LEUCHTEN DER MENSCHHEIT
Opfer selbst schuld an NSU-Morden
Wer ist eigentlich schuld, wenn in Deutschland Neonazis systematisch
Menschen ermorden? Nicht erst seit Beginn des NSU-Prozesses ist klar,
dass der Staat durch sein Versagen eine Mitschuld trägt und auch die
Mehrheitsgesellschaft, die jahrelang ungerührt zuschaute, als die
Opfer kriminalisiert wurden.
In der vergangenen Woche erschien ein bemerkenswerter Kommentar zum
Thema in der FAZ. In Sachen Verantwortung drehte der Autor den Spieß
einfach um: "Extremismus und Terror gehören zu den Gründen, warum eine
Minderheit der Muslime nicht integrationswillig ist", schrieb dort
Jasper von Altenbockum. Und weiter: "das wiederum ist einer der Gründe
für islamfeindlichen Extremismus und Terror." Zur Erinnerung: Es geht
um rassistische Morde von Neonazis.
Die Unterstellung ist absurd. Als wären die neun Menschen gestorben,
weil sie Muslime waren, Islamisten gar. Sie wurden ermordet, weil sie
als nichtdeutsch galten, als Ausländer, Migranten und damit als nicht
lebenswert. Dreist schreibt der Autor den NSU-Terror zu einer Reaktion
auf eine islamistische Bedrohung um. Mit dieser Volte ist er indes in
bester Gesellschaft.
Rund die Hälfte der Deutschen glaubt, Islam und Terrorismus gehörten
zusammen. Dies zeigt die Untersuchung der Leipziger Arbeitsgruppe um
Oliver Decker und Elmar Brähler, die seit 2002 die repräsentativen
"Mitte"-Studien herausgibt ("Rechtsextremismus der Mitte. Eine
sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose", Psychosozial-Verlag, 2013).
Und sie zeigt auch, wie gerade die rassistisch grundierte
Muslimfeindschaft aus der Mitte der Gesellschaft kommt, von Liberalen
und Gebildeten. Geht es um die Religion der anderen, wird in
Deutschland am Lack der Moderne gekratzt: 60 Prozent wollen die
Religionsausübung der Muslime "erheblich einschränken".
Nächste Woche jährt sich die Änderung des Asylrechts zum 20. Mal. Und
mit ihr die Brandanschläge von Rostock, bejubelt von einem
vieltausendköpfigen Mob, bis Solingen. Auch damals ging die Legende
so: Schuld waren weder die Mörder noch die Zuschauer, sondern die
"verfehlte Asylpolitik", kürzer: die vielen Ausländer. Den Jahrestag
hat die FAZ nur knapp verpasst.
Die Autorin ist ständige Mitarbeiterin der Kulturredaktion
Quelle:
http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?
ressort=pb&dig=2013%2F05%2F18%2Fa0034&cHash=c6556a16a2c22f08c74ff52b421659ce
Gruß Siggi
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