Bonn (Reuter) - Die Terrororganisation Rote Armee
Fraktion (RAF) hat in einem am Montag der
Nachrichtenagentur Reuters zugesandten Schreiben ihre
Selbstauflösung bekanntgegeben. In dem achtseitigen Brief,
den Sicherheitskreise für authentisch erachten, begründet
die RAF ausführlich ihr Scheitern nach fast 28jährigem
Kampf gegen Staat und Gesellschaft durch zahlreiche
Terroranschläge. Nachstehend Auszüge aus dem Brief, er
beginnt mit der Festellung:
'Vor fast 28 Jahren am 14. Mai 1970 entstand in einer
Befreiungsaktion die RAF. Heute beenden wir dieses Projekt.
Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte. Wir,
das sind alle, die bis zuletzt in der RAF organisiert
gewesen sind. Wir tragen diesen Schritt gemeinsam. Ab jetzt
sind wir - wie alle anderen aus diesem Zusammenhang -
ehemalige Militante der RAF.'
Danach bekennen sich die RAF-Mitglieder noch einmal zu
dem Vorgehen ihrer Organisation:
'Wir stehen zu unserer Geschichte. Die RAF war der
revolutionäre Versuch einer Minderheit - entgegen der
Tendenz dieser Gesellschaft - zur Umwälzung der
kapitalistischen Verhältnisse beizutragen. Wir sind froh,
Teil dieses Versuchs gewesen zu sein. Zusammengenommen
Hunderte von Jahren Gefängnis gegen die Gefangenen aus der
RAF haben uns ebensowenig auslöschen können wie alle
Versuche, die Guerilla zu zerschlagen. Wir haben die
Konfrontation gegen die Macht gewollt. Wir sind Subjekt
gewesen, uns vor 27 Jahren für die RAF zu entscheiden. Wir
sind Subjekt geblieben, sie heute in die Geschichte zu
entlassen. Das Ergebnis kritisiert uns. Aber die RAF -
ebenso wie die gesamte bisherige Linke - ist nichts als ein
Durchgangsstadium auf dem Weg zu Befreiung.'
Eingehend wird das Vorgehen in den 70er, 80er und 90er
Jahren beschrieben und bewertet. Zur Phase nach der
Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer
1977 heißt es:
'Die RAF hatte alles in die Waagschlage geworfen und
eine große Niederlage erlitten. Im Kampfprozeß bis zum Ende
der siebziger Jahre hatte sich herausgestellt, daß die RAF
aus dem 68er Aufbruch mit nur wenigen anderen übrig
geblieben war. Viele aus der 68er Bewegung hatten sich
zurückgezogen und nutzten ihre Chancen zur Karriere im
System.'
Und zu den 80er und 90er Jahren heißt es:
'In dieser Zeit - das Konzept der achtziger Jahre war
wenige Jahre alt - gab es auch eine Entwicklung auf unserer
Seite, die von einer manchmal mit demonstrativ kalter
Konsequenz betriebenen Politik geprägt war, die dann
tatsächlich nicht mehr war als 'Politik-machen'- zu weit
entfernt von allem, was Befreiung ist.'
'Der Versuch, die RAF in den Neunzigern neu einzubinden,
war ein unrealistisches Vorhaben....
Es war eine Zeit, in der wir nach Neuem suchten, aber -
behaftet von den Dogmen der vorangegangenen Jahre - nicht
radikal genug über das Alte hinausgingen ... grundsätzlich
besteht die Gefahr, den bewaffneten Kampf zu
diskreditieren, wenn er aufrechterhalten wird, ohne daß
geklärt ist, wie er den revolutionären Prozeß spürbar
voranbringt und zur Stärkung des Befreiungskampfes
führt....
Doch am Ende zeigt sich in der für uns schmerzlichen
Spaltung eines Teils der Gefangenen von uns, in der wir zu
Feinden erklärt waren, daß die Entstehungsbedingungen der
RAF - Solidarität und Kampf um Kollektivität - bereits
vollständig verbraucht waren....
Es war ein strategischer Fehler, neben der illegalen
bewaffneten keine politisch-soziale Organisation
aufzubauen.... Es ist nicht der einzige, aber ein wichtiger
Grund, weshalb die RAF kein stärkeres Befreiungsprojekt
aufbauen konnte.'
Im Resumee am Ende des Schreibens heißt es:
'Es ist notwendig, zu sehen, daß wir uns in einer Sackgasse
befinden, um Wege aus ihr heraus zu finden. Da kann es auch
völlig richtig sein, etwas, was man theoretisch auch
weiterführen könnte, loszulassen.
Unsere Entscheidung etwas zu beenden, ist Ausdruck der
Suche nach neuen Antworten. Wir wissen, daß uns diese Suche
mit vielen auf der ganzen Welt verbindet....
Aus dem Kampf der RAF sind immer noch neun frühere
Militante im Gefängnis. Wenn auch der Kampf um Befreiung
noch lange nicht vorbei ist, so ist diese
Auseinandersetzung historisch geworden. Wir unterstützen
alle Bemühungen, die dazu führen, daß die Gefangenen aus
dieser Auseindersetzung aufrecht aus dem Knast rauskommen.'
buc/kps
REUTERS
201709 apr 98
> Auszüge aus RAF-Brief über die Selbstauflösung
Die ungekürzte Erkklärung der Roten Armee Fraktion ist auf
http://www.taz.de/~taz/spezial/raf/raf.html
und
dokumentiert.
W.