As usual. Ein Nachwort
Hamburg, 12. Februar 1994: Zwei Wochen nachdem die
Bundesregierung erklaert hat, auch ihr falle es "immer schwerer,
noch zwischen den drei Kriegsparteien (im ehemaligen
Jugoslawien) zu differenzieren", reklamiert Bundeskanzler Kohl
waehrend seines Besuches in Washington erstmals offen ein
"besonderes deutsches Interesse" in der Entwicklung Sloweniens
und Kroatiens - ein Vorgang, den das »Hamburger Abendblatt mit
den Worten kommentiert: »Noch deutlicher sollte ein Bonner
Regierungschef (beim Reden ueber »Einflusssphaeren«, W.S.) nicht
werden«, schliesslich jaehre sich im April >die deutsche Besetzung
Jugoslawiens zum 53. Male<; von derlei Skrupeln voellig frei
hatte die »Taz« am 27. Januar gegen »die Unterstuetzung Serbiens
in den internationalen Gremien und der Nato durch Briten,
Franzosen und Russen, die auf die Sicherung von Einflusssphaeren
aus sind«, vom Leder gezogen und »die deutsche Politik«
verteidigt, die sich leider »seit der voellig zu Recht erfolgten
Anerkennung Kroatiens nicht einmal mehr auf das diplomatische
Parkett« gewagt habe eine Woche spaeter warb das Blatt unter der
Schlagzeile »Moralisch geboten, politisch zweckmaessig« fuer das
Konzept einer Militaerintervention in Bosnien-Herzegowina durch
Uno/Nato/WEU, das der Bundeswehrgeneral a. D. Graf Hanno von
Kielmansegg angefertigt hatte.
So ist es kein Wunder, dass - wie ausnahmslos saemtliche deutschen
Medien (siehe in diesem Buch S. 143 ff.) - auch die "Taz" im
Granatenangriff auf den Zentralmarkt von Sarajevo lediglich eine
guenstige Gelegenheit sah, auf eine moeglichst rasche Erfuellung
laengst erhobener Forderungen zu draengen und die unverzuegliche
Bombardierung serbischer Stellungen zu verlangen. Zwar ist eine
Woche nach dem Massaker noch immer unklar, wer dafuer
verantwortlich ist; zwar weisen Uno-Sprecher wiederholt darauf
hin, dass nach vorlaeufigen Erkenntnissen der Anschlag auch aufs
Konto einer muslimischen Einheit gehen koennte; zwar hat die Uno
auf massives Draengen der bosnischen Serben eine internationale
Kommission mit der Untersuchung des Anschlags beauftragt - die
»Taz« aber, die nur mehr deutschen Expertisen glaubt, setzt die
«unabhaengiger Untersuchung« in ironisierende Gaensefuesschen und
erklaert, es gebe auch ohne Klaerung der Schuldfrage »laengst Anlass
genug fuer Luftangriffe« gegen die Serben.
Einige Wochen bevor sich so wieder einmal die
lumpenjournalistische Front von »FAZ« bis »Taz« von Reissmueller
bis Rathfelder schloss, hatte Peter Brock seinen Beitrag ueber die
einseitige und systematisch faelschende Bosnien-Berichterstattung
der westlichen Medien in der angesehenen US-amerikanischen
Vierteljahresschrift »Foreign Policy«, (Nr. 3, Winter 93/94)
veroeffentlicht. Unter dem Titel »Bosnien: So logen Fernsehen
und Presse uns an« brachte die Zuericher Wochenzeitung »Die
Weltwoche« in ihrer Ausgabe Nr. 3/94 die nur unwesentlich
gekuerzte deutschsprachige Fassung dieses Textes heraus, die auch
dem Abdruck in KONKRET zugrundeliegt.
Die Reation kam prompt, und sie war heftig. Zwar druckte die
ebenfalls in Zuerich ansaessige linke »WochenZeitung« (»WoZ«) noch
in der folgenden Woche einen Kommentar, der Brocks Thesen
positiv aufgriff und sogar noch radikalisierte - dann aber
schlugen »Abscheu & Empoerung« auch ueber ihr zusammen: Gruppen
hosnischer Muslime und ihrer Schweizer Unterstuetzer
organisierten vor dem Redaktionsgebaeude der »Weltwoche« eine
Protestwache und suchten auch die Redaktion der »WoZ« heim; die
zustaendigen Redakteure erhielten wuetende Leserbriefe gleich
kuebelweise; die ehrenwerte Gesellschaft der Schweizer Presse
zeigte sich entsetzt ueber die Beschmutzung ihres Nestes durch
ein international besonders geschaetztes Familienmitglied. Die
Angegriffenen reagierten in gleicher Weise: Sowohl »Weltwoche«
als auch »WoZ« veroeffentlichten in ihrer Ausgabe 6/94 neben
ausfuehrlichen Entgegnungen auf Brocks Text eine redaktionelle
Erklaerung, in der sie sich einerseits von ihm distanzierten und
andererseits darauf beharrten, dass es moeglich sein muesse,
»einmal eine Stimme zu Gehoer zu bringen, die der ueber den Krieg
in Bosnien gemachten Weltmeinung widerspricht«(»Weltwoche«).
Mit einiger Verzoegerung hatte man mittlerweile auch hierzulande
begonnen, sich fuer die Thesen des amerikanischen Journalisten zu
interessieren: Kurz nachdem KONKRET das Recht erworben hatte,
Brocks Aufsatz in der Bundesrepublik zu publizieren, versuchten
»Taz«, »Tagesspiegel« und »Die Woche«, den Text bei der
zustaendigen Agentur in Paris zu kaufen. Am 10. Februar
erschienen dann sowohl in der »Taz« als auch in der »Woche«
Beitraege, die sich mit Brocks Kritik an der westlichen
Balkankriegsberichterstattung beschaeftigten. Waehrend die »Taz«
jene als »billiges Machwerk« abtat (und abei faelschlicherweise
behauptete, der amerikanische Journalist Roy Gutman habe in
seiner fuer die »Weltwoche« formulierten Replik Brock mehr als
»ein halbes Dutzend« Unwahrheiten »nachgewiesen«, bemuehte sich
die »Woche« um »Ausgewegenheit«: Neben einer knappen
Charakterisierung der Brockschen Vorqwuerfe als vielfach
»schlicht falsch« die sich lediglich auf eine Verwechslung der
amerikanischen Nachrichtenmagazine »Time« und »Newsweek«
stuetzte, die Brock in seiner von der »Weltwoche« nicht
gedruckten Duplik auf Gutman inzwischen selbst eingeraeumt hatte,
veroeffentlichte sie zwei Beitraege, die deutlich machten, wie
berechtigt Brocks Attacken gegen die westlichen Medien sind: ein
Interview mit dem stellvertretenden Chefredakteur des
franzoesischen Fernsehsenders France 2, Jacques Merlino, ueber die
»Verdrehung der Tatsachen zu Lasten der Serben« und die
Ergebnisse einer Nachfrage unter deutschen
Balkankerrespondenten.
Diese Nachfrage foerderte verblueffende Bekenntnisse zutage. Die
Befragten distanzierten sich zwar in der Regel ganz allgemein
von Brocks Analyse - um sie dann aber Stueck fuer Stueck zu
bestaetigen: »Total ueber sein Ziel hinausgeschossen« sei Brock,
meinte Jens Schneider von der »Sueddeutschen Zeitung« - am
Vorwurf des »Meutenjournalismus« aber sei etwas Wahres dran; -
vollkommenen Unsinn« habe Brock geschrieben, urteilte der »FAZ«-
Auslandskorrespondent Viktor Meier - allerdings gebe es da einen
»Konformitaetsdruck«, den die Zentralredaktionen auf ihre
Berichterstatter ausueben: »Es gab Versuche von einzelnen Leuten,
manchen meiner Aussagen die Spitze zu nehmen«; ausgerechnet der
ARD-Korrespondent in Sarajevo, Friedhelm Brebeck, bestaetigte,
dass »die bosnische Seite« den Gegner systematisch provoziere:
»Die Bosnier donnern Granaten raus, wenn zwei Tage lang Ruhe
ist, denn sie wissen, fuer jede ihrer Granaten kommen zehn bis
fuenfzig zurueck. Die Regierung braucht die taegliche Blutspur in
Sarajevo. Sonst ist die Stadt uninteressant«; der dpa-
Korrespondent in Belgrad haelt Brocks "Kernthese fuer richtig« und
vermutet eine »Koordinierung in den grossen Medien« mit dem Ziel,
»die serbische Seite« zu diskreditieren; und ein Mitarbeiter des
Auswaertigen Amtes, der die Lage im ehemaligen Jugoslawien
beobachtet, erklaerte, was die Daemonisierung der Serben angehe,
sei Brocks Kritik »absolut berechtigt«.
Was also ist das vorlaeufige Fazit der Aufregung ueber Brocks
Text? Seine urspruengliche Version enthaelt mindestens einen
sachlichen Fehler (den wir in Uebereinstimmung mit Brocks eigener
Revision korrigiert haben). Sie enthaelt darueber hinaus eine
offensichtlich falsche Wiedergabe des Inhalts eines Uno-Berichts
ueber Vergewaltigungen und moeglicherweise die Verwechslung zweier
Ortsnamen (letzteres ist ein Versehen, das auch Brocks Kritikern
gelegentlich unterlaeuft, wie der Versuch des Bonner »Time«-
Korrespondenten zeigte, der KONKRET-Redaktion die
Veroeffentlichung des Brock-Beitrags mit der Behauptung
auszureden, weder gebe es in EI Paso eine »Herald Post« noch sei
den ortsansaessigen Journalisten ein Kollege namens Peter Brock
bekannt - der gute Mann hatte einfach EI Paso/New Mexico mit EI
Paso/Texas verwechselt). Alle uebrigen Vorwuerfe betreffen
Sachverhalte, die nach wie vor strittig sind - von der
Urheberschaft des »Brot-Warteschlangenmassakers« vom Mai 1992,
ueber die Identitaet des abgemagerten Mannes auf einem »Newsweek«-
Foto, bis zum Ausmass der Vergewaltigungen im Kriegsgebiet.
Setzt man sie mit der Vielzahl unbestrittener Informationen, die
er enthaelt, und mit der Bedeutung seiner zentralen Thesen ins
Verhaeltnis, so faellt die berechtigte Kritik an einigen
Ungenauigkeiten und absichtsvollen Retuschen im Detail, die
gegen Brocks Text bislang vorgebracht worden ist, nicht
sonderlich ins Gewicht.
Das ist auch das Ergebnis einer Nachrecherche, die die »Foreign
Policy«-Herausgeber, aufgeschreckt durch die heftigen Reaktionen
zahlreicher Medien auf Brocks Text, haben durchfuehren lassen.
In einer ausfuehrlichen Stellungnahme haben sie in der Ausgabe
Nr. 97 (Winter 94/95) ihrer Zeitschrift das Ergebnis der
»Faktenueberpruefung« veroeffentlicht. Auszug:
Peter Brock hat die Pressebeichterstattung ueber das fruehere
Jugoslawien unter die Lupe genommen und behauptet, dass es dabei
zahlreiche Verzerrungen und Falschbehauptungen gebe. Es ist nur
fair, wenn sein Beitrag denselben Kriterien unterworfen wird.
Wir haben jedoch die Fakten in Brocks Text ein zweites Mal
ueberprueft und sind der Auffassung, dass sie der Kritik
standhalten ... Tatsaechlich ergibt eine Durchsicht unserer
Faktenueberuefungsakte, dass die Mehrheit Angaben in »The Partisan
Press« durch persoenliche Interviews, Presseberichte, UN-Quellen
und wissenschaftliche Untersuchungen bestaetigt werden ... Da die
Analyse und die Fakten in Brocks Beitrag so verbittert
attackiert werden, mag es von Interesse sein, prominente
britische Journalisten denselben Boden beackert haben und zu
aehnlichen Schlussfolgerungen wie Brock gekommen sind. Am 3. Juli
1994 veroeffentlichte der Londoner "Independent« eine
ausfuehrliche Untersuchung von Nik Gowing, dem aussenpolitischen
Redakteur des Londoner Senders Channel 4 News (ITV), ueber die
Rolle der Medien in der Bosnienkrise. Nach einer viermonatigen
Studie, die er an der JFK School of Government der Harvard
University durchgefuehrt hatte und nach mehr als 100 Interviews
kam Gowing zu dem Schluss: »Es hat sich herausgestellt, dass meine
Recherchen die Beschwerde eines anonymen UN-Offiziers stuetzen,
der (in genereller Zustimmung zu Brocks Text) an >FP<
geschrieben hatte: >Das Pressekorps entwickelte eine eigene
Dynamik und einen eigenen Geist, Vieles von dem, was sie
berichteten, zielte darauf ab, eine militaerische Intervention
gegen die serbischen Aggressoren berbeizufuehren ... Das schliesst
mitunter eine persoenliche Hingabe mit ein .... die sich mit der
Aufrechterhaltung professioneller Standards nur schwer
vertraegt.«
Bei Andruck Mord
Die deutsche Propaganda und der Balkankrieg
ISBN: 3-930786-09-5
KVV konkret, Hamburg 1997