Lebensentwurf Ulrike Meinhof ./. Hans Martin Schleyer

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Dirk Burchard

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Dec 30, 2000, 11:20:57 AM12/30/00
to
Deutschland Deutschland unter anderm
15 Jahre Grundgesetz

Hätte nicht die schwarz-rot-goldene Fahne am 23. Mai 1964 auf allen
öffentlichen Gebäuden geweht, der 15jährige Geburtstag des Grundgesetzes
hätte unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattgefunden. Ein paar
Leitartikel, eine Akademietagung, ein paar staatsbürgerliche
Unterrrichtsstunden, das war alles, was diesen Geburtstagstisch zierte.
Die Bundesrepublikaner sind mit ihrem Grundgesetz bis heute nicht warm
geworden. Zuviel ist schon daran herumgedoktert worden, zu oft mußte es
schon im Parteienstreit herhalten, nicht sein Vollzug, seine
Beschränkung war eh und je das Problem des Tages. - Die Räte von
Herrenchiemsee hatten unter dem Eindruck von Krieg und Nachkrieg, in der
Erschütterung über den nationalsozialistischen Terror ein Gesetz
geschaffen, das ebenso pazifistisch wie freiheitlich war. Für keine
Armee und kein Militärbündnis war Platz vorgesehen im Rahmen der
Verfassung, für keinen Übergriff aber auch der Exekutive auf legislative
Zuständigkeiten. Das Gesetz zwang die Regierenden, sich mit ihren
äußeren Gegnern zu arrangieren und innere Kontrahenten nicht zu
provozieren. Das Grundgesetz war lange vor Chruschtschow und Kennedy ein
Träger des Koexistenz-Gedankens. Die Deutschen dürften wahrhaft stolz
darauf sein, wenn es das geblieben wäre.

Aber mit dem Koreakrieg griff die Psychose des Kalten Krieges auf die
Bundesrepublik über, und mit der Marshallplanhilfe erlag der damalige
Kanzler Adenauer jenen Anträgen der Westalliierten, die im geteilten
Deutschland auch heute noch verdienen, unsittlich genannt zu werden, und
1956 war es endlich soweit, daß nicht länger die deutsche Politik vom
Grundgesetz präjudiziert wurde, sondern dies Gesetz der Politik des
Kanzlers und seiner Parteien angepaßt wurde. Gemeint sind die
Grundgesetzänderungen, die mit der Wiederbewaffnung und der Wehrpflicht
in Zusammenhang stehen. Das Grundgesetz wurde fit gemacht für Adenauers
Politik der Stärke und stand ihm damit nicht länger im Wege. Es war nun
nicht mehr pazifistisch, es war nur noch freiheitlich. Aber gefeiert hat
man auch das nicht am 23. Mai 1964. Auch die Freiheitlichkeit ist den
Regierenden problematisch geworden. Geplant ist eine erneute Ergänzung
des Grundgesetzes, die für den Fall eines inneren oder eines äußeren
Notstandes die Außerkraftsetzung der wichtigsten Grundrechte ermöglicht,
als da sind das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Recht auf
Versammlungsfreiheit und Vereinigungsfreiheit, das Recht auf
Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet, das Verbot, Frauen zu einer
Dienstpflicht im Verband der Streitkräfte zu verpflichten, die
Unverletztlichkeit des Brief- und Postgeheimnisses etc.

Das Grundgesetz ist nicht besser geworden in den 15 Jahren seines
Bestehens. Unrealistisch wäre es, es zurückdrehen zu wollen hinter das
Jahr 1956, unrealistisch aber auch, die geplanten Notstandsgesetze schon
als gegeben hinzunehmen. Und immer noch besteht der Auftrag des
Grundgesetzes, ein Parteiengesetz zu schaffen, das die öffentliche
Kontrolle der Parteienfinanzierung ermöglicht und ein Gesetz zum Verbot
der Beteiligung an Angriffshandlungen, das selbst einem Mann wie Strauß
die Zügel anzulegen vermöchte.

erschienen in konkret Nr. 6, 1964
entnommen der Zusammenstellung
"Deutschland Deutschland unter anderm" Seite 72
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1995

****

Newsgroups: de.soc.politik.texte
Subject: Bilderbuch-Boss - Hanns Martin Schleyer
From: Kai Fischer <K.Fi...@odessa.bonbit.org>
Date: 26 Dec 2000 00:00:00 +0000
X-Newsreader: CrossPoint v3.12d R/A8341

Bernt Engelmann
KONKRET 6/75


_Bilderbuch-Boss Hanns Martin Schleier_

Welche Eigenschaften, Faehigkeiten, Herkunfts- und sonstige
Merkmale muss ein bundesdeutscher Arbeitgeber-Spitzenverbands-
Praesident der siebziger Jahre haben? Erste Anhaltspunkte
liefern die Top-Job-Angebote der Manager Makler in der
einschlaegigen Presse sowie in Capital-Vertraulich und aehnlichen
Diensten. Sie zeigen, dass man bei Stellenangeboten mit
Jahresbezuegen von etwa 360 000 DM an aufwaerts ganz andere
Anforderungen stellt als bei der Anwerbung von Lohnbuchhaltern,
Sekretaerinnen, EDV-Hilfskraeften oder Raumpflegerinnen.

Spitzenverdienern wird weder Fleiss noch Ehrlichkeit,
Puenktliclikeit oder gar Sauberkeit abverlangt, auch keine
"Bereitschaft, sich einem modernen, dynamischen Mitarbeiter-Team
einzufuegen und anzupassen". Sie muessen vielmehr
"Fuehrungsqualitaeten" besitzen, auch Erfahrungen in der Leitung
"grosser Organisationen" (sprich: Konzerne), sollen
"Lenkungsaufgaben energisch angehen" und "modern loesen" koennen,
kurz, eine "kraftvolle Persoenlichkeit", ein richtiger Boss, sein.

Schaut man etwas genauer hin, so merkt man, dass in den Drei- bis
Vier-Sterne Geralsraengen der Wirtschaft wie einst beim Militaer,
das Alter keine so grosse Rolle spielt wie bei den
Normalverdienern: Die gesuchte Unternehmerpersoenlichkeit kann
ruhig schon an die 60 sein; bei kommandierenden Generalen wird
Vitalitaet bis ins hoechste Alter als beinahe selbstverstaendlich
vorausgesetzt, und dies mit Recht. Denn wer sich nicht an der
Front, am Band, an der den Rhythmus bestimmenden Maschine
verschleisst, kann auch mit 75 noch kraftvoll Direktiven geben
und Verantwortung delegieren.

Doch zurueck zu den geforderten Top-Job-Qualitaeten. Sie sind
nicht alle aus den Anzeigen ersichtlich, jedenfalls nicht aus
denen in der Tages- und Wirtschaftspresse, schon eher dagegen
aus den Mitteilungsblaettern exklusiver studentischer Corps.
Dort, zwischen "In einer guten alten Firma (Spirituosen, 170 Mio
DM Jahresumsatz) fehlt der Schwiegersohn. Welcher juengere
Cartellbruder moechte einheiraten?" und "Landwirtsch.
Grossbetrieb (Gefluegelzucht) bietet Cartellbruder Gelegenheit . .
.", entdeckt man bislang ungeahnte Top-Management-Erfordernisse.
Das Studium der Anzeigen einiger Dutzend Corps-Blaettchen fuehrt
zu dein Schluss, dass grosse Bosse nicht nur Akademiker sein muessen
zweckmaessigerweise Dr. jur., in der Montanindustrie Bergassessor,
sondern unbedingt auch "Alter Herr" (AH) einer moeglichst
feudalen, schlagenden Verbindung, mit Stammesnarben
("Schmissen") im Gesicht und glaenzenden Beziehungen zu genau den
richtigen Leuten ("Werde zu Hause davon zu ruehmen wissen!").

Leider zeigt weiteres Suchen, dass jemand, der 360 000 DM und
mehr Jahresbezuege an der Spitze einer "grossen Organisation"
verdienen oder doch bekommen soll, auch anderen Eliteverbaenden
angehoeren - oder angehoert haben - muss, in der Nazizeit am besten
der SS (mit nicht zu niedrigem Rang), heute zumindest dem
"Wirtschaftsrat der CDU e. V," oder dem "Wirtschaftsrat der
Union e.V.", welcher letzterer auch"Freundeskreis des
Reichsfuehrers FJS" scherzhaft, versteht sich - genannt wird.
Und wer gar Boss der Bosse, also Arbeitgeber-Praesident werden
will, fuer den ist diese Voraussetzung so unabdingbar wie die
Protektion eines der bundesdeutschen Mammutkonzerne, der
KonsulTitel vor dem Namen und ein absolut makelloser beruflicher
Werdegang von einer Chefetage zur naechst hoeheren.

Wenn wir nun pruefen, ob der seit 1973 amtierende Praesident der
Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbaende (BDA), Hanns
Martin Schleyer, allen geforderten Quilifikationen entspricht
und seine Jahresbezuege - Capital zufolge 550 000 DM - auch
verdient, so ist es zwar auf den ersten Blick beruhigend, aus
Hoppenstedt's Leitende Maenner der Wirtschaft entnehmen zu
koennen, dass Hanns Martin Schleyer den Doktorgrad der
Jurisprudenz erworben hat, Konsul (von Brasilien) und auch Ehren-
Senator (der Universitaet Innsbruck) sowie Vorstandsmitglied der
Daimler-Benz AG in Stuttgart-Untertuerkheim und 16facher
Aufsichtsrat ist, davon viermal Vorsitzer und einmal
stellvertretender Vorsitzer. Aber letzte Zweifel kann erst eine
genaue Pruefung seines Lebenslaufs zerstreuen. Denn wie sollten
wir sonst beurteilen, ob es sich bei den Narben im Gesicht des
Herrn Arbeitgeber-Praesidenten um echte "Schmisse" handelt oder
womoeglich nur um Andenken an eine mit abgeschlagenen
Bierflaschen ausgetragene Meinungsverschiedenheit? Wie koennten
wir ausser wir traefen ihn in der Sauna oder an der FKK-Buhne 16
bei Kampen, und er begruesste uns mit erhobenem Arm einwandfrei
feststellen, ob ihm bei den Himmlerschen Heerscharen eine
vorschriftsmaessige SS-Taetowierung zuteil wurde?

Ein Lebenslauf des Dr. jur. Hanns Martin Schleyer ist in jedem
besseren Nachschlagewerk zu finden, wenngleich nur in
Stichworten, die uns nicht voll befriedigen koennen. Am besten,
wir lassen den Herrn Konsul Schleyer selbst zu Wort kommen
(wobei wir seine eigenen Auslassungen durch Kursivschrift
deutlich abheben von den von uns hinzugefuegten notwendigen
Ergaenzungen und Erlaeuterungen).

Ich, Dr. jur. Hanns Martin Schleyer, bin am 1. Mai 1915 in
Offenburg (Baden) als Sohn eines Ricters- und zwar eines
Landgerichtsdirektors - geboren, besuchte das Gymnasium und trat
bereits 1931 im Alter von 16 Jahren der nationalsozialistischen
Bewegung bei, zunaechst der HJ, dann der SS. Nach dem Abitur
begann ich mit dem Studium der Rechtswissenschaft an der
Universitaet Heidelberg, wurde dort - als einer der letzten, die
dieser exklusiven Verbindung noch beitreten konnten, ehe sie in
der NS-Studentenschaft aufging, im Corps Suevia des Koesener
Senioren-Convents aktiv; die "Schmisse" sind auf dem "Paukboden"
der Sueven erworben, nicht bei einer Wirtshausschlaegerei.
Weitere Taetigkeit in Heidelberg: - Leiter des NS-Studentenwerks,
- als solcher Mitverfasser eines Denunziantenberichts ueber den
Freiburger Rektor Metz, der seine Universitaet nicht
vorschriftsmaessig hakenkreuz-beflaggt, eine Beteiligung der
theologischen Fakultaet an der Fronleichnamsprozession geduldet,
dagegen den Reichsstudentenfuehrer an einer Rede gehindert (!)
hatte; der fuer Rektor Metz folgenschwere Bericht ging ueber das
badische Kultusministerium eilig an den Herrn Reichsminister fuer
Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung in Berlin, Pg. Rost,
und der griff dann energisch durch.

Nachdem SS-Untersturmfuehrer stud. jur. Hanns Martin Schleyer,
"Amtsverwalter" des NS-Reichsstudentenwerks, so und aehnlich
massgebend mitgewirkt hatte an der "Gleichschaltung" und
Reinigung der Universitaeten Heidelberg und Freiburg von
Nazigegnern, Judenstaemmlingen und Miesmachern, waltete er seines
Amtes in Oesterreich, das 1938 vom "Anschluss" an das Hitler-Reich
ereilt worden war.

Als Leiter des NS-Reichsstudentenwerks in Innsbruck und
beauftragt mit der nationalsozialistischen Praegung der dortigen
Universitaet, richtete er aus der noch etwas verlotterten
"Ostmark" heim ins Reich die Bitte, ihn der Polizeidirektion
Innsbruck zuzuweisen.

Nach Kriegsausbruch und kurzer Dienstzeit bei einer
grossdeutschen Gebirgsjaeger-Einheit erhielt Hanns Martin Schleyer
einen neuen "Gleichschaltungs"Auftrag, naemlich die Leitung des
NS-Reichsstudentenwerks an der alten Karlsuniversitaet zu Prag.
Dorthin reiste er in SS-Uniform, das NSDAP-Parteibuch in der
Tasche, das goldene Abzeichen des bewaehrten Altnazis an der
Brust, entschlossen, als frischgebackener Dr. jur. der
Universitaet Innsbruck kuenftig seinem Papa, dem Herrn
Landgerichtsdirektor, nicht mehr auf der Tasche zu liegen.

Ich hatte meinem Vater versprochen, keinen Pfennig mehr von ihm
anzunehmen, und nur deshalb brach der Gerichtsreferendar Dr.
Schleyer nun seine Ausbildung ab und nahm Abschied von
Studentenleben, Universitaets-Umpraegung und Beamtenverhaeltnis.
Dazu brauchte er allerdings die Erlaubnis seines Dienstherrn,
des Reichs- und preussischen Ministers des Innern, Pg. Dr.
Wilhelm Frick, dem er folgendes schrieb:

"Ich bin alter Nationalsozialist und SS-Fuehrer und darf fuer mich
in Anspruch nehmen, dass mich keine aeusserlichen Beweggruende hier
festhalten. Der Praesident des Zentralverbandes der Industrie in
Boehmen und Maehren und der Leiter der kriegswirtschaftlichen
Abteilung haben mich aufgefordert, im Rahmen der
Protektoratswirtschaft mitzuarbeiten und mich
kriegswirtschaftlichen Arbeiten zur Verfuegung zu stellen.

Die uns in jungen Jahren in der Kampfzeit anerzogene
Bereitschaft, Aufgaben zu suchen und nicht auf sie zu warten,
der staendige Einsatz fuer die Bewegung auch nach der
Machtuebernahme, haben uns frueher als sonst ueblich in
Verantwortung gestellt. Diese Aufgabe glaube ich hier im
Protektorat gefunden zu haben ... Heil Hitler-! gez. Dr. Hanns
Martin Schleyer."

Bis zum Zusammenbruch der deutschen Herrschaft ueber die
Tschechoslowakei blieb Dr. Schleyer in Prag. Als Leiter des
Praesidialbueros im "Zentralverband der Industrie fuer Boehmen und
Maehren", zugleich zustaendig fuer die rasche und vollstaendige
Eingliederung des tschechoslowakischen Industriepotentials in
die Kriegswirtschaft des Hitler-Reichs, lebte er zwar nicht wie
Gott in Frankreich, aber wie ein hoher NS-Funktionaer und SS-
Fuehrer in Boehmen. Und er lernte viel "richtige" Leute kennen.
SS-Fuehrer Dr. Hanns Martin Schleyer - "Wir in Prag wussten doch
schon, dass der- Krieg verloren ging. Mich hat auch nichts, was
man nach dem Ende erfuhr, ueberascht" - verschwand rechtzeitig
aus dem Protektorat und setzte sich - "In meiner Position hatte
ich doch den Ueberblick!" - klugerweise nicht in den dann
sowjetisch besetzten Teil Deutschlands, auch nicht in die Zone
der - anfangs gegen SS-Fuehrer noch etwas voreingenommenen -
Amerikaner, sondern ins franzoesisch besetzte heimatliche Baden
ab.

Aber der Uebergang vom Faschismus zur Demokratie, den Dr.
Schleyer innerlich nahtlos vollzog, ging aeusserlich auch bei ihm
nicht ohne eine kleine Komplikation vonstatten. Er wurde nun
seinerseits der Besatzungsmacht denunziert, kam in ein
Internierungslager und konnte da nicht mehr behaupten: "Ich bin
alter Nationalsozialist und SS-Fiihrer und darf fuer mich in
Anspruch nehmen, dass mich keine aeusserlichen Beweggruende hier
festhalten!"

Fast drei Jahre lang hielten ihn diese "aeusserlichen Beweggruende"
der Franzosen hinter Stacheldraht - ohne jedea Gerichtsurteil,
wie er dazu heute noch bitter bemerkt, wenngleich er damit ein
wenig irrt: Die freiwillige SS-Mitgliedschaft nach dem 1.
September 1939 war aufgrund eines Gerichtsurteils zu bestrafen.
Die SS wurde nach dem Londoner Abkommen vom August 1945 und dem
Kontrollratsgesetz Nr. 10 ueber Verbrechen gegen die
Menschlichkeit vorn Internationalen Militaeirtribunal der
Alliierten unter Anklage gestellt und - zusammen mit der
Gestapo, dem Sicherheitsdienst (SD) und dem Korps der
politisclien Leiter der NSDAP - fuer verbrecherisch erklaert. Das
geschah am 1. Oktober 1946 aufgrund der gerichtlichen
Beweisaufnahme, die ergab, dass es sich bei der SS um eine
Vereinigung zu kriminellen Zwecken gehandelt hatte.

Als Dr. Hanns Martin Schleyer- 1948 aus der Haft entlassen
wurde, da hatten sich die Zeiten schon etwas geaendert. Ein
franzoesischer Offizier entschuldigte sich bei ihm wegen der
erlittenen Unbill, und - als es dann an die Entnazifizierung
ging - dergleichen nahmen damals Spruchkammern und -ausschuesse
vor mit ganz (oder doch beinahe) unbelasteten Deutschen als
Vorsitzenden; im Landkreis Schongau, beispielsweise, stand dem
Spruchausschuss ein spaeterer Schleyer-Intimus vor, der
Oberleutnant a. D. und eheimalige weltanschauliche Referent beim
NSKK-Sturrn 23/M 6 in Muenchen, Franz Strauss, der sich unter dem
Einfluss eines amerikanischen Gcheimdieiistoffiziers namens
Ernest F. Hauser zu einem vorbildlichen Demokraten gewandelt
hatte -, da besass Dr. Schleyer bereits einen Reisepass, was fuer
Deutsche damals ungewoehnlich war - vom franzoesischen
Geheimdienst, wie er dcm"Stern"gegenueber "ein wenig stolz"
berichtete.
Vorn Ausland ans rief Dr. Schleyer seine Entnazifizierer an und
bat, seine Abwesenheit zu entschuldigen, Sie waren so
beeindruckt, dass sie den ehemaligen SS-Offizier eilig, , als
harmlosen "Mitlaeufer" einstuften, und damit stand der weiteren
Karriere des Dr. Hanns Martin Schleyer nichts mehr im Wege.

Er selbst sieht allerdings rueckblickend die spaeten vierziger
Jahre etwas anders: Wer diese Phase noch miterlebt hat, wird
sich erinnern koennen, wie schwer es damals war, beruflich wieder
Fuss zu fassen. ... Hier half mir der Zufall weiter. Ich bekam
die Offerte, mich in einer sueddeutschen Industrie- und
Handelskammer in dem mir bis dahin fremden Sektor
"Aussenwirtschaft" einzuarbeiten. Am Rande einer
Vortragsveranstaltung wurde ich auf meinen Werdegang
angesprocjhen, und offensichtlich war er fuer meine
Gespraechspartner interessant genug, um mir ein Angebot
desjenigen Unternehmens einzutragen, in dem ich heute noch taetig
bin. Ich begann bei der Daimler-Benz AG...

Ob es nun ein Cartellbruder oder ein SS-Kamerad war, der den
36jaehrigen Dr. Schleyer zu "Mercedes" holte, jedenfalls war der
"Zufall" nicht gar so gross, Bei Daimlor-Benz trat sich in den
fruehen fuenfziger Jahren - so der "Stern" "alles, was auch
waehrend der NS-Zeit Rang und Namen in der Wirtscliaft gehabt
hatte".

Ich begann bei der Daimler Benz AG als Sachbearbeiter, uebernahm
nach eineinhalb Jahren die Leitung des Hauptsekretariats und
wurde Assistent des Vorsitzenden des Vorstandes. Von da an hat
sich sen Vertrauen in einer fuermeine weitere Entwicklung
foerderlichen Weise ausgewirkt.

Schon 1956 wurde Dr. Schleyer Leiter der Daimler-
Personalabteilung, 1959 stellvertretendes, 1963 ordentliches
Vorstandsmitglied dieser Perle der aufbluehenden bundesdeutschen
Automobilinduistrie Zugleich war und blieb er der Vertrauensmann
der- Flick-Gruppe, deren Chef, Friedrich Flick das dickste Paket
an Daimler Aktien hielt. Als Personalchef der fast 100 000
Daimler-Beschaeftigten politisierte Hanns Martin Schleyer den
Daimler Benz Konzern und sorgte dafuer, dass das Haus nicht nur
"den guteil Stern auf allen Strassen" produzierte, sondern auch
gutes Geld in allerlei rechte te Kanaele fliessen liess. Die
Spendenpolitik delegierte er an seinen Freund Dr. Heinz
Burneleit, Vorstandsmitglied der weit rechtsaussen
angesiedelten"Deutschland-Stiftung e. V." und Vertriebenen-
Funktionaer in der Landsmannschaft Ostpreussen, so dass man nicht
lange zu ueberlegen braucht, wenn man sich ausmalen will, wer
alles Daimler-Geldspritzen bekam und noch bekommt. Aber der
aufstrebende Daimler-Boss Schleyei- war auch innerhalb des
Konzerns politisch aktiv: Er baute einen Werkschutz auf und in
derlei Dingen hatte er ja aus dem "Dritten Reich" seine
Erfahrungen -, denen es obliegt, die Hunderttausend frei von
linken Einfluessen zu halten. Dazu der "Stern": "Wer als Student
jemals einer linken Gruppe angehoerte, hat kaum eine Chanche,
Mercedes-Angestellter zu werden. Schleyers Leute kennen die
Vergangenheit der Bewerber, noch ehe sie sich persoenlich
vorstellen."

Das ist, zumindest fuer die Grossaktionaere, ein Beweis dafuer, wie
fest Dr. Schleyer auf dem Boden der Demokratie steht, und sie
bewundern ihn deshalb sehr. Ihnen und sogar Schleyers
Vorstandskollegen ist es ein Raetsel, wie er das alles schafft:
die Geldspritzen fuer die "richtigen" rechten Ultras, die
Bespitzelung der Belegschaft, die "verfassungsschutzmaessige"
Vorpruefung aller, die sich bei Daimler um einen Job bewerben,
und dazu eine emsige Verbandstaetigkeit, die Schleyer uebrigens
auch durchaus "SS-maessig" - um einen Lieblingsausdruck des
Reichsfuehrers und Flick-Freundes Himmler zu benutzen - auszuueben
verstand und noch versteht.

1963 machte sich Hanns Martin Schleyer einen Namen als harter,
und eiskalter Vorsitzender der "Gesamtmetall"-Unternehmer im
tarifpolitischen Wetterwinkel Baden-Wuerttemberg. "lch hab' die
Unternehmer damals zum ersten Mal zur Solidaritaet gezwungen.
Und das war schon eine Sache fuer uns. Wie er das machte, braucht
nicht naeher erlaeutert zu werden; schliesslich sind die meisten
Metallindustriellen des Tarifgebiets direkt oder indirekt vom
maechtigen Daimler-Konzern und dessen Hausbanken, Grossaktionaeren
oder politischen Freunden abhaengig. Wozu er die kleinen
Unternehmer zwang, war indessen nicht nur Solidaritaet, sondern
in erste Linie eine von vielen Juristen fuer verfassungswidrig
gehalten, auf jeden Fall hoechst bedenkliche Massnahme: Die
Aussperrung von ueber 300 000 Arbeitnehmer mit dem Ziel, sie und
ihre Gewerkschaft, die IG Metall, weich zu machen.

Dr. Hanns Martin Schleyer ist der Prototyp des "Hier-bin-ich-
Herr-im Hause"-Bosses. Um so gespannter- durfte man sein, als
er ein Buch veroeffentlichte und ihm den Titel Das soziale Modell
gab. Doch er haette besser daran getain, nicht auch noch als
Autor hervorzutreten. Grosse Bosse wie auch Feldmarschaelle,
Boxer und Tenoere sind als Verfasser von Buechern selten so gut
wie in ihren normalen Rollen, und fuer Daimler Personalchef
Schleyer waere eine kurze, markige Ansprache vor halbtauben
Jubilaren und etwas hoeriger Presse das Richtige gewesen. Da
waere es nicht weiter aufgefallen, dass der "Alte Kaempfer" nur und
zum Teil recht widerspruechliche Gemeinplaetze zwanglos
aneinderreiht und sie auf etwas stellt, was er eine
"ordnungspolitisch werthafte Basis" nennt.

Schleyer selbst sieht sein Erstlingswerk, dem - wie zu
befuerchten steht weitere folgen werden, ganz anders, werthafter:
"Durch mein Buch zieht sich wie ein roter Faden die Verteidigung
der Freiheit!" Gemeint ist damit selbstverstaendlich die Freiheit
allein der Unternehmer, ohne die es laut Schleyer keine Freiheit
gibt. Der Feind aber, der diese Unternehmerfreiheit bedroht,
steht links und heisst Kollektiv. Erst das Aufkommen des
Kollektivismus hat die abendlaendische Freiheit bedroht.

Lieb' Abendland, magst ruhig sein! Noch steht SS-Fuehrer a. D.
Hanns Martin Schleyer zwischen Unternehmerfreiheit und den
anstuermenden roten Horden, an deren Spitze der Tschingdis Khan
Heinz Oskar Vetter mit der roten Ulrike und der roten Heidi
reitet, dahinter alle anderen Linksextremisten wie Brandt und
Wehner, Maihofer und Helmut Schmidt, Jochen Steffen und
Matthoefer, IG-Metall-Chef Loderer und Hildegard Hamm-Bruecher mit
ihrem roten FDP-Kollektiv ...

Auf Schleyers Schreibtisch liegt das "Deutschland Magazin", das
sein Weltbild mitformt, waehrend umgekehrt Schleyer und seine
Freunde dem absolut demokratischen Blatt ab und an etwas
zukommen lassen. Und ebenfalls auf dem ansonsten, wie bei allen
grossen Bossen, fast leerdelegierten Schreibtisch des Daimler-
und Arbeitgeberbosses zeigt ein Faehnchen an, wie notfalls die
Freiheit des abendlaendischen Unternehmertums verteidigt werden
soll. Es sind die Farben Brasiliens, wo Polizeiterror, Mord und
Folter die werthafte marktwirtschaftliche Freiheit und Ordnung
gegen das hungernde Kollektiv abschirmen.

Hierzulande sieht Hanns Martin Schleyer heute seine politische
Heimat bei der bayerischen CSU, und mit Franz Josef Strauss fuehlt
er sich seelenverwandt. Als Pragmatiker setzt er indessen auf
"das Tandem Biedenkopf-Kohl, denn allein sind beide zu
schwach?".

Uebrigens, aber das gehoert eigentlich nicht mehr in den
Lebenslauf, sondern bereits zu den Perspektiven, zum Curiculum
vitae in spe: In einem Kabinett Kohl-Biedenkopf, so jedenfalls
meinen Hanns Martin Schleyers Freunde in der Union, peilt der
Arbeitgeber-Praesident einen Ministerposten an. Vielleicht, so
glauben die einen, will er als Nachfolger so vieler christlichen
und sozialdernokratischer Gewerkschafter der erste Unternehmer-
Arbeitsminister der Bundesrepubilk werden, wenn sich die
Mitbestimmung auf keine andere Weise mehr verhindern laesst als
durch zielbewusste Verschleppung und Verwaesserung. Leute, die
Hanns Martin Schleyer noch etwas besser kennen, glauben mehr an
seine Ambitionen auf das Amt des Verteidigungsministers. Doch
das kann auch nur eine Finte sein, denn der Posten, der
Schleyers Naturell und seinen Erfahrungen - von der SS-Fruehzeit
bis zur Epoche des Daimler-Sicherheitsdienst-Aufbaus - am
meisten entspricht, waere der eines Ministers im Bundeskanzleramt
mit der Aufgabe, die Geheimdienste zu koordinieren und alle
Ressorts abzuschirmen.

Die Festigkeit der Fundamente, die das labile Gebaeude der
Freiheit tragen, ist vorrangig und staendige Aufgabe jeder
ver,antwortungsbewussten Politik. Zu diesen Fundamenten der
Freiheit gehoert unverzichtbar. . . eine Ordnung, in der das
Gleichgewicht der gesellschaftlichen Gruppen gesichert ist - das
Gleicligewicht zwischen den wenigen Herrschenden, weil Reichen
und Maechtigen,. und den vielen Abhaengigen, weil Besitzlosen und
nur im Kollektiv Starken -Diese Ordnung ist gefaehrdet, nicht
erst seit heute, aber bedrohlicher denn je zuvor! Zwar geht die
Bedrohung am haertesten von jenen aus, die mit strafrechtlich
relevantem Vorsatz offenen Umsturz propagiern. Doch so ernst
auch deren verfassungsfeindliche Energie zu nehmen ist; so
kompromisslos ihnen auch entgegenzutreten ist.- sie sind in ihrem
Vorsatz isoliert; Zu unverhuellt sind ihre freiheitsfeindlichen
Ziele ... Doch Bedrohung geht auch von denen aus, die nicht
sehen oder nicht sehen wollen, dass Freiheit ... sogar von jenen
gefaehrdet werden kann die im Zeichen der Freiheit angetreten
sind, von den Gewerkschaften!

Wobei man aber nicht sicher sein darf, dass sich die Kollegen von
der IG Metall geschmeichelt fuehlen, wenn ihnen ein Alter Kaempfer
der SS erklaert, wie die Freiheit auch vor den Gewerkschaften
geschaetzt werden muss; 1933 gab es zu diesem Zweck
Konzentrationslager. Das gleiche muessen wir heute denen sagen,
die da beschwichtigen, es werde schon nicht so schlimm werden,
weil auf der Arbeitnehmerseite "vernuenftige Leute" saessen ... Ob
das morgen noch stimmt? Sich darauf zu verlassen, hielte ich
fuer leichtfertig. Aber- selbst dann, wenn morgen nicht linke
Ideologen die Plaetze jener "Vernuenftigen" einnehmen sollten: Die
Machtfuelle, die die (Mitbestimmungs-) Gesetzesvorlagen der
Bundesregierung der Arbeitnehmerseite dann nicht nur anbieten,
sondern aufdraengen wuerden, waeren eine nicht zu verantwortende
Versuchung!

Hanns Martin Schleyer, dem heutigen Sprecher von ueber 800
bundesdeutschen Unternehmerverbaenden, wurde viel Beifall zuteil,
als er erklaerte, dass er und seine Kollegen nicht tatenlos
zusehen, wenn die Freiheit demontiert wird. Denn das
Grundgesetz verpflichtet die Industriellen, die Demokratie mit
allen Mitteln zu verteidigen.

Leider sagte Hanns Martin Schleyer nicht, mit welchen Mitteln er
und seine Bosse das zu verteidigen gedenken, was sie fuer
Demokratie und Freiheit halten. Aber schon die reaktionaeren
Prinzipien des Kartellverbands, dem Schleyer angehoert, erst
recht die Leitsaetze der SS, in deren Uniform er dem "Fuehrer"
Treue schwor, lassen Vermutungen zu.

Leute seines Schlages und seiner Denkart haben zur Erhaltung
ihrer Privilegien die erste deutsche Republik, so armselig und
fuer sie harmlos sie auch war, ohne mit der Wimper zu zucken dem
faschistischen Terror ausgeliefert. Dieselben Leute, die heute
die freiheitlich-demokratisehe Grundordnung fuer sich gepachtet
zu haben glauben, die das Wort "Demokratie" im Munde fuehren wie
ehedem ihre Nazi-Phrasen, haben aus reiner Macht- und Besitzgier
den chaplinbaertigen Diktator an die Macht gehievt, dann
ermuntert und tatkraeftig unterstuetzt bei allen Meuchelmorden und
Ueberfaellen und auch bei dem schliesslichen Marsch in die
Katastrophe. Es steht zu befuerchten, dass sie aehnliches
bedenkenlos von neuem tun wuerden, wenn man ihnen die Gelegenheit
dazu gibt.

Um ein letztes Mal Hanns Martin Schleyer sprechen zu lassen: Wer
diese Sorge als zu hart empfindet, der muss sich von der
Geschichte belehren lassen. Immer wieder hat sich gezeigt, dass
der Uebermachtsanspruch einer einzigen Gruppe, zu Lasten aller
anderen durchgesetzt, am Ende zu weniger Freiheit fuehrte. Nur
dieses Ergebnis zaehlt, und hiefuer kommt es nicht darauf an, ob
der Griff nach der Macht getragen war von gebuendeltem Willen zum
Boesen oder von diffusen Willen zum Guten.

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