Rupert Haselbeck <
mein-re...@gmx.de> wrote:
> Martin Klaiber schrieb:
>> Richtig. Er musste nicht nach links ausscheren. Es handelte sich um
>> eine Art Landstraße in einem Berliner Außenbezirk mit einer Fahrspur
>> je Fahrtrichtung. Bin mir nichtmal sicher, ob es einen Mittelstreifen
>> gab. Die Bushaltestelle befand sich auf dem Gehweg rechts. Der Bus
>> hielt einfach an, blinkte IIRC rechts und der Verkehr musste links an
>> ihm vorbeifahren.
> Musste er? Oder hätte er auch einfach warten können, bis der Bus
> seinerseits weiterfährt? So, wie es der Gesetzgeber in § 20 StVO bei
> Bedarf als Mittel der Wahl empfiehlt...
Die Busse stehen manchmal minutenlang an einer Haltestelle und warten,
weil das Fahrgastaufkommen in den Außenbezirken so unterschiedlich ist.
Ok, ob es wirklich Minuten sind, habe ich nicht nachgemessen, es fühlt
sich aber so an.
Eine ehemalige Kommilitonin, die bei den Berliner Verkehrsbetrieben als
Busfahrerin arbeitete und berufsbegleitend studierte, erklärte mir
dazu, dass die Busfahrer im Armaturenbrett ein Display haben, das ihnen
anzeigt, wie viel sie gegenüber dem Fahrplan zu früh oder zu spät sind.
Wenn die Abweichung zu groß ist, müssen sie an einer Haltestelle so
lange warten, bis sie wieder im Soll sind, sonst bekommen sie Probleme
mit der Einsatzleitung.
Da die Strecke mein Arbeitsweg seit 25 Jahren ist, kenne ich das, und
da ich meinen eigenen Dienstplan habe, der nichts mit dem Dienstplan
der Busfahrer gemeinsam hat, nehme ich mir daher die Freiheit, am Bus
vorbeizufahren, wenn ich der Meinung bin, dass es mir zu lange dauert.
> Als Radfahrer einen Linienbus ausbeschleunigen? Das könnte blöd
> ausgehen.
Kein Problem, mit dem Rennrad schon gar nicht, vorallem wenn man selbst
schon 15 km/h fährt, während der Bus noch steht.
> Und natürlich wird das auch ein klein wenig mit der
> Schrittgeschwindigkeitsempfehlung des § 20 StVO etwas kollidieren...
Woraus leitest Du das ab? Warnblinker hatte der Bus nicht eingeschaltet.
Ansonsten lese ich da nur, dass vorsichtig vorbeigefahren werden soll.
>> Wenn man abbremst, um hinter dem Bus wieder rechts einzuscheren, kann
>> die Situation entstehen, dass hinter ihm weitere Fahrzeuge folgen, die
>> hinter ihm an der Haltestelle warteten und mit ihm wieder angefahren
>> sind. Wie ist da die Rechtslage? Müssen sie mich wieder in die rechte
>> Spur lassen? Oder könnte es sein, dass ich, links wartend, eine ganze
>> Kolonne an mir rechts vorbeiziehen lassen muss?
> In einer Gefahrensituation müssen sie dich natürlich ganz ohne explizite
> Vorschrift für den konkreten Einzelfall einscheren lassen. Es könnte
> allerdings zu denken geben, wenn motorisierte Fahrzeuge, neben einem
> anderen Radfahrer dürfte das Einscheren ja unproblematisch sein, hinter
> dem Bus warten,
Du weißt nicht, wie lange sie da schon warten. Sie können auch gerade
angekommen sein, als der Bus los fuhr.
> während der Radler trotz dessen deutlich geringerer Chancen,
> rechtzeitig vorbei zu kommen,
Warum hat der Radler deutlich geringere Chancen rechtzeitig am Bus
vorbei zu kommen? Gerade noch hast Du behauptet, man müsse oder solle
beim Vorbeifahren Schrittgeschwindigkeit einhalten. Gilt das für Autos
nicht? Oder sind die trotz Schrittgeschwindigkeit schneller vorbei?
> es in Kauf nimmt, den Bus beim Verlassen der Haltestelle zu behindern
> (und sich dabei selber zu gefährden)
Inwiefern hat der Radfahrer den Bus beim Verlassen der Haltestelle
behindert?
>> Ich entschied mich für die defensive Variante und bremste ab. Es war
>> die richtige Entscheidung, denn der Bus beschleunigte ziemlich flott,
>> er war wohl wenig besetzt und gut motorisiert.
> Es wird bei einem Bus angesichts dessen eigenen Gewichts von 15t oder
> 20t insoweit eher egal sein, ob da nun niemand drin sitzt oder auch noch
> 12t Fleisch an Bord sind.
Quatsch. Ich fahre auch mit diesen Bussen mit (z.B. bei schlechtem
Wetter) und es macht einen Riesenunterschied für die Beschleunigung,
wie voll sie sind.
Und ich habe als Student lange Jahre weiße Ware mit 7,5 Tonnern
ausgeliefert. Die haben eine Zuladung von etwa 4 Tonnen bei einem
Leergewicht von etwa 3,5 Tonnen, also ähnliche Verhältnisse wie in
Deinem Beispiel mit dem Bus, und der Unterschied ist riesig, ob der
LKW voll ist oder leer. Diese LKWs hatten sechs Gänge. Wenn der LKW
leer war, konnte man bequem im 2. Gang anfahren. Wenn er voll war,
musste man im 1. Gang anfahren. Und der 1. Gang reichte gefühlt nur
bis 5 km/h, aber man brauchte ihn, sonst kam man nicht los. Jedenfalls
bei den LKWs, die ich damals gefahren bin (kleinere DB).
> Die defensive Variante wäre es, hinter dem Bus zu warten...
Ja, und da steht man dann manchmal minutenlang. Leider machen die
Fahrer keine Ansage, wie lange sie stehen bleiben.
>> Insgesamt war es trotzdem eine blöde Situation. Ich bremste bis fast
>> zum Stillstand, man steht auf der falschen Spur, kann nicht vor und
>> nicht zurück. Hat das Gefühl, es dauert ewig, bis dieser Riesenwurm
>> von Bus endlich vorbei ist.
> Man könnte also auch darüber sinnieren, ob hier eine unklare
> Verkehrssituation vorliegt, welche die Entscheidung dann noch einen Tick
> Richtung "Warten!" verschieben sollte.
> Das hängt dann halt auch von weiteren Faktoren ab wie z.B.
> Verkehrsdichte, Witterung, Lichtverhältnisse
Wie gesagt, ich fahre die Strecke seit 25 Jahren und kenne jedes
Schlagloch. Und die meisten Busfahrer verhalten sich auch nicht so
wie der Busfahrer in meinem Beispiel. Kurz danach kam übrigens noch
ein Bus, obwohl auf der Strecke ein 20-min-Takt herrscht. Von daher
vermute ich eher, dass der erste Bus Verspätung hatte und keine Zeit
verlieren wollte, indem er mich vorbei lässt.
Grüße
Martin