Holodomor – Völkermord gegen die Ukraine? Von Hermann Ploppa

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D. Schlenk

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Holodomor – Völkermord gegen die Ukraine? | Von Hermann
Ploppa


Veröffentlicht am: 3. Dezember 2022



Ein Kommentar von Hermann Ploppa.

Der Deutsche Bundestag als selbsternannte
Historikerkommission und als Akteur in der
ukrainisch-russischen Propagandaschlacht. Statt
längst überfälliger Deeskalation wird Öl ins Feuer
gegossen.

Der Deutsche Bundestag hat mit großer Mehrheit am
vergangenen Mittwoch, dem 30. November 2022, eine Resolution
verabschiedet, die in mehrfacher Hinsicht zu denken gibt
<1>. Der Deutsche Bundestag hat nämlich im Namen des
Deutschen Volkes festgelegt, dass die furchtbare Hungersnot,
die sich in den Jahren 1932 bis 1933 in der Sowjetunion
abgespielt hat, und an deren Folgen Millionen Sowjetbürger
elend verstorben sind, ein Akt des Völkermordes gegen das
Volk der Ukrainer gewesen sei. Diese humanitäre Katastrophe
ging in die Geschichte ein als Holodomor. Holodomor bedeutet
auf Deutsch: Hunger-Plage oder Hungersnot. Diese
Hunger-Plage trat allerdings nicht nur in der Ukraine auf,
sondern auch im Wolgabecken und in Teilen Kasachstans. Es
ist unstrittig, dass das Stalin-Regime im Zuge der
Zwangskollektivierung bedeutende Mengen der Getreide-Ernte
beschlagnahmte und sogar ins Ausland exportierte, um an
dringend benötigte Devisen heranzukommen. Unter Historikern
ist somit einzig umstritten, welches Motiv die
Sowjetregierung bei diesen Zwangsenteignungen von
Lebensmitteln angetrieben hat. Da die Quellenlage nicht ganz
einfach ist, stochern die Historiker ein bisschen im Nebel:
handelt es sich hier um einen groben Managementfehler der
Sowjetführung? Oder nahmen Stalin und seine
Erfüllungsgehilfen den massenhaften Tod von unschuldigen
Zivilisten billigend in Kauf, um die widerstrebende
Bevölkerung quasi durch Hungerfolter gefügig zu machen? Oder
wollte Stalin gar bestimmte Völkerschaften und deren Kultur
systematisch auslöschen?

Während also für Historiker die Sache gar nicht klar ist,
weiß nun der Deutsche Bundestag seit Neuestem ganz genau,
dass die Sowjetführer ganz gezielt das Volk der Ukrainer
auslöschen wollten. Nun wird sich der geneigte Leser fragen:
was hat denn der Bundestag mit solchen Themen zu tun?
Zunächst einmal: es handelt sich hier natürlich nur um eine
Resolution, oder auch: Entschließung. Das ist in keiner
Weise rechtlich bindend und stellt nur eine Art
Stimmungsbild der Abgeordneten dar. Und es ist zudem eine
Reaktion auf ein pseudo-plebiszitäres Element unserer
Demokratie. Diese Resolution wurde nämlich angestoßen durch
zwei so genannte Petitionen. Im Fall von Petitionen sammeln
Bürger Unterschriften und schicken diese dann an den
zuständigen Bundestags-Fachausschuss: „Der Bundestag möge
beschließen …“ So hatten ukrainische Aktivisten bereits
2012 eine Petition eingebracht, dass der Bundestag den
Holodomor als gezielten Genozid einstufen solle. Das wurde
2017 zurückgewiesen. Doch die Eskalation des Konflikts mit
Russland verbesserte die Chancen eines erneuten Vorstoßes im
Jahre 2018 <2>. Und aufgrund dieser Petition hat jetzt der
Bundestag seine Resolution mehrheitlich verabschiedet. Man
sieht, ob Petitionen den Weg zur Bundestagsabstimmung
finden, hängt von politischen Interessenlagen ab. Die
Befreiung von Julian Assange als politischen Gefangenen
haben unzählige Petitionen bereits gefordert <3>. Jedoch ist
das politisch nicht opportun – man will ja schließlich nicht
unsere amerikanischen Verbündeten verärgern. Also landen
solche Petitionen mit schöner Regelmäßigkeit im Papierkorb.

Und wenn auch die aktuelle Bundestagsresolution zur
Feststellung des Holodomor als Genozid gegen Ukrainer
keine normative Kraft besitzt, so entfaltet sie dennoch
ihre Wirkung. Zum Einen wird eine Festlegung im
ukrainisch-russischen Propagandakrieg die Beziehungen
zu Russland weiter massiv verschlechtern.

Wenn die Resolution des Bundestags der Wahrheit entspräche,
könnte man diesen Effekt gerne in Kauf nehmen. Doch dass dem
nicht so ist, werden wir noch sehen. Die Beziehung zwischen
Politik, Justiz und Geschichtswissenschaft stellt zudem eine
äußerst diffuse Gemengelage dar. Es gibt keine klare
Grenzziehung. Historiker bestärken oft bewusst Politiker in
deren aggressiven Vorhaben. Und Historiker mutieren hier
leider allzu oft zu Propagandisten der Politiker. Richter
wiederum lassen in ihre Urteile Einschätzungen von
einflussreichen politisierenden Historikern einfließen. Und
so verhält es sich leider auch bei der
Holodomor-Entschließung. Diese Resolution könnte dazu
führen, dass der neu gefasste Volksverhetzungsparagraph 130
nun auch gegen Personen ins Feld geführt wird, die zu
bezweifeln wagen, im Holodomor einen gezielten Völkermord zu
sehen <4>. Damit würde der Genozid-Vorwurf gegen Russland
als Rechtsnachfolger der ehemaligen Sowjetunion zu einer
monopolisierten messerscharfen Propagandawaffe, gegen die in
Deutschland dann nicht mehr argumentiert werden kann. Dazu
kommt das quantitative Argument: bereits 16 Parlamente
weltweit hätten den Holodomor als Genozidversuch der
russischen Sowjets in Resolutionen verurteilt <5>. Die
können doch nicht irren, oder? Der Druck auf die Historiker
nimmt zu, endlich dem Genozid-Narrativ der Ukrainer zu
folgen.

Dabei war auch in der Ukraine die Genozid-Theorie nicht
immer gültig. Erst im Jahre 2006 hatte der damalige
ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko das
Genozid-Narrativ zur rechtsverbindlichen Nationalerzählung
der Ukraine erhoben und eine entsprechende
Erinnerungs-Infrastruktur mit Lehrbüchern, Gedenkfeiern und
speziellen Holodomor-Museen installieren lassen. Sein
Amtsnachfolger Wiktor Janukowytsch erinnerte allerdings
daran, dass in der Ukraine viele unterschiedliche Völker
leben, und dass diese Völker ebenfalls ein Anrecht auf
angemessene Erinnerungskultur haben. Doch der
Maidan-Aufstand brachte dann die einseitige Auslegung, dass
es in der Ukraine nur ethnische Ukrainer gäbe, und dass alle
anderen Ethnien sich gefälligst zu ukrainisieren hätten. Die
ukrainische Monokultur und Intoleranz gegen andere Völker
wurde von der westlichen Wertegemeinschaft massiv gefördert.
Immer aggressiver wird seitdem auch das Auftreten der
Selenski-Lobby. Aus dieser Ecke wird übergriffig auf
deutsche Historiker eingewirkt, dem Genozid-Narrativ
bedingungslos zu folgen. Als die deutsch-ukrainische
Historikerkommission ein Seminar im Internet mit dem Titel:
„War der Holodomor ein Genozid?“ ankündigte, kommentierte
das Holodomor-Museum in Kiew: „Die Äußerung von ‚Zweifeln‘
in einem so kritischen Moment kann nicht wiedergutzumachende
Konsequenzen zur Folge haben.“ <6> Genervt stellen
Historiker klar, dass es nicht ihre Aufgabe sein darf, die
willigen Erfüllungsgehilfen irgendwelcher Kriegsparteien
abzugeben. Und dass es nicht die Aufgabe von Parlamenten
sein darf, strittige historische Fragen einseitig zu
entscheiden <7>.

Die begriffliche Eskalation von der Definition des Holodomor
als Verbrechen gegen die Menschlichkeit hin zum planvollen
Genozid geht genau einher mit der Zuspitzung des Konflikts
zwischen Ukraine und der Russischen Föderation, oder auch
der Verschärfung der militärischen Auseinandersetzung
zwischen der NATO und den mit Russland verbündeten
Streitkräften. Im Jahre 2008 hatte das Europa-Parlament in
einer Resolution noch von einem Verbrechen gegen die
Menschlichkeit gesprochen. Das hatte der deutsche
Abgeordnete der Linken Helmuth Markov abgelehnt mit den
Worten: „Wer „nicht gleichzeitig der [anderen Republiken
und] Nationalitäten [der Sowjetunion] gedenkt, handelt
völkisch und missachtet das Leid aller Betroffenen“ <8>. In
der Tat: eine Selektion nach erinnerungswürdigen und nicht
erinnerungswürdigen Opfern ist moralisch zutiefst
verwerflich. Eine solche selektive Verengung ist aber aus
kriegspropagandistischen Gründen für die westliche
Wertegemeinschaft unverzichtbar.

Was unterscheidet „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ vom
Genozid?

Beide Begriffe wurden erst nach dem Ende des Zweiten
Weltkriegs exakt definiert. Der Straftatbestand des
Verbrechens gegen die Menschlichkeit war ein zentrales
Instrument für die Strafverfolgung der Nazi-Schergen beim
Nürnberger Kriegsverbrechertribunal. Damit ist in erster
Linie gemeint ein systematischer und lange andauernder
Terror gegen die Zivilbevölkerung. Im Gegensatz dazu ist der
Völkermord oder Genozid ein systematischer Terror gegen eine
ganz bestimmte Bevölkerungsgruppe. Ziel ist die Vernichtung
der Identität dieser Volksgruppe. Genozid wurde im Jahre
1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen als
rechtsverbindlicher Straftatbestand angenommen und ging
damit in das internationale Völkerstrafrecht ein. Für beide
Straftatbestände gilt, dass sie nicht rückwirkend angewandt
werden können. Auf diese Weise bleibt der Völkermord des
Osmanischen Reiches gegen die Armenier genauso ungesühnt wie
auch der millionenfache Völkermord der USA gegen das
philippinische Volk in den Jahren 1898 bis 1908. Es gilt:
nulla poena sine lege – keine Bestrafung ohne Gesetz.

Den Begriff des Genozids hatte der polnische Rechtsgelehrte
Raphael Lemkin für die Vereinten Nationen ausgearbeitet.
Allerdings hatte Lemkin es nicht bei einer allgemeinen
Definition des Völkermords belassen. 1953 brachte Lemkin im
Aufsatz Soviet Genocide in the Ukraine , also: der
sowjetische Völkermord in der Ukraine seine Reputation ein,
um die Sowjetunion des Völkermords beim Holodomor zu
bezichtigen <9>. Und wie bei Zbigniew Brzezinski kann man
auch im Falle von Lemkin leider nicht ganz ausblenden, dass
die polnische Herkunft das Russland-Bild nicht unerheblich
verzerrt. Lemkin bezichtigt „die Russen“, schon unter ihren
Zaren eine tiefsitzende Neigung zum Völkermord ausgelebt zu
haben. Die Russen neigten in ihrer Politik angeblich zu
einer ständigen Russifizierung aller anderen Völker. Und die
Sowjetunion sei nun auch nichts anderes gewesen als eine
kulturell ausgehöhlte Machtmaschine zur Zwangsrussifizierung
aller anderen Völker. Der Holodomor sei ein besonders
grausamer Akt der Vernichtung der Ukrainer gewesen. Denn die
Ukrainer sind laut der Erzählung Lemkins ein komplett
anderes Volk, ohne jede Verwandtschaft mit den Russen. Die
Russen hätten gleich 75 Prozent aller ukrainischen
Intellektuellen ausgelöscht und in ihrer Bösartigkeit bis zu
fünf Millionen Ukrainer durch Verhungern ermordet. Lemkin
setzt den Terror im Holodomor gleich mit den Terrormethoden
der Nazis. Der Ort Vinnitsa sei das ukrainische Dachau, und
das Dorf Zvadka sei die Entsprechung zu dem von SS-Schergen
ausgelöschten tschechischen Dorf Lidice. Lemkins
Schlussfolgerung: „Die sowjetische nationale Einheit wurde
nicht durch eine Einigkeit der Ideen und Kulturen erreicht,
sondern durch die vollständige Vernichtung aller Kulturen
und Ideen mit Ausnahme der sowjetischen.“ Diese vollkommen
unwissenschaftliche Gleichsetzung von Hitlerfaschismus mit
der Sowjetdiktatur entsprach der damals vorherrschenden
Totalitarismustheorie, die heute in rechten libertären
Kreisen grausige Auferstehung feiert <10>.

Dazu gibt es eine ganze Menge anzumerken. Lemkin assistiert
mit seinem Aufsatz den propagandistischen Bemühungen seines
Gastgeberlandes USA im aufkommenden Kalten Krieg gegen die
Sowjetunion. Die USA hatten sich nach einer Partnerschaft im
Zweiten Weltkrieg mit der Sowjetunion dazu entschlossen,
durch die Operation Dropshot einen Nuklearkrieg gegen den
ehemaligen russischen Verbündeten anzuzetteln <11>. Während
zuvor unter US-Präsident Roosevelt eine objektive Sicht auf
die Sowjetunion gepflegt wurde, boten die USA in ihrer
Propaganda nach dem Krieg alles auf, was die Sowjetunion und
ihre Bewohner entmenschlichen konnte. Und was gleichzeitig
Konflikte zwischen verschiedenen Völkern der Sowjetunion
anzuzetteln in der Lage war. Und so unterschlägt Professor
Lemkin in seinem Aufsatz wichtige Tatbestände, die sein
Russlandbild relativieren könnten.

Dazu gehört, dass die Sowjetunion als Ganzes durch den
Überfall Nazi-Deutschlands im Jahre 1941 selber von einem
Genozid bedroht war. Dieser Nazi-Genozid kostete 28
Millionen Sowjetbürgern das Leben. Und die Sowjetunion hatte
die Hauptlast zu tragen, um das genozidale Nazi-Regime
schließlich niederzuringen. Zum Gesamtbild gehört auch, dass
die Sowjetunion in ihrer Anfangszeit im Jahre 1921 massiven
Angriffen durch ausländische Interventionstruppen ausgesetzt
war. In der Folge dieser Invasionen kam es bereits damals zu
entsetzlichen Hungersnöten und Seuchen, an denen Millionen
Menschen verstarben.

Nicht zu leugnen ist jedoch, dass auf Lenins Neue
Ökonomische Politik, die den Bauern eigenverantwortliches
Wirtschaften ermöglichte, mit der Machtübernahme durch
Stalin eine erneute Phase der Massenenteignung folgte. Die
damit einhergehende Verunsicherung und Demotivierung ließ
die Ernteerträge rasch schrumpfen. Und wie bereits
angedeutet, haben die Vollstrecker der Stalin-Diktatur
tatsächlich das dringend benötigte Getreide abgezogen und
ins Ausland verkauft. Zur gleichen Zeit wurden die Menschen
daran gehindert, das Hungergebiet zu verlassen. Damit haben
die Stalinisten eine entsetzliche Hungersnot in Kauf
genommen. Die Frage war aber doch, ob dieser
Lebensmittel-Diebstahl ein Akt des gezielten Völkermords
gegen die Ukrainer gewesen ist. Das ist eindeutig nicht der
Fall. Denn von den Lebensmittel-Requirierungen waren die in
der Ukraine lebenden Menschen deutscher Kultur und jene der
polnischen Kultur genauso, wenn nicht sogar schlimmer
betroffen. Und die Hungersnot erstreckte sich über viele
Regionen der Sowjetunion – nicht nur speziell über die
Ukraine. Eine Absicht, die Ukraine als kulturelles,
ethnisches und staatliches Gebilde durch Russifizierung zu
zerschlagen, lässt sich nicht erkennen. Vielmehr war die
Eigenständigkeit der Ukraine als autonome Sowjetrepublik in
der föderalen Struktur tief verankert. Tatsächlich hat
Stalin diese föderale Struktur durch zentralistische
Substrukturen zeitweilig untergraben. Allerdings sind Josef
Stalin und die wichtigen Organisatoren des
Repressionsapparates keine ethnischen Russen gewesen,
sondern Georgier. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die
Ukraine nach dem Zweiten Weltkrieg als autonome
Sowjetrepublik einen eigenen Sitz hatte bei den Vereinten
Nationen und dabei zweimal turnusmäßig auch im
Weltsicherheitsrat vertreten war. Und der starke Mann der
Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg, Nikita
Chruschtschow, war der Ukraine sehr zugetan. Bis heute
bleibt umstritten, warum Chruschtschow im Jahre 1954 die
Halbinsel Krim am Schwarzen Meer aus der Verantwortung der
Russischen Sowjetrepublik in die der Ukrainischen
Sowjetrepublik übertrug <12>. Das alles spricht nun in
keiner Weise für die Behauptung, die Russen hätten die
Auslöschung der ukrainischen Nation vorgehabt.

Recycling alter Legenden in neuen Schläuchen

In der Phase der Entspannung zwischen dem Sowjetblock und
dem NATO-Block fiel die Story von dem versuchten Völkermord
der Russen an den Ukrainern weitgehend dem Vergessen anheim.
Doch nach dem Maidan-Putsch von 2014 wurden die alten
Narrative wieder aus der Mottenkiste geholt. Im Jahre 2017
wärmte Anne Applebaum die alten Legenden erneut auf. Ihr
Buch Red Famine , also: Roter Hunger, wurde von der
westlichen Mainstreampresse massiv hochgejubelt <13>.
Zunächst einmal muss man bei jedem Buchautor als Erstes nach
einem möglichen Interessenkonflikt Ausschau halten. Frau
Applebaum ist mitnichten eine objektive Historikerin, der es
um die bestmögliche Annäherung an die historische Wahrheit
geht. Applebaum ist vielmehr ganz hoch angesiedelt in der
ideologischen Matrix des US-Imperiums. Und zwar als Mitglied
im New Yorker Strategieforum Council on Foreign Relations.
Zudem ist sie Mitglied in der Londoner marktradikalen
Denkfabrik Legatum Institute und nicht zuletzt ist Applebaum
Mitarbeiterin des regierungsnahen National Endowment for
Democracy.

Das NED kümmert sich darum, andere Länder auf USA-Linie zu
bringen durch Propaganda oder Regime Change-Manöver.
Applebaum legt im Prinzip die Argumentation von Lemkin
wieder auf. Neu sind bei Applebaum im wesentlichen viele
bislang unbekannte Zeugnisse von direkt betroffenen
Personen. Allerdings werfen ihr Kritiker vor, nur jene
Fakten zu berücksichtigen, die das Bild vom systematischen
Genozid unterstützen, und alles andere einfach wegzulassen
<14>. Rezensent Marc Tauger moniert, dass bereits die
Übersetzung des Wortes Holodomor durch die Autorin falsch
sei: Holodomor bedeutet Hunger-Plage und nicht, wie
Applebaum behauptet: „Auslöschung durch Hunger“ <15>.

Wir sehen also, dass geschichtliche Narrative eine wichtige
Währung an der Propagandafront sind. Wer die richtige
Erzählung hat, wähnt sich im Recht. Also der Gerechte, der
Tugendhafte zu sein. Der Gegner ist ein Verbrecher, den man
wegen seines Angriffskriegs der verdienten Strafe zuführt.
Wir kennen das Schema bestens von den beiden Irak-Kriegen
oder dem Jugoslawien-Krieg. Nachdem das delegitimierte Land
annektiert ist, kann der Aggressor gut damit leben, wenn im
Nachhinein herauskommt, dass die delegitimierende Erzählung
nichts als eine schäbige Lüge ist. So geschehen mit den
Brutkästen im ersten Irak-Krieg oder die Chemiewaffen-Lüge
im zweiten Irak-Krieg.

Nun hat also die Mehrheit der Abgeordneten des deutschen
Bundestages den einseitigen Narrativen von Raphael Lemkin
und Anne Applebaum ihren legislativen Segen erteilt. Doch
wenn man genau hinschaut, sind sich die zustimmenden
Abgeordneten anscheinend selber nicht ganz sicher ob sie
wissen wovon sie eigentlich sprechen. Denn in der
Verlautbarung des Bundestages über die Resolution heißt es
ganz vorsichtig: „Der Holodomor stelle ein
‚Menschheitsverbrechen‘ dar, aus heutiger Perspektive liege
‚eine historisch-politische Einordnung als Völkermord nahe‘,
schreiben die Abgeordneten.“ <16> Wie bitte? „Liegt nahe“?
Natürlich werden solche Spitzfindigkeiten in den Klickzahlen
erzeugenden Mainstream-Medien keine Rolle spielen. Hier gibt
es nur schwarz auf weiß. Gut gegen Böse. Da trompetet die
Tagesschau im Sinne von Applebaum: „Holodomor heißt ‚Mord
durch Hunger‘“ <17>. Eigenrecherche überflüssig. So
funktioniert Propaganda. So viel ist gewiss: kaum ein
Bundestagsabgeordneter wird sich jemals die Mühe gemacht
haben, die feinen begrifflichen Unterschiede zwischen
Menschheitsverbrechen und gezieltem Völkermord
herauszuschälen, bevor er seine Stimme abgegeben hat.
Entsprechend schlapp fallen denn auch die Gegenstimmen im
Bundestag aus. Die konservativ-libertäre AfD enthält sich
lediglich der Stimme. Ihr Sprecher Marc Jongen kennt
wenigstens den Unterschied zwischen Menschheitsverbrechen
und Völkermord. Ansonsten findet er, dass die
Bundesregierung in der Vergangenheit „kommunistische
Verbrechen“ immer bagatellisiert habe. Auch Gregor Gysi von
der Linkspartei stellt in seiner Rede den Unterschied in den
Begriffen heraus und kritisiert die primitive Gleichsetzung
von Kommunismus und Nationalsozialismus, die in der
Resolution als Subtext mitschwingt. Aber die Gelegenheit
wird verpasst, hier vor dem hohen Haus einmal die dreiste
Instrumentalisierung der Historikerzunft für die
propagandistische Kriegsvorbereitung klar zu benennen. Die
Abgeordneten haben die verdammte Pflicht, eine konsequente
Abrüstung auf allen Gebieten, auch jenen der Ideologie, zu
fordern.

Anstatt mit unfundierten, substanzlosen Resolutionen den
Hass weiter anzuheizen, sollten die Abgeordneten das
Sicherheitsbedürfnis der Völker in Mitteleuropa endlich
ernst nehmen und für Abrüstung und Deeskalation sorgen. Für
die baltischen Länder, für Polen, Ukraine, Russland und
nicht zuletzt Deutschland muss endlich eine stabile
Sicherheitsarchitektur geschaffen werden, um im gemeinsamen
Haus Europa Frieden und Wohlstand für alle zu gewährleisten.
Quellen und Anmerkungen

<1>
https://www.tagesschau.de/inland/holodomor-bundestag-anerkennung-101.html

<2>
https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2018/_12/_14/Petition_89118.nc.html

<3> Eine von vielen:
https://www.openpetition.eu/petition/online/freiheit-fuer-julian-assange-jetzt

<4>
https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/volksverhetzung-voelkermord-kriegsverbechen-groeblich-verharmlosen-billigen-leugnen-130-stgb-holocaust/

<5>
https://www.rnd.de/politik/resolution-zum-holodomor-im-bundestag-hungersnot-soll-als-voelkermord-anerkannt-werde-XYRLM27HR5BIJEKHN5KYLP4TWE.html

<6>
https://www.dach-ukraine.de/de/holodomor-in-der-ukraine/251-die-deutsch-ukrainische-historikerkommission-und-der-holodomor.html

<7> https://erinnerung.hypotheses.org/8916

<8> Zitiert nach Fußnote <7>

<9> Raphael Lemkin: Soviet Genocide in the Ukraine.

https://web.archive.org/web/20120302234607/http://www.uccla.ca/SOVIET_GENOCIDE_IN_THE_UKRAINE.pdf

<10> https://www.rubikon.news/artikel/totalitarismus-2-0

<11> https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Dropshot

<12>
https://www.wilsoncenter.org/publication/why-did-russia-give-away-crimea-sixty-years-ago

<13>
https://www.theguardian.com/books/2017/aug/25/red-famine-stalins-war-on-ukraine-anne-applebaum-review

<14> https://reviews.history.ac.uk/review/2203 sowie
https://www.sueddeutsche.de/politik/stalin-ukraine-1.4752620

<15> http://historynewsnetwork.org/article/169438

<16>
https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw48-de-holodomor-923060

<17>
https://www.tagesschau.de/inland/holodomor-bundestag-anerkennung-101.html

+++

Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung des
Beitrags.

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