Scientology / Narkonon / Christiane F.

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Tilman Hausherr

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Nov 9, 1997, 3:00:00 AM11/9/97
to

Aus:
Christiane F - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
© Stern

Ausschnitt Seiten 222 - 249

Und irgendwann im Mai 1977 schnallte ich es dann auch selber mit meinem
kaputten Kopf, daß ich genau noch zwei Möglichkeiten hatte: Entweder ich
setzte mir möglichst bald den Goldenen Schuß, oder ich machte einen
ernsthaften Versuch, vom Heroin loszukommen. Ich wußte, ich war bei
dieser Entscheidung ganz allein. Auch auf Detlef konnte ich da nicht
mehr rechnen. Ich konnte vor allem die Entscheidung nicht von ihm
abhängig machen.

Ich fuhr zur Gropiusstadt, zum Haus der Mitte, in das evangelische
Jugendhaus, wo meine Drogenkarriere angefangen hatte. Der Club war
mittlerweile zugemacht worden, weil sie da mit dem Heroinproblem nicht
mehr fertig geworden waren. Dafür hatten sie jetzt eine Drogenberatung.
Echt eine Drogenberatung nur für die Gropiusstadt. So viele
Heroinsüchtige gab es da zwei Jahre, nachdem das erste H in Gropiusstadt
aufgetaucht war. Die sagten mir, was ich eigentlich längst wußte: Daß
ich nur durch eine echte Therapie noch eine Chance hätte. Sie gaben mir
die Adressen von DrogenInfo und Synanon, weil die noch die größten
Therapie-Erfolge hätten.

Ich hatte einen ziemlichen Bammel vor diesen Therapien, denn die waren
unheimlich hart, erzählte man auf der Scene. Das war die ersten Monate
schlimmer als im Gefängnis. Bei Synanon mußte man sich sogar erst mal
eine Glatze schneiden lassen. Wohl, um zu beweisen, daß man mit einem
ganz neuen Leben anfangen wollten. Ich dachte, daß ich das nicht
bringen würde, mir den Kopf kahlscheren zu lassen und rumzulaufen wie
Kojak. Meine Haare waren mir irgendwie das Wichtigste an mir. Hinter
ihnen versteckte ich mein Gesicht. Ich dachte wenn sie mir die Haare
abschneiden, könnte ich mich auch gleich umbringen.

Die Drogenberaterin sagte dann auch selber, daß ich kaum eine Chance
hätte bei Drogeninfo und Synanon, weil die eigentlich gar keine
Therapieplätze mehr frei hätten. Die Aufnahmebedingungen seien sehr
hart. Man mußte körperlich noch gesund sein und denen erstmal durch
freiwillige Selbstdisziplin beweisen, daß man überhaupt die Kraft hatte,
von H weg zukommen. Die Drogenberaterin sagte, daß ich ja noch sehr
jung sei, nicht einmal 15, also fast noch ein Kind. Da würde ich schwer
bringen, was die verlangten. Für Kinder gäbe es eigentlich noch gar
keine Therapie.

Ich sagte, ich wollte eigentlich auch zu Narkonon. Narkonon war das
Therapie-Haus einer Sekte, der Scientology Church. Auf der Scene liefen
einige Fixer rum, die schon bei Narkonon gewesen waren und erzählten,
das sei da eigentlich ganz in Ordnung. Bei Narkonon gab es überhaupt
keine Aufnahmebedingungen, wenn man im voraus zahlte. Man durfte seine
Fixer-Kluft anbehalten, die eigenen Platten mitbringen und sogar Tiere.

Die Drogenberaterin sagte, ich solle mal darüber nachdenken, warum so
viele Fixer erzählten, die Therapie bei Narkonon sei ganz dufte gewesen,
und dabei munter weiter drückten. Sie jedenfalls kenne keinen einzigen
Fall einer erfolgreichen Therapie bei Narkonon.

Ich fragte, was ich dann tun solle, wenn ich bei den anderen Therapien
erst gar keine Chance hätte. Da gab sie mir die Adresse von Narkonon.

Zu Hause träufelte ich wieder meinem Kater den Rinderblutextrakt mit
meiner einzigen Spritze ins Maul. Als meine Mutter kam, sagte ich ihr.
»Ich entziehe jetzt entgültig bei Narkonon. Da werde ich ein paar
Monate oder auch ein Jahr sein, und dann bin ich echt clean.«

Meine Mutter tat so, als glaube sie mir ohnehin kein Wort mehr. Aber
sie hängte sich gleich wieder ans Telefon und versuchte, Informationen
über Narkonon einzuholen.

Ich war voll abgefahren auf den Therapie-Trip. Ich fühlte mich
neugeboren. Ich hatte schon an diesem Nachmittag keinen Frei er mehr
gemacht und war total ohne H. Ich wollte entziehen, bevor ich zu
Narkonon ging. Ich wollte da nicht erst ins Turkey-Zimmer. Ich wollte
da total clean hinkommen, um vor den anderen, die da neu waren, gleich
einen Vorsprung zu haben. Ich wollte gleich beweisen, daß ich echten
Willen hatte, vom H wegzukommen.

Ich ging früh ins Bett. Ich legte den Kater, dem es immer mieser ging,
neben meinem Kopf auf das Kopfkissen. Ich war ein bißchen stolz auf
mich selber. Ich entzog ganz allein, total freiwillig. Welcher Fixer
brachte das schon? Ich hatte meiner Mutter zwar gesagt, daß ich sofort
entziehen würde, aber die hatte nur ungläubig gelächelt. Sie nahm sich
auch nicht wieder frei. So ein Entzug war für sie ja schon bald was
Alltägliches und was ganz Hoffnungsloses. Ich mußte also alles echt
ganz allein durchstehen.

Am nächsten Morgen war ich dann also voll auf Turkey. Es war so schlimm
wie bei den anderen Entzügen, vielleicht sogar noch schlimmer. Aber ich
dachte nie, das schaffst du nicht. Wenn ich meinte, die Schmerzen
würden mich umbringen, sagte ich mir sofort: Ne, das ist nur das Gift,
das aus deinem Körper entweicht. Du wirst leben, weil nie wieder
irgendein Gift in deinen Körper hineinkommt. Wenn ich eindöste, hatte
ich keine Horrorträume. Dann kamen mir Bilder vom herrlichen Leben nach
der Therapie.

(...)

Die Mieze lag noch auf dem Fleck, auf den ich sie gelegt hatte. Auf
meinem Kopfkissen. Ich reinigte erstmal meine Spritze und flößte ihr
dann wieder Kamillentee mit Traubenzucker ein. Eigentlich hatte ich mir
ja meinen letzten Tag als Fixerin etwas anders vorgestellt. Ich
überlegte mir, vielleicht noch einen Tag dranzuhängen und auf dem Kudamm
rumzuflippen, bevor ich zu Narkonon ging.

Dann kam meine Mutter und fragte, wo ich am Nachmittag gewesen sei. Ich
sagte: »Auf dem Kudamm. « Sie meinte: »Du wolltest doch heute schon mal
bei Narkonon vorbei, um dich nach allem zu erkundigen.«

Ich rastete gleich wieder aus und fing an zu brüllen: »Mensch, laß mich
in Ruhe. Ich hatte eben keine Zeit. Verstehst du?« Meine Mutter brüllte
plötzlich zurück: »Du gehst noch heute abend zu Narkonon. Du packst
sofort deine Sachen. Und du bleibst schon heute bei Narkonon.«

Ich hatte mir gerade ein Kotelett mit Püree gemacht. Ich nahm den
Teller, ging aufs Klo, schloß mich ein und aß auf dem Klo. Das war also
der letzte Abend bei meiner Mutter. Ich brüllte rum, weil sie geschockt
hatte, daß ich schon wieder auf H war, und weil ich mich selber
ankotzte, daß ich mir doch noch einen Druck gemacht hatte. Und ich
wollte dann auch selber zu Narkonon.

Ich packte ein paar Sachen in meine Korbtasche und steckte die Spritze,
einen Löffel und den Rest vom Dope vorne in die Unterhose. Wir fuhren
im Taxi nach Zehlendorf, wo das Haus von Narkonon war. Die Typen von
Narkonon stellten an mich erst gar keine Fragen. Da wurde tatsächlich
jeder aufgenommen. Die hatten sogar Schlepper, die über die Scene
liefen und Fixer ansprachen, ob sie nicht mal zu Narkonon kommen
wollten.

Aber an meine Mutter stellten die Typen Fragen. Sie wollten nämlich
erst mal Kohle sehen, bevor ich aufgenommen wurde. 1500 Mark
Vorauszahlung für den ersten Monat. Meine Mutter hatte natürlich nicht
soviel Geld. Sie versprach, das Geld gleich am nächsten Vormittag
vorbeizubringen. Sie wollte einen Kredit aufnehmen. Sie sagte, daß
ihre Bank sofort ohne Schwierigkeiten einen Kleinkredit geben würde.
Sie bat und bettelte, daß ich bleiben durfte. Die Typen waren
schließlich einverstanden.

Ich fragte, ob ich mal aufs Klo dürfe. Ich durfte. Man wurde also
nicht wie bei anderen Therapien erstmal durchsucht und mußte nach Hause
gehen, wenn man Fixer-Utensilien dabei hatte. Ich ging aufs Klo und
drückte ganz schnell das restliche Dope weg. Die sahen natürlich, daß
ich voll breit aus dem Klo zurückkam, aber sie sagten nichts. Ich gab
ihnen mein Besteck. Der Typ, dem ich das gab, sagte ganz erstaunt: »Das
haben wir aber gern, daß du uns das ganz freiwillig gibst.«

Ich mußte ins Turkey-Zimmer, weil die eben sahen, daß ich total breit
war. Da waren noch zwei im Turkey-Zimmer. Einer baute gleich am
nächsten Morgen wieder ab.

Das war dann für die Narkonon-Leute ein ganz schöner Verdienst, wenn sie
von jemandem das Geld für einen Monat hatten, und der baute gleich
wieder ab.

Ich bekam Bücher mit der Lehre der Scientology Church. Ganz schön
abgefahrene Schwarten. Ich fand, daß das eine ganz geile Sekte war.
Jedenfalls hatten sie ziemlich abgefahrene Geschichten, die man glauben
konnte oder nicht. Ich suchte nach etwas, das ich glauben konnte.

Nach zwei Tagen durfte ich wieder aus dem Turkey-Zimmer raus, weil ich
nach den zwei Schuß kaum Entzugserscheinungen hatte. Ich kam auf ein
Zimmer mit Christa. Das war eine total ausgeflippte Frau. Sie kriegte
gleich Therapieverbot, weil sie über die Therapien und die Therapeuten
immer nur lachte. Sie kam dann in unser Zimmer und suchte die
Fußleisten nach Trips ab. Sie meinte, vielleicht hätte irgend jemand da
mal Trips versteckt. Sie brachte mich auf den Dachboden und sagte:
»Mensch, hier müßte man ein paar Matratzen aufbauen und dann eine coole
Orgie machen mit Wein und Haschisch und so.« Die Frau zog mich ganz
schön runter. Weil ich sie einerseits echt abgefahren fand. Aber sie
brachte meine Gedanken eben immer wieder auf Drogen und fand diese
Narkonon-Typen Scheiße. Und ich wollte ja nun hier clean werden.

Am zweiten Tag rief mich meine Mutter an und sagte, daß mein Kater
gestorben sei. Das war mein 15. Geburtstag. Meine Mutter gratulierte
mir erst, nachdem sie das mit dem Kater gesagt hatte. Ihr ging es auch
an die Nieren. Ich hab dann am Vormittag meines 15. Geburtstags auf
meinem Bett gehockt und nur geflennt.

Als die Typen merkten, daß ich nur noch heulte, sagten sie, ich brauche
eine Session. Ich wurde mit einem der Typen, einem ehemaligen Fixer, in
einen Raum eingeschlossen, und der gab mir nun scheinbar sinnlose
Befehle. Ich durfte nur »ja« sagen und mußte jeden Befehl ausfahren.

Der Typ sagte: »Siehst du die Wand. Geh zu der Wand. Berühre die
Wand.« Und dann ging es wieder von vorne los. Ich wetzte also
stundenlang von Wand zu Wand in diesem Zimmer. Irgendwann war es mir
echt zuviel, und ich sagte: »Mensch, was soll denn der Quatsch. Seid
ihr eigentlich bekloppt. Laßt mich gefälligst in Ruhe. Ich hab keinen
Bock mehr.« Aber mit seinem Lächeln, das sich nie veränderte, kriegte er
mich irgendwann dazu, weiterzumachen. Ich mußte dann auch andere Sachen
berühren. Bis ich wirklich nicht mehr von der Stelle konnte und mich
auf den Fußboden warf und schrie und heulte.

Er lächelte, und ich machte weiter, als ich mich beruhigt hatte. Ich
hatte jetzt auch schon dieses Lächeln drauf. Ich war total apathisch.
Ich berührte die Wand schon, bevor sein Befehl kam. Das einzige, was
ich noch denken konnte, war: »Das muß ja irgendwann zu Ende sein.«

Nach genau fünf Stunden sagte er: »Okay, das ist genug für heute.« Ich
meinte, daß ich mich unheimlich dufte fühlte. Ich mußte mit ihm in
einen anderen Raum gehen. Da stand ein komisches selbstgebasteltes
Gerät, so ein Pendel zwischen zwei Blechbüchsen. Das mußte ich
anfassen. Der Typ fragte: »Fühlst du dich wohl?«

Ich sagte: »Ich fühl mich wohl. Ich glaube, daß ich jetzt alles viel
bewußter erlebe.«

Der Typ starrte auf das Pendel und sagte dann: »Es hat sich nicht
bewegt. Du hast also nicht gelogen. Die Session war ein Erfolg.«

Das komische Ding war ein Lügendetektor. Das war wohl so ein Kultgerät
dieser Sekte. Ich war jedenfalls ganz happy, daß das Pendel nicht
ausgeschlagen hatte. Das war für mich der Beweis dafür, daß ich mich
wirklich wohlfühlte. Ich war bereit, alles zu glauben, um vom H
wegzukommen.

Sie machten da allerlei wunderbare Sachen. Als Christa am selben Abend
Fieber bekam mußte sie eine Flasche anfassen und immerzu sagen, ob die
Flasche heiß oder kalt sei. In ihrem Fiebertran machte sie das mit.
Nach einer Stunde hatte sie angeblich kein Fieber mehr.

Ich war so angetörnt von allem, daß ich gleich am nächsten Morgen ins
Büro lief und um eine neue Session bat. Eine Woche lang war ich voll
auf dem Sekten-Trip und dachte, daß die Therapien mich wirklich weiter
bringen. Es war den ganzen Tag Programm. Sessions, Saubermachen,
Küchendienst. Das ging bis um zehn Uhr abends. Man hatte überhaupt
keine Zeit zum Nachdenken.

Das einzige, was mich annervte, war das Essen. Ich war nun echt nicht
verwöhnt mit Essen. Aber den Fraß, den die da anboten, kriegte ich kaum
runter. Und ich dachte, für das viele Geld könnten sie schon etwas
besseres Essen bieten. Denn sie hatten sonst kaum Unkosten. Die
Sessions wurden meistens von ehemaligen Fixern geleitet, die angeblich
schon ein paar Monate clean waren. Denen sagte man, das gehöre mit zu
ihrer Therapie, und die kriegten allenfalls mal ein Taschengeld. Ich
fand es auch nicht gut, daß die Bosse von Narkonon immer für sich aßen.
Ich kam mal dazu, als sie gerade am Mittagstisch saßen. Die mampften
die leckersten Sachen in sich rein.

An einem Sonntag hatte ich dann richtig Zeit zum Nachdenken. Ich dachte
zuerst an Detlef und wurde dabei ziemlich traurig. Dann überlegte ich
mir tatsächlich ganz nüchtern, was ich nach der Therapie machen könne.
Ich fragte mich, ob die Sessions mir tatsächlich geholfen hätten? Ich
war voll mit Fragen, auf die ich keine Antworten hatte. Ich wollte mit
irgend jemandem reden. Aber ich hatte niemanden. Eines der ersten
Hausgebote war, daß man keine Freundschaften schließen durfte. Und die
Narkonon-Typen gaben einem sofort eine Session, wenn man über Probleme
reden wollte. Mir wurde klar, daß ich in der ganzen Zeit im Haus noch
nie mit jemandem richtig gequatscht hatte.

Am Montag ging ich ins Büro und legte los. Ich ließ mich nicht
unterbrechen. Mit dem Essen fing ich an. Dann sagte ich, daß mir schon
fast alle Unterhosen gestohlen worden seien. In die Waschküche käme man
nie rein, weil das Mädchen, das den Waschküchenschlüssel hatte, ständig
auf die Scene abhaute. Überhaupt gab es da ein paar, die bauten ab, um
sich einen Druck zu besorgen, und kamen wieder, wie sie wollten. Ich
sagte, daß solche Sachen mich ganz schön runterzögen. Und dann diese
pausenlosen Sessions und die Hausarbeit. Ich war total übermüdet, weil
ich einfach nicht genug Zeit zum Schlafen fand. Ich sagte: »Okay, eure
Therapien sind ja ganz schön abgefahren, die sind echt gut. Aber meine
eigentlichen Probleme lösen die auch nicht. Weil das ganze eigentlich
nur Drill ist. Ihr versucht uns regelrecht zu drillen. Aber ich
brauche jemanden, mit dem ich auch mal über meine Probleme reden kann.
Ich brauche überhaupt mal Zeit, um mich mit meinen Problemen
auseinanderzusetzen.«

Die hörten sich das mit ihrem ewigen Lächeln an. Sie sagten überhaupt
nichts dazu. Als ich zu Ende war, brummten sie mir eine Extra-Session
auf, die den ganzen Tag ging, bis abends um zehn. Die brachte mich
wieder in die totale Apathie. Und ich dachte, die wüßten vielleicht
doch, was sie taten. Meine Mutter hatte mir bei einem Besuch erzählt,
daß sie das Geld, das sie für mich bei Narkonon zahlen mußte, vom
Sozialamt zurückbekäme. Und ich meinte, wenn der Staat Geld dafür gab,
mußte die Sache eigentlich okay sein.

Andere hatten noch mehr Probleme im Haus als ich. Die Gabi zum
Beispiel. Sie hatte sich in einen Typen verknallt und wollte unbedingt
mit ihm bumsen. Echt treu doof hat sie das den Narkonon-Bossen erzählt
und kriegte sofort eine Extra-Session aufgebrummt. Als sie dann doch
mit dem Typ ein paarmal bumste, kam das raus, und die beiden wurden vor
allen bloßgestellt. Die Gabi haute noch am selben Abend ab und kam nie
wieder. Der Typ, der angeblich schon ein paar Jahre clean war und als
Helfer mitarbeitete, türmte etwas später. Er wurde wieder zum totalen
Fixer.

Es ging denen von Narkonon eigentlich nicht so sehr ums Bumsen.
Wichtiger war ihnen, daß keine Freundschaften entstanden. Aber der Typ
war eben schon ein Jahr da, und wie soll man so lange ohne Freundschaft
durchstehen.

Ich war in der kurzen Freizeit spät abends immer mit den Jüngeren
zusammen. Ich war die Jüngste im Haus. Aber in der Clique, die sich
langsam rausbildete, war noch keiner siebzehn. Es kam jetzt die erste
Welle von denen in die Therapie, die schon als Kinder angefangen hatten
zu fixen. Sie waren nach ein, zwei Jahren alle so fertig gewesen wie
ich, weil einem das Gift in der Pubertät wohl noch mehr zusetzt als
später. Sie hatten wie ich keine Chance gehabt, bei den anderen
Therapien unterzukommen.

Die meisten brachten die Sessions nach einiger Zeit ebensowenig wie ich.
Wenn zwei von uns Jüngeren zusammen waren, dann wurde die ganze Session
zu einer einzigen Alberei. Wie konnte man auf die Dauer auch ernst
bleiben, wenn man einen Fußball anschreien sollte oder sich stundenlang
gegenseitig in die Augen sehen mußte. Wir brauchten dann auch gar nicht
mehr an den komischen Lügendetektor, weil wir sowieso sagten, daß uns
die Session nichts gebracht hatte. Außer Kichern nichts gewesen. Die
armen Session-Leiter wurden immer hilfloser, wenn sie mit uns arbeiten
sollten.

Nach Feierabend gab es dann in unserer Clique nur noch ein
Gesprächsthema: H. Mit einigen redete ich auch übers Abhauen.
Nach zwei Wochen bei Narkonon hatte ich dann einen Fluchtplan
ausgearbeitet. Mit zwei Jungs tarnten wir uns als das große
Saubermachkommando. Mit Mülleimer, Schrubber und Eimer kamen wir durch
alle Türen. Wir drei waren total happy. Wir machten uns fast in die
Hose aus Vorfreude auf den Druck. An der U-Bahn trennten wir uns. Ich
fuhr zum Bahnhof Zoo, um Detlef zu treffen.

Detlef war nicht da. Aber Stella. Sie brachte sich bald um vor
Begeisterung, mich wiederzusehen. Sie erzählte, daß Detlef von
niemandem gesehen worden sei in letzter Zeit. Ich fürchtete, daß er im
Knast war. Stella sagte, daß es auf dem Bahnhof ganz mies sei mit
Freiern. Wir fuhren zum Autostrich Kurfürstenstraße. Da war auch
nichts los. Wir rannten von der U-Bahn Kurfürstenstraße bis zum
Lützowplatz, bevor endlich einer anhielt. Wir kannten den Wagen und den
Typen. Er war uns schon öfter hinterhergefahren. Auch wenn wir zu
einer Toilette gingen, um uns einen Druck zu machen. Wir hatten ihn
immer für einen Zivilbullen gehalten. Aber er war nur ein Freier, der
sich total auf blutjunge Fixerbräute spezialisiert hatte.

Er wollte nur mich, aber Stella durfte mit einsteigen.

Ich sagte: »Fünfunddreißig für französisch. Bei mir ist nur französisch
drin.«

Er sagte: »Ich gebe dir hundert Mark.«

Ich war total perplex. Das war mir noch nie passiert. Die den dicksten
Mercedessen schissen sich an wegen Freier in

fünf Mark. Und dieser Typ in einem total verrosteten Volkswagen gab
freiwillig hundert. Er sagte dann, er sei Offizier des
Bundesnachrichtendienstes. Ein totaler Spinner also. Aber diese
ausgeflippten Hochstapler waren die besten Freier, weil sie eben auch
mit Geld aufschneiden wollten.

Er gab mir dann auch tatsächlich hundert Mark. Stella kaufte gleich
Dope, und wir machten uns im Wagen erst mal einen Druck. Wir fuhren zur
Pension Ameise. Stella blieb auf dem Flur. Ich ließ mir Zeit mit dem
Typen, weil ich total breit war von dem ersten Schuß nach zwei Wochen.
Und weil er ja anständig bezahlt hatte. Ich war so breit, daß ich gar
nicht wieder von der schmalen Liege in diesem mistigen Pensionszimmer
hoch wollte.

Ich quatschte noch ein bißchen mit dem Typen. Er war ein echt ulkiger
Aufschneider. Zum Schluß sagte er, daß er zu Hause noch ein halbes
Gramm Heroin habe. Das würde er uns geben, wenn wir in drei Stunden
wieder auf der Kurfürstenstraße wären. Dann staubte ich noch dreißig
Mark von ihm ab. Ich sagte, wir brauchten die, um mal richtig essen zu
gehen. Und ich wüßte ja, daß er urisch Kohle habe und den alten VW nur
zur Tarnung führe, weil er bei der Spionage sei. Da konnte er gar nicht
anders und mußte mir das Geld geben.

Stella sind ich fuhren wieder zum Bahnhof Zoo, weil ich die Hoffnung
nicht aufgab, Detlef noch zu treffen. Da kam plötzlich ein kleiner
schwarzweißer wuscheliger Hund auf mich zugerannt und sprang an mir
hoch. Ich mußte den Hund wohl an irgend jemanden erinnert haben. Ich
fand den Hund wahnsinnig. Er sah aus wie ein zu klein geratener
nordischer Schlittenhund. Ein ziemlich abgerissener Typ kam hinter dem
Hund her und fragte tatsächlich, ob ich das Tier kaufen wolle. Ich
wollte sofort. Er wollte siebzig Mark haben, aber ich handelte ihn noch
auf vierzig runter. Ich war breit und total happy mit dem Hund. Ich
hatte also wieder einen Hund. Stella sagte, ich solle ihn Lady Jane
nennen. Da nannte ich ihn Janie.

Wir aßen in einem Restaurant an der Kurfürstenstraße Kotelett mit
Beilagen, und Janie bekam die Hälfte ab. Der Typ von der Spionage kam
tatsächlich pünktlich und gab mir ein echtes halbes Gramm. Es war irre.
Das halbe Gramm war hundert Mark wert.

Stella und ich fuhren dann nochmal zum Bahnhof Zoo wegen Detlef. Wir
trafen Babsi. Ich freute mich wahnsinnig, weil ich Babsi trotz aller
Streitereien noch lieber mochte als Stella. Wir drei gingen rauf in die
Bahnhofsterrassen. Babsi sah sehr schlecht aus. Sie hatte Beine wie
Streichhölzer, und das letzte bißchen Busen war auch noch weg. Sie wog
jetzt einunddreißig Kilo. Nur ihr Gesicht war noch immer genauso schön.

Ich erzählte, daß Narkonon ein ganz cooler Laden sei. Stella wollte
nichts davon hören. Stella sagte, sie sei als Fixerin geboren und wolle
als Fixerin sterben. Babsi aber fuhr voll auf die Idee ab, mit mir
zusammen bei Narkonon endgültig zu entziehen. Ihre Eltern und ihre
Großmutter hatten sich auch schon vergeblich um Therapieplätze für sie
bemüht. Babsi war wieder mal auf Trebe, aber sie wollte auch echt
entziehen. Ihr ging es sehr dreckig.

Als wir uns ausgequetscht hatten, ging ich mit meiner Janie zur Metro,
einem sauteuren Laden im Bahnhof, der auch abends geöffnet ist. Ich
kaufte zwei Plastiktüten Hundefutter für Janie und jede Menge Pudding
zum Selberanrühren für mich. Dann rief ich bei Narkonon an, ob ich
zurückkommen könne. Sie sagten ja. Ich sagte, ich würde eine Freundin
mit bringen. Ich verriet nicht, daß Janie die Freundin war.

Ich hatte zwar nicht viel darüber nachgedacht, aber im Grunde war es für
mich immer klar gewesen, daß ich zu Narkonon zurückging. Wo hätte ich
auch hingesollt? Meine Mutter wäre echt ausgerastet, wenn ich bei ihr
vor der Tür gestanden hätte. Außerdem war inzwischen meine Schwester
wieder bei meinem Vater ausgezogen und lebte jetzt bei meiner Mutter in
meinem Bett und meinem Zimmer. Auf Trebe gehen wollte ich nicht. Für
mich war es das Letzte, total von einem Freier abhängig zu sein, der
mich über Nacht dabehielt. Ich war noch nie bei einem Freier über Nacht
geblieben, denn das hieß auch automatisch Bumsen. Vor allem aber wollte
ich ja noch immer echt entziehen. Und ich dachte noch immer; ich
brächte das bei Narkonon, weil ich ja gar keine andere Wahl hatte.

Im Haus – wir nannten Narkonon immer nur das Haus – waren sie
unfreundlich, sagten aber nichts weiter. Sie sagten auch nichts zu
Janie. Es gab schon an die 20 Katzen im Haus, und nun kam noch ein Hund
dazu.

Ich holte alte Decken vom Boden und machte Janie neben meinem Bett ein
Lager. Am nächsten Morgen hatte der Hund das ganze Zimmer
vollgeschissen und gepißt. Janie wurde nie stubenrein. Sie hatte einen
echten Hau. Aber den hatte ich auch. Ich liebte Janie. Mir machte es
nichts aus, alles wieder sauber zu machen.

Ich kriegte gleich eine Extra-Session. Die machte mir auch nichts aus.
Ich tat alles ganz mechanisch. Mich nervte nur, daß ich Stunden nicht
bei meinem Hund sein konnte. Um den kümmerten sich inzwischen andere,
und das machte mich ganz krank, weil Janie mein Hund sein sollte. Jeder
spielte mit ihr herum, und sie spielte mit jedem, denn sie war irgendwo
eine kleine Nutte. Jeder fütterte sie, und sie wurde immer fetter.
Aber nur ich redete mit ihr, wenn wir allein waren. Ich hatte jetzt
wenigstens jemanden, mit dem ich reden konnte.

Ich baute noch zweimal ab. Das letzte Mal war ich vier Tage unterwegs.
Also zum ersten Mal auf Trebe. Ich konnte bei Stella wohnen, weil ihre
Mutter gerade einen Alkoholentzug machte und in der Nervenklinik war.
Die alte Scheiße fing wieder an. Freier, Druck, Freier, Druck. Dann
erfuhr ich, daß Detlef mit Bernd nach Paris gegangen war. Da flippte
ich aus.

Daß der Typ, mit dem ich so gut wie verheiratet war, aus Berlin abhaute,
ohne mir auch nur Bescheid zu sagen, das war das Letzte. Wir hatten in
unseren Träumen immer zusammen nach Paris gewollt. Ein kleines Zimmer
am Montmartre oder so wollten wir uns mieten und entziehen, weil wir
noch nie etwas von einer Scene in Paris gehört hatten. Wir glaubten, in
Paris gäbe es keine Scene. Nur eine Menge abgefahrener Künstler, die
Kaffee und mal einen Wein tranken.

Nun war Detlef also mit Bernd nach Paris. Ich hatte keinen Freund mehr.
Ich war ganz allein auf der Welt, denn mit Babsi und Stella fing auch
wieder gleich der alte Streit um irgendwelche Kacke an. Ich hatte nur
noch Janie.

Ich rief bei Narkonon an, und da sagten sie mir, daß meine Mutter schon
meine Sachen abgeholt habe. Meine Mutter hatte mich also auch
aufgegeben. Das machte mich irgendwie wütend. Jetzt wollte ich es
allen zeigen. Ich wollte zeigen, daß ich es ganz allein schaffte.

Ich fuhr zu Narkonon, und die nahmen mich auch wieder auf. Ich machte
wie besessen die Therapie mit. Ich tat, was man mir sagte. Ich wurde
eine richtige Musterschülerin und durfte wieder an diesen Lügendetektor,
und der Zeiger schlug nie aus, wenn ich sagte, daß mir eine Session
unheimlich viel gebracht habe. Ich dachte, jetzt packst du es. Jetzt
gerade. Ich rief meine Mutter nicht an, die meine Sachen abgeholt
hatte. Ich lieh mir Zeug. Ich zog Jungs-Unterhosen an. Aber das
machte mir überhaupt nichts aus. Ich wollte meine Mutter nicht bitten,
mir meine Sachen zurückzubringen.

Eines Tages rief mein Vater an: »Tag, Christiane. Sag mal, wo bist du
denn gelandet? Ich habe das gerade erst zufällig erfahren. «

Ich sagte: »Finde ich ja riesig, daß du dich auch mal um mich kümmerst.«

Er: »Sag mal, willst du denn bei diesem komischen Verein bleiben?«

Ich: »Klar, auf jeden Fall.«

Mein Vater holte erst mal eine ganze Weile Luft, dann fragte er, ob ich
nicht mit ihm und einem Freund zum Essen gehen wolle. Ich sagte: »Ja,
mach ich.«

Eine halbe Stunde später mußte ich runter ins Büro, und da war mein
lieber Vater, den ich seit Monaten nicht mehr gesehen hatte. Er kam
erst mal rauf in das Zimmer, in dem ich mit vier anderen lag. Er sagte:
»Wie sieht es denn hier aus?« Er war ja schon immer ein
Ordnungsfanatiker. Und es sah wirklich toll aus in unserem Zimmer wie
überall im Haus. Mistig und dreckig, und überall lagen Klamotten rum.

Wir wollten dann losgehen zum Essen, da sagte einer der Bosse zu meinem
Vater: »Sie müssen aber eine Erklärung unterschreiben, daß Sie
Christiane zurückbringen.«

Mein Vater rastete aus. Er schrie, daß er der Vater sei und ganz allein
bestimmen könne, wo seine Tochter bliebe. Er nähme mich jetzt mit, und
seine Tochter käme auch nicht wieder zurück.

Ich lief rückwärts zum Therapieraum hin und schrie: »Ich will
hierbleiben, Papa.. Ich will nicht sterben Papa. Bitte laß mich hier,
Papa.«

Die Narkonon-Leute, die durch das Geschrei alle zusammen gekommen
waren, unterstützten mich. Mein Vater lief
raus und brüllte: »Ich hole jetzt die Polizei.«

Ich wußte, daß er das tat. Ich rannte los bis auf den Boden und
kletterte aufs Dach. Da war so eine Plattform für den Schornsteinfeger.
Auf der hockte ich und fror.

Es kamen dann tatsächlich zwei Peterwagen. Die Bullen durchsuchten mit
meinem Vater das Haus von oben bis unten. Die Narkonon-Bosse riefen
inzwischen auch nach mir, weil sie Angst gekriegt hatten. Aber auf dem
Dach fand mich keiner. Die Bullen und mein Vater zogen wieder ab.

Am nächsten Morgen rief ich meine Mutter bei der Arbeit an. Ich weinte
sofort und fragte: »Was ist bloß los?«

Meine Mutter hatte eine ganz kalte Stimme und sagte: »Was mit dir
passiert, ist mir vollständig egal.«

Ich sagte: »Ich will nicht, daß Papa mich hier rausholt. Du hast doch
das Sorgerecht. Du kannst mich doch nicht einfach im Stich lassen. Ich
bleibe jetzt hier, ich hau nie mehr ab. Ich schwör dir das. Bitte, tu
was, daß Papa mich nicht hier rausholt. Ich muß hierbleiben, Mutti,
wirklich. Ich sterb sonst, Mutti, glaub mir.«

Meine Mutter war richtig ungeduldig und sagte: »Nein, das kommt
überhaupt nicht in die Tüte.« Dann legte sie auf.

Ich war erst mal unheimlich fertig. Dann kam meine Wut wieder. Ich
sagte mir: »Die können dich mal am Arsch lecken. Dein ganzes Leben
haben sie sich nicht um dich gekümmert. Und jetzt springen sie mit dir
um, wie sie gerade Bock haben, diese Idioten, die alles immer nur falsch
gemacht haben. Diese Schweine haben dich total verkommen lassen.
Kessis Mutter, die hat dafür gesorgt, daß ihre Tochter nicht in die
totale Scheiße kommt. Und diese Miststücke von Eltern glauben nun
plötzlich zu wissen, was für dich gut ist.«

Ich bat um eine Extra-Session und fuhr auf diese Session total ab. Ich
wollte bei Narkonon bleiben und dann vielleicht Mitglied der
Scientology-Church werden. Jedenfalls sollte mich niemand hier
rausholen. Ich wollte mich von meinen Eltern nicht weiter kaputtmachen
lassen. Das war es, was ich dachte in meinem totalen Haß.

Drei Tage später kam mein Vater wieder. Ich mußte runter ins Büro.
Mein Vater war ganz ruhig. Er sagte, er müsse mit mir zum Sozialamt
wegen des Geldes, das meine Mutter für Narkonon bezahlt habe und vom
Sozialamt zurückbekäme.

Ich sagte: »Nein, ich geh nicht mit. Ich kenn dich doch, Papa. Wenn
ich mitgehe, sehe ich dieses Haus zum letzten Mal. Und ich will nicht
sterben.«

Mein Vater zeigte den Narkonon-Bossen eine Bescheinigung. Da stand
drauf, daß er mich hier rausholen durfte. Meine Mutter hatte ihn dazu
ermächtigt. Der Narkonon-Chef sagte, da sei nichts zu machen, ich müsse
mit meinem Vater gehen. Sie könnten mich gegen den Willen meines Vaters
nicht dabehalten.

Der Boss sagte noch, ich solle meine Übungen nicht vergessen. Immer
konfrontieren. Konfrontieren war so ein Zauberwort von denen. Man
sollte alles konfrontieren. Ich dachte: Ihr seid doch Idioten. Da ist
doch nichts zu konfrontieren für mich. Ich muß sterben. Ich halte das
doch nicht aus. Nach spätestens zwei Wochen mache ich mir doch wieder
einen Druck. Das schaffe ich nicht. Ich packe das allein nie. Das war
so einer der wenigen Momente, in denen ich meine Situation ziemlich klar
sah. In meiner Verzweiflung redete ich mir allerdings ein, daß Narkonon
echt die Rettung für mich gewesen wäre. Ich heulte vor Wut und vor
Verzweiflung. Ich konnte mich überhaupt nicht mehr einkriegen.


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CHRISTIANES MUTTER

Ich hielt es keineswegs für eine gelungene Lösung, daß mein geschiedener
Mann nun nach dem Reinfall bei Narkonon Christiane zu sich nahm, um sie
endlich zur Räson zu bringen, wie er sagte. Abgesehen davon, daß er
nicht rund um die Uhr auf sie aufpassen konnte, hatte ich auch wegen des
Verhältnisses zwischen ihm und mir sozusagen seelische
Verdauungsschwierigkeiten, ihm Christiane zu überlassen. Zumal ihre
Schwester kurz zuvor wieder zu mir zurückgekommcn war, weil ihr Vater so
streng mit ihr umging.

Doch ich wuf3te nicht mehr weiter und hoffte: Vielleicht schafft er mit
seinen Methoden, was mir nicht gelungen ist. Ich will aber auch nicht
ausschließen, daß ich mir das nur eingeredet habe, um vorübergehend aus
der Verantwortung für Christiane zu flüchten. Seit ihrem ersten Entzug
war ich permanent in einem Wechselbad von Hoffnung und Verzweiflung.
Ich war seelisch und körperlich am Ende, als ich ihren Vater bat, sich
einzuschalten.

Schon drei Wochen nach dem ersten Entzug, den Christiane mit Detlef zu
Hause qualvoll durchgestanden hatte, traf mich der erste Rückfall wie
ein Genickschlag Die Polizei rief in der Firma an, sie hätten Christiane
aufgegriffen, auf dem Bahnhof Zoo. Ich solle sie abholen.

Ich saß an meinem Schreibtisch und zitterte. Alle zwei Minuten schaute
ich auf die Uhr, ob es bald vier ist. Ich wagte nicht, vor Feierabend
zu gehen. Ich konnte mich niemandem anvertrauen. Die beiden
Cheftöchter hätten mich in Grund und Boden verdammt. Auf einmal
verstand ich Detlefs Vater. Man schämt sich doch sehr am Anfang.

Auf dem Polizeirevier hatte Christiane noch ganz verschwollene Augen, so
hatte sie geweint. Der Polizist zeigte mir den frischen Einstich in
ihrem Arm und meinte, sie sei in »eindeutiger Position« auf dem Bahnhof
festgenommen worden.

Ich konnte mir unter »eindeutiger position« zunächst nichts vorstellen.
Vielleicht wollte ich mir auch nichts vorstellen. Christiane war
todunglücklich, daß sie wieder rückfällig geworden war. Wir entzogen
von neuem. Ohne Detlef, Sie blieb auch zu Hause und schien ganz bei der
Sache zu sein. Ich faßte mir ein Herz und weihte in der Schule ihren
Kerngruppenleiter ein. Der war erschrocken und bedankte sich für meine
Offenheit. Von anderen Eltern, sagte er, sei er das nicht gewohnt. Er
vermutete daß es an der Schule noch mehr Heroinsüchtige gebe, und er
hätte Christiane auch gerne geholfen. Er wußte aber nicht wie.
Es war immer dasselbe. Wen ich auch ansprach - entweder waren die Leute
so hilflos wie ich, oder sie hatten Menschen wie Christiane total
abgeschrieben. Das mußte ich später noch oft genug erleben.

Langsam sah ich auch, wie leicht die Jugendlichen an das Heroin
herankommen. Schon auf ihrem Schulweg, am Hermannplatz in Neukölln,
lauerten die Dealer. Ich dachte, ich höre nicht richtig, als Christiane
sogar in meiner Gegenwart während eines Einkaufsbummels von einem dieser
Typen angesprochen wurde. Zum Teil waren es Ausländer, aber auch
Deutsche. Sie erzählte mir auch, woher sie diese Leute kennt: »Der
dealt mit dem, und der verkauft das, und der macht jenes.«
Mir kam das alles total irrsinnig vor. Ich dachte, wo leben wir
eigentlich ?

Ich wollte Christiane umschulen in eine Realschule am Lausitzer Platz,
um wenigstens diesen Schulweg zu vermeiden. Die Osterferien standen kurz
bevor, und hinterher wollte ich sie auf der Realschule haben. Ich
hoffte, ich kann sie dadurch aus ihrem Umfeld herausreißen, aus der
Gefahr auf den U-Bahnhöfen. Das war natürlich eine naive Idee, und es
wurde ohnehin nichts draus. Der Realschulrektor eröffnete uns gleich,
daß er nur ungern Schüler aus einer Gesamtschule aufnähme. Und für eine
Ausnahme sei Christianes Mathematik-Note zu schlecht. Interessehalber
fragte er noch, warum sie die Schule wechseln wolle. Als Christiane
sagte, die ganze Klassengemeinschaft sei so schlecht, schmunzelte der
Rektor: »Klassengemeinschaft? In der Gesamtschule gibt es doch
überhaupt keine Klassengerneinschaft.« Durch das ständige
Auseinanderreißen der Schüler, erklärte er mir, könne erst gar kein
Gemeinschaftsgefühl entstehen.

Ich weiß nicht, wer mehr enttäuscht war, Christiane oder ich. Sie sagte
nur: »Das ist doch alles sinnlos. Mir hilft nur eine Therapie.« Aber wo
sollte ich einen Therapieplatz hernehmen? Ich telefonierte kreuz und
quer durch die Behörden. Die verwiesen mich bestenfalls an die
Drogenberatungsstellen. Und die Drogenberatungsstellen bestanden
darauf, daß Christiane freiwillig zu ihnen kommt. So zerstritten sie
untereinander auch waren - die einen sprachen schlecht über die anderen
-, so einig waren sie sich in diesem Punkt. Freiwilligkeit sei die
einzige Voraussetzung für eine Therapie. Andernfalls sei eine Heilung
nicht möglich.

Und wenn ich dann Christiane bekniete, zu einer Drogenberatungsstelle zu
gehen, wurde sie sofort pampig: »Was soll ich denn da? Die haben ja
doch keinen Platz für mich. Ich hänge bei denen doch nicht wochenlang
nur rum. «

Was sollte ich machen? Wenn ich sie mit Gewalt zu den Drogenberatern
geschleppt hätte, hätten sie gegen ihr Prinzip verstoßen. Einerseits
kann ich heute ihre Haltung verstehen. Christiane war zu diesem
Zeitpunkt wohl tatsächlich noch nicht reif für eine ernsthafte Therapie.
Andererseits bin ich der Meinung, daß heroinsüchtige Kinder wie
Christiane ein Recht darauf haben, daß man ihnen auch gegen ihren Willen
hilft.

Später, als es Christiane öfter mal so dreckig ging, daß sie wirklich
freiwillig in eine strenge 7hcrapie gegangen ware, hieß es wieder: Kein
Platz, sechs bis acht Wochen Wartezeit. Mir blieb dann immer die Luft
weg. Ich konnte nur noch sagen: »Und was ist, wenn mein Kind bis dahin
tot ist?,< »ja, sie soll sich in der Zwischenzeit bei uns zu
Beratungsgesprächen einfinden, damit wir sehen, ob sie es ernst meint.«
Ich kann den Drogenberatern heute aus der Distanz keinen Vorwurf machen.
Bei den wenigen Therapieplätzen, die ihnen zur Verfügung stehen, messen
sie wohl zwangsläufig eine Auswahl treffen.

Ich bekam also keinen Therapieplatz, doch als Christiane aus den
Osterferien zurückkam, hatte ich den Eindruck, daß sie auch keinen mehr
braucht. Sie sah aus wie das blühende Leben. Ich dachte, daß sie nun
wirklich den Absprung geschafft hätte.
Sie machte auch häufig abfällige Bemerkungen über ihre Freundin Babsi,
die sich für Heroin an alte Kerle verkaufen werde. Für so was könnte
sie sich nie hergeben. Sie sei nun so froh, daß sie mit der ganzen
Szene, mit all dem Dreck nichts mehr zu tun hätte. Davon schien sie
überzeugt zu sein. Ich hätte jeden Eid darauf geschworen, daß sie es
ernst meint.

Schon nach wenigen Tagen ist sie erneut reingerasselt. Ich sah es an
ihren kleinen Pupillen. Ich konnte ihre Ausreden nicht mehr hören. »
Was du bloß immer hast, ich habe nur ein Pfeifchen geraucht«, blaffte
sie mich an. Es begann eine ganz schlimm c Zeit. Sie fing jetzt an,
mir faustdick ins Gesicht zu lügen. Obwohl ich sie durchschaute. Ich
gab ihr Hausarrest. Aber sie hielt sich nicht daran. Ich überlegte, ob
ich sie einsperre. Doch sie wäre aus dem Fenster gesprungen vom ersten
Stock aus. Das war mir zu riskant.

Ich war mit meinen Nerven ziemlich am Ende. Ich hielt diese kleinen
Pupillen nicht mehr aus. Drei Monate waren mittlerweile vergangen, seit
ich sie im Badezimmer erwischt hatte. Die Zeitungen meldeten alle paar
Tage einen Herointoten. Meistens nur in ein paar Zeilen. Die zählten
die Heroin-Opfer schon so selbstverständlich wie die Verkehrstoten.

Ich hatte erbärmliche Angst. Vor allem, weil Christiane nicht mehr offen
zu mir war. Weil sie nichts mehr zugab. Dieses Vertuschen machte mich
ganz rappelig. Wenn sie sich ertappt fühlte, wurde sie unflätig und
aggressiv. Langsam begann sich ihr Wesen zu ändern.

Ich bibberte um ihr Leben. Ihr Taschengeld - sie bekam 20 Mark im Monat
- erhielt sie nur noch kleckerweise. Ich hatte ständig diese Angst in
mir: Gebe ich ihr 20 Mark, dann kauft sie sich einen Schuß, und der kann
zuviel sein. Daß sie süchtig war - damit konnte ich halbwegs ]eben. Es
war die Angst, daß der nächste Schuß der letzte sein könnte, die mich
fertig machte. Ich war zufrieden, daß sie überhaupt noch nach Hause
kam. Im Gegenteil zu Babsi, deren Mutter mich oft unter Tränen anrief
und wissen wollte, wo Babsi ist.

Ich lebte in ständiger Aufreibung. Wenn das Telefon klingelte,
fürchtete ich, das ist die Polizei oder das Leichenschauhaus oder sonst
was Schlimmes. Ich schieße noch heute aus dem Bett hoch, wenn es
klingelt.

Mit Christiane war überhaupt nicht mehr zu reden. Wenn ich sie auf ihre
Sucht ansprach, hieß es nur: »Laß mich in Ruhe!« Ich hatte den Eindruck,
daß Christiane dabei war, sich aufzugeben.

Sie blieb zwar dabei, daß sie nicht mehr Heroin spritzen und nur
Haschisch nähme, doch im gleichen Maße, wie würde ich mir nichts mehr
vormachte, ließ ich mir auch von ihr nichts mehr vormachen. Ich stellte
regelmäßig ihr Zimmer auf den Kopf, und da fand ich dann auch
irgendwelche Utensilien. Zwei- oder dreimal sogar ein Spritzbesteck.
Die schmiß ich ihr vor die Füße, worauf sie mich nur beleidigt anschrie.
Die gehörten Detlef. Sie habe ihm die Spritzen weggenommen.

Als ich eines Tages von der Arbeit kam, saßen beide auf dem Bett im
Kinderzimmer und hatten gerade den Löffel heißgemacht. Ich war völlig
perplex über diese Frechheit. Ich konnte nur noch brüllen: »Macht bloß,
daß ihr rauskommt«.

Als sie draußen waren, heulte ich los, Ich bekam auf einmal eine
unbändige Wut auf die Polizei und unsere Regierung. Ich kam mir völlig
alleingelassen vor. Die BZ schrieb schon wieder über einen
Rauschgift-Toten. Es waren schon mehr als dreißig Opfer in diesem Jahr.
Und es war erst Mai. Ich konnte das alles nicht fassen. Da sah man im
Fernsehen, was für ungeheure Summen der Staat zur Bekämpfung des
Terrorismus ausgibt. Und in Berlin liefen die Dealer überall frei herum
und verkauften auf offener Straße Heroin wie Eis am Stiel.

Ich steigerte mich geradezu in diese Gedanken hinein. Plötzlich hörte
ich mich laut »Scheiß-Staat« sagen. Ich weiß nicht, was mir noch alles
durch den Kopf ging. Ich saß da im Wohnzimmer und guckte mir die Möbel
Stück für Stück an. Ich glaube, am liebsten hätte ich den ganzen Kram
kurz und klein geschlagen. Das war es also, wofür ich mich angestrengt
hatte. Dann heulte ich wieder.

An diesem Abend verprügelte ich Christiane ganz fürchterlich. Ich saß
aufrecht im Bett und wartete auf sie. In meinem Kopf rumorte es. Es
war eine Mischung aus Angst, aus Schuldgefühl und Selbstvorwürfen. Ich
fühlte mich als Versager, nicht nur, weil ich mit meiner Heirat und dem
vielen Arbeiten soviel falsch gemacht hatte. Auch weil ich lange Zeit
zu feige gewesen war, den Tatsachen bei Christiane ins Auge zu sehen.

An diesem Abend verlor ich meine letzte Illusion.

Christiane kam erst um halb eins nach Hause. Vom Fenster aus sah ich,
wie sie aus einem Mercedes ausstieg. Direkt vor der Haustür. Mein Gott,
dachte ich, jetzt ist alles aus. Jetzt hat sie jede Selbstachtung
abgelegt. Jetzt ist die Katastrophe da. Ich war am Boden zerstört. Ich
packte sie mir und verdrosch sie so fürchterlich, bis mir die Hände weh
taten. Zum Schluß saßen wir beide auf dem Teppich und heulten.
Christiane war völlig aufgelöst. Ich sagte ihr auf den Kopf zu, daß sie
auf den Strich geht, daß ich's nun weiß. Sie schüttelte nur den Kopf
und schluchzte: »Aber nicht so, wie du denkst, Mutti. «

Ich wollte es gar nicht genauer wissen. Ich schickte sie in die
Badewanne und dann ins Bett. Wie mir zumute war, kann sich niemand
vorstellen. Daß sie sich an Männer verkauft, das schmiß mich - glaube
ich - noch mehr um als ihre Heroinsucht.

Ich tat die ganze Nacht kein Auge zu. Ich überlegte, was bleibt dir
eigentlich noch übrig? Sogar eine Heimeinweisung
kam mir nun in meiner Verzweiflung in den Sinn. Aber das hätte alles
nur noch verschlimmert. Sie hätten Christiane zunächst im
Hauptpflegeheim in der Ollenhauerstraße untergebracht. Und davor hatte
mich schon mal eine Lehrerin dringend gewarnt, unter anderem, weil die
Mädchen sich dort untereinander zur Prostitution verleiten.

Ich sah nur noch eine Möglichkeit: Christiane muß sofort aus Berlin
raus. Für immer. Ob sie will oder nicht. Raus aus diesem Sumpf, wo sie
immer wieder verfuhrt wird. Dorthin, wo sie vor Heroin sicher ist.

Meine Mutter in Hessen wollte sie sofort nehmen und meine Schwägerin in
Schleswig-Holstein auch. Als ich Christiane meinen Entschluß verkündete,
wurde sie auf einmal ganz kleinlaut und verstört. Ich hatte die
notwendigen Vorbereitungen bereits eingeleitet. Doch dann schlich
Christiane scheinbar reumütig an und war bereit, in eine 7herapie zu
gehen. Sie hatte sogar einen Therapieplatz gefunden. Bei »Narkonon«.

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Denn ich war unsicher, ob sie's ohne
7herapie in Westdeutschland schafft und meinen Verwandten nicht
durchbrennt.

Ich wußte nichts Genaues über Narkonon, nur, daß es dort Geld kostet.
Ich fuhr mit ihr zwei Tage vor ihrem fünfzehnten Geburtstag auf der
Stelle im Taxi zu Narkonon. Ein junger Mann führte mit uns ein
verbindliches Aufnahmegespräch. Er beglückwünschte uns zu unserem
Entschluß und versicherte mir, nun brauche ich mir keine Sorgen mehr zu
machen. Die Narkonon-Therapie sei in der Regel ein voller Erfolg. Ich
könne ganz beruhigt sein. Ich war erleichtert wie lange nicht mehr.
Dann legte er mir die Zahlungsverpflichtung zur Unterschrift vor. 52
Mark am Tag und jeweils Vorschuß für vier Wochen. Das war mehr, als ich
netto verdiente. Aber was machte d s schon? Außerdem stellte mir der
junge Mann die Erstattung der Therapiekosten durch das Bezirksamt in
Aussieht.

Ich kratzte am nächsten Tag 500 Mark zusammen und brachte sie, zu
Narkonon. Dann nahm ich einen Kredit von 1000 Mark auf und zahlte sie
auf dem nächsten Elternabend ein. Die Elternabende führte ein angeblich
ehemaliger Abhängiger. Dem sah man seine Vergangenheit überhaupt nicht
an. Dank Narkonon, so sagte er, sei er ein neuer Mensch geworden. Und
das imponierte uns Eltern. Er beteuerte mir auch, was für Fortschritte
Christiane macht.

In Wirklichkeit spielten die uns Theater vor und hatten es auf unser
Geld abgesehen. Später erfuhr ich aus der Zeitung, daß Narkonon zu einer
dubiosen amerikanischen Sekte gehört und aus der Angst der Eltern
Kapital schlagen will.

Aber wie bei allem, wurde ich auch hier erst schlau, als das Kind schon
in den Brunnen gefallen war. Vorerst wähnte ich Christiane bestens
aufgehoben. Und da wollte ich sie so lange wie möglich lassen. Also
brauchte ich Geld.

Ich lief die Ämter ab. Aber keiner wollte zuständig sein. Keiner
schenkte mir reinen Wein ein über Narkonon. Ich fühlte mich entmutigt
und verschaukelt. Ich kam mir vor, als ob ich den Leuten ihre Zeit
stähle. Irgend jemand sagte mir dann, daß ich als erstes ein
amtsärztliches Attest über Christianes Drogenabhängigkeit brauche, um
überhaupt einen Antrag auf Kostenerstattung einer Therapie stellten zu
können. Ich hielt das für einen Witz. Jeder, der von der Sache etwas
verstand, konnte Christiane das Elend inzwischen ansehen. Aber das war
nun mal der Amtsweg. Bloß - als ich nach zwei Wochen endlich einen
Termin beim Amtsarzt hatte, war Christiane bei Narkonon bereits wieder
ausgerissen. Schon das dritte Mal.

Ich heulte wieder Rotz und Wasser. Ich dachte: Jetzt geht das wieder
von vorne los. Ich hatte doch jedesmal gehofft, vielleicht schafft sie
es nun. Ich machte mich mit meinem Freund auf die Suche. Nachmittags
grasten wir die Hasenheide ab, abends die Innenstadt und die
Diskotheken, zwischendurch die Bahnhöfe. Überall, wo die Szene sich
aufhält. Jeden Tag, jede Nacht zogen wir aufs neue los. Wir
durchkämmten sogar die Toiletten in der City. Bei der Polizei hatten
wir sie als vermißt gemeldet. Die meinten nur, sie nähmen Christiane in
die Fahndungsliste auf. Sie wurde schon wieder auftauchen.

Am liebsten hätte ich mich irgendwo verkrochen. Ich hatte nur noch
Angst. Angst vor dem Anruf. Ihre Tochter ist tot. Ich war ein einziges
Nervenbündel. Ich hatte keine Lust mehr, kein Interesse ich mußte mich
aufraffen zur Arbeit. Ich wollte mich aber auch nicht krankschreiben
lassen. Ich kriegte Herzbeschwerden. Meinen linken Arm konnte ich kaum
noch bewegen. Nachts schlief er mir immer ein. Es rumpelte in meinem
Magen. Die Nieren taten weh, und mein Kopf drohte auseinanderzuplatzcn.
Von mir war nur noch ein Häuflein Elend übrig.

Ich ging zum Arzt. Der gab mir den Rest. Alles nervlich, sagte er nach
der Untersuchung und verschrieb mir Valium. Als ich ihm erzählte, warum
ich so durcheinander bin, sagte er, vor ein paar Tagen sei auch so ein
junges Mädchen zu gekommen und habe ihm gestanden, daß sie drogensüchtig
sei' und ihn gefragt, was sie machen soll. »Und was haben Sie ihr
gesagt?« fragte ich. »Sie soll sich 'nen Strick nehmen« war seine
Antwort. Es gäbe keine Hilfe, Genau so hat er es gesagt.

Als sich Christiane nach einer Woche bei Narkonon zurückmeldete, konnte
ich mich nicht mal mehr richtig freuen. Als ob etwas in mir gestorben
wäre. Ich war der Meinung, alles nur Menschenmöglich.- in Gang gebracht
zu haben. Doch nichts hatte geholfen. Im Gegenteil.

Der ganze Schlamassel war immer größer geworden. Auch durch Narkonon
war an Christiane mehr verdorben als verbessert worden. Sie hatte sich
dort abrupt verändert. Sie wirkte ordinär, gar nicht mehr mädchenhaft,
eher abstoßend.

Ich war bereits bei meinen ersten Besuchen in der Narkonon-Villa stutzig
geworden. Christiane war mir plötzlich fremd. Irgend etwas war kaputt.
Bis dahin hatte sie ja trotz allem noch eine innere Bindung zu mir. Die
war futsch. Ausgelöscht wie nach einer Gehirnwäsche.

In dieser Situation bat ich meinen geschiedenen Mann, er solle
Christiane nach Westdeutschland bringen. Doch er wollte sie lieber zu
sich zu nehmen. Er würde schon mit ihr fertig werden. Und wenn sie
nicht spurt, auch mit 'ner Tracht Prügel.

Ich wehrte mich nicht dagegen. Ich war mit meinem Latein am Ende. Ich
hatte schon so viel falsch gemacht, daß ich auf einmal Angst hatte, mit
Westdeutschland die Fehlerkette fortzusetzen.


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