exekutiv- und Verdachtsfällen von Bedeutung waren. Immer wieder baten wir den
BND, den von ihm betreuten Werner Stiller entsprechend Fragen vorzulegen.
Aber auch die Quelle Stiller versiegte eines Tages plötzlich und daran war
niemand anderes schuld als Stiller selbst.

Der MfS-Überläufer war etwa 1981 in Begleitung seines BND- Betreuers zu einem
Urlaub an den Gardasee gefahren und hatte dort intime Beziehungen zu einer
Einheimischen aufgenommen. In einem Anfall von Renommiersucht hatte er ihr am
nächsten Morgen erklärt, sie habe die Nacht nicht mit dem harmlosen
Bundesbürger verbracht, als den sie ihn kennen gelernt habe, vielmehr sei er
in Wahrheit der MfS-Oberleutnant Werner Stiller, über den vor einiger Zeit so
viel in der Zeitung gestanden habe. Als die Italienerin am gleicher Tag
Stillers "Freund" kopfschüttelnd von dessen "blöden Angebereien" erzählte,
brach dieser den Urlaub ab und beide fuhren nach München zurück. Der damalige
BND-Präsident Dr. Klaus Kinkel vereinbarte noch am gleichen Tage mit der CIA
Stillers unverzügliche Übernahme in die Vereinigten Staaten. Angeblich konnte
der BND bei einem derartigen Verhalten Stillers für seine Sicherheit in
Deutschland nicht mehr garantieren. Angesichts des inzwischen in der DDR
ergangenen Todesurteils gegen Stiller war dieses Argument nicht von der Hand
zu weisen - zumal das MfS für die Vollstreckung des Urteils eine erhebliche
Summe ausgelobt hatte. Aber mit ein Grund für die Entscheidung das BND war
auch, daß der inzwischen "leergefragte" Stiller begann, eine Belastung zu
werden.

Selten, aber hin und wieder doch kam es auch zu einer gemeinsamen
Fallerörterung mit dem BND. Dann waren entweder beim BfV Informationen
angefallen, die die Sicherheit des BND betrafen oder aber der BND ersuchte
das BfV um Hilfestellung bei dem Bemühen, seiner Aufklärungspflicht
nachzukommen.

Für beide Varianten sei je ein Fall erwähnt, von denen der Abwehrfall in
München, der Aufklärungsfall hingegen in Bonn spielten.

Der BND überprüfte 1979 einen Rechtsreferendar namens Wolfgang Opitz, dessen
Einstellung in den Dienst ihm aus Kreisen des Militärs empfohlen worden war.

Anders als das BfV stellte der BND keine Selbstbewerber ein, sondern
rekrutierte sich seinen Nachwuchs über ein breit gestreutes Netz von Tippern
und Hinweisgebern. So war der Wehrpflichtige und Reserveoffizier Wolfgang
Opitz dem damaligen militärischen Vorgesetzten für eine hauptamtliche
Tätigkeit im BND geeignet erschienen. Jetzt, wo sich Opitz, Ausbildungszeit
dem Ende ..... es fehlt ein Satz ... Da ebendieser Opitz aber, wie
geschildert, dem Verfassungsschutz im Rahmen der "Wacholder"-Maßnahmen
aufgefallen war, kam es in München zu einer Erörterung zwischen dem BND und
mir, nachdem unsere Aufmerksamkeit durch eine Routineanfrage des BND geweckt
worden war, aus der hervorgegangen war, daß Opitz oder eine andere im
Fernschreiben genannte Person beim BND beschäftigt werden sollte. Mein
Gesprächspartner, der sich "Ilmenau" nannte und zu der von Ludwig Merz
geleiteten BND-Abteilung V zählte, erklärte mir, Opitz habe die vom
Verfassungsschutz beobachtete Reise nach Berlin nicht in seiner
Sicherheitserklärung angegeben. So vereinbarten wir eine scheinbare
Routinebehandlung des Falles, nur daß bei dem für die Einstellung
obligatorischen. noch unverbindlichen Sicherheitsgespräch ein BND-Beamter von
einem Verfassungsschützer gespielt werden sollte. Dies Rolle übernahm der
Kriminalhauptkommissar Karl Mundt von der nordrhein-westfälischen
Verfassungsschutzbehörde.

Opitz, äußerlich dem früheren Kölner Fußballidol Wolfgang Overath wie aus dem
Gesicht geschnitten, verwickelte sich in dem Gespräch in erhebliche
Widersprüche zu den vom BfV inzwischen getroffenen Feststellungen. Der
Verfassungsschutz schloß daher eine aus seiner Sicht erfolgreiche
Verdachtsfallbearbeitung an, die den BND allerdings kaum noch tangierte.
Seine Interessen waren durch die Abwehr des nachrichtendienstlichen Angriffs
auf sein Haus gewahrt.

Opitz war, wie sich herausstellte, schon als Jugendlicher in das Blickgeld
der HVA geraten. Gemeinsam mit seinem Freund Schulz-Gräfe hatte er schon als
Schüler in der DDR dessen geschiedenen Vater besucht, der im Bezirk Frankfurt
an der Oder als Verwalter eines Erholungsheimes arbeitete und nebenher
Inoffizieller Mitarbeiter der dortigen Bezirksverwaltung des MfS war. Als
Student war er dann als Perspektivagent verpflichtet worden, wobei sich seine
nachrichtendienstliche Tätigkeit auf die Erfüllung von Bindungsaufträgen
beschränkte. Als Opitz seine Gesprächspartner in der DDR von dem Angebot des
BND unterrichtete, schaltete sich die Abteilung IX der HVA in Berlin ein und
versuchte,. Opitz durch finanzielle Abgebote zu bewegen, das Angebot
anzunehmen. Dazu war er jedoch nur widerstrebend bereit und betrieb seine
Bewerbung beim BND mit halbem Herzen, da er seinen heimatlichen Wohnbereich
Köln nicht verlassen wollte.

In der Hauptverhandlung vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf, in der das
Tätigwerden des Verfassungsschutzes in der Maske des BND nicht zur Sprache
kam, machte der Leitende Regierungsdirektor Steingrub vom BND, ein als
Sachverständiger vernommener Referatsleiter aus dem Bereich Gegenspionage,
eine interessante Aussage. Er sollte sich zu der Frage äußern, ob Opitz,
seine Einstellung unterstellt, beim BND zwangsläufig mit Staatsgeheimnissen
in Berührung gekommen wäre, was seine Verurteilung wegen versuchten
Landesverrates hätte zur Folge haben können. Steingrub verneinte die Frage
und erklärte zur Überraschung aller Anwesenden, der BND unterhalte unter
anderem eine Arbeitseinheit, in der ausschließlich offene, allgemein
zugängliche Informationen bearbeitet werden. Hier seien alle die Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen beschäftigt, die wegen eines verschuldeten, aber auch
wegen eines nicht verschuldeten Sicherheitsrisikos keinen Zugang zu
Verschlußsachen mehr haben dürften. Ergänzend erklärte mir Steingrub in einem
anschließenden Gespräch, damit vermeide der BND harte, den einzelnen unter
Umständen zu Kurzschlußhandlungen veranlassende Personalentscheidungen.

Der andere Fall mit Schauplatz Bonn ist wesentlich makabrer, und für den BND
sogar überaus peinlich. Hauptakteur ist ein BND-Mitarbeiter, damals
vermutlich im Range eines Oberregierungsrates und etwa in meinem Alter, der
unter dem Namen "Fellheim" auftrat. "Fellheim", vom Scheitel bis zur Sohle
ein gutaussehender, eleganter Dandy mit scharf geschnittenem Gesicht, umrahmt
von dunklem, mittellangem, leicht gelocktem Haar, gut einsachtzig groß, den
schlanken Körper in einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug und einen hellen,
fast weißen Trenchcoat gehüllt, über dem Arm einen sorgfältig eingerollten
Stockschirm, kam in der ersten Jahreshälfte 1973 nach Köln. Er hatte den
Auftrag, einen Angehörigen der sowjetischen Botschaft in Bonn, den das BfV in
einer G-Operation gerade der nachrichtendienstlichen Tätigkeit überführt
hatte, zur Spionagetätigkeit für seine Organisation zu gewinnen.
Nachrichtendienstlich ansprechen nennt man das in vornehmer, zurückkhaltender
Umschreibung. "Fellheim" wollte zu diesem Zwecke die Bekanntschaft einer Frau
aus Bonn machen, die nach Wissen des BfV einen näher nicht bekannten Kontakt
zu diesem sowjetischen Diplomaten hatte. Sein Ziel war es, über diese Frau
seinerseits unmittelbaren Kontakt zu diesem zu bekommen.

Nun macht der BND auch Selbstverständlichkeiten konspirativ. Jedenfalls tat
er dies damals, und so brauchte "Fellheim" eine Legende, um die Bekanntschaft
der Frau zu machen. Am Nachmittag rief er mich aus Bonn in meinem Büro an und
teilte mir freudig erregt mit, er habe Kontakt zu ihr aufgenommen und gehe
schon heute abend mit ihr aus. Morgen früh, gleich um acht, wolle er in mein
Büro kommen und berichten. Ich war über seinen schnellen Erfolg beeindruckt,
wartete am nächsten Morgen allerdings vergeblich auf "Fellheim". Gegen Mittag
kam er, völlig zerknittert und grau im Gesicht, mit eingefallenen Wangen und
hohlen Augen.

"Es war furchtbar", urteilte er und ließ sich auf einen Besucherstuhl fallen.
Dann erzählte er, die Frau kenne den Russen überhaupt nicht, habe ihn aber,
völlig unweiblich animiert, das in Bonn verbreitete Clemens-August-Pils und
etliche Korn zu trinken. Aus München sei er aber nur den Genuß des
alkoholärmeren bayerischen Vollbiers gewohnt. So sei er in die Knie gegangen
und zum Schluß am Tisch eingeschlafen. Noch am Abend flog "Fellheim" nach
München zurück, ohne daß von ihm zu erfahren war, wie er zu dieser Frau in
Kontakt gekommen sei.

Nach der Abreise des Diplomaten suchten mein Mitarbeiter Heinz Liesinger und
ich die Frau auf, um Klarheit in ihre Beziehungen zu Angehörigen der
sowjetischen Botschaft zu bringen. Sie entpuppte sich als eine nicht
unattraktive junge Dame, die den "Fellheim" interessierenden Russen aber
wirklich nicht kannte.

"Aber Herr Stiller", sagte sie zu Liesinger, der die beiden Decknamen
"Stiller" und "Lingel" führte, "da ist in diesem Zusammenhang noch eine
seltsame Geschichte."

Sie berichtete, Anfang 1973 auf merkwürdige Art und Weise die Bekanntschaft
eines Münchner Gesellschaftsmannes gemacht zu haben. Sie habe in ihrem Büro
am Fenster gestanden und auf die Straße geschaut. Da sei ihr ein gut
angezogener elegant wirkender Herr aufgefallen, der trotz strahlenden
Sonnenscheins einen Regenschirm getragen habe. Der sei an Ihr Auto
herangetreten, habe sich vorsichtig nach allen Seiten umgeschaut und dann mit
dem Schirm heftig an der Autotür gekratzt. Gerade habe sie das Fenster öffnen
und hinausrufen wollen, da sei der Mann mit raschen Schritten auf das Haus
zugelaufen, in dem sich ihr Büro befindet, und habe sich nach dem Halter des
Wagens erkundigt, den er infolge einer Ungeschicklichkeit soeben beschädigt
habe. Nur um herauszubekommen, was dieser Mann von ihr wollte, habe sie nicht
nur seine Entschuldigung, sondern auch seine Einladung für denselben Abend
angenommen. Ihr als Frau habe sein Interesse aber wohl nicht gegolten, denn
ihr seltsamer neuer Bekannter sei nach einigen Schnäpsen am Tisch
eingeschlafen, nachdem er etwas von einem Russen gemurmelt habe. Es habe sich
um denselben Namen gehandelt, nach dem wir, die Herren Lingel und Tappert,
sie gerade gefragt hätten. Sie habe später, auch mit Hilfe eines
Bundestagsabgeordneten versucht, hinter das Geheimnis des Schirmträgers zu
kommen, aber ohne Erfolg.

Ich habe "Fellheims" Geheimnis damals nicht preisgegeben. Niemand wird mir
aber verargen können, daß ich immer, wenn der BND von "operationellen
Maßnahmen" sprach, an "Fellheim" und seinen Regenschirm denken mußte.
"Fellheim" selbst habe ich nie wiedergesehen. Erst im Frühjahr 1995 stieß ich
bei der Lektüre des "SPIEGEL" auf den Namen eines Mathias von der Wenge Graf
Lambsdorff. Dieser war seit 1986 für den Milliarden-Pleitier Dr. Jürgen
Schneider im Nahen Osten als Generalbevollmächtigter einer seiner Firmen
tätig gewesen.

Der "SPIEGEL" bezeichnete den Geschäftsmann als "Ex-Oberstleutnant des BND
und Neffen des einstigen FDP-Vorsitzenden". "Fellheim" hieß mit Klarnamen von
Lambsdorff und war Gerüchten zufolge mit dem ehemaligen
Bundeswirtschaftsminister verwandt. Eine späte Spur meines alten Freundes?

Es gab aber auch Fälle, in denen der BND den Verfassungsschutz, meist das
BfV, zum Erfüllungsgehilfen eigener Verpflichtungen degradierte. Ich denke
hier vor allem an ein förmliches Ersuchen des BND an unser Haus im Jahre
1983, in dem er um Observationshilfe bat. Ein südamerikanischer Staatsbürger
deutscher Herkunft, so berichtete er, beabsichtige, zusammen mit seiner Frau
die alte Heimat zu besuchen. Dieses Ehepaar werde von den Kollegen in
Johannesburg der Zusammenarbeit mit einem nicht näher bekannten östlichen
Nachrichtendienst, vermutlich dem MfS, verdächtigt.

Man nehme an, daß der Aufenthalt in der Bundesrepublik zu einem Treff mit
Abgesandten dieses Dienstes genutzt werde, da bekanntlich kommunistisch
regierte Staaten in dem Land am Kap keiner Niederlassungen unterhielten.

Auf unsere Bitte nach Substantiierung des Verdachtes verwies der BND
lediglich darauf, daß der südafrikanische Dienst derartige Informationen
grundsätzlich nicht preisgebe, aber er, der BND in Gestalt von Herrn "Beetz",
lege für die qualifiziert Verdachtslage die Hand ins Feuer. Als ich mich
hartleibig zeigte, weil außer dem Ort und der Zeit des Eintreffens in
Deutschland kein Anhaltspunkt für ein genaueres Reiseziel gemacht werden
konnte und die Aufenthaltsdauer mit gut drei Wochen angegeben war, hob der
BND die Angelegenheit auf eine höhere Ebene.

Schließlich wies mich Hellenbroich, meiner Erinnerung nach schon als
Vizepräsident, an, dem Wunsch des BND zu entsprechen, da dieser sich auch ihm
gegenüber für die Begründetheit des Verdachtes verbürgt habe. Die Observation
führte die Observanten durch die ganze Bundesrepublik und brachte zwei
stereotype Verhaltensweisen, die sich nur durch andere örtliche Gegebenheiten
unterschieden: die Ehefrau suchte sämtliche Warenhäuser, Geschäfte und
Boutiquen in den einzelnen Städten auf, während der Ehemann mit der gleichen
Intensität die Sexshops frequentierte, um sich anschließend in einer Kneipe
von den Strapazen seiner Besichtigungen zu erholen, bis ihn nach fünf oder
sechs Stunden sein Hotelbett mit magischer Kraft anzog.

Als die beiden nach gut vierzehn Tagen bei Salzburg die Grenze nach
Österreich überschritten, waren meine sonst so einsatzfreudigen Kollegen um
Heinz Jakobus ebenso erleichtert wie verbittert. Erst ein Jahr später deutete
mir "Beetz" gegenüber an, die Observation sei die Folge eines vollmundigen
Versprechens gewesen, das der BND-Resident in Südafrika dem dortigen Dienst
gegeben habe. Der nachrichtendienstliche Verdacht sei so vage gewesen wie in
Tausenden von Fällen in der Bundesrepublik auch. Aber - und jetzt kam die
große Einschränkung - man sei dem südafrikanischem Dienst gegenüber
verpflichtet.

In den Jahren, in denen das Apartheidregime in der Welt isoliert war, hatte
der BND den stramm kommunismusfeindlichen Gesinnungsgenossen die Treue
gehalten, was mit außergewöhnlichem Entgegenkommen und nahezu einmaliger
Unterstützung bei eigenen operativen Aktionen des BND von Südafrika aus
vergolten worden sei. Und, ich müsse das verstehen, eine Hand wasche die
andere. Ihm, "Betz", tue das alles schrecklich leid und ich möge ihm glauben,
er habe nicht ahnen können, daß es sich nicht um einen qualifizierten
Verdachtsfall, sondern um einen lächerlichen Feld-, Wald- und Wiesenfall
gehandelt habe.

Als ich "Betz" fragte, warum denn um alles in der Welt der BND nicht selbst
observiert habe, versicherte er mir - und seine Augen strahlten vor Unschuld
-, das sei eine unglückliche Phase gewesen, in welcher der BND
"observationsmäßig" voll ausgelastet gewesen sei, da er gleichzeitig mehrere
Eisen im Feuer gehabt habe. Dafür hätte ich doch gewiß Verständnis. Was
sollte ich machen? Aber seither hatte uns der BND wenigstens mit
südafrikanischen Problemen in Ruhe gelassen.

Obwohl das BfV über die mißbräuchliche Ausnutzung verärgert war, hielten sich
die Konsequenzen gegenüber dem BND in Grenzen. Schließlich waren BfV und BND
beides deutsche Dienste, man war aufeinander angewiesen und letztendlich war,
wie wir uns selbst eingestehen mußten, auch nicht alles
nachrichtendienstliche Reinkultur, womit wir den BND belästigten. So war die
Angelegenheit bald vergessen und man ging zur Tagesordnung über.

Anders war die Reaktion im Ausland auf das übertriebene Herauskehren eigener
Interessen durch den BND. So waren seine Beziehungen ausgerechnet zum
deutschsprachigen Nachbarn Österreich häufig gespannt bis gestört. Dr. Anton
Schulz, der langjährige Spionageabwehrchef und spätere stellvertretende
Leiter der österreichischen Staatspolizei hat mir wiederholt sein Leid über
das arrogante und selbstgerechte Auftreten des BND in Österreich geklagt.
Nach seinen Worten wirke der "Anschluß Österreichs ans Reich" in den Gehirnen
vieler leitender BND-Angehöriger fort, die sich schlechthin weigerten, die
Eigenstaatlichkeit und die Souveränität Österreichs zu verinnerlichen.

Als ich Dr. Schulz das letzte mal sah, in der ersten Hälfte des Jahres 1985,
stand seine Ernennung zum stellvertretenden Sektionschef schon fest. Freudig
erklärte er mir, eine seiner ersten Amtshandlungen in der neuen Funktion
werde es sein, dem BfV den Einsatz von Funkgeräten bei Observationen auf
österreichischem Territorium zu gestatten.

Eine derartige Bitte hatte Dr. Armin Hermann, der bisherige Amtsinhaber, in
der Vergangenheit regelmäßig abgelehnt.

"Aber, im Vertrauen, Herr Tiedge", fügte Dr. Schulz in fast verschwörerischen
Ton hinzu, "das gilt nur für das BfV. Dem BND werde auch ich eine solche
Zusage niemals machen."

Worüber sich die Norweger beim BND geärgert hatten, vermag ich nicht zu
sagen. Jedenfalls haben sie mir gegenüber bei den Vorbesprechungen in Oslo im
Fall der Ehefrau des DDR-Botschafters Krause - ich habe den Fall in anderem
Zusammenhang erwähnt- hervorgehoben, den offensichtlich zu erwartenden Erfolg
dem BND aus Gründen, die "nichts zur Sache tun", einfach nicht zu gönnen.
Einige Zeit später ließen es die Norweger zum Eklat kommen.

Die norwegische Reichspolizei, im BfV-Sprachgebrauch der norwegische Dienst,
stand in operativer Verbindung zu einem in der Nähe von Oslo lebenden
Absolventen der Greifswalder Fakultät für Skandinavistik, dem sie den
Decknamen "Nils" gegeben hatten. "Nils" hatte dem befreundeten Dienst
umfangreiche Informationen über die Durchsetzung des Lehrkörpers an der
Greifswalder Universität mit MfS-Kadern und deren und deren Einflußnahme auf
die Studenten mitgeteilt. Diese Informationen waren nicht nur für die
Norweger wichtig, da DDR-Bürger, die in Skandinavien Dienst taten oder tun
sollten, in ihrem Heimatland die notwendigen Sprachkenntnisse ausschließlich
in Greifswald erwerben konnten. Das BfV hatte mit Zustimmung des norwegischen
Dienstes "Nils" ebenfalls befragt, ohne daß mir relevante Ergebnisse für die
bundesdeutsche Abwehrarbeit in Erinnerung sind.

Eines Tages meldete "Nils" - etwa 1982 - seinem norwegischen Ansprechpartner
die telefonische Kontaktierung durch zwei Deutsche, eine Frau und einen Mann,
die ihren Besuch für den kommenden Tag angekündigt hätten.

Es gelang dem Dienst, die Namen der Besucher festzustellen und das BfV über
ihre Identität und den Rückreisetermin nach Frankfurt am Main zu
unterrichten. In ihrer Information deutete die Reichspolizei an, nicht
ausschließen zu können, daß es sich um Abgesandte des MfS handele, die sich
vom Fortbestehen des sozialistischen Weltbildes bei "Nils" überzeugen wollten.

Auf Betreiben des BfV wurden die Reisenden am Rhein-Main-Flughafen vom
Bundesgrenzschutz angehalten.

Sie wiesen sich mit Reisepässen der Bundesrepublik aus, die sich aber alsbald
zwar nicht als Falsifikate, aber immerhin als Tarnpapiere des BND erwiesen.
Beide mußten daraufhin den dienstlichen Charakter ihrer Reise im Auftrag und
im Interesse des BND offenbaren, konnten ansonsten aber ihren Flug nach
München fortsetzen. Es bedurfte einer Reise des BND-Vizepräsidenten Klusak
einige Monate später nach Oslo, um die Beziehungen zum "Partnerdienst" wieder
ins Lot zu bringen. Später erzählten die Norweger bei anderer Gelegenheit,
Klusak eine fast erniedrigende Entschuldigung für das Verhalten seines
Dienstes und seiner Mitarbeiter nicht erspart zu haben. Auch ließen sie
durchblicken, daß ihnen von Anfang an die Identität der Besucher als
BND-Bedienstete bekannt war.

Soviel zum BND. Es gab aber auch deutsche nachrichtendienstliche
Dienststellen in der Bundesrepublik, bei denen nicht zu befürchten war, daß
sie einen in derart scheinheiliger Form auflaufen ließen, wie es der BND mit
dem BfV im Fall des Südafrikaners getan hatte.

Wie ich schon eingangs dieses Kapitels gesagt habe, war der Kontakt zum ASBw
und später zum MAD-Amt besonders eng und freundschaftlich. Mancher
persönliche Kontakt ergab sich einfach daraus, daß der Dienst in Köln in der
Brühler Straße im Truppen- und späteren Heeresamt untergebracht war und ich
ein vertrauliches Gespräch oft einer zeitraubenden Korrespondenz vorgezogen
habe. Zudem war in den letzten Jahren Kapitän zur See Günter Krause, der
dortige Abteilungsleiter Spionageabwehr, ein so sympathischer Kollege und
aufmerksamer Gastgeber, daß man eigentlich jeden Anlaß nutzte, ihn in seinem
Büro im ersten Stock des Hauses IV aufzusuchen.

Daß mir in seinem Vorgänger und späteren Vorgesetzten Joachim Krase das MfS
leibhaftig gegenübergesessen hatte, das ahnte ich natürlich genauso wenig wie
all die anderen, die wie ich Krase wegen seiner ruhigen.

bedächtigen, norddeutschen Art schätzten. Nur eines nehme ich Krase noch
heute übel, nämlich daß ausgerechnet er nach meinem Übertritt 1985 im
"SPIEGEL" Betrachtungen über charakterliche Anforderungen an Geheimnisträger
anstellte, noch dazu, ohne unsere jahrelange gute Zusammenarbeit auch nur zu
erwähnen. Wer selbst im Glashaus sitzt sollte besser nicht mit Steinen werfen.

Mit Krauses Nachfolger ab 1984/85, Gerhard Feuerstein, von seinen Freunden
Fred Flint genannt, begann, sich nacht einigen gemeinsamen Abenden im Club
Astoria ebenfalls ein vertrauliches Verhältnis zu entwickeln. Ich kannte
Feuerstein seit 1974. Damals hatte er mir den Unwillen seiner Behörde über
das Verhalten des BfV, in erster Linie mein eigenes, mitgeteilt. Ich hatte
seinerzeit den Fernsehjournalisten Gerhard Konzelmann bei seinen Bemühungen
unterstützt, unter dem Titel "Die Russen am Rhein" einen Film über das
nachrichtendienstliche Engagement der Repräsentanten sowjetischer
Institutionen in der Bundesrepublik zu drehen.

Dabei hatte ich ihm unter anderen den Kontakt zu dem zwischenzeitlich
promovierten Arzt vermittelt, der zwei Jahre zuvor unter Kontrolle des
Verfassungsschutzes als Medizinstudent den nachrichtendienstlichen Kontakt zu
dem sowjetischen Diplomaten unterhalten, den ich aus der Sauna kannte.

Allerdings hatte ich meine Schritte nicht mit dem MAD abgestimmt.

Mit Befremden, ja mit Empörung mußten die Offiziere des ASBw nun im Fernsehen
von Aufträgen erfahren, die sie sicher in den "geheim" eingestuften
MAD-Unterlagen wähnten. Es waren Aufträge, die der CM gegen die Bundeswehr
erhalten und mit Zustimmung des MAD erfüllt hatte.

Unter den ausländischen Diensten bestand die intensivste Beziehung zu den
Amerikanern. Aber ihre Allgegenwärtigkeit, ihre nicht zu befriedigende
Neugier, vor allem ihre an Unübersichtlichkeit grenzende Organisationsform
nachrichtendienstlichen Handelns haben mich veranlaßt, dem "ganz großen
Bruder", wie wir gelegentlich zur Unterscheidung vom "großen Bruder", dem
BND. formulierten, ein eigenes Kapitel zu widmen. Ich bin auch der Ansicht,
damit der eindeutigen Führungsrolle der USA gerecht zu werden, die sie auch
im internationalen nachrichtendienstlichen Geschehen spielen und auf die sie
gern mit gelegentlich an Arroganz grenzender Selbstgerechtigkeit hinweisen.

Auch viele andere ausländische Dienste unterhielten Verbindungsbüros in den
Bonner Botschaften ihrer Länder. Einige von ihnen waren aus der Sicht der
Abteilung Spionageabwehr exotische Dienste wie die entsprechenden
Einrichtungen Südafrikas und Japans, der Türkei oder Marokkos. Auch Israel
unterhält an seiner Botschaft ein Verbindungsbüro, das der Europazentrale in
Paris untersteht.

Der seinerzeitige Leiter dieses Büros. Herr Bar-le-vav, saß bis 1985
gelegentlich in meinem Zimmer und drängte mit Nachdruck auf die Erfüllung
seiner Wünsche. Ich persönlich kann mich über ihn nicht beklagen, aber
Kollegen, die enger mit ihm zusammenarbeiteten als ich mit meiner für Israel
nicht allzu wichtigen DDR-Spionage, schilderten ihn als einen Mann, in dessen
Augen ein Deutscher nicht befugt ist, einem Juden einen Wunsch abzuschlagen.

Ich kannte zwar alle offiziellen Residenten persönlich, die es in der
Bundesrepublik gab, allerdings waren meine Kontakte zu vielen von ihnen
spärlich bis sporadisch und beschränkten sich auf Zusammentreffen bei
irgendwelchen Cocktailpartys oder sonstigen Empfängen. Es kam auch vor, daß
ich sie bei Vorträgen vor ihren Landeleuten, meist in der Schule des BfV, als
Dolmetscher traf, wo man zu deren angeblicher Fortbildung aus dem Bereich der
eigenen Tätigkeit berichtete.

Unvergeßlich sind mir hierfür meine Vorträge, die ich über sowjetische legale
Residenturen vor jeweils etwa dreißig türkischen Sicherheitsoffizieren
gehalten habe, die mich mit schwarzen Augen und unbeweglichen Gesichtern
ansahen, dunkelhäutig und schnauzbärtig, aus denen eine grenzenlose
Langeweile sprach.

Das lag sicherlich nicht an meinem Vortragsstil, ich konnte, ohne anzugeben,
mein Publikum schon einigermaßen fesseln. Das hatte seinen Grund eindeutig in
ihrem Desinteresse an der Darstellung rechtsstaatlichen Handelns oder dessen,
was das BfV darunter verstand. Nun konnte ich natürlich nicht beurteilen, ob
der Dolmetscher. eben der türkische Resident in Bonn, meine Worte übersetzte
oder seinen Landsleuten erklärte, sie brauchten dem dekadenten
rechtsstaatlichen Gefasel keine Aufmerksamkeit zu schenken. Ich beobachtete
immer wieder, daß sich ihre Neugier um eine einzige Frage drehte: Verschafft
sich der Verfassungsschutz mittels Nachschlüssels oder unter Zuhilfenahme von
Quellen im Objekt Zugang zu den Kanzleiräumen der Sowjetbotschaft? Wenn ich
ihnen, im übrigen wahrheitsgemäß, versicherte, der Verfassungsschutz
präferiere keine der genannten Methoden, sondern erachte den Gebrauch von
Nachschlüsseln nicht nur als außerhalb seiner Zuständigkeit, sondern auch als
schlicht rechtswidrig, verfielen sie wieder in ihr dumpfes Brüten.

Da waren die Kontakte zu den britischen und französischen Diensten doch
wesentlich unproblematischer und persönlicher herzlicher. Frankreich war mit
seinem Auslandsaufklärungsdienst DffSE (Direction Géneral de la Sécurité
Exterieure) repräsentiert, der Kontakt zu dem Sicherheitsdienst DST
(Direction de la Surveillance du Territoire) wurde zwischen den Zentralen in
Paris und Köln abgewickelt, wobei ich gestehen muß, in fast zwanzig Jahren
nicht ein einziges Mal Gelegenheit gefunden zu haben, meine Kollegen an der
Seine aufzusuchen.

Dagegen bin ich 1984 bei DGSE gewesen, bei Colonel Jean Moreau, dem Leiter
der Abteilung Gegenspionage der mir neben hochinteressanten Fachgesprächen,
wenn auch ohne aktuellen Bezug, zwei herrliche Tage in Paris geboten hat. In
diesem Tourismusprogramm war der Besuch eines Bierlokals am Boulevard St.
Germain zweifellos ein Höhepunkt, in dem zweihundertfünfzig Biersorten,
darunter zwanzig vom Faß, angeboten wurden. Selbst Radeberger Pils aus der
DDR war dabei.

Als wir abends am Montparnasse in einem Lokal dinierten, wobei eine
unterhaltsame Bühnenschau attraktive Kurzweil bot und die Konversation in
einem Mischmasch aus deutsch, englisch und etwas französisch überflüssig
machte, mußte ich an meinen Kollegen Heinrich Marx denken, dem in Paris
Furchtbares widerfahren war. Er war von DST-Angehörigen betreut worden, die
in der Vergangenheit in französischen Kolonien in Afrika Dienst getan hatten
und war von ihnen zu einem afrikanischen Essen in einem Spezialitätenlokal
überredet worden. Als das Essen kam, wurde ein kompletter Affe, gefüllt und
gebraten, serviert, der, folgt man Marx' ekelgeschüttelter Erzählung, wirkte
wie ein halbverkohlter Säugling.

Vermittelt hatte meine Reise der Verbindungsoffizier von DGSE in Bonn. Oberst
Marc Weyders, ein Bonvivant und Lebenskünstler, ein Protagonist der
französischen Lebensphilosophie des "savoir vivre". Der kurzatmige,
übergewichtige Weyders mit seinem stark geröteten Gesicht, knapp zehn Jahre
älter als ich, hätte in jedem medizinischen Vortrag als Beispiel eines am
Genuß orientierten und daher infarktgefährdeten Menschen herhalten müssen,
aber statt dessen beförderte ihn sein Dienst zum General und schickte ihn im
Frühsommer 1985 als Verbindungsoffizier zur CIA nach Washington.

Als er ging und den bei solchen Anlässen unvermeidlichen Abschiedsempfang
gab, traf ich einen alten Bekannten, den ich nie geglaubt hatte, hier zu
treffen - Paul Limbach, den Bonner Korrespondenten der "Quick". Ich kannte
Limbach seit Jahren und er mich als "Tappert" und Tiedge. Ich war verblüfft,
ein Journalist, der alle und jeden in Bonn kennt, der, wie ich noch schildern
werde, den Präsidenten des BfV lächerlich gemacht hatte, der sich aber auch
nach jedem Brosamen bückt, den man ihm hinwarf, im Kreis der intelligence
community?

Offensichtlich hatte ihn Erich Dobbern mitgebracht, zuletzt Leiter der
Abteilung Sicherungsgruppe im BKA, etwa seit 1983 in Ruhestand. Er hatte
einst das Kommando gegen Suociu und Co. von der rumänischen Botschaft im Fall
"Jagdhüter" geleitet und unter meiner Einsatzleitung war 1970 auch Jan
Pieterwas am holländisch-deutschen Grenzübergang Elten-Autobahn festgenommen
worden. Pieterwas, offiziell Beauftragter der polnischen
Binnenschiffahrtsreederei mit Sitz in Duisburg, war Opfer der G-Operation
"Krabbenfischer" geworden, die das BfV - Fallführer war Karl-Heinz Schwesig
aus meinem Referat - mit CM "Krabbe", einem deutschstämmigen Aussiedler aus
Polen mit Wohnsitz in der Venloer Straße in Köln-Ehrenford geführt hatte.

Überwiegend angenehme Gesprächspartner und unterhaltsame Gesellschafter waren
auch die Vertreter der britischen Dienste, wenngleich mir trotz meines nach
wie vor nicht schlechten Gedächtnisses die meisten Namen entfallen sind.
Peter Domeisen und Michael Stokes sind in meinen Augen die - herausragenden
Gestalten, Domeisen war lange Jahre Repräsentant von BSSO (British Security
Services Organisation), eine Art MAD der Rheinarmee. Damit war er zugleich
Resident des Sicherheitsdienstes SS (Security Service), des früheren MI 5, in
Köln. Er hatte neben einer profunden, gediegenen Sachkenntnis perfekte
deutsche Sprachkenntnisse. die er sich in seinem jahrzehntelangen Aufenthalt
in deutschsprachigen Ländern angeeignet hatte. Ich erwischte mich
gelegentlich dabei, überrascht zu sein, wie gut Doneisen englisch sprach, so
sehr war er in meinen Augen im Heer der deutschen Kollegen eingegliedert. Er
wird mir böse sein, sollte er dies lesen, war er doch im gesamten
Erscheinungsbild und seiner in den letzten Jahren stärker werdenden
charmanten Verkalktheit ein unverkennbarer Sohn der britischen Insel.

Anders Michael Stokes, dessen dienstliche Heimat ursprünglich der MI 6, der
jetzige britische Aufklärungsdienst SIS (Secret Intelligence Service) war und
der die letzten Jahre seiner aktiven Zeit in der Joint Section verbrachte,
einer koordinierten Stelle beider Dienste, die sich international mit
Angehörigen von Auslandsvertretungen der sozialistischen Staaten befaßte. Als
ich Stokes das letzte Mal sah, etwa 1975, wirkte er betont jugendlich, obwohl
er die fünfzig schon deutlich überschritten hatte.

Aber nicht nur in persönlicher Hinsicht hoben sich die britischen
Verbindungsoffiziere wohltuend von den Repräsentanten anderer Dienste ab;
auch die von ihnen vertretenen Dienste selbst strahlten, soweit
Nachrichtendienste dazu überhaupt in der Lage sind, ein erhebliches Maß an
Gediegenheit aus. SIS, der Aufklärungsdienst, bebte in den ersten Jahren
meiner Tätigkeit noch von den Erschütterungen der Kim-Philby-Affäre nach,
gleichwohl war er in meinen Augen immer noch der Dienst, dem ich mich, hätte
es denn sein müssen, noch am ehesten anvertraut hätte. Ich stand mit dieser
Ansicht nicht allein. Die Abgewogenheit der Anfragen, die SIS an uns
richtete, aber auch die Qualität der Antworten, vor allem aber das völlige
Fehlen jedweden Hoppla-jetzt-komm-lch-Gehabes machte die Kooperation mit den
britischen Diensten allgemein zu einer angenehmen Aufgabe.

Kondon habe ich dienstlich zweimal besucht, beide Male galt mein Besuch der
Außenstelle des Security Service am Euston Square. Unser schon erwähnter CM
"Martin" lebte - wie geschildert - unter dem Namen "Herzberg" in Buenos Aires
als angeblicher britischer Staatsangehöriger, bis er im Rahmen des
Falklandkonflikts 1982 zwischen Großbritannien und Argentinien aus diesem
Grunde sein Gastland fluchtartig verlassen mußt. Etwa um die gleiche Zeit
hatte sein Legendenspender, der seit Jahren in der DDR lebende "echte"
Herzberg bei der britischen Botschaft in Ostberlin einen Reisepaß beantragt.
Er war bekanntlich wegen des in Großbritannien geltenden ius soli, nach dem
sich die Staatsangehörigkeit nach dem Geburtsort richtet, britischer Bürger
geworden. Als wir durch eine Routineanfrage von BSSO davon erfuhren, machten
von Hoegen und ich einen Besuch in London zur Klärung der Konsequenzen, bei
dem wir Gäste des dortigen Vizepräsidenten Sir Cecil Shipp waren. Sir Cecil,
als gestandener Brite nur des heimatlichen Idioms mächtig, tat sich
verständlicherweise schwer, die Lebenswege des echten Briten und seines
nachrichtendienstlichen Doppelgängers auseinanderzuhalten, erwies sich aber,
nachdem er den gordischen Knoten durchschlagen hatte, als außerordentlich
hilfsbereiter und entgegenkommender Gesprächspartner.

Wir haben in dieser Angelegenheit, von dem Paßantrag abgesehen, nichts wieder
gehört und seinerzeit vermutet, daß MfS habe von dieser Angelegenheit Wind
bekommen und Herzberg mit Rücksicht auf den in der Bundesrepublik lebenden
Doppelgänger irgendwie davon abgebracht, die Sache weiter zu verfolgen. Aus
der Sicht von heute erscheint es mir plausibel, daß das MfS, von Kuron über
das Doppelspiel des falschen "Herzberg" unterrichtet, von sich aus den Antrag
gestellt hat, natürlich ohne Beteiligung des echten Herzberg. Es könnte damit
bezweckt haben, unauffällig Sand ins Getriebe zu werfen oder das Verhalten
des BfV zu testen. Wie dem auch sei, der kompromittierten Verbindung
zusätzlich geschadet hat der Paßantrag jedenfalls nicht.

An jenem Tag in London aber lud mich Sir Cecil nach Abschluß der Besprechung
zum Mittagessen in seinen Club ein, meiner Erinnerung nach in den Army and
Navy Club in der Nähe des Regent Parks, wo er uns - zu von Hoegens und meinem
Befremden - Seezunge mit Rosenkohl servieren ließ. Die Seezunge war gut, auch
der Rosenkohl schmeckte, aber die Kombination war doch ungewöhnlich und wurde
nur von der Pfefferminzsoße des Nachtischs überboten. An diese Seezunge mußte
ich denken, als ich im gleichen Jahr - wieder mit von Hoegen - Herrn van Gorp
in Brüssel aufgesucht habe, jenen Jan van Gorp, der mir einst die Geschichte
des Hauses in der Kölner Merlostraße und seine frühere Nutzung durch die
Gestapo erzählt hatte.

Van Gorp, Sproß einer belgischen Bierbrauerfamilie, war inzwischen dritter
Mann im belgischen Sicherheitsdienst geworden. Mit ihm waren wir in einem
entzückenden Lokal in der Altstadt von Brüssel und dort offenbarte uns eine
nach flämischen Rezepten zubereitete Seezunge neue bisher ungeahnte
Möglichkeiten des Fischgenusses.

Brüssel - das Mekka der Gourmets. Aber diese Geschichte erzähle ich aus einem
anderen Grund. Ich hatte mich mit von Hoegen morgens am Hauptbahnhof in Köln
getroffen und war mit ihm in meinem Wagen über die Autobahn nach Brüssel
gefahren. Als wir ankamen, waren wir für unser Gespräch mit van Gorp
eineinhalb Stunden zu früh. Zum Spazierengehen war es zu kalt, also suchten
wir ein Café auf, um die Zeit zu überbrücken.

Als ich meinen Körper, damals immerhin einhundertsechsunddreißig Kilogramm
schwer in den Sessel fallen ließ, wurde ich durch ein unverkennbares,
scharfes Geräusch und das befremdliche Gefühl wieder hochgeschreckt, frische
Luft am rechten Oberschenkel zu spüren.

Meine Befürchtung bestätigte sich - die Naht an meinem rechten Hosenbein war
vom Schritt bis unter das Knie geplatzt.

Nun kann man mit einer derartig pikant geplatzten Hose alles mögliche machen,
nur an einer Besprechung mit ausländischen Gesprächspartnern, sollte man in
dieser Aufmachung besser nicht teilnehmen, aber gerade daran war von Hoegen
gelegen, hatte ich doch den Fall, den wir besprechen wollten, im Gegensatz zu
ihm in allen Details im Kopf.

So sind wir dann losgezogen, für mich bis zum Besprechungsbeginn eine Hose zu
kaufen. Zum Glück spricht von Hoegen, der mit einer charmanten Frau aus Den
Haag verheiratet ist, fließend holländisch, daß im zweisprachigen Brüssel
wegen seiner engen Verwandtschaft zum Flämischen leicht verstanden wird. Wir
klapperten eine Reihe Geschäfte ab, nicht um eine einfache Hose, sondern um
eine Hose in meiner Größe zu erstehen. Teils ernteten wir Heiterkeit, teils
bedauerndes Kopfschütteln, aber mit von Hoegens Dolmetscherhilfe bekamen wir
schließlich eine zwar immer noch enge, über meinem Bauch aber wenigstens zu
schließende, gar nicht so schlechte graublaue Hose. Nur setzen mochte ich
mich mit ihr nicht. Jedenfalls nicht in van Gorps Büro.

Ich lehnte während der Besprechung an einem hochgeleierten
Sekretärinnenstuhl, mehr stehend als sitzend, den fetten Leib in ein enges
Höschen gezwängt. Die anderen Herren saßen in der schweren Couchgarnitur um
den Besprechungstisch und machten ihre Witze über mich.

Ich war damals über mein Erscheinungsbild so abgebrüht, daß mich der Spott
kaum berührte, aber beim Mittagessen, bei der Seezunge auf flämische Art, da
habe ich mich ohne Rücksicht auf Verluste hingesetzt.

Die neuen Nähte hielten. Abe die Geschichte machte die Runde.

Jedem Besucher, der mich kannte, erzählte van Gorps die Erlebnisse eines
dicken Herrn aus Köln mit seiner Hose. Ich glaube, ich hätte es an seiner
Stelle auch getan.

Von diesen Besuchen bei befreundeten Diensten und von deren Besuchen im BfV
abgesehen, gab es in Köln eine regelrechte Drehscheibe der
nachrichtendienstlichen Kontakte untereinander, den belgischen Club. Der
"Club Astoria", wie er richtig heißt, liegt am Adenauerweiher im Kölner
Stadtwald auf der Rückseite des Müngersdorfer Stadions und ist mit das
exklusivste, was die an leuchtenden Sternen nicht arme Kölner Gastronomie zu
bieten hat. Exklusiv in doppelter Hinsicht. Sowohl das kulinarische Angebot
als auch das Niveau der Mitglieder, wenn auch ausgerichtet auf einen
bestimmten Personenkreis, suchten ihresgleichen. Der Oberbefehlshaber der
belgischen Streitkräfte in Deutschland behält sich persönlich die
Entscheidung über die Aufnahme vor.

Er geht mit den Mitgliedskarten zurückhaltend um. Fünfzehn Jahre habe ich
mich um eine Mitgliedschaft bemüht, endlich 1984, hatte ich Erfolg. Aber auch
nur, weil sich das BfV für meine Aufnahme eingesetzt hatte, nachdem Hugo
Bördgen als Rentner aus dem Kreis der Mitglieder ausgeschieden war. Ich
durfte, wann immer ich wollte, mit bis zu fünf Gästen dort essen, nein,
dinieren gehen. Ein Landhaus im Walde mit holzgetäfelter Bar, einem langen
gestreckten Speisesaal mit Blick auf den See, in gediegener, gemütlicher
Atmosphäre und einem Salon mit schweren brauen Ledersessels, so behaglich,
daß man nach dem zweiten Drambuie oder Rémy Martin gar nicht mehr aufstehen
wollte. Aber nicht nur strenge Aufnahmebedingungen, auch strenge
Kleidervorschriften herrschten hier. Hellenbroich hat man einmal nicht
hineingelassen, weil er im Hochsommer keine Krawatte trug. Der verärgerte
Vizepräsident hat damals seine Mitgliedskarte zurückgegeben.

Das BfV hatte sich natürlich nicht um meiner braunen Augen wegen um eine
Aufnahme bemüht, es ließ sich vielmehr von fiskalischen Überlegungen leiten.

Jeder deutsche, aber auch jeder ausländische Gast fühlte sich wohl im "Club
Astoria", weil die Atmosphäre auch den verwöhntesten Gast anheimelt. So war
es für den Fiskus günstiger, sich an meinem Jahresmitgliedsbeitrag von DM 330
zu beteiligen und dafür geringere Betreuungskosten übernehmen zu müssen. Eine
Hummersuppe etwa kostete drei, ein Entrecôte acht und eine dame blanche zwei
Mark, dazu eine Flasche Chablis acht und eine Flasche Bordeaux fünfzehn Mark.
Und alles vom feinsten. Die Küche ist gekennzeichnet von jener
unnachahmlichen Mischung aus feiner französischer und derber flämischer
Küche, weshalb viele Gourmets auch in Brüssel das Mekka der Feinschmecker
sehen. Selten überstiegen die Rechnungen dreißig, eigentlich nie fünfzig Mark
pro Person.

Das Geheimnis der Preisgestaltung liegt im Charakter des Hauses als
Offiziersklub der belgischen Streitkräfte in der Bundesrepublik. Deshalb
vermute ich, daß die schönen Zeiten des "Club Astoria" mit dem geplanten
Rückzug der belgischen Armee aus Deutschland zu Ende gehen werden. Auch wenn
es ein Feinschmeckerlokal bleiben sollte, die Preise werden um ein Vielfaches
steigen und damit das Lokal für meine Preisklasse als Beamter "off limits"
werden lassen.

Aber als ich noch dort verkehrte, stand noch jeder zweite belgische Soldat in
Deutschland, und der belgische Club schien für alle Ewigkeit eingerichtet zu
sein.

Mit Vertreter aller nur denkbaren ausländischen Diensten bin ich hier
gewesen, teils als Gastgeber, teils als Gast.

Mit dem CIA-Mann John McCoy. der einst zusammen mit Michael Stokes vom
britischen SIS den sowjetischen GRU-Oberst Oleg Penkowsi geführt hatte. Mit
Oberst Jean Moreau vom französischen Aufklärungsdienst DGSE, mit den Herren
Berghuis und Mazereeuw vom holländischen BVD, mit Spaniern, Dänen,
Schweizern, mit Dr. Anton Schulz von der österreichischen Bundespolizei und
natürlich mit Herrn von Teugenbach. Er ist in Oberösterreich geboren, mit
einer Allgäuerin verheiratet, war in München wohnhaft, niemand vermutete in
ihm einen Offizier des italienischen Sicherheitsdienstes SISMI. Viele
Verbindungsoffiziere geben hier ihren Einstand und werden hier verabschiedet.
Hier verkehrt die "intelligence community", jene Gruppe arrivierter
Nachrichtendienstler, zu denen ich mich auch zählte, die ihrem Gewerbe auch
auf Partys und Empfängen nachgehen und dabei - wie es der frühere deutsche
UNO-Botschafter Rüdiger von Wechmar formulierte - dem Vaterland Magen und
Leber zur Verfügung stellen.

Auch die Bundeswehr sah man im belgischen Club, allerdings überwogen bei den
Uniformträgern die goldenen Schulterstücke der Generäle. An anderen Tischen
saßen hohe Verbandsfunktionäre und Politiker von lokaler und regionaler
Bedeutung und selbstverständlich der Kern des Klubs, belgische Offiziere mit
ihren Frauen und Kindern.

Natürlich bin auch ich im privaten Kreise im belgischen Club gewesen, mit
meinen Kindern und meinen Freunden. Nur meine Frau, die sich auf und über
jeden Empfang im belgischen Club gefreut hatte, war leider schon tot, als ich
Mitglied wurde.

Doch noch ein Wort zur "intelligence community", von manchen auch
"intelligence family" genannt. In besten Verwendungen und ab einer bestimmten
Stellung in einem Dienst wird man von selbst Mitglied in dieser Clique, deren
Rituale und Gebräuche gelegentlich an Werbespots für Luxusartikel aus dem
Fernsehen erinnern. Als Referent für sowjetische Dienste gehörte ich recht
früh zu diesem Kreis, was sich fast ausschließlich in Einladungen zu
Empfängen aus allen möglichen Anlässen im Raum Köln/Bonn niederschlug.

Natürlich ergab sich der Kreis der Gäste aus dem Rang des Einladenden. Der
jährliche Höhepunkt ist auf diesem Parkett der Empfang des Kommandeurs der
MAD-Gruppe in Kiel, anläßlich der Kieler Woche, verbunden mit einer
feuchtfröhlichen Schiffsfahrt auf einem Schnellboot der Bundesmarine auf der
Förde. Hier haben neben den station chiefs der großen ausländischen Dienste
nur Amtsleiter und Präsidenten sowie ausgesuchte Abteilungsleiter des BfV und
hochrangige Repräsentanten einiger weniger anderer Bundesbehörden Zutritt, so
daß mir - leider, wie ich gern einräume - eigene Erfahrungswerte fehlen.

Aber auch für meine Ebene gab es reizvolle Veranstaltungen. So hatten in der
ersten Hälfte der siebziger Jahre unter anderem die Vertreter von RCMP zu
einem in lukullischer Hinsicht exzellenten Empfang in den amerikanischen
Botschaftsclub nach Bonn-Plittersdorf geladen. Die Royal Canadian Mounted
Police, die sich hinter dieser Abkürzung verbirgt, wurde von der
Übersetzungsstelle des BfV einmal zur "Königlich Kanadischen Bergpolizei"
gemacht. Hinter der korrekten Übersetzung "Königlich Canadische Berittene
Polizei" verbirgt sich der traditionelle Name der kanadischen Bundespolizei.

Es gab Lachs und Hummer, amerikanische Putenbrust und sonstige Leckereien,
was das Herz begehrte. Wir saßen an Zwölfertischen, an unserem ein
walisisches, ein australisches, ein US-amerikanisches und ein gastgebendes
kanadisches Ehepaar, alle Repräsentanten ihrer Dienste, sowie die Eheleute
Hellenbroich, meine Frau und ich.

Hellenbroich war damals - Nollau war Präsident - Leiter des präsidialen
Stabsreferats. Wir kabbelten uns humorvoll über mögliche Vorzüge der alten
Welt gegenüber der neuen, mit Rücksicht auf die ausländischen Gäste in
englisch. In einer Gesprächspause wies Frau Hellenbroich aus dem Fenster auf
die ihrer Ansicht nach nasse Fahrbahn der vorbeiführenden Straße, auf der
sich im Dunkeln alle möglichen Lichter spiegelten.

"Sorry, ma"am", widersprach ihr Mann und versuchte, den Tonfall überseeischer
Touristen nachzuahmen, "this is the famous river Rhine."

Es war der Rhein, der am Botschaftsclub vorbei führte. Aber es wurde ein
netter Abend.

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