Die Tricks der Roma-Sippe Lakatosz | Die Weltwoche, Ausgabe 14/2012 |
Montag, 1. April 2013
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Die Tricks der Roma-Sippe Lakatosz
Eine undurchsichtig organisierte polnische Roma-Sippe nimmt seit Jahren
mit dem sogenannten Enkeltrick ältere Leute systematisch aus. Der
Kölner Polizist Joachim Ludwig kennt die Familienmitglieder und
verfolgt sie.
Von Christoph Landolt
Ein Anflug von Ärger: Ermittler Ludwig. Bild: Christoph Kniel
«Hallo Lisel! Wie geht es dir?»«Gut. Aber wer ist da?»«Errätst du das
nicht? Denk mal nach, wen du in Deutschland kennst.»«Bist du das,
Wolfgang?»«Siehst du, du hast es ja doch erraten. Hör mal, Lisel, ich
bin grad in Zürich und hab ein kleines Problem.»
Es ging um eine Eigentumswohnung, die Wolfgang kaufen wollte. Bis 13 Uhr
musste die Anzahlung über 80 000 Franken da sein, sonst wäre der Handel
gescheitert. Liselotte Vogt (Name geändert) wollte ihrem deutschen
Cousin helfen und ging zur Bank. Die Schaltermitarbeiterin war
misstrauisch, fragte, wofür sie denn so viel Bargeld brauche. «Das ist
doch meine Privatsache», ärgerte sich die 87-Jährige.
Vier Tage später fragt sich Liselotte Vogt, warum sie so lange nichts
gemerkt hat. «Natürlich habe ich schon vom Enkeltrick gehört.» Ein Licht
ging ihr aber erst auf, als am verabredeten Treffpunkt ein Mann wartete,
der einen dunklen Teint hatte und kaum Deutsch sprach. Im letzten Moment
machte Vogt auf dem Absatz kehrt.
Erfinder der dreisten Methode
Wer zum Beispiel Liselotte heisst, ist mit einiger Wahrscheinlichkeit im
Rentneralter und somit im Visier der Enkeltrickbetrüger. Sie geben sich
als Verwandte oder Bekannte aus, immer brauchen sie sofort Geld. In den
letzten Wochen häuften sich in der ganzen Schweiz entsprechende
Polizeimeldungen. Die Baselbieter Kantonspolizei warnte gar vor einer
neuen Welle von Enkeltrickbetrügereien. Tage zuvor hatte eine Rentnerin
aus Füllinsdorf BL einer Unbekannten 80 000 Franken übergeben; in
Birsfelden wurde ein Mann um 60 000 Franken betrogen.
Kriminalhauptkommissar Joachim Ludwig kennt sich aus mit Trickbetrügern.
Er sitzt hinter seinem Pult im Betrugsdezernat der Kölner Polizei.
Hinter ihm hängt der quadratmetergrosse Stammbaum der Familie Lakatosz,
einer Roma-Sippe aus Polen. Er ist weit verzweigt und komplex, denn
Cousins heiraten Cousinen, der Onkel ist oft auch der Schwager. Alle
sind sie fein säuberlich aufgeführt, mit dem Namen aus dem Pass und dem
Rufnamen. Ihre Heimat ist kein Ort, sondern dort, wo die Familie ist,
und die ist über ganz Europa und die USA verstreut. In der Mitte der
Sippe steht Arkadiusz Lakatosz – der Erfinder des Enkeltricks.
Zeugenaussagen, Verhöre, abgehörte Telefone haben Kommissar Ludwig
aufgezeigt, wie diese perfide Technik, mit der Senioren abgezockt
werden, erfunden wurde: Es muss an einem Tag im Jahr 1999 in Hamburg
gewesen sein, als Arkadiusz Lakatosz wieder einmal bei älteren Leuten
anrief, um ihnen ein wertloses Stück Plastik als teuren Orientteppich
anzudrehen. Es ist eine der Maschen, mit denen die Familie, die seit den
achtziger Jahren in Deutschland aktiv ist, Rentner um ihr Geld bringt.
Der Greis, der abnimmt, will aber nicht glauben, dass ein befreundeter
Teppichhändler dran ist. «Erzähl doch keinen Blödsinn, Jürgen. Ich
weiss, dass du es bist.» Also liess Arkadiusz Lakatosz den Teppich weg
und spielte mit. Jürgen, der Enkel in Geldnöten, war geboren und mit ihm
der Enkeltrick.
In den nächsten Monaten perfektioniert Lakatosz die Masche, zusammen
mit seinem Bruder Adam. Zu Beginn sitzen sie in einer Wohnung und rufen
Menschen an, die in der Nähe wohnen. Inzwischen operieren sie nur noch
grenzüberschreitend.
«Die Lakatosz-Familie ist für jeden Enkeltrickbetrug verantwortlich»,
sagt Ludwig. Er kennt den Clan seit Jahren. Bereits in den neunziger
Jahren war Ludwig Mitglied einer Sondereinheit der Kölner Polizei, die
sich Verbrechen gegen ältere Menschen widmet. Als die Familie vom
Teppichtrick auf den Enkeltrickbetrug umsattelt, folgt er ihr. Sein
enges Büro verlässt Ludwig, den seine Kollegen scherzhaft
«Zigeuner-Lude» nennen, nur selten, die meiste Zeit verbringt er hinter
dem Telefon und vor dem Computer. Seine wichtigste Waffe sind ellenlange
Excel-Tabellen, voll mit Zahlenfolgen. Es sind Funkzellendaten von
Mobilfunkantennen, auf denen detailliert festgehalten ist, von wo aus
wann und wie lange auf welche Nummer telefoniert worden ist. Ludwig
scrollt nach unten, zeigt auf eine Reihe von dicht aufeinanderfolgenden
Anrufen, die von einem Handy auf eine polnische Festnetznummer getätigt
worden sind. «Nur ein Enkeltrickbetrüger ruft in einer Stunde
zwanzig-mal dieselbe Nummer in Polen an.»
So hangelt sich Kommissar Ludwig von einer Nummer zur andern, den
Tätern, die ihre SIM-Karten ständig wechseln, dicht auf der Spur.
«Unterwegs sind sie immer zu zweit», erklärt Ludwig. Der eine ruft an,
der andere fährt. Die wichtigste Rolle spielen aber die Anrufer, in der
Roma-Sprache Keiler genannt. Ludwig schätzt ihre Zahl auf zwanzig bis
dreissig. Die Keiler sitzen irgendwo in Polen, geschützt durch ein
Bürokratiedickicht, das die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der
Polizisten verhindert.
Rentner wird es immer geben
Dank Ludwigs Akribie gelingt es der Kölner Polizei immer wieder,
«Abholer» festzunehmen. Anders als die Mafia sei der Lakatosz-Clan nicht
hierarchisch aufgebaut, sondern ein loses Netzwerk. Aus Verhören und
abgehörten Anrufen ist bekannt, dass es häufig die Abholer sind, die
durchgeben, welches Gebiet telefonisch bearbeitet werden soll.
Auf seinem Bildschirm zeigt der Polizist Fotos und Videos, auf denen zu
sehen ist, wo das ergaunerte Geld offenbar hinfliesst: eine prunkvolle
Marmorgrabstätte auf einem ärmlichen polnischen Friedhof, die einem
Lakatosz gehört. Tiefergelegte BMWs. Riesige Bankette, bei denen für
jeden Gast eine Champagnerflasche bereitsteht. Clanmitglieder in
dunklen Anzügen, die Notenbündel in die Kamera halten – die Ersparnisse
eines Rentners.
Ist dieser Anblick für einen Fahnder nicht frustrierend? Für Joachim
Ludwig ist das die falsche Frage. «Ich sehe nicht ein, warum mein Leben
von denen auch noch beeinträchtigt werden sollte.» Generationen von
Polizisten hätten die Kriminalität bekämpft, trotzdem gebe es sie noch,
erklärt er ruhig. In den zwölf Jahren, die ihm bis zu seiner
Pensionierung bleiben, will er weiterkämpfen.
Ein Anflug von Ärger ist zu spüren, wenn Ludwig über Politiker, Richter
und Datenschützer spricht, die das Problem unterschätzten. Er kritisiert
auch Psychologen, die in Interviews erzählen, die Opfer gehörten einer
aussterbenden Generation an, der Folgsamkeit eingedrillt worden sei.
«Das hat nichts mit Autoritätsgläubigkeit zu tun, sondern schlicht und
einfach mit Demenz.» Der Polizist glaubt, dass es eines Tages auch ihn
treffen kann. Er hat ein zweites Mal gebaut: ein Generationenhaus, im
Erdgeschoss hat es Platz für ihn und seine Frau, im oberen Stock könnten
Kinder oder Pflegepersonal wohnen. Ludwig ist überzeugt, dass die
Kriminalität gegen Senioren stark zunehmen wird, aus demografischen
Gründen, aber auch dank Spezialisten wie der Lakatosz-Familie. «Rentner
sind für sie eine regenerative Ressource.»
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