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Reisebericht SO-Eur. 1990

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Henning Weede

unread,
Aug 31, 1993, 10:38:41 AM8/31/93
to

FRUEHSTUECK IN ANDRIJEVICA

Fragment eines Motorrad-Reiseberichts der Route:
Berlin - Adria - Istanbul
( - Kreta - Italien - Schweiz - Berlin)

im Herbst 1990

von
Henning Weede

Drei Jahre spaeter gepostet
fuer die lieben Leserinnen und Leser der Newsgroup

de.soc.verkehr


mit der Bitte um eine Schwiegeminute
fuer die Opfer des Krieges,
der inzwischen einen Teil dieser Route ueberschattet.


(Versionen mit besserer Umlaut-Darstellung (IBM, LaTeX) existieren
und koennen gemailt werden, wenn's nicht zu viele Anfragen werden.)

-------------------------------------------------------------------

Diese Reise sollte dem Zweck dienen, innerhalb des begrenzten
Urlaubs moeglichst grosse Teile Suedosteuropas kennenzulernen. Mit
keinem anderen Verkehrsmittel ist es moeglich, die hier
geschilderten Landschaften und Eindruecke so unmittelbar,
detailliert und in so rascher Folge zu erleben wie mit dem
Motorrad. Leserinnen und Leser, die Motorraeder nicht moegen,
werden dennoch ueberrascht sein, wie selten explizit davon die
Rede ist.


22.9.90, in Kroatien, auf dem Weg von Slunj nach Zadar:

Ploetzlich ist sie da, die aride, subtropische Landschaft, die ich
so vermisst hatte. Felsen, Steppe, von der Sonne gereinigt, die
erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel brennt. Je naeher die Kueste
rueckt, desto steiler und felsiger wird das Gelaende. Die Strasse
wird schmal und die Kurven abenteuerlich. Weit unten leuchtet
blau und klar ein Stausee zu mir herauf. Oder ist es schon ein
Zipfel Adria, das Novigradsko More? Steil windet sich die Strasse
dort hinunter, und es erwartet mich ein kleines Nest mit
Tankstelle.

Nach dem Tanken fuehrt die Strasse serpentinenreich wieder bergauf.
Nach einigen Kurven wird mein Vorwaertsdrang jaeh gebremst: Vor
mir schaukelt ein Oesterreicher sein Wohnmobil durch die Gegend,
und am Strassenrand grast friedlich ein Esel. Mir juckt das Fell,
mit Lichhupe und Handzeichen einen Zusammenhang herzustellen,
aber die Serpentinen erlauben keine Akrobatik.

Zadar rueckt naeher, und die Strasse wird gerade und eintoenig. Hin
und wieder ein Dorf. Eine Schar Gaense watschelt diszipliniert,
wenn auch nicht gerade im Gaensemarsch, beiseite. Kurz vor Zadar
bietet der Flugplatz eine Kuriositaet, die ich bislang nur von
Gibraltar kannte: die Strasse kreuzt die Landebahn. Schlagbaeume
und Wachposten regeln die Prioritaeten.

Unertraeglich heiss ist es geworden. Irgendwo zwischen den
schmutzigen Wohnblocks auf der Rueckseite von Zadar wird eine
aufwendige Umzieh- und Umpack-Aktion faellig. Waehrend ich die
warme Kombi gegen die alte, ehrwuerdige Lederjacke tausche, breite
ich meine Siebensachen auf dem Gehweg aus. Der Platz auf dem
Motorrad ist nun einmal knapp, und der Tankrucksack muss prall
gefuellt sein, damit er unterwegs nicht wackelt. Ein
Miliz-Polizist kommt vorbei und mustert dieses Stilleben mit
drohendem Blick.

Zadar ist eine mittelgrosse Hafenstadt und muesste demzufolge
eigentlich auch ueber eine idyllische Altstadt am Wasser verfuegen.
Durch die Unbilden der serbokroatischen Fahrbahn-Beschriftung und
Beschilderung taste ich mich durch die Stadt und werde
schliesslich fuendig. Beim Mittagessen geniesse ich den Anblick der
Fischerboote und Stadtmauern und das Gefuehl, die Adria, mein
erstes Reiseziel, erreicht zu haben. So gestaerkt, besteige ich
wieder mein "Pferd" und mache mich auf den Weg nach Sueden.

Kritisch mustere ich den Fahrbahn-Belag der Adria-Kuestenstrasse,
der zumindest bei Regen als glitschige Todesfalle gilt. Der
Grund: Dieseloel. Es stimmt: deutlich zieht sich in der Mitte
des Fahrstreifens ein dunkler Strich entlang. In engen Kurven
sind sogar grossflaechige Tropfen zu erkennen. Deshalb wurde
stellenweise die Fahrbahn aufgefraest, aehnlich wie auf den
DDR-Autobahnen. Die krummen Rillen zwingen meinem Vorderrad eine
torkelnde Eigendynamik auf. Wenigstens regnet es nicht.

Ungefaehr bis Split ist dem Gebirge eine Kuestenebene vorgelagert,
die man als hochgradig touristisch erschlossen ansehen kann. Vor
allem Campingfreunde duerften hier auf ihre Kosten kommen, aber
auch Privatzimmer ("sobe") werden immer wieder angeboten. Von
weitem erkenne ich muehsam ein Warnschild, das eine
gleichberechtigte Querstrasse ankuendigt, so will es scheinen.
Nanu? Verwundert sehe ich mir das Schild an. Verdaechtig gelb,
murkelig und selbstgebastelt sieht es aus. Erst aus naechster
Naehe entpuppen sich die beiden Balken des Kreuzes als Messer und
Gabel.

Kurz hinter Split tritt das Gebirge an die Kueste heran, und der
Verkehr wird angenehm spaerlich. Wie ein Aufzug zieht mich das
Motorrad die Serpentinen hinauf. Im Glanz der Abendsonne finde
ich mich in einer Felsenbucht von so ueberwaeltigender Schoenheit
wieder, dass ich anhalten muss, um diesen Anblick zu geniessen. Das
Gefuehl fuer Groessen und Entfernungen geht mir verloren, so etwas
habe ich bislang nur in Irland erlebt. Wie gross wuerde dort unten
am Wasser wohl ein Mensch sein, nah und gross oder weit entfernt
und winzig klein? Steil ueber mir erkenne ich muehsam ein
serpentinenreiches Straesschen an der Felswand. Der Bus, den ich
kurz vor dem Halten ueberholt hatte, ist inzwischen dort
angelangt. Mir wird mulmig. Muss ich etwa auch dort hinauf? Ich
muss nicht, die Strasse fuehrt ins Landesinnere.

Obwohl mich die einsetzende Daemmerung mahnt, das letzte
Tageslicht zum Fahren auszunutzen, halte ich noch mehrere Male.
Es beeindruckt mich naemlich auch die nicht abreissende Vielfalt an
Inseln vor der Kueste. Man kann sie einzeln vom Horizont ablesen
und auf der Karte identifizieren. Man kann sich aber auch der
kindlichen Illusion hingeben, da drueben sei schon Italien, und
die Adria sei nur wenige Kilometer breit.

Langsam stellt sich ein, wovor ich schon seit Zadar
unterschwellig Angst hatte: es ist Nacht geworden ueber der
Adria. Links neben mir die steile Felswand, rechts neben mir
eine Kante, die zig Meter in den Abgrund fuehrt (ohne Leitplanke,
versteht sich) und vor mir noch hunderte von Kilometern
dieseloelverschmierter Kuestenstrasse. Ich klappe das Visier auf
und schalte in den zweiten Gang hinunter. Nachdenklich
vergegenwaertige ich mir, dass es mich doch fast ueberall das Leben
kosten wuerde, wenn ich von der Fahrbahn abkomme, egal, ob ich
erst noch ehrenhalber fuenfzig Meter tief in die Adria stuerze oder
zuhause gleich gegen den naechsten Baum knalle.

Obwohl ich alles Vertrauen in die Fahrkuenste der Jugoslawen
verloren habe, bleibt mir nichts anderes uebrig, als das zu tun,
was mir auch in Deutschland, z.B. bei Nacht, Regen und
Seitenwind auf der A9 zwischen Hof und Bayreuth, schon manches
Mal das Leben gerettet hat: ich lasse meine Sichtweite von den
Scheinwerfern eines vorausfahrenden PKW verdoppeln. Schliesslich
faehrt ein Motorrad nicht auf Schienen, man muss die Kurven
rechtzeitig sehen, um Anwinkeln und Geschwindigkeit aufeinander
abzustimmen.

Ein roter Zastava ueberholt mich behutsam, und seine
Geschwindigkeit scheint optimal zu sein, ohne mich zu
ueberfordern, aber auch ohne mich aufzuhalten. Er (oder sie, dem
Fahrstil nach koennte es eine Frau sein) begreift schnell, dass ich
kein Wettrennen anstrebe und lotst mich stundenlang zuverlaessig
wie ein Taxi durch all die scheusslichen Kurven, nach dem Prinzip:
immer den beiden kleinen roten Lichtern hinterher. Nur hin und
wieder kommt ungemuetlicher Gegenverkehr dazwischen. In einer
engen Rechtskurve kommt mir ein Bus entgegen, der die Kurve
schneidet und auch nicht abblendet. Waehrend sich sein Fernlicht
in meine Augen bohrt, registriere ich schemenhaft sein linkes
Vorderrad, das mahlend auf mich zukommt, und wenige Meter daneben
jene scheussliche Kante, hinter der ich zwanzig Meter tiefer die
Adria vermute. Der Abstand wird immer enger. Waehrend ich
krampfhaft einen goldenen Mittelweg steuere, reisse ich das Gas
auf. Die Drehmomentenreserve katapultiert mich aus der Gefahr.
Puh! Geschafft!

Nach zig Kilometern - die Strasse fuehrt wieder durch Flachland und
hat ihren Schrecken verloren - laesst mich mein Lotse schmaehlich im
Stich. Er blinkt einfach und biegt recht ab. Ich schaffe noch,
ihm als "tschues, dankeschoen" zweimal in den Rueckspiegel zu
blitzen, und weg ist er. Vom Gegenverkehr heftig geblendet,
rolle ich in ein schwarzes Nichts.

So geht das nicht! Bei der naechsten Lichtquelle, einer
Tankstelle, halte ich an, beuge mich ueber die Karte und suche
nach einem Kriterium, wonach denn der Ort der Uebernachtung zu
waehlen sei. Eine Kneipe sollte es dort schon geben, schliesslich
brauche ich fuer die noetige Bettschwere ausreichende Mengen
"Pivo".

Sehenswuerdigkeiten sind auf der Karte gelb markiert, also suche
ich die Strecke nach "gelben Ortschaften" ab. An der Landenge
zur Halbinsel Peljesac bleibt mein Zeigefinger haengen. "Ston"
steht dort, und: "Mali Ston". Klingt irgendwie romantisch, also
nichts wie hin.

Der Abzweig ist bald erreicht, und nach wenigen Kilometern
entdecke ich erleichtert ein Hotel. Waehrend ich ergebnislos nach
weiteren Hotels suche, erkenne ich im Lichtkegel meines
Scheinwerfers die Mauern einer alten Festung. Im selben Stil,
aus Naturstein, ist auch das Hotel errichtet, sowie ein
kuenstliches Dorf fuer Touristen, vermutlich die aelteren Jahrgaenge,
denn hier ist nichts los. Nur einige Einheimische sind zum
Wochenende von Dubrovnik herausgekommen.

Meine Motorrad-Kluft notduerftig verbergend bemuehe ich mich um ein
Zimmer. Frisch geduscht setze ich mich im Schein der
Strassenlampen an einen Tisch im Freien und goenne mir nach dieser
Hoellenfahrt erst einmal einen Teller Scampi - also Garnelen - mit
viel Weissbrot. Und einen "Pivo". Ruhig, fast ausgestorben ist
es hier, aber genau das brauche ich jetzt auch. Aus dem Innern
des Restaurants dringt leise einheimische Folklore-Musik,
schleppend und wehmuetig. Und Katzen gibt es hier in Mengen, was
fuer ein sympatischer Ort. Eine kleine, etwas frechere, scheint
sehr beschaeftigt, ihr Revier zu inspizieren, aber schliesslich
kommt sie doch zur Sache und pflanzt sich neben meinem Tisch auf.
Ihr Verhalten drueckt aus: Gib mir gefaelligst etwas ab, aber fass
mich bloss nicht an! Die Garnelen sind mir zu schade, also traenke
ich etwas Weissbrot mit Sud und werfe es ihr hin. Gierig macht
sie sich darueber her. Dies weckt den Neid einer aelteren sehr
scheuen Kollegin. Nun, die soll auch etwas haben. Ich traenke
ein grosses Stueck Brot, bis es schwer und pappig ist, und werfe es
zu ihr hinueber. Patsch! Sie zuckt zusammen und rennt weg.
Bloedes Vieh!


23.9.90

Am naechsten Morgen um sieben werde ich unsanft geweckt. Eine
Gruppe Arbeiter hat die Tische und Stuehle unter meinem Fenster in
Beschlag genommen, und eine hitzige politische Debatte mischt
sich mit der kuehlen Morgenluft. Ich kann mich mit dem Klang der
serbokroatischen Sprache nicht anfreunden, erst recht nicht, wenn
ein rothaariger, schweineborstiger Kleiderschrank sonntags frueh
um sieben unter meinem Fenster heiser losklaefft wie ein Hund.
Ich verkneife mir muehsam, den Genossen ein wenig zu duschen, und
schlafe bis elf.

Auf dem Rueckweg zum Festland entpuppt sich die Gegend um Mali
Ston bei Tageslicht tatsaechlich als sehr malerisch. Dieses
grosszuegige Gemisch aus Wasser und Land ist mir ein Foto wert.

Ungefruehstueckt zieht es mich weiter nach Sueden, ueber Dubrovnik in
richtung Budva. Da Budva einerseits angeblich ein vertraeumtes
Kuenstlerstaedtchen sein soll, andererseits die Entfernung bis dort
keine ernst zu nehmende Tagesetappe ausmacht, beschliesse ich,
dort nicht zu uebernachten, sondern nur zu essen.

Auf dem Weg dorthin, bei Herzeg-Novj, schneidet sich eine
veraestelte Bucht tief ins Landesinnere. Deshalb hat man dort
eine Faehrverbindung eingerichtet. Die Ueberfahrt reicht gerade
fuer eine Zigarette, um das Visier zu putzen und um den Anblick
der Bucht in sich aufzusaugen.

In Budva vermag ich keine Kuenstler-Atmosphaere zu entdecken, nur
etwas Tourismus. Am Ortsrand begegne ich ich einem "Kollegen",
der ebenfalls aus Berlin mit dem Motorrad hergekommen ist. Der
Kerl tut mir irgendwie leid, nicht nur, weil er eine sehr starke
Hornbrille traegt, die von den 180 Grad Blickwinkel, die man auf
dem Motorrad nun einmal braucht, nicht viel uebriglaesst. Kein
Wunder, dass er ueber die vielen ruecksichtslosen Ueberholer jammert.
Ausserdem scheint die Angel, die sein Gepaeck verziert, weniger der
Musse zu dienen, sondern eher dem Zweck, sich trotz der hohen
Benzinkosten einigermassen sattzuessen.

Eine Zufahrt zum Strand - dort muss es doch Restaurants geben -
ist schwer zu finden. Schliesslich bin ich am Hafen und entdecke
dort eine alte Festung am Wasser. Zwischen dem Gemaeuer und der
Pier stehen Tische, Stuehle und Sonnenschirme, und mir knurrt der
Magen. Vorsichtig steuere ich das Motorrad durch die
flanierenden Fussgaenger dorthin, wo ich es beim Essen gut bewachen
kann, denn den Tankrucksack brauche ich noch. Beim Anblick
dieser Hafenidylle schmeckt es mir doppelt gut, auch wenn die
Tourismus-Branche da etwas nachgeholfen hat: Ein kitschiges
Fischerboot-Imitat voller Touristen steuert auf die Pier zu. Das
Vehikel ist akustisch zweigeteilt. Unten tuckert es gemuetlich
vor sich hin, und oben wird gegroelt wie beim Fussball: Ole -
oleoleoleee! We are the chaaampions, we are the chaaampions...
Diagnose: deutsche und hollaendische Rentner.

Suedlich von hier und gar nicht mehr weit weg ist diese Welt
zuende: Albanien versperrt dort meinen Drang nach Sueden. Also
verlasse ich nun die Kueste, um dieses Hindernis oestlich zu
umrunden. Steile Serpentinen fuehren mich rasch in
schwindelerregende Hoehe. Hinter einem kleinen Tunnel entdecke
ich in letzter Sekunde eine der wenigen Freiflaechen zwichen
Asphalt und Abgrund, die gerade eben einem Motorrad Platz zum
Anhalten bieten. Waehrend ich mich innerlich von der Adria
verabschiede, wuerdige ich Budva aus der Vogelperspektive mit
einem Foto. Danach gewinne ich rasch an Hoehe, und die Lanschaft
wird immer alpiner. Die ersten Kuehe tauchen auf. Der Verkehr
ist hier so spaerlich, dass ich mich ganz aufs Kurvenfahren
konzentrieren kann, um diese hohe Kunst einmal bewusst zu ueben.

Titograd zeigt sich als schmutzige, schmucklos-sozialistische
Industriestadt. Der Name passt. Um nach Osten wieder
herauszukommen, muss man auf vielen Umwegen den Schildern in
Richtung Belgrad folgen. Dort will ich doch gar nicht hin,
sondern ins sonnige Griechenland. Am Stadtrand schafft ein Blick
auf die Karte Gewissheit.

Wenige Kilometer hinter Titograd empfaengt mich der Eingang einer
tiefen Schlucht. Die Strasse ueberquert einen kleinen Fluss, der
mich noch viele Kilometer begleiten wird. Von der Bruecke aus
genehmige ich mir einen Blick in dieses "Tor zur Hoelle", so kommt
es mir zunaechst vor, das mich gleich verschlingen wird. Zwei
irrsinnig hohe und steile Waende aus Fels und Mergel bilden einen
engen Schacht, gerade breit genug fuer den kleinen Fluss und
"meine" Strasse. In der Naehe sind auch Bahngleise zu sehen.
Jetzt muesste ein Zug vorbeikommen, denke ich, und die Lok muesste
einen wehleidigen Pfiff ausstossen. Das Echo moechte ich hoeren!

Waehrend der Eingang der Schlucht so unbewachsen war, dass man fast
haette meinen koennen, ein riesiger Bagger habe dort gewuetet, geht
der Canyon bald in ein ueppiges Gruen ueber. Eine Pflanzenart hat
inzwischen beschlossen, ihre Blaetter rot zu faerben, denn der
Herbst steht vor der Tuer. Deshalb sieht der Berghang gegenueber
fast blutbefleckt aus. Ich halte an, steige ab und lasse dieses
faszinierende Naturschauspiel auf mich einwirken. Weit unten
windet sich der kristallklare Bach spielerisch um seine
Sandbaenke. Vereinzelt haben sich kleine, tiefblaue Seen
gebildet. Das Plaetschern der Stromschnellen hoere ich bis hier
oben. Warum ist mir dieser Anblick nur fuer so wenige Minuten
vergoennt? Dort unten koennte man tagelang mit Zelt und Rucksack
unterwegs sein und waere dem Paradies schon sehr nahe. Erst als
mein Blick aus dem Fernbereich in den Nahbereich, den
Strassenrand, wandert, reisst mich der Umstand aus meinen Traeumen,
dass sogar hier Muell herumliegt. Ausserdem quaelt sich ein LKW
vorbei, dessen Russ ich wohl bis zu einer der spaerlichen
Ueberholmoeglichkeiten werde einatmen muessen. Also Foto schiessen
und weiter!

Dieses schoenste Fleckchen Erde auf der gesamten Reise nennt sich
uebrigens Platije Kanjon. Wehe dem Strassenkarten-Verlag, der
diese Strasse nicht gruen druckt!

Waehrend mir die engen Kurven und die schlagartige Dunkelheit in
den zahlreichen Tunneln alle Konzentration abverlangen,
registriere ich auch hier diesen dunklen Strich aus Dieseloel auf
dem Fahrbahn-Belag, und ich sinniere ueber den
Haftreib-Koeffizienten, der offensichtlich friedlich bleibt,
solange es nicht regnet. Und es regnet nicht, obwohl es schon
den ganzen Nachmittag aussieht, als ob es gerne moechte.

Ploetzlich, in einer engen Linkskurve, passiert es: hinten spuere
ich eine Querbeschleunigung, die nicht zum Fahrgeschehen passt.
Reflexartig zuckt mein linkes Bein heraus, und reflexartig ziehe
ich die Kupplung. Der Spuk dauert nur drei zehntel Sekunden, da
findet das Hinterrad wieder Haftung. Das war knapp.

Wenig spaeter wird es dunkel, und es faengt tatsaechlich an, ein
wenig zu nieseln, nur ganz wenig, eben dieses Waschkuechen-Wetter,
bei dem das Visier eines Motorradhelms besonders undurchsichtig
wird. Also klappe ich es auf und richte fuer den Rest des Tages
meine Geschwindigkeit auf maximal sechzig ein. Auf den Geraden,
versteht sich, denn durch die Kurven zirkel ich nach dem Schreck
nur noch in respektvollem Schneckentempo. Und wenn ich mehrere
Tage brauche, um aus dieser Gegend wieder herauszukommen.

Nachdem mir die Dunkelheit den Anblick dieser maerchenhaften
Landschaft genommen hat, nehme ich die taufrische Luft um so
intensiver wahr. Wie viele zig Kilometer bin ich nun schon durch
keine Ortschaft mehr gekommen? Nur ganz selten schimmert
zwischen den Baeumen das Licht einer trueben Funzel, und es riecht
ganz kurz nach Holzfeuer. Mir kommt es so vor, als haette ich
mich schon vor hundert Kilometern von jeglicher Zivilisation
verabschiedet. Mein Blick faellt auf den Tageskilometerzaehler,
den ich beim Tanken stets auf null stelle, und dieses Gefuehl der
Verlassenheit konkretisiert sich zu der bangen Frage, ob ich denn
ueberhaupt eine Tankstelle erreichen werde, bevor das Benzin zur
Neige geht. Das Gelaende fuehrt jetzt wieder ueberwiegend abwaerts,
und die Strasse hat fast ueberall ein gewisses Gefaelle. Also
stelle ich den Motor ab. Da ich nach wie vor Licht brauche, ist
mir nicht ganz wohl dabei. Verzeih mir, liebes Batteriechen, ich
hab dich immer so gemaestet, jetzt musst du einmal von der Substanz
zehren!

Endlich: hurra, eine Tankstelle! Nach dem Tanken gehe ich zur
nahegelegenen Kreuzung hinueber und studiere die Wegweiser. Aha,
hier endlich trennt sich meine Route von der Strasse nach Belgrad,
und erst hier taucht Skopje auf der Beschilderung auf. Verdammt
spaet ist es geworden. Wo soll ich uebernachten? Fuenf Kilometer
von hier liegt Bijelo Polje, aber es liegt in der falschen
Richtung, wirkt auf der Karte so murkelig, und der Name klingt so
doerflich, dass ich zweifle, dort morgen frueh eine Bank zu finden.
Mein Bargeld ist naemlich zu Neige gegangen. Vierzig Kilometer
weiter, in der richtigen Richtung, soll - so die Karte - eine
Stadt namens Ivangrad liegen. Egal, ob sie genauso haesslich ist
wie Titograd, der Name klingt wenigstens nach Grossstadt. Sogar
einen Flugplatz soll es dort geben, na, dann gibt es dort doch
bestimmt auch Hotels und Banken. Auf nach Ivangrad International
Airport, denke ich, und fahre, erschoepft, wie ich bin, "immer
geradeaus".

Nach einiger Zeit - ich kann bald nicht mehr - werden die
Strassenlampen dichter, und ich folge der Strasse, bis ich mich im
Ortskern vermute. Mein suchender Blick erfasst im blaeulichen
Neonlicht Beton-Wohnsilos, halbfertige Buergersteige und leere
Lehmflaechen. Irgendwie sieht es hier aus wie in
Berlin-Hellersdorf. Von Kneipen, Hotels, Banken und Restaurants
keine Spur. Das kann doch nicht Ivangrad sein, obwohl es doch
laengst haette kommen muessen. Verstoert fahre ich weiter und bin
auch schon wieder heraus aus dem Ort. Wenigstens am Ortsrand
wirkt das Kaff noch ein wenig traditionell-doerflich.

Da - schon wieder eine totgefahrene Katze! Ausserdem kommt mir
die Strasse so verdaechtig schmal und einsam vor. Ich gebe mir
einen Ruck und beschliesse umzukehren, um mich zu orientieren.
Dabei achte ich genau auf die tote Katze, damit ich nicht auch
noch ausrutsche. Am Ortseingang lese ich das Schild und praege
mir muehsam ein: Andrijevica. Unter der ersten Strassenlampe
bocke ich die Maschine auf, krame die Karte hervor und suche
verzweifelt nach diesem gottverlassenen Andrijevica. Da haben
wir den Salat: ich bin durch Ivangrad in die falsche Richtung
gefahren und habe nichts gemerkt.

Ein juengerer Mann kommt vorbei, erkennt mich als hilflosen
Touristen und moechte mir gerne helfen. Es wird sich
herausstellen, dass weniger Gastfreundschaft, sondern vielmehr ein
ausgepraegter Geschaeftssinn sein Motiv ist. Nach einigen
Kommunikationsversuchen ergibt sich als einzige sprachliche
Gemeinsamkeit, dass wir beide ein paar Brocken Franzoeschisch
sprechen. Ich bin fix und fertig, mache ich ihm klar, und muss
hier irgendwo uebernachten. Kein Problem, meint er, seine Tante
wohnt gleich gegenueber und vermietet Zimmer. Beim Anblick dieser
Baulichkeiten hoere ich im Geiste schon die Huehner gackern. Sonst
noch etwas? Ja, wie soll ich die gute Frau bezahlen, wenn mein
Bargeld alle ist, gibt es hier eine Bank? Brauchen wir nicht,
meint er, er koenne auch wechseln. Ich frage ihn nach seinem
Kurs, und die Antwort ueberbietet an Unverschaemtheit meine
kuehnsten Vorstellungen. Andererseits bin ich so geschafft, dass
ich in des Teufels Namen einwillige. Dies macht mich in seinen
Augen erst so richtig zum lukrativen Beutestueck, er wieselt um
mich herum, als sei er mein Butler.

Was seine Tante hinter den Gemuesebeeten vermietet, entpuppt sich
als selbstgebastelter Neubau, der wohl als einzige
Waschgelegenheit fuer mehrere Grossfamilien dient, denn das Bad ist
permanent besetzt, und es rumort dort die ganze Nacht eine
Waschmaschine. Wo ich uebernachten soll, war wohl einmal das
Wohnzimmer geplant, auch wenn es eher aussieht wie das Lager
eines Gebrauchtmoebelhaendlers (An- und Verkauf). Das Chaos ist
ueppig mit billigen, langhaarigen Pluesch-Decken in den schrillsten
Farben drapiert, und die Gardinen scheinen eher zum Trocknen
aufgehaengt. An der Wand prangt eine kitschige Stickerei sowie
das obligatorische Bild mit dem ruelpsenden (pardon: roehrenden)
Hirsch. Um mir trotz des regen Betriebs im Badezimmer eine
ungestoerte Nachtruhe zu sichern merke ich mir, dass man die Tuer
mit aller Gewalt anheben muss, damit sie zugeht.

Doch vorher brauche ich noch etwas zu Essen und ein Bier. Mein
"Butler" wittert ein weiteres Geschaeft, denn er besitzt angeblich
ein Restaurant, leider ganz woanders. Mit dem Auto moechte er
mich hinbringen. Da steht es also, eines dieser
Henkersgeschosse, die mir schon in ganz Jugoslawien das Leben so
schwer gemacht haben. Auch dieser Kandidat prescht
wahrscheinlich mit Bleifuss durch die uebelsten Serpentinen,
ueberholt trotz Gegenverkehr in Rechtskurven, blendet nachts nicht
ab, usw. Ich konstatiere einen klapprigen, zerbeulten schwarzen
Ford Capri. Innen ist er vollgestopft mit schmutzigem Pluesch und
kitschigem Zierkram, und das Radio droehnt in voller Lautstaerke.
Notgedrungen steige ich ein. Sein "Restaurant" besteht aus einem
neonbeleuchteten Kneipenloch mit Kueche. Auch hier druecken sich
zwei Miliz-Polizisten herum. Die Verwandtschaft seiner Kellnerin
aus Rumaenien ist zu Besuch, einer der Rumaenen spricht etwas
deutsch. Nachdem alle etwas getrunken und einige etwas gegessen
haben, loest sich diese "multikulturelle Gesellschaft" langsam
auf, und ich bleibe uebrig. Mein "Butler" kassiert kraeftig und
faehrt mich wieder zu seiner Tante, nicht ohne mich zu fragen, ob
ich vielleicht noch mehr Geld tauschen moechte.


24.9.90

Am naechsten Morgen versammeln wir - die Rumaenen und ich - uns im
eigentlichen Haus meiner Wirtin am Kuechentisch. Die staemmige,
dralle Dame des Hauses - zerzauste Besenfrisur, Saeufergesicht -
drueckt jedem ein Glas Wasser und einen Loeffel in die Hand und
verschwindet. Nach geraumer Zeit kommt sie wieder und knallt
wortlos einen Fuenf-Liter-Eimer voll Honig auf den Tisch. Danach
passiert nichts mehr. Auf dem Umweg serbokroatisch - rumaenisch -
deutsch bekomme ich mit, dass ich nicht laenger auf das Fruehstueck
zu warten brauche, denn es steht bereits vor mir: das Wasser
gegen den Durst und der Honig gegen den Hunger, deshalb der
Loeffel. Auf demselben sprachlichen Umweg erreicht die
"Fruehstuecksdirektorin" mein zaghafter Vorschlag, es doch einmal
mit ein wenig Brot zu versuchen. Das war wohl ein Faux-Pas. Ihr
Saeufergesicht verfinstert sich, aber sie holt tatsaechlich ein
Weissbrot und knallt es auf das Regal neben dem Tisch. Die
Rumaenen loeffeln derweil unbekuemmert aus dem Eimer. Anderes Land,
andere Sitten, denke ich, und als bloeder Tourist unangenehm
auffallen moechte ich hier nicht, sondern ich gebe mir Muehe, auch
die exotischsten Fruehstuecksgewohnheiten als historisch
gewachsenes Kulturgut zu respektiern. Oh je, wie mir das
schwerfaellt! Und dann werde ich mich gleich auch noch
formvollendet verabschieden muessen, mit Laecheln, Haendedruck,
Dankeschoen fuer die Gastfreundschaft usw. Von dieser
Verpflichtung entbindet mich die Frau allerdings, indem sie ihre
Preisvorstellungen fuer die Uebernachtung auf einen Zettel
kritzelt. Ich falle fast vom Kuechenstuhl: es ist derselbe
Preis, den ich eine Nacht vorher in einem Drei-Sterne-Hotel
bezahlt habe.

Das Motorrad steht zu meinem Erstaunen noch an seinem Platz, und
das Wiehern des Anlassers bringt mir meine gute Laune wieder. In
Ivangrad - es ist tatsaechlich kaum als Ortschaft zu erkennen -
haette ich gestern abend rechtwinklig abbiegen muessen, wie ein
verblasstes, murkeliges Schild andeutet.

In Richtung Pristina und Skopje schliesst sich eine
Gebirgslandschaft an, die an Schoenheit dem Platije Kanjon kaum
nachsteht. Wieder windet sich die Strasse durch eine steile
Schlucht, die im Laufe der Jahrmillionen von einem kristallklaren
Gebirgsbach gegraben wurde. Es haeufen sich auch die Schilder
"Vorsicht, Steinschlag". Unter diesem Schild hatte ich mir
bisher nichts ernstes vorstellen koennen, eher so etwas wie:
Achtung, glatzkoepfige Cabrio-Fahrer, Angriff von oben! Hier aber
liegen zu Dutzenden scharfkantige Steine aller Groessen mitten auf
der Fahrbahn. Immer wieder muss ich scharf bremsen und Slalom
fahren. Irgendwo treibt ein malerisches Bauernmaedel mit Kopftuch
zwei Kuehe vor sich her. Bevor ich den naechsten Tunnel anpeile
winke ich ihr zu, aber sie sieht mich nur etwas erschrocken an.

Auf halbem Weg nach Titova Mitrovita wird diese bezaubernde
Landschaft jaeh von der Zivilisation abgwuergt. Nach einem Stausee
mit Wasserkraftwerk verschandelt ein grossflaechiges Umspannwerk
die Landschaft. Je weiter ich nach Osten komme, desto haeufiger
werden die Fussgaenger beiderseits der Strasse. Da hier nach wie
vor kaum Autos fahren und die Fussgaenger immer mehr werden, kommt
mir dieser Anblick beinahe gespenstisch vor. Es wirkt fast wie
ein nicht abreissender Strom von Fluechtlingen. In den Ortschaften
tummeln sie sich auch auf der Fahrbahn, zusammen mit Rindern und
Traktoren. Waehrend ich mich im Schrittempo diskret
hindurchzwaenge faellt mir auf, dass kaum jemand vom Motorrad Notiz
nimmt. Diese Menschen, die hier viele Kilometer an der
Landstrasse entlang zu Fuss zur Arbeit gehen, sind bettelarm.
Selbst der rostigste Zastava ist fuer sie unerschwinglich. Das,
worauf ich sitze, stammt fuer sie aus einer voellig anderen Welt.
Nur einige Kinder winken mir zu. Erleichtert winke ich zurueck.

An den nun folgenden Teil der Route, ueber Pristina und Skopje zum
Anschluss an das suedliche Ende des "Autoput", erinnere ich mich
nur ungern. Flachland, Industrie, Landwirtschaft, viel
LKW-Verkehr, schlechte Luft, es wirkt alles irgendwie grau, krank
und deprimierend. Zur Belohnung darf ich auf dem Stueckchen
Autobahn bis Titov Veles endlich wieder ordentlich aufdrehen.

Von kurz nach Titov Veles bis zur griechischen Grenze wird die
Landschaft wieder reizvoll, aber davon bekomme ich nicht viel
mit, denn hier herrscht dichter Verkehr. Hinter einem Tunnel
wird mir ein seltenes Erlebnis zuteil: Ein Auto ist aus
Benzinmangel liegengeblieben, und ich habe kurz vorher
vollgetankt. Sind nicht wir Motorradfahrer mit unserem
laecherlichen Benzinvorrat am ehesten Kandidaten fuer diese Panne?
Mir ist es selbst einmal passiert. Und nun dieser Rollentausch!
Hinter dem Auto bocke ich die Maschine auf, klappe den
Tankrucksack beiseite, schliesse den Deckel auf und "segne" das
schwappende Benzin mit einer einladenden Geste. Bitteschoen, ihr
"Helden", nehmt euch, soviel ihr braucht. Wie, ist euer Problem.
Nun, sie zaubern ein Stueck Schlauch hervor. Mit dem Mund und den
Gesetzen der Rohrhydraulik gelangt eine bescheidene Ration in
eine leere Flasche. Nur etwas eng ist es hier. Waehrend ich
neben der Maschine stehe rasiert ein LKW haarscharf an mir vorbei
und hupt lange.

Bald ist Griechenland erreicht. Nach der Grenzabfertigung goenne
ich mir noch eine Nachdenklichkeitspause. Dabei versuche ich,
meine vagen und diffusen Sympatien fuer dieses Land zu sammeln,
das ich doch im Grunde noch gar nicht kenne.

Die autobahnaehnliche Strasse nach Thessaloniki entpuppt sich als
so eintoenig, leer, kurvenarm und langweilig zu fahren, dass es
sich kaum lohnt, darueber zu schreiben. Allerdings versuche ich
von Anfang an, mir die Sitten und Gebraeuche auf dem Asphalt
einzupraegen. Diese griechischen "Beinahe-Autobahnen" haben
eigentlich nur einen Fahrstreifen pro Richtung, aber einen sehr
breiten. Jenseits der gelben Begrenzungslinie ist noch einmal
Platz in der Breite eines weiteren Fahrstreifens, und man kann
sich einigermassen darauf verlassen, dass auch dort die Fahrbahn
durchgehend intakt und ohne Hindernisse ist. Deshalb fahren fast
alle jenseits dieser Begrenzungslinie, und man kann ueberall
ueberholen, ohne die Mittellinie zu ueberqueren. Da man sich aber
nicht ganz darauf verlassen kann, dass der Platz fuer insgesamt
vier Fahrzeuge reicht, ist es ueblich, vor dem ueberholen den -
ebenfalls ueberholwilligen - Gegenverkehr mit der Lichthupe zu
warnen.

Bei Einbruch der Dunkelheit erreiche ich den Stadtrand von
Thessaloniki und halte an. Ich krame die Karte hervor und stelle
mir wieder einmal die Frage: wo soll ich uebernachten? Da ich
bei Barcelona aufgewachsen bin, erwarte ich von einer aehnlich
grossen Stadt am Mittelmeer ein vergleichbares Strickmuster: Man
folgt einer Kuestenstrasse stadtauswaerts, muss notgedrungen durch
ein Industriegebiet, kommt am Flughafen vorbei und landet
schliesslich in einem bescheidenen Badeort, der frueher
Neckermann-Touristen angelockt hat und wo heute die
prosperierenden Einheimischen weitgehend unter sich sind. Kurz:
ich suche so eine Art Castelldefels. Auf welcher Seite der Stadt
mag es wohl liegen? Hier bestimmt nicht, denn ich stehe zwischen
der Landstrasse und Gewerbebetrieben im Staub, umgeben von
Muelltonnen und streunernden Hunden. Nun, Thessaloniki liegt an
einer Bucht, der Flughafen liegt an der Kueste, und jenseits davon
zeigt die Karte einige Campingplaetze. Also muss ich mitten durch
die Stadt.

Thessaloniki empfaengt mich truebe, finster und von einer dichten
Smog-Wolke eingehuellt. Der Verkehr staut sich, soweit das Auge
reicht. Mein Gott, warum wird es denn nicht wenigstens im
Zentrum ein wenig heller, hier stimmt doch etwas nicht? Richtig,
es gibt genug Strassenlampen, aber sie brennen nicht. Auch die
Ampeln sind ausgefallen: an jeder Kreuzung schiebt sich der
Verkehr aus vier Richtungen hupend auf die Mitte zu, und
Fussgaenger huschen als schwarze Schatten ueber die Strasse.
Hinweisschilder sind bei dieser Dunkelheit nicht zu erkennen.
Also lasse ich mich vom Verkehrsstrom irgendwie geradeaus spuelen,
bis der Stadtrand erreicht ist, und verlasse die autobahnaehnliche
Ausfallstrasse an der ersten Ausfahrt, um mich zu orientieren.

Der Flughafen ist nirgendwo zu sehen, und an der Kueste bin ich
auch nicht. Nur Industriegelaende um mich herum. Waehrend ich
mich im Schein der Neon-Taschenlampe ueber die Karte beuge, kommt
ein aelteres Ehepaar mit dem Auto vorbei. Sie erkennen die
Situation, halten an und steigen aus. Der Mann spricht ganz gut
Deutsch, mit einem sympatischen Akzent. Er bestaetigt mir, dass
die Dunkelheit auf eimem Streik beruht und beklagt sich ueber die
Angehoerigen des oeffentlichen Dienstes, die - so seine Auffassung
- leben wie die Maden im Speck und "uhns jetzt auch noch das
Lebben schwerrmachen". Er zeigt mir den Weg zur Kuestenstrasse und
bestaetigt mir, dass es jenseits des Flughafens Strandhotels gibt.

Als ich am Abzweig zum Flughafen vorbeikomme, spuere ich, dass er
mich irgendwie magisch anzieht. Ist nicht der Flughafen Dreh-
und Angelpunkt des Reisens? Muehsam klopfe ich mir eine
Rechtfertigung zurecht, dorthin abzubiegen, es ist ja nur ein
kleiner Umweg. Vielleich finde ich dort Hotel-Informationen,
oder ich kann feststellen, ob sich dort am naechsten Morgen
Reiseschecks einloesen lassen. Vor dem Flughafen bleibe ich
zunaechst nachdenklich auf dem Motorrad sitzen. Auf dem Rollfeld
sirrt eine 737 vor sich hin. Dieses Geraeusch, das sonst Fernweh
und Reiselust weckt, laesst jetzt eher Mitleid in mir aufkeimen.
Was ich in den letzten Tagen sehen, riechen, spueren und erleben
durfte, wird diesen armen Flugreisenden fuer immer verborgen
bleiben.

Erst als ich hineingehe und mir den schweren Tankrucksack ueber
die Schulter haengen muss, damit er nicht gestohlen wird, aergere
ich mich ein wenig ueber die Schnapsidee, mich hierher zu
verirren. Nun, Hotelinformationen gibt es nicht, ein
Bankschalter ist da, aber zu, und sonst ist hier nicht viel los.
Eine Stewardess rennt aufgeregt herum und sucht ihre Schaefchen.
"Gehoeren Sie auch zu den Passagieren Duesseldorf-Athen?" fragt sie
mich. "Nein", entgegne ich genuesslich und wedele mit dem Helm,
"ich habe mein eigenes Flugzeug." Sie guckt mich verstoert an und
rennt weiter.

Einige Kilometer hinter dem Flughafen erkenne ich im Dunkeln
Pinienwald und Bungalows neben der Strasse. Vereinzelt schimmert
Leuchtreklame hindurch. Hier muss es sein! Nachdem ich abgebogen
bin, finde ich mich tatsaechlich bald auf der Strandpromenade
eines Badeortes wieder, genau, wie ich ihn mir gewuenscht hatte.
Kneipen, Restaurants, Leben auf der Strasse und - hurra - ein
kleines Hotel, das sogar noch ein Zimmer mit Balkon und Blick
aufs Meer frei hat. Nach der ueblichen Prozedur - einchecken,
Gepaeck abladen und jene Mischung aus Dieselruss und Angstschweiss
herunterduschen - verkneife ich mir, noch ein wenig mit dem
Motorrad auf der Strandpromenade herumzuflanieren, obwohl das
hier ueblich zu sein scheint, sondern erledige das zu Fuss. Mein
Hotel verfuegt ueber eine Bar mit Terasse, und als ich mich dort
niederlasse und entspanne wird mir bewusst, wie sehr ich hier ins
schwarze getroffen habe. Nur wenige Meter Strassenbreite trennen
mich vom Strand. Von weitem gruessen die Lichter der Stadt ueber
die Bucht. Im Mondschein schaukeln einige verlassene Boote vor
sich hin. Nur wenige Leute sitzen um mich herum und unterhalten
sich leise. Zwischen den Tischen und Stuehlen spielt eine
Katzenmutter mit ihren Kindern. Aus den Lautsprechern dringt
leise Softrock-Musik. Zu dem Titel, der gerade laeuft, scheint
das Zirpen einer Grille zu gehoeren. Erst als sich die Musik
langsam ausblendet, um dem naechsten Lied zu weichen, und nur das
Zirpen stehenbleibt, merke ich, dass die Grille echt ist.


25.9.90

Da es mir hier so gut gefaellt und ich vor dem "Angriff" auf
Istanbul Kraefte sammeln muss, beschliesse ich, hier einen Tag zu
bleiben. Der Vormittag vergeht mit einer gruendlichen
Motorrad-Waesche, und den Nachmittag nutze ich, um die ersten
Zeilen des Jugoslawien-Teils zu Papier zu bringen.


26.9.90

Das heutige Reiseziel lautet: Istanbul. Etwas groessenwahnsinnig
kommt mir das schon vor, wenn ich die Entfernung bis dort mit
meinen bisherigen Tagesetappen vergleiche.

Leider muss ich wieder mitten durch Thessaloniki nach Norden.
Mitten im Grossstadt-Stau entdecke ich neben mir auf einem
Grundstueck eine schwarz-rot-gelbe Flagge. Nanu, wer hat denn
hier das Vaterland so furchtbar lieb? Es ist die deutsche
Schule. Den Hinterkopf gespickt mit den Namen der Staedte, durch
die ich hindurch muss und der Staedte, die mir heute gestohlen
bleiben koennen, gelingt es mir, die Landstrasse nach Kavala zu
finden, an den beiden Seen vorbei, die Chalkidiki von Mazedonien
trennen. Der dichte Verkehr erlaubt mir nicht, Eindruecke zu
sammeln, die hier erwaehnenswert waeren.

Zwischen der Halbinsel Chalkidiki und der Hafenstadt Kavala ist
dei Kuestenstrasse sehr breit ausgebaut und jetzt, im September,
gaehnend leer. Es faellt mir schwer zu glauben, dass es im Sommer
genug Autos voller Bierbaeuche, Kinder, Hunde, Strohmatten,
Surfbretter und Gummiboote hierher verschlaegt, um sie zu
bevoelkern. Eine Burg ueber der felsigen Steilkueste laedt zur Pause
ein.

Kavala schmueckt sich mit einem idyllischen und lebendigen
Fischerei- und Faehrhafen. Die zahlreichen, winzigen Autofaehren
verbinden das Festland mit der Insel Thasos, die offenbar
besonders fuer durchgeistigte Rucksack-Touristen (Typ:
FU-Student) interessant zu sein scheint. Ueber der Stadt thront
eine Burg - die flatternde Griechen-Flagge verleiht ihr das
Aussehen einer Seeraeuber-Festung - und wenn man nach Osten weiter
will, passiert man ein Aquaedukt. Ich geniesse den Anblick beim
Mittagessen und begebe mich wieder auf den Weg.

Oestlich von Kavala fuehrt die Strasse durchs Landesinnere. In der
leicht gewellten Huegellandschaft wird vor allem Wein angebaut.
So denke ich mir auch nichts dabei, als hinter einer Kurve ein
extrem langsames Fahrzeug auftaucht, das von hinten aus groesserer
Entfernung aussieht wie ein Traktor mit Anhaenger. Als ich naeher
komme und zum Ueberholen ansetze wundere ich mich sehr, dass es nur
vier Raeder hat. Also doch nichts mit Anhaenger. Beim Ueberholen
hoere ich "tuff-tuff-tuff-tuff", und schon ist es hinter mir.

Einige Zeit spaeter, wenn ich es richtig rekonstruiere bei Xanti,
muendet meine Strasse ploetzlich in eine quer verlaufende Landstrasse
und ist scheinbar zuende. An Schildern besteht zwar kein Mangel,
aber mein auswendig gelernter Vorrat an Staedtenamen ist
erschoepft. Nach links oder rechts? Da rechts die Kueste liegt,
biege ich dorthin ab und halte bei der naechsten Gelegenheit, um
die Karte zu konsultieren und um mir eine Pause zu goennen. Da
war doch etwas? Ich spitze die Ohren und hoere:
"tuff-tuff-tuff-tuff". Sieh an, das "Schnauferl" von vorhin hat
mich eingeholt. Noch ist es nicht zu sehen, nur zu hoeren.
Hastig hole ich den Fotoapparat heraus und mache ihn startklar.
Und da kommt es auch schon ueber die Kuppe. So langsam faehrt es
gar nicht, ich muss mich beeilen. Waehrend ich die Kamera
hochreisse und abdruecke, bemerke ich - zu spaet - wer da an Bord
sitzt: Zigeuner! Da ich sie fotografiere, blicken sie mich
dermassen drohend an, dass ich Angst bekomme, gelyncht zu werden.

Ab Xanti bis weit hinter Komotini geht die Landschaft in
weitlaeufige Obstbau-Gebiete ueber. Die Strasse ist relativ gerade,
also fahrerisch langweilig. Da ausserdem das Gelaende neben der
Strasse gut einsehbar und der Verkehr spaerlich ist, drehe ich ein
wenig auf. Schliesslich will ich heute noch bis Istanbul. Drei
hollaendische LKW sind hier unterwegs - ich lasse sie rasch hinter
mir - sowie ein weisser Opel Omega, der mir auf den Fersen bleibt
und sich einfach nicht abschuetteln laesst. Jedesmal, wenn ich
einen guten Grund habe, etwas langsamer zu fahren, ueberholt er
mich erneut. Zufaellig treffen wir uns an der Tankstelle wieder.
Im Auto sitzen auch seine Kinder. "Ras' nicht so, wenn du Kinder
dabei hast", sage ich zu ihm auf englisch. Er grinst nur
verlegen vor sich hin. Ob er mich verstanden hat? Die drei
hollaendischen LKW - auch sie haben es recht eilig - ziehen an der
Tankstelle vorbei. Bevor ich sie abermals ueberholen kann, stehen
sie am Strassenrand. Polizei. Auch ich habe das Vergnuegen. Der
Polizist ruft immer wieder ein Wort wie "vola" oder so aehnlich
und zeigt auf meinen Tacho. Wieviel soll's denn kosten, frage
ich in Zeichensprache, aber zu meiner Freude laesst er mich
ungeschoren. Dankbar fuer soviel Nachsicht beschraenke ich mich
auf hundertzwanzig.

Nach Einbruch der Dunkelheit erreiche ich den Grenzuebergang zur
Tuerkei bei Ipsala. Die griechischen Grenzer arbeiten bei
Kerzenlicht. Soll ich frech werden und ihnen mit einem flapsigen
Spruch meine Neon-Taschenlampe anbieten? Lieber nicht, ich habe
keine Zeit fuer eine "Sonderbehandlung". Ein Hollaender kommt
gerade mit seinem Kleinlaster aus der Tuerkei. Was er wohl unter
seiner Plane fuer Schaetze mitgebracht hat? Das interessiert die
Grenzer auch, als er die Zollkontrolle vergisst und anfaehrt. Ein
gellender Pfiff durchschneidet die Nacht, erschrocken steigt er
auf die Bremse.

Sozusagen exakt zwischen Griechenland und der Tuerkei versperrt
eine riesige Pfuetze die Strasse. Sie sieht so aus, als ob sie
ganzjaehrig voll bleibt. Da ich die Tiefe nur ahnen oder
befuerchten kann, nehme ich die Fuesse weit hoch, waehrend ich im
ersten Gang aengstlich hineinfahre.

Das erste, womit die Tuerkei ihre Gaeste empfaengt, sind bewaffnete
Soldaten im Kampfanzug. Sie stehen beiderseits der Strasse und
blicken mich nur kuhaeugig an, die Grenzkontrolle kommt also erst
weiter hinten. Mir wird mulmig. Schliesslich brutzelt die
Kuwait-Krise vor sich hin, wir schreiben den September 1990, und
ich habe tagelang keine Zeitung mehr gelesen.

Ins etwas abgelegene Kontrollgebaeude muss man sich hier selbst
bemuehen. Veraergert versuche ich festzustellen, wo ich parken
muss, um den Tankrucksack im Auge zu behalten. Der Grenzer grunzt
mich muerrisch an, "oto papir" will er sehen. Frechheit, ich
fahre kein "oto"!

Draussen marschieren Soldaten vorbei. Sie reissen die Knie bis zur
Brust hoch und knallen ihre Stiefelabsaetze mit voller Wucht auf
den Asphalt. Wie ein Pferdefuhrwerk hoert sich das an.
Widerliches Spektakel!

Nach der Abfertigung bleibe ich erst einmal am Strassenrand
stehen. Es macht mir Muehe zu glauben, dass ich es bis in die
Tuerkei geschafft habe. Ueber dieses Land weiss ich erschreckend
wenig, erst recht nicht, was einem so alles bluehen kann, wenn man
dort zum erstenmal in seinem Leben bei stockdunkler Nacht mit dem
Motorrad unterwegs ist. Mir schwebt ein ganzer Wald von
unbeleuchteten Eselsfuhrwerken, LKW und Ziegen auf der Fahrbahn
vor, ungesichterte Baustellen, oder - wie in Brasilien -
ausgerupfte Buesche anstelle eines Warndreiecks. Egal, ob ich dem
tuerkischen Volk mit diesen Verdaechtigungen bitter Unrecht tue,
ich moechte lebend in Istanbul ankommen. Im Geiste verfluche ich
den TUeV-Mann, der mir den Scheinwerfer so niedrig gestellt hat,
und greife nach der Raendelmutter. Erst als ich das Ende des
Lichtkegels weit vor mir gerade noch erkennen kann, ist mir etwas
wohler. Das muesste als Bremsweg reichen.

Voellig ausgestorben ist es hier, ich bin hier als einziger
unterwegs. Erst kilometerweit entfernt - die Strasse ist
schnurgerade - herrscht Unruhe, die Scheinwerfer von wendenden
oder abbiegenden Autos blitzen dort auf. Es ist eine Tankstelle.
Ich nutze die Gelegenheit, um mein Visier gruendlich abzuwaschen.

Auf der Weiterfahrt durch die Nacht versuche ich, den Charakter
dieser Strasse auszuloten, um mich anzupassen. Obwohl die
Landschaft recht huegelig zu sein scheint, fuehrt die Strasse immer
geradeaus, zwar mit vielen Kuppen, aber mit wenigen Kurven.
Warum, so wundere ich mich, fahre ich dann so verkrampft und habe
Muehe, den Kurs zu halten? Langsam faellt mir auf, dass dieser
Strasse ausser Asphalt buchstaeblich alles fehlt: kein
Mittelstreifen, keine Begrenzungslinien, von Reflektoren ganz zu
schweigen. Es handelt sich um eine amorphe Asphaltflaeche mit
schlangenlinienfoermigen Raendern. Was denn die linke und die
rechte Richtungsfahrbahn waere, wenn es eine Mittellinie gaebe,
vermag ich im Dunkeln kaum festzustellen. Der Asphalt ist
stellenweise so neu und pechschwarz, dass ich seinen Rand - die
Grenze zwischen Leben und Tod - kaum erkennen kann. Nur hin und
wieder ist die Mitte durch weit auseinanderliegende weisse Punkte
angedeutet.

Die wenigen LKW lassen sich muehelos ueberholen, obwohl ich hier
aeusserst zurueckhaltend fahre. Neugierig sehe ich sie mir an. Ein
wenig schiefer und klappriger als in den EG-Laendern sehen sie
schon aus, und die Ruecklichter leuchten schwach und truebe, haeufig
weiss statt rot, wenn sie zerbrochen sind. Irgendwann sehe ich
vor mir ein ganzes Chaos von roten Lichtern. Beim Naeherkommen
sortiere ich es muehsam auseinander, es sind zwei LKW, von denen
der eine ueberholt. Doch was leuchtet denn da ausserdem? Als ich
schon angefangen habe, zu ueberholen, traue ich meinen Augen
nicht: seitlich, vor dem Auspuff, steht eine riesige Flamme.
Fast wie ein Bunsenbrenner, nur eben groesser. Ich bekomme Angst
um mein Hosenbein und gebe Gas.

Nur selten tauchen PKW in meinem Rueckspiegel auf. Warum nerven
die mich so mit der Lichthupe, bei mir ist doch alles in Ordnung?
Ich versuche herauszubekommen, welche Systematik hinter diesem
Lichtgeorgel steckt und komme zu dem Schluss, dass sie zumindest
dann blitzen, wenn sie zum Ueberholen ansetzen. Entweder versteht
sich dies als optisches Triumphgeheul, oder sie trauen mir ihre
eingene Undiszipliniertheit zu, naemlich vor dem Ueberholen nicht
zu blinken. Und wie die hier rasen, wo doch die Fahrbahn so
schlecht zu erkennen ist! Es offenbart sich einmal wieder, dass
eine Kurskorrektur in letzter Zehntelsekunde mit dem Auto eben
einfacher ist als mit dem Motorrad. Obwohl sie eigentlich fast
zu schnell fahren, um fuer mich als Lotse infrage zu kommen,
versuche ich es beim naechsten, der mich ueberholt, trotzdem. Die
Wahrscheinlichkeit, noch vor Mitternacht Istanbul zu erreichen,
schmilzt naemlich langsam dahin. Es erfordert wirklich
Konzentration, ihm zu folgen, aber es klappt zunaechst. Dann aber
merkt er, dass ich ihm auf den Fersen bleibe, und missversteht dies
als Wettrennen. Und wie er aufdreht! Dann eben nicht.

In den langen Intervallen zwischen diesen Begegnungen bin ich mit
mir und meinen Gedanken allein. Rechts neben mir, gar nicht weit
weg, liegt das Marmara-Meer, oder besser, das Marmara Denizi,
denn es ist vollstaendig von der Tuerkei umschlossen. Ich stelle
mir seine stattliche Groesse auf der Landkarte vor, und dass ich
erst nach Einbruch der Dunkelheit begonnen habe, diese Distanz
abzuarbeiten. Langsam merke ich, wie erschoepft ich bin. Meine
Konzentration laesst nach, also muss ich noch langsamer fahren, und
dadurch brauche ich noch laenger, bis ich im fernen Istanbul mein
muedes Haupt auf irgendeinem Kissen betten kann; ein Teufelskreis.

Wieder kommen im Rueckspiegel zwei ungeduldige Lichter immer
naeher. Gleich wird es blitzen, denke ich, ein Luftzug wird mich
von links kurz schuetteln, und dann habe ich wieder Ruhe. Da
merke ich, dass es ein LKW ist. Irgendetwas stimmt mit mir nicht,
jetzt wollen sogar schon LKW an mir vorbei! Widerwillig versuche
ich ihn abzuschuetteln, und an einer Steigung gelingt mir das
auch. Da holt er mich wieder ein. So geht es mehrere Male, bis
mir daemmert, dass ich in meinem Zustand diesen Stress nicht bis
Istanbul werde durchhalten koennen. Also lasse ich ihn vorbei.
Dafuer soll er mir jetzt wenigstens als Lotse dienen. Die Sicht
versperrt er mir weniger als andere Artgenossen, denn es ist ein
leerer Kipper ohne Anhaenger. Ich versuche mir auszumalen, dass er
vor mir alles plattwalzt, was mir gefaehrlich werden koennte, und
empfinde bei diesem Gedanken eine gewisse Geborgenheit. Daran,
dass er an den Steigungen "verhungert", erkenne ich, dass er mit
seiner Hoechstgeschwindigkeit faehrt. Mein Tacho zeigt hundert.
So, denke ich, du leuchtest jetzt vor mir die Strasse aus, auch
wenn es dir nicht passt! Mir entkommst du nicht! Nach geraumer
Zeit, Istanbul ist schon auf weniger als hundert Kilometer
herangerueckt, ist meine Dankbarkeit fuer diesen Lotsen jaeh zuende.
Ich muss naemlich erleben, wie er mit einem PKW umgeht, der ihn zu
ueberholen wagt. Die Strasse ist hier autobahnaehnlich ausgebaut.
Als er merkt, dass ihm alles Gasgeben nichts nuetzt, wartet er, bis
der PKW genau neben ihm ist. Dann reisst er das Lenkrad immer
wieder nach links und scheucht seinen Kontrahenten an die
Leitplanke. Der LKW schaukelt so heftig, dass er fast umkippt.
Mir bleibt fast das Herz stehen, und ich spare nicht mit
Lichthupe. Mein Gott, wenn er das mit mir getan haette waere ich
jetzt tot, oder ich wuerde ihn bis zum letzten Benzintropfen
verfolgen, um ihn zu kastrieren!

Langsam wird der Verkehr dicht genug, dass ich den Verlauf der
Strasse auch ohne die Beleuchtungdienste jenes Moerders weit genug
erkennen kann. Es haeufen sich auch vorstadtaehnliche Siedlungen,
in denen die Strasse nicht nur autobahnaehnlich ausgebaut, sondern
auch beleuchtet ist. Offenbar habe ich das schlimmste hinter
mir. Das Beduerfnis nach einer Pause waechst, und so suche ich
nach einer Haltemoeglichkeit.

An einer Zufahrt zu einem parallel laufenden Stueckchen Asphalt
bleibe ich stehen. Im Licht der Strassenlampen registriere ich
eine Art Gartenmauer um ein sehr grosses Grundstueck sowie ein Tor.
Daneben steht ein grosses Schild mit einem langatmigen Text.
"Luetfen, Dikkat!", den Rest verstehe ich nicht, also interessiert
mich das Schild auch nicht weiter. Waehrend ich das Motorrad
aufbocke und den Helm abnehme schrillt irgendwo im Dunkeln hinter
der vermeintlichen Gartenmauer langanhaltend eine Trillerpfeife.
Prrriiiiiuuuu! Ich murmele "Schnauze!" und stecke mir eine
Zigarette an. Nach einer Ewigkeit taucht hinter der Gartenmauer
ein Soldat auf. Schon wieder so einer im Kampfanzug. Er
fuchtelt wild mit den Armen, ich soll hier verschwinden.
Entnervt versuche ich, ihm in Zeichensprache mein bescheidenes
Anliegen klarzumachen. Von der holprigen Reise tut mir der
Hintern weh (Hin-tern!). Ich brauche nur fuenf Minuten (fue-huenf!)
um mich zu erholen und eine Zigarette zu rauchen (Zi-ga-ret-te!).
Es hilft nichts, er fuchtelt weiter, und die Angst vor seinem
Unteroffizier (mit der Trillerpfeife) steht ihm ins Gesicht
geschrieben. Also bringe ich die Pause ein paarhundert Meter
weiter vor einigen Wohnblocks zuende.

Dabei mache ich mir schon einmal Gedanken, wie ich denn diesmal
an ein geniessbares Hotelzimmer gelangen soll. Zwar habe ich mir
gemerkt, wo es laut Stadtplan von Hotels nur so wimmelt, aber
jetzt, nach zwoelfstuendiger Motorradfahrt, mitten durch eine Stadt
wie Istanbul? Mir graut's! Vielleicht klappt er auch hier, der
Trick mit dem Badeort jenseits des Flughafens, denn von mir aus
gesehen waere das diesseits des Flughafens Yesilkoey. Ein Versuch
kann nicht schaden. Erst einmal zum Flughafen.

Erfreut stelle ich fest, dass sich die Zufahrthinweise zum
Flughafen auch ohne stilisiertes Flugzeug leicht verstehen
lassen. War nicht eines meiner drei Woerter Tuerkisch das Wort
"hava", was so etwas wie Luft bedeutet, und heisst nicht "Tuerk
Hava Yollari" Tuerkische Luftfahrgesellschaft? Nun, am Stadtrand
lotsen mich Schilder mit "havalimani" durch das Gewirr von
Autobahnzubringern, und ich folge ihnen bis ... verflucht!
Schon wieder ein Soldat im Kampfanzug. Er sitzt auf einem Stuhl
neben einem Schlagbaum, und der ist geschlossen. Wenn ich mit
einem jovialen "guten Abend" durchkaeme, waere er ueberfluessig, dann
saesse er nicht da. Fuer Aerger und Diskussionen habe ich jetzt
keine Nerven mehr, ich bin am Ende! Also halte ich an, und ich
sehe mich um, ob Landschaft oder Bebauung einen Hoffnungsschimmer
aufkeimen lassen, in der Naehe einen Badeort mit Strandhotels zu
finden. Als ich Fabrikschornsteine sehe kehre ich schleunigst
zurueck zur Autobahn.

Die Autobahn trennt die auf einer Halbinsel gelegene Altstadt vom
Hinterland, umrundet den am anderen Ufer des goldenen Horns
gelegenen Stadtteil Beyoglu und fuehrt in weitem Bogen schliesslich
ueber den Bosporus nach Ueskuedar auf der asiatischen Seite. So
hatte ich es mir eingepraegt. Aber wie haette ich die vielen
fremdartigen Namen von Stadtteilen und Hauptstrassen auswendig
lernen sollen, die mich jetzt an jedem Autobahnabzweig erneut
ueberfordern? Also verlasse ich die Autobahn fruehzeitig und fahre
(alt)stadteinwaerts. Ein klappriger Strassenkreuzer ueberholt und
schneidet mich, prescht diagonal ueber drei Fahrstreifen und
bleibt mit quietschenden Reifen an der Bordsteinkante stehen.
Der Fahrer sieht mich gelangweilt an, als wolle er sagen:
"Ist was?"

Die Uferstrasse (Kennedy Caddesi) ist bald erreicht und lotst mich
am Wasser entlang in Richtung der Galata-Bruecke. Ein gelblich
angestrahltes Bauwerk leuchtet in der Nacht. Es ist die
Sultan-Ahmed-Moschee. Die erste Bruecke, die Galata Koerpuesue,
bringt mich hinueber nach Galata, das zu Beyoglu gehoert. Nicht
leicht, aber moeglich ist es, einen bestimmten Punkt anzufahren.
Unmoeglich dagegen ist es hier, vom Motorrad aus ein Hotel zu
finden. Dazu sind es der Einbahnstrassen zu viele, und die
Hauptstrassen, z.B. Cumhuriyet Caddesi, zeigen sich hinsichtlich
Wende- und Linksabbiegemoeglichkeiten dermassen widerspenstig, dass
ich entnervt aufgebe. Am markentesten Punkt der Gegend mit den
vielen Hotels, dem Cumhuriyet-Platz, stelle ich das Motorrad ab.
Ein imbissbudengrosser Polizeiposten steht dort, aehnlich wie in
Rio. Wie ich noch feststellen werde, wimmelt es in Istanbul von
diesen genormten Kunststoff-Buden, offensichtlich beliefert ein
Monopolist damit sowohl die Polizei als auch die
Imbissbuden-Besitzer und verdient sich eine goldene Nase. Damit
der Polizist mir wohlgesonnen ist und brav das Motorrad bewacht,
lasse ich mich auf eine kleine Plauderei auf englisch ein, bevor
ich mich zu Fuss auf die Suche mache. Was heisst hier Suche,
gegenueber ist doch ein Hotel der richtigen Kategorie, so nah zu
Fuss und doch so unerreichbar mit dem Motorrad. Ich werde es
spaeter nachholen und vorbei an den Taxifahrern, denen fast die
Augen ausfallen, ins Blickfeld des Nachtportiers vors Hotel
stellen. Da steht es gut. Keinen Meter fahre ich hier mehr!

Einer meiner Vormieter im Hotelzimmer muss wohl ein grosser
Fussballfan gewesen sein. Tapeten und Mobiliar sind reichlich mit
Aufklebern des Vereins Galatasaray uebersaeht. Nur ein Portrait
von Jupp Derwall ist nirgendwo zu sehen. Erschrocken stelle ich
fest, dass es mittlerweile fast zwei Uhr nachts ist. Um zwoelf Uhr
mittags bin ich in Thessaloniki losgefahren. Ich falle in einen
tiefen Schlaf.


27.9.90

Am naechsten Morgen stelle ich mit gemischten Gefuehlen fest, dass
ich einerseits noch rechtzeitig vor Ende der Fruehstueckszeit
aufgewacht bin, andererseits viel zuwenig geschlafen habe. Die
Nebenstrasse, in der ich hause, ist ein so enges Gaesschen, dass
ich genau sehen kann, was sich hinter den gegenueberliegenden
Fenstern abspielt. Ein Architekt oder Ingenieur scheint dort
sein Buero zu haben. Er beugt sich ueber weisses Papier, vielleicht
eine Zeichnung. Zwei huebsche Sekretaerinnen kommen zu ihm herein.
Wie schoen ist es doch, anderen bei der Arbeit zuzusehen, waehrend
man selber faulenzt, denke ich, und steige vergnuegt unter die
Dusche.

Das Fruehstueck besteht aus je einer homoeopatischen Dosis Nescafe,
Brot, Butter und Marmelade sowie aus reichlich Schafskaese und
schwarzen Oliven. Dazu laeuft im Fernsehen ein amerikanischer
Spielfilm mit einer tuerkischen Vertonung, die mir sehr
schmalzig-theatralisch vorkommt, auch wenn ich sie nicht
verstehe.

Das Motorrad zeigt keinerlei Spuren von Diebstahlsversuchen.
Mein Beduernis, es zu besteigen, befindet sich allerdings immer
noch auf dem absoluten Nullpunkt. Ich moechte hier nicht
Querverkehr, Ampeln, Vorderleute, Fussgaenger, Bremsklichter und
Schilder bewundern, sondern Moscheen, Basare, Schiffe, Sitten und
Gebraeuche, kurz: Istanbul. Waehrend ich mich zu Fuss in Richtung
auf die Uferstrasse bei Kabata\c{s} aufmache, merke ich, wie ich
anfange, Vorurteile ueber Bord zu werfen. Ich sehe hier keine
Maedchen, die von ihren Eltern gezwungen werden, mit Kopftuch,
Lackschuhen, weissen Struempfen und langem Rock auf die Strasse zu
gehen, ich sehe hier auch keine dick vermummten Kopftuch-Mamis,
deren "Besitzer" mit fuenf Meter Abstand vorne weg marschiert. In
diesem Viertel liegen auch, weit verstreut, die Institute der
Technischen Universitaet. Amuesiert ueber die ortographische
Schlichtheit der Fremdwoerter im tuerkischen Sprachgebrauch lese
ich an einem Gebaeude: Makina Fakueltesi. Und was drueckt sich vor
dem Eingang herum? Schon wieder Soldaten!

Obwohl der Verkehr ausserordentlich dicht und die
Ueberquer-Moeglichkeiten recht spaerlich sind, hat man es als
Fussgaenger nicht so schwer, wie es scheint. Die meisten
Istanbuler Autofahrer haben so eine Art halbherzigen
Zebrastreifen im Kopf. Wenn man es energisch versucht, lassen
sie einen ueberall ueber die Strasse. Zermuerbend ist der Verkehr in
erster Linie aus akustischen Gruenden: man scheint hier in der
Fahrschule zu lernen, dass man immer wieder auf die Hupe grabschen
muss, damit das Autochen nicht stehenbleibt.

Gruenanlagen, in die man vor dem Verkehr fluechten kann, gibt es
hier genug, so auch am Ufer bis zum Beginn des Hafengelaendes.
Ich nehme diesen Weg in Richtung Galata-Bruecke, weil mich das
vielfaeltige Treiben auf dem Wasser anzieht. Es liegen dort nicht
nur Schiffe aller Typen und Groessen auf Reede, diese Verzweigung
aus Bosporus und goldenem Horn ist auch mit einem dichten
Geflecht aus Faehrverbindungen ueberzogen. Ganz in der Naehe liegt
die Schnellboot-Station. Mit ueber dreissig Knoten geht dort "die
Post ab".

In den Gruenanlagen am Ufer sind jetzt auch viele Angestellte und
Geschaeftsleute unterwegs, die in der Mittagspause eine
Besprechung mit einem kleinen Spaziergang verknuepfen. Sie wirken
- im Vergleich zu Europa - uebertrieben gepflegt, abgeleckt und
pomadig.

Im Hafen liegen nicht weniger als drei sowjetische
Kreuzfahrtschiffe und ein Segelschulschiff. Muehsam errate ich
den kyrillischen Schriftzug: Es ist die Tovaritsch, die
ehemalige Gorch Fock I. Tatsaechlich ist sie genauso getakelt wie
die heutige Gorch Fock. Meine Zeit als Besantop-"Tiger" faellt
mir wieder ein, und in Gedanken zaehle ich die einzelnen Segel
auf, die man auswendig wissen musste, um nicht zur Strafe fuenf
Meter "Tausendbein" zu knuepfen. Jager, Aussenkluever, Innenkluever,
Vorstengestagsegel...

Vorbei an einem kleinen Fischmarkt, der teils auf Booten und
teils auf der Pier stattfindet, erreiche ich die Galata-Bruecke.
Offenbar kann man sie als Fussgaenger auch auf einem tiefer
gelegenen Laufsteg ueberqueren, so will es zunaechst scheinen.
Neugierig steige ich die Stufen hinab. Unten reiht sich ein
Fischrestaurant an das andere. Sie sind zum Wasser hin voellig
offen, und die koestlichsten Fischgerichte und Meeresfruechte sind
dort ausgestellt. Davor ein Gedraenge aus Touristen sowie vor
jedem Restaurant ein "Werbefachmann", um sie hineinzulocken.
Natuerlich riecht es nach Nepp, und vermutlich werden hinten in
der Kueche die Fische und vorn an der Kasse die Touristen
gleichermassen ausgenommen. Aber darueber sollte man hier
hinwegsehen. Hauptsache, beim Preis sitzt das Komma an der
richtigen Stelle. Wenn man naemlich irgendwo in der ersten Reihe
sitzt, dann nicht bei ARD und auch nicht bei ZDF, sondern hier.
Man hat beim Essen den gesamten Istanbuler Hafen vor sich.

Die Tovaritsch hat inzwischen abgelegt und ist draussen auf dem
Bosporus nach Westen unterwegs, leider nicht unter Segeln.
Rechts, an der Pier von Eminoenue, herrscht ein fuerchterliches
Gedraenge. Die steinalten, malerischen Faehrschiffe, die die
Altstadt mit Ueskuedar verbinden, stehen dort regelrecht Schlange.
Sie tuten nicht, sondern beim Ablegen jagen sie ein penetrantes
"Uitsch" ueber das Wasser. Mir fallen bestimmte Computerspiele
ein. Es waere doch konsequent, wenn sie beim Anlegen "Iutsch"
machen wuerden, aber den Gefallen tun sie mir nicht. Im
Nahbereich, draussen auf dem Laufsteg, spielt sich Marketing in
seiner sympatischsten Form ab, auch wenn die Opfer das teilweise
anders sehen und sich belaestigt fuehlen. Da sie nicht
stehenbleiben, laeuft der "Nepper-Schlepper-Bauernfaenger" neben
ihnen her. Dabei hat er nur wenige Schritte Zeit, bevor er auf
das Territorium der Konkurrenz geraet. Entsprechend strengt er
seine Phantasie an. Ein bulliger Zwei-Meter-Mann mit einer
Baseball-Muetze auf dem Kopf hat leider keinen Hunger. Allerdings
ist es kein Amerikaner, denn er sagt "njet" und stapft weiter.
Passanten, die irgendwie deutsch aussehen, werden mit dem Spruch
"Fischers Fritz fischt frische Fische" gekoedert und, sofern sie
lachen, verdaechtigt, Bayern zu sein.

Nach dem Essen bemerke ich, dass sich dieses kulinarische Paradies
nicht bis zum anderen Ufer fortsetzt, sonst waere die Bruecke ja
fuer Schiffe unpassierbar, sondern am anderen Ufer ein Gegenstueck
hat. Auf der Rueckseite entsteht zur Zeit eine neue Galata-Bruecke
aus Stahlbeton. Ob es gelingt, nicht nur die Fischrestaurants,
sondern auch die ganze Atmosphaere dorthin zu uebertragen? Bevor
ich wieder nach oben muss, um den Mittelteil zu ueberqueren, suche
ich mir eine unbeobachtete Ecke, um mich fuer die Altstadt zu
praeparieren. Der Brustbeutel wandert unter die Hose, die Strippe
wird - von aussen unsichtbar - an der Schnalle befestigt, und die
Armbanduhr stecke ich in die Hosentasche.

Dass dies goldrichtig war, und ebenso der Entschluss, zu Fuss
hierher zu kommen, bekomme ich bestaetigt, als ich mitten drin
stecke. In den verwinkelten Gaesschen herrscht ein irrsinniges
Gedraenge. Die wenigen Fahrzeuge, zumeist Kleinlaster, die
notgedrungen hierher muessen, warten mit einer Engelsgeduld, bis
sie alle paar Minuten einige Meter weiterkommen. Wenn sie
hoffnungslos in den Menschenmassen steckenbleiben, schwaermen
fromme, baertige, gottesfuerchtige Sacktraeger aus, um die Ware
auszuliefern.

An den exponiertesten Ecken der Altstadt konzentrieren sich
diejenigen Laeden, die viel Nepp und zweifelhaftes Zeug fuer
Touristen feilbieten, z.B. "das Aphrodisiakum des Sultans".
Weiter im Innern merke ich, dass diese Altstadt nach Branchen
gegliedert ist. Offenbar bin ich hier im Textilviertel. Es wird
nicht nur auf engstem Raum gehandelt, sondern auch produziert.
In den Obergeschossen rasseln die Webmaschinen. Unmerklich
gelange ich in das Blechner-Viertel, wo kunstvoll ziselierte
Kannen, Toepfe und Samovare angeboten werden. Durch einen
Kellerschacht, wo man in Berlin hoechstens Bierfaesser in den
Kneipenkeller rollen lassen wuerde, sehe ich im Halbdunkeln einen
alten Mann bei der Arbeit an so einem Schmuckstueck. Nur Laeden
mit Unterhaltungselektronik richten sich wohl nicht nach dieser
geographischen Gliederung. Vor mir versperrt ein grosser Stapel
Kartons den Weg. "Made in Japan" steht drauf. Nanu, der wackelt
ja und bewegt sich langsam fort! Da bemerke ich, dass unten zwei
Hosenbeine und ausgelatschte Schuhe herausgucken.

Vor dem kunstvollen Suedtor der alten Universitaet geht das
hektische Gewimmel in eine etwas ruhigere Freiflaeche ueber. Ich
setze mich zum Ausruhen auf eine Mauer. Ein Schuhputzer bietet
mir seine Dienste an, und ich habe Muehe, mich zu entscheiden.
Einerseits hat das Schuhputzergewerbe - ein traditioneller
Lehrberuf mit Meisterpruefung - in Istanbul eine grosse Bedeutung,
und ich sollte eigentlich nicht an der fachlichen Qualifikation
dieses Spezialisten zweifeln. Andererseits trage ich weisse
Tennisschuhe, auf denen kraeftig das Motorrad abgefaerbt hat. Ob
er das wegbekommt? Egal, ich moechte hier nicht in Herrscher-Pose
dasitzen, waehrend ein Sklave an der Erde knieht, meine Schuhe
putzt und vielleicht auch noch meine Fuesse kuesst. Ich lehne ab.

Den ueberdachten Basar habe ich auf meinem Bummel durch die
Altstadt offenbar verfehlt. Also bemuehe ich den Stadtplan und
mache mich wieder auf die Beine. Als ich den Basar erreiche, bin
ich ueberrascht. Mir hatte vorgeschwebt, dass hier, umweht von
Geschrei und Fischgestank, alle Schaetze des Orients teils auf der
Erde und teils auf Kisten oder verrotteten Tischen ausgebreitet
sind. Stattdessen erwartet mich ein modernes, blitzsauberes
System von Ladenpassagen. Dass dieser Basar dennoch den ganzen
Reiz des Orients atmet, liegt auf den ersten Blick daran, dass
zwei Meter ueber dem Boden das zwanzigste Jahrhundert zuende ist.
Darueber entfaltet sich in den Boegen des Dachgewoelbes die ganze
Pracht der Mosaike. Immer wieder bleibt mein Blick daran haengen.
Die angebotenen Waren bestehen nur teilweise aus Kunstgewerbe und
Souvenirs, zum anderen Teil sind es auch die ganz banalen Dinge
des taeglichen Gebrauchs. Natuerlich bin ich nicht der einzige
Auslaender hier, es wimmelt nur so von Touristen. Dass die hier
wie ueberall in schafherdenaehnlichen Gruppen mit kurzen Hosen
herumlaufen und mit ihren teuren Camcordern angeben muessen, geht
mir schon auf die Nerven. Den Vogel schiesst eine Gruppe
Skandinavier ab: sie tragen Tropenhelme, auf denen kleine
Faehnchen ihres Heimatlandes stecken.

Die Haendler haben auch ohne derartige Nachhilfe keine Muehe, die
Herkunft jedes Touristen festzustellen. Immer wieder werde ich
in perfektem Deutsch angesprochen, ob ich nicht dieses oder jenes
kaufen moechte. Nun, im Gepaecksystem meines Motorrades ist kein
Kubikzentimeter Platz mehr, dieses Argument wiederhole jedesmal,
und ich bin richtig erleichtert, dass ich mir nicht den Kopf ueber
irgendwelche Mitbringsel zerbrechen muss. Durch den alten Basar
gelange ich wieder ins Freie. Drinnen wie draussen ist das Gewirr
an kleinen Laeden so vielfaeltig, dass man schon genau hinsehen muss,
um zu merken, dass man ein Eingangstor passiert und wieder freien
Himmel ueber sich hat. Ob das Tor wohl jemals geschlossen wird?

Waehrend ich weiter durch die Altstadt schlendere, faellt mir auf,
in welch grosser Zahl es an bald jeder Stassenecke winzig kleine
Moscheen gibt, jede von ihnen ein filigranes Kunstwerk.
Nachdenklich bleibe ich vor einer von ihnen stehen. Auf dem
roten Teppich, der ueber zwei Marmorstufen ins Innere fuehrt,
stehen zwei Paar Schuhe aufgereiht. Ihre Besitzer, die im Innern
der Moschee knien und beten, sind im Halbdunkeln nur schemenhaft
erkennbar. Waehrend ich gruebele und das wenige, das ich ueber den
Islam weiss, mit meinem christlichen Glauben vergleiche, drueckt
sich ein junger Mann mit ernstem, verschlossenem Gesicht an mir
vorbei, und bald stehen drei Paar Schuhe vor der Moschee. Nun,
fuer einen Unglaeubigen gehoert es sich vielleicht nicht, hier
herumzustehen und indiskret ins Innere der Moschee zu gaffen, so
wird mit schlagartig bewusst, also gebe ich mir einen Ruck und
gehe weiter.

Obwohl ich mir vorgenommen hatte, keine Baudenkmaeler und
Sehenswuerdigkeiten quasi abzuhaken, um sie zuhause prahlend
aufzuzaehlen, sondern ganz ungezwungen die Atmosphaere dieser Stadt
in mich aufzusaugen, beschleicht mich jetzt doch so eine Art
Pflichtgefuehl. Wie sollte ich es jemals rechtfertigen, dass ich
in Istanbul gewesen bin und nicht die Sultan-Ahmed-Moschee
gesehen habe? Also mache ich mich dorthin auf den Weg.
Vis-a-vis zur Sultan-Ahmed-Moschee, die jetzt leider in einem
Baugeruest steckt, ruhe ich mich in einem Strassencafe ein wenig
aus. Ploetzlich, zu einer voellig krummen Uhrzeit, geht es los:
Aus den Lautsprechern oben an den Minaretten dringt die Stimme
des Muhezzin. Ich bin ergriffen, denn ich hoere dies zum
erstenmal life in einem islamischen Land. Die Unerbittlichkeit
dieses Gesangs und die gespenstischen Pausen dazwischen jagen mir
fast eine Gaensehaut ueber den Ruecken. Erst als ich mir die Frage
stelle, ob dort wirklich ein leibhaftiger Muhezzin ins Mikrophon
singt oder ob vielleicht nur ein subalterner "Hiwi" eine Casette
eingelegt hat, und mich die Respektlosigkeit dieses Gedankens
amuesiert, wird mir wieder etwas leichter ums Herz.

Vor der Moschee hat man verschiedentlich Ruinen ausgegraben, die
teilweise noch aus der Roemerzeit stammen. Fuer manche Leute
scheint es eine unverzeihliche Bildungsluecke darzustellen, wenn
man nicht genauestens weiss, was sie zu bedeuten haben und was
draufsteht. Ueberall stehen schafherdenaehnliche Gruppen von
Touristen mit Strohhut, Kamera und kurzen Hosen und lauschen mit
aufgesperrtem Mund den monotonen Vortraegen der Fremdenfuehrer.
Angewidert suche ich das Weite.

Nachdem ich die Sultan-Ahmed-Moschee umrundet habe, fuehrt mich
der Weg an den roetlichen Mauern der Hagia-Sofia-Moschee vorbei
durch den Guelhane-Park hinunter in die Stadt, zum
Bahnhofsviertel. Der Bahnhof weckt meine Neugier, also gehe ich
hinein. Es handelt sich um einen Kopfbahnhof. Vor dem Prellbock
des Gleis eins (wo sonst) steht eine Bueste von Kemal Atatuerk. In
den Sockel ist ein langatmiger Text eingelassen, den ich mangels
Tuerkisch-Kenntnissen nicht verstehe. Vermutlich sind es die
gesammelten Sprueche, die ihm im Laufe seines Lebens zum Thema
"Eisenbahn" eingefallen sind. Enttaeuscht stelle ich fest, dass
hier nur S-Bahn-aehnliche Vorortzuege stehen, dabei hatte ich mir
doch ein wenig Fernreise-Atmosphaere gewuenscht, Dorfbewohner, die
mit Kartons voller Huehnern und Habseligkeiten aus den Tiefen
Anatoliens kommen. Ob es wohl heutzutage noch moeglich ist, aus
Europa mit der Bahn hierherzukommen? Wenn ja, ist es gewiss sehr
abenteuerlich, wenn auch auf eine gaenzlich andere Weise als auf
dem Motorrad. Die Fernzuege - wenn es sie denn gibt - halten
vermutlich dort auf dem Gleis eins vor der Atatuerk-Bueste.

_ . _

Thomas Deck

unread,
Sep 1, 1993, 10:43:36 AM9/1/93
to
In article <25vnph$l...@mailgzrz.TU-Berlin.DE>, h...@ocean.fb12.tu-berlin.de (Henning Weede) writes:

|> Vor der Moschee hat man verschiedentlich Ruinen ausgegraben, die
|> teilweise noch aus der Roemerzeit stammen. Fuer manche Leute
|> scheint es eine unverzeihliche Bildungsluecke darzustellen, wenn
|> man nicht genauestens weiss, was sie zu bedeuten haben und was
|> draufsteht. Ueberall stehen schafherdenaehnliche Gruppen von
|> Touristen mit Strohhut, Kamera und kurzen Hosen und lauschen mit
|> aufgesperrtem Mund den monotonen Vortraegen der Fremdenfuehrer.
|> Angewidert suche ich das Weite.

Koennte es Dir eventuell in den Sinn kommen, dass sich "manche Leute"
einfach fuer solche Sachen interessieren?
Moeglicherweise geben sie daheim mit ihrem Wissen auch nicht an, im
Gegensatz zu gewissen Motorradfahrern, die meinen, die einzig selig machende
Art von Urlaub zu kennen, und sich von den Vorlieben anderer Leute
"angewidert" fuehlen.

Ansonsten war Dein Reisebericht stilistisch und inhaltlich sehr lesenswert.

Gruss, Thomas.
--
"Wenn ich einen Sportwagen hinter mir sehe, dessen Nase ich nicht mehr erkennen
kann, obwohl ich 200 fahre, weiss ich, dass das ein Porsche ist."
+++ Erfahrung eines Autobahnbenutzers +++

Lutz Pogrell

unread,
Sep 6, 1993, 11:09:05 AM9/6/93
to
In article l...@mailgzrz.TU-Berlin.DE, h...@ocean.fb12.tu-berlin.de (Henning Weede) writes:

[...]


>Bahnhofsviertel. Der Bahnhof weckt meine Neugier, also gehe ich
>hinein. Es handelt sich um einen Kopfbahnhof. Vor dem Prellbock
>des Gleis eins (wo sonst) steht eine Bueste von Kemal Atatuerk. In
>den Sockel ist ein langatmiger Text eingelassen, den ich mangels
>Tuerkisch-Kenntnissen nicht verstehe. Vermutlich sind es die
>gesammelten Sprueche, die ihm im Laufe seines Lebens zum Thema
>"Eisenbahn" eingefallen sind. Enttaeuscht stelle ich fest, dass
>hier nur S-Bahn-aehnliche Vorortzuege stehen, dabei hatte ich mir
>doch ein wenig Fernreise-Atmosphaere gewuenscht, Dorfbewohner, die
>mit Kartons voller Huehnern und Habseligkeiten aus den Tiefen
>Anatoliens kommen. Ob es wohl heutzutage noch moeglich ist, aus
>Europa mit der Bahn hierherzukommen? Wenn ja, ist es gewiss sehr
>abenteuerlich, wenn auch auf eine gaenzlich andere Weise als auf
>dem Motorrad. Die Fernzuege - wenn es sie denn gibt - halten
>vermutlich dort auf dem Gleis eins vor der Atatuerk-Bueste.
>
> _ . _
>

Selbstverst"andlich gibt es auch heute noch Z"uge von Deutschland in die T"urkei.
Allerdings beginnen sie in M"unchen, was ja von Berlin noch ein St"uck weg ist.
Dabei nimmt man die interesannte Route "Ostreich - Ungarn - Serbien - Bulgarien -
T"urkei (Istanbul) und soviel ich wei"s gibt es keine Eisenbahnbr"ucke "uber den Bosporus,
ich vermute also der von Dir gesehene Bahnhof war ein Anderer. Aber eigentlich kann man
optimistisch sein da"s da auch eine Kemal Atatuerk - B"uste steht :-)

Ob die Fahrt durch Serbien empfehlenswert ist m"ochte ich bezweifeln, und man kann auch wegen
des Boykotts keine Fahrkarten f"ur Serbien kaufen. Ein Kursbuch ist ja "uberhaupt eine der interessantesten
Lekt"uren die ich kenne. Da steht bei manchen solchen Z"ugen die Anmerkung:
Zug mit besonders langem Laufweg ohne Qualit"atsgarantie.
Was immer eine Qualit"atsgarantie der DR sein mag.

Schlie"slich sind wir zu DDR Zeiten ja auch nach Bulgarien gefahren ohne Jugoslawien so passieren, n"ahmlich so:
Berlin -- Prag -- Bratislawa -- Budapest -- (Durch die Karpaten) -- Bukarest -- Sofia
oder Direkt ans Schwarze Meer, nach Varna oder Burgas. All diese sch"onen Z"uge gibt es aber leider nicht
mehr. Wer nach Bulgarien f"ahrt, der fliegt heute wohl meistens. Und dabei hat die Fahrt nur 2 1/2
Tage gedauert und war immer erlebnisreich...

Ich w"urde heute daher Berlin -- Budapest und dann Umsteigen empfehlen. Aber glaube blo"s der Bahnauskunft
kein Wort, vor allem wenn sie dieses komische Programm nehmen.

So dann freuen wir uns alle miteinander auf den n"achsten Urlaub Lutz

>>Das ist vielleicht eine Schinderei<<, sagte Arthur m"ude,
>>das einzige Wort das sie kennen ist >Grunz<, und das k"onnen
sie nicht buchstabieren.<<

Henning Weede

unread,
Sep 6, 1993, 2:53:43 PM9/6/93
to

>Selbstverst"andlich gibt es auch heute noch Z"uge von Deutschland in die T"urkei.
>Allerdings beginnen sie in M"unchen, was ja von Berlin noch ein St"uck weg ist.
>Dabei nimmt man die interesannte Route "Ostreich - Ungarn - Serbien - Bulgarien -
>T"urkei (Istanbul) und soviel ich wei"s gibt es keine Eisenbahnbr"ucke "uber den Bosporus,
>ich vermute also der von Dir gesehene Bahnhof war ein Anderer. Aber eigentlich kann man
>optimistisch sein da"s da auch eine Kemal Atatuerk - B"uste steht :-)

Mist, dass mein ganzes Kartenmaterial zuhause liegt und der Rechner im
Institut steht. Also, ich meine den Bahnhof am Hafen, wo man dran
vorbeikommt, wenn man von der Galata-Bruecke (Altstadtseite) Richtung
Uferstrasse (Kennedy Kaddesi) faehrt. Er liegt - soweit ich mich
erinnere - unterhalb der Blauen Moschee, der Hang dazwischen
ist der Guelhane-Park. Das ist also die europaeische
Seite des Bosporus und nicht Ueskuedar.

Meine Zweifel an Bahnverbindungen beruhten auf einem Vergleich mit
der Flugverbindung. Interessant, dass diese Frage so eine Resonanz
ergibt. Ihr seid wohl Eisenbahn-Fans, und das kann ich nachvollziehen.
Die Bahn hat durchaus ihren Reiz (Panorama, Auslauf
auf dem Gang, Kennenlernen interessanter Leute, ...)

Aber: Leute, seid vorsichtig wegen der Kriminalitaet. Man liest immer
wieder, dass sogar in Suedfrankreich dauernd Raubueberfaelle im Zug
passieren. Und im Balkan herrscht an den westlichen Eisenbahnrouten
Krieg, der zur Verrohung der Menschen beitraegt, und an den
oestlichen Routen Armut, beides ist also der Kriminalitaet foerderlich.
Und da die Taeter im fahrenden Zug nicht abhauen koennen, werden
sie versuchen, einen unschaedlich zu machen :-( .

>So dann freuen wir uns alle miteinander auf den n"achsten Urlaub Lutz

Tja, wann das wohl sein mag, wenn man in misc.jobs.resumes
vertreten ist.

Tschuess an alle; Karl: ich meld mich, wenn ich Deine Reiseberichte
durch hab.


(..)
Henning Weede 0 ____ 0
\ / __ \ /
TU Berlin --/ (__) \--
Fachgebiet Meerestechnik (SG17) =\ /=
Salzufer 17-19, 10587 Berlin -|--|-
Tel. (030) 314-25534 | |##| |
h...@ocean.fb12.tu-berlin.de \ ## /
##
---------------------------------------------------------------------

Karl Brodowsky

unread,
Sep 6, 1993, 1:06:58 PM9/6/93
to
Lutz Pogrell (pog...@informatik.hu-berlin.de) schrieb:

| Selbstverst"andlich gibt es auch heute noch Z"uge von Deutschland in die T"urkei.
| Allerdings beginnen sie in M"unchen, was ja von Berlin noch ein St"uck weg ist.
| Dabei nimmt man die interesannte Route "Ostreich - Ungarn - Serbien - Bulgarien -
| T"urkei (Istanbul) und soviel ich wei"s gibt es keine Eisenbahnbr"ucke "uber den Bosporus,

Meines Wissens gibt es zwei Bahnh"ofe jeweils in der N"ahe des
Bosporus und eine F"ahre. Daneben existieren zwei Stra"senbr"ucken,
von denen ich nicht wei"s, f"ur welche Verkehrsarten sie zugelassen
sind.

| Ob die Fahrt durch Serbien empfehlenswert ist m"ochte ich bezweifeln, und man kann auch wegen
| des Boykotts keine Fahrkarten f"ur Serbien kaufen.

Aber ich glaube, da"s die Fahrkarten nach Bulgarien noch verkauft
werden. Dennoch mag die Frage erlaubt sein, warum die Z"uge nicht
"uber Rum"anien um Serbien herumgef"uhrt werden:

| Schlie"slich sind wir zu DDR Zeiten ja auch nach Bulgarien gefahren ohne Jugoslawien so passieren, n"ahmlich so:
| Berlin -- Prag -- Bratislawa -- Budapest -- (Durch die Karpaten) -- Bukarest -- Sofia

| oder direkt ans Schwarze Meer, nach Varna oder Burgas. [...]


| Ich w"urde heute daher Berlin -- Budapest und dann Umsteigen empfehlen.

Genau, die Strecken gibt es n"amlich durchaus. Allerdings ist das mit
einem sehr gro"sen Umweg verbunden.

|| **BK1%AIXFILE1.$UU...@UUCP.ZER** ||
|| ++b...@ix.urz.uni-heidelberg.de++ ||
|| (Karl Brodowsky) ||

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