Alle Stoibers - raus aus Bayern!
Er wehrte sich gegen jeden Zwang und wurde zum Verbrecher: Theo
Berger, der Al Capone aus dem Donaumoos, ist tot
Letzter Ausbruch aus dem Leben
Viele Mörder kommen nach 15 Jahren frei, der Ganove aus der
bayerischen Provinz aber büßte 36 Jahre – ein besonderer Fall für die
Justiz Von Joachim Käppner
München, 23. November – Wenn ein Mensch 36 Jahre hinter Gittern
verbringt, wird er sich in dieser endlos erscheinenden Zeit oft gefragt
haben: Gab es nicht irgendwann die Möglichkeit, einen ganz anderen
Weg zu gehen als den der Gewalt und alles dessen, was ihr folgte?
Alles anders zu machen, wenn man nur noch einmal die Chance hätte,
dem "stürmischen Bedürfnis zu folgen", wie Robert Musil in Der Mann
ohne Eigenschaften schrieb, "zurückzukehren zu einem Punkt, der vor
der falschen Abzweigung liegt". Das Verstörende am Leben des Theo
Berger ist, dass sich ein solcher Punkt gar nicht erkennen lässt, so weit
man auch zurückgeht. Man wird ihn nicht mehr danach fragen können.
Am Freitagabend wurde bekannt, dass sich Theo Maximilian Berger, vor
30 Jahren als "König der Ausbrecher", als "der schöne Theo" und "Al
Capone vom Donaumoos" einer der meistgesuchten Verbrecher der
Republik, in der Straubinger Justizvollzugsanstalt erhängt hat.
Diebstähle, Banküberfälle, schwerer Raub, verletzte Polizeibeamte – die
zahlreichen Taten Bergers und seiner Komplizen waren ein Schock für
die bayerische Provinz der Sechzigerjahre, die melancholische
Landschaft des Donaumoos zwischen Ingolstadt und Augsburg. Freilich
war Berger nicht nur ein Gewalttäter, sondern auch ein Mann mit
faszinierenden Seiten, und das nicht nur, weil er Bayerns Justiz durch
drei spektakuläre Fluchten aufs Äußerste provozierte (einmal sägte er
tatsächlich die Gitterstäbe durch). Der junge Berger galt im Donaumoos
als "ein wilder Hund", worin eine gewisse Anerkennung mitschwang; er
war respektlos vor Autoritäten und provozierte die Fahnder, indem er
vor Polizeiwachen parkte. Er war auf seine raue Art von blendendem
Aussehen, ein Frauenschwarm und Rebell für eine Sache, die ihm selbst
nicht recht klar war, wie auch seine Familie meint; er wusste nur,
wogegen er kämpfte: Zwang. Gegen Zwang jeder Art, gegen alle
Versuche, ihn zu brechen.
Neun Söhne eines Bauern
Besieht man sich diesen Lebenslauf, aus dessen Niedergang es kein
Entrinnen gab, gibt er manchen Anlass zum Nachdenken über die heute
so beliebte Klage, ein verständnishuberndes Jugendstrafrecht übe
falsche Milde. Theo Berger wurde 1941 als zweitältester Sohn einer
wenig begüterten Bauernfamilie aus Ludwigsmoos geboren, er hatte
acht Brüder einer von ihnen wurde später von der Polizei erschossen.
Die Jungs genossen keinen guten Ruf. In der Schule, in der Kirche setzte
es Prügel, die andere hinnehmen mochten, aber Theo nicht. Als der
Dorfpfarrer mit dem Zollstock zuschlug, weil der Junge nicht recht singen
wollte, schlug Theo hart zurück. Kaum volljährig, ging er für Bagatellen
drei Jahre in Haft, die Strafe sollte, wie damals üblich, den Willen des
jugendlichen Delinquenten brechen. Es war der Beginn einer kriminellen
Karriere.
36 Jahre. Die meisten Mörder kommen nach 15 Jahren frei oder vielleicht
nach 20, aber eben doch irgendwann; nur wenige Häftlinge bleiben für
immer, und einer von ihnen war Theo Berger, der nie einen Menschen
getötet hatte. Im März 1969 fehlte nicht viel. Da flüchtete Berger durch
das verschneite Donaumoos, als ihn unweit seines Elternhauses eine
Streife stellte. Berger feuerte zweimal mit einem Colt, ein Beamter ging
verletzt zu Boden. 1980 schrieb Berger sein Leben auf, daraus wurde
das Buch "Ausbruch", in dem widerscheint, dass diese eisige Nacht für
ihn in der Erinnerung etwas anderes war als der kaltherzige Versuch
eines Gewohnheitsverbrechers, sich den Fluchtweg freizuschießen: "Die
Bullen verfolgten mich seit Jahren mit geradezu unheimlichen Hass. Und
nun lag da einer der ihren im Schnee."
Reue liest man da schwerlich heraus, sondern die Gedanken eines
Mannes, der sich noch zu wehren glaubte oder dies glauben wollte, als
er längst ein Schwerverbrecher war. Im Gefängnis kämpfte er weiter;
plagte die Justiz mit Eingaben, höhnischen Briefen und Bezichtigungen.
Und doch blieb all dies Aufbegehren vergeblich, es verhallte ungehört
wie die Schreie eines mittelalterlichen Gefangenen in seinem
Burgverließ.
Die Justizanstalt und ihre Vorgesetzten in Bayerns Justizministerium
sahen Renitenz, wo sie Demut und Einsicht hätten spüren wollen.
Notfalls, erklärte ein hoher Beamter des Ministeriums 1986, müsse
Berger "im Gefängnis sterben". Die Behörden behandelten noch den
alten und an Leukämie schwer erkrankten Berger, als hätten sie den
Paten des Medellin-Kartells inhaftiert. In Kliniken wurde er in Fesseln
vorgeführt; als vergangenes Jahr seine Frau starb, brachten ihn gleich
drei Polizeibeamte zur Beerdigung und nahmen ihn nachher sofort
wieder mit, nicht einmal einen Kaffee durfte er mit der Familie noch
trinken. "Die wollen mich tot sehen", schrieb er über Bayerns Justiz bald
danach in einem Brief an die Süddeutsche Zeitung, "die haben mich in
stillem Einvernehmen zum Tode verurteilt, obwohl die Todesstrafe 1949
abgeschafft wurde." Ein Antwortbrief wurde, wie er mitteilte,
beschlagnahmt. Versuche, mit oder auch nur über Berger zu sprechen,
wimmelten Gefängnisleitung und Justizministerium rigoros ab.
Der einsame Gefangene in Straubing wirkte in diesen Zeiten der
globalisierten organisierten Kriminalität wie ein Relikt aus einer anderen
Zeit, von der Gegenwart fast so weit entfernt wie die Mären von den
rebellischen Räubern Schinderhannes, Jennerwein oder Kneißl, mit
denen ihn manche arg romantisierende Darstellung verglich. Wie sie war
er der Heimat stark verbunden.
Das Gefängnis und das Moos: Für ihn gab es nur diese beiden Orte. Das
ist auch der Grund, warum Theo Berger ein großes Talent zum
Ausbrechen hatte, aber nur ein kleines Talent zum Draußenbleiben.
Einer wie er setzte sich nicht nach Rio ab. Er blieb bei seinen Kumpeln,
seiner Familie, seinen Freundinnen; die Fahnder suchten meist nicht
lange. Er sagte einmal: "Wenn ich im Gefängnis bin, träume ich vom
Donaumoos; und wenn ich dort bin, vom Gefängnis."
Die vergangenen 16 Jahre hat er wieder vom Moos geträumt, davon,
draußen zu sein und daheim. In Rilkes Gedicht vom Panther im Jardin
des Plantes ist es dem gefangenen Raubtier, "als ob es tausend Stäbe
gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt". Für Theo Berger wäre der
genügsame Hospitalismus des Gefängnislebens fast noch tröstlich
gewesen. Die tausend Stäbe sah er täglich, aber er ersehnte auch die
Welt dahinter, die ihm verschlossen war, seit ihn 1987 das
Schwurgericht München I zu zwölf Jahren Haft mit anschließender
Sicherungsverwahrung verurteilte. Da hatte er seine größte Chance
verpasst, zurückzukehren zu einem Punkt vor einer der vielen falschen
Abzweigungen: 1985 wurde die Haftstrafe wegen seiner Krankheit
ausgesetzt, doch er fiel, depressiv und vielleicht unter Einfluss der
Medikamente, in sein altes Leben zurück. Berger überfiel eine Bank und
wurde nach einer Schießerei mit der Polizei festgenommen, zusammen
mit einem Komplizen.
Seither saß er wieder ein, all diese Jahre. Der Staat statuierte an Berger
nun ein furchtbares Exempel, das dem Geist der Zeit nach Strafen und
Wegschließen entsprach. In Berger brannte weiterhin der Wunsch zum
Ausbruch. Nicht zu einem – weiteren – wirklichen Ausbruch, dazu waren
seine Kräfte zu schwach und die Sicherheitsvorkehrungen in Straubing
zu scharf. Sondern zum Ausbruch aus seinem bisherigen Leben. Einer,
der ihn aus der Haft kannte, sagte kurz vor Bergers Tod: "Der Theo ist
in seinen späten Jahren ein anderer geworden. Der würde keinem mehr
was tun. Er ist jetzt ruhiger, er weiß, dass seine Tage gezählt sind."
Seine Tochter wartete
Für die letzten Tage oder Jahre war schon ein Platz am Tisch reserviert.
Es gab ein Haus, das auf ihn wartete. Jahrelang hat seine Tochter
Michaela darum gekämpft, ihn heimholen zu dürfen. Michaelas Familie
wollte genau das bieten, was die Justiz bei Berger zu vermissen vorgab:
eine positive Prognose. Sie hat ihren Vater über all die Jahre besucht,
sich ihm fast jede Woche gegenübergesetzt an einem der eng
aufgereihten Tische im Besucherraum der Vollzugsanstalt, hat mit ihm
über sein und ihr Leben gesprochen und alles, was noch werden
könnte; dass er jahrzehntelang nicht nur vor der Polizei geflohen ist,
sondern auch vor der Verantwortung für sein Leben und das derer, die
ihn liebten. Und sie hat ihren Vater geliebt, in dem Gefürchteten
jemanden gesehen, "der eigentlich kein brutaler Mensch war". Einmal
sagte er ihr, er sei stolz auf seine Enkel und froh, "dass sie nicht
geworden sind wie ich".
Zuletzt war viel in Bewegung geraten; es gab neue Köpfe im
Justizapparat und so etwas wie späte Milde. Aus humanitären
Erwägungen wurde ein Tag "Ausführung" geplant, den Berger bei der
Familie seiner Tochter verbringen könne; ein Test auf weitere
Lockerungen. Eine knappe Woche vor seinem Tod erzählte Michaela ihm
davon: "Ich habe mich so gefreut", sagt sie.
Wie so vieles im Leben Theo Bergers bleibt auch sein Motiv ein Rätsel,
ausgerechnet in dem Moment aus diesem Leben zu gehen, als die
Mauern der Zwänge zu bröckeln begannen. Vielleicht hat ihn, nach so
vielen Jahren, doch noch die Dunkelheit erreicht, hatten Schwermut,
Krankheit und Medikamente seinen Kampfeswillen gebrochen. Man wird
es nicht wissen. War es sogar die Angst, der Freiheit nicht gewachsen
zu sein? Konnte er einfach nicht mehr warten? Aber vielleicht hat er
einfach geglaubt, dass sie ihn am Ende ja doch nicht herauslassen
würden. Und ist ausgebrochen. Ein allerletztes Mal.