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SPIEGEL TV vs. Süddeutsche Zeitung

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Tilman Hausherr

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Mar 2, 1997, 3:00:00 AM3/2/97
to

http://www.berliner.de/cgi-bin/archiv?dump=272407
Datum:
28.02.1997, Berliner Zeitung
Ressort:
Kultur
Autor:

Kai-Hinrich Renner

Wer mit wem die Nacht verbrachte

"Spiegel TV" und "Süddeutsche Zeitung" streiten um
eine vermeintliche Fernsehfälschung

Dies ist eine Geschichte über fragwürdigen Journalismus, einen
nicht geschriebenen Brief, eine verweigerte Entschuldigung und
einige Provokationen. Sie hat einen Streit zwischen den
Chefredakteuren zweier renommierter Blätter zur Folge und führt
zu einem Prozeß, der gerade vor dem Landgericht Hamburg
verhandelt wird. Heute findet der zweite Prozeßtag statt. Alles
beginnt am 23.Januar 1996.Auf Sat 1 läuft eine
Spiegel-TV-Reportage mit dem Titel "Händler, Huren,
Guerilleros". Doch es sind "nur wenige Händler und kaum
Guerilleros" (taz) zu sehen. Gezeigt werden vor allem deutsche
Sextouristen und kubanische Prostituierte am Strand des
Urlaubsortes Varadero. Auch die kubanische Fotografin Anita
Corrales tritt auf. Sie schlendert durch eine Hotel-Lobby."Jetzt
sucht Anita Kontakt zu ausländischen Männern", heißt es dazu im
Kommentar. Und wenig später: "Anita sucht jemanden, den sie
nett findet, der zärtlich ist, der ihr hilft, auch finanziell. Aber heute
läuft gar nichts."Dafür läuft ein paar Szenen später um so mehr.
Denn einer von Anitas "neuen Bekannten hat sie eingeladen". Es
ist "Georg, Kulturredakteur einer süddeutschen Tageszeitung". In
einer Disko kommen sie sich laut Kommentar "näher", was im
Bild aber nicht zu sehen ist. Wenig später heißt es: "An diesem
Abend entscheiden sich die beiden für eine gemeinsame
Heimfahrt."Es folgt ein Umschnitt zum Strand von Varadero,
zurück zu den Sextouristen und den Prostituierten. Georg
Hohmann, der in Wirklichkeit Nachrichtenredakteur bei der
Süddeutschen Zeitung ist, hat den Abend ganz anders in
Erinnerung. Er habe Frau Corrales einige Tage zuvor
kennengelernt. Sie hätten sich angefreundet, "ganz normal, ohne
irgendwelche Hintergedanken". An besagtem Abend hätten die
Fotografin, er und seine Kollegin Martina Scherf deren
Geburtstag gefeiert. Die Nacht habe er allein verbracht und weder
davor noch danach eine Affäre mit Frau Corrales gehabt. Dem
Team von Spiegel TV habe er nur deshalb erlaubt zu drehen, weil
es ihm erzählt hatte, es arbeite an einem Porträt über die
Kubanerin. Frau Scherf bestätigte Hohmanns Darstellung."Wir
wissen, daß da wesentlich mehr gelaufen ist", sagt dagegen
Adrian Geiges, der Autor der Reportage. Seine Dolmetscherin
habe dem Paar bei der Suche nach einer Absteige geholfen. Im
übrigen legt Geiges, der Spiegel TV inzwischen verlassen hat,
Wert auf die Feststellung, Frau Corrales nicht als Prostituierte und
Hohmann nicht als Sextourist dargestellt zu haben. Das ist formal
korrekt. Tatsächlich fallen die Begriffe nicht im Zusammenhang
mit den beiden. Doch wenn Frau Corrales keine Prostituierte und
Hohmann kein Sextourist ist, gibt es keinen Grund für den
zweideutigen Kommentar und den suggestiven Zusammenschnitt
mit den Bildern aus Varadero. Hohmann fühlte sich deshalb durch
Spiegel TV "geschändet". Er bittet Geiges, in einem Brief an
seine Freundin alles aufzuklären."Hätte er den Brief geschrieben",
sagt Hohmann heute, "die Sache wäre erledigt gewesen."So
aber erscheint am 10.Februar 1996 in der Süddeutschen Zeitung
ein Artikel über die Reportage, die Hohmanns Sicht der Dinge
wiedergibt. Gleich daneben wird ein Bericht über den
TV-Fälscher Michael Born gedruckt, der kurz zuvor aufgeflogen
war. Beide Stücke stehen unter einer gemeinsamen Dachzeile:
"Kann man dem Fernsehen noch trauen? Die Geschichte eines
Fälschungsopfers und die Karriere eines mutmaßlichen Täters".
Auf der nächsten Seite folgt ein Leitartikel von Chefredakteur
Hans Werner Kilz zum Thema. In der Spiegel-TV-Redaktion wird
das gereizt aufgenommen. Kilz war zuvor Chefredakteur des
"Spiegel", sein Nachfolger Stefan Aust Chef von
Spiegel-TV.Bevor der Konflikt eskaliert, einigen sich beide
Parteien auf ein Gentlemen's Agreement. Die Süddeutsche
Zeitung verpflichtet sich, nicht mehr zu behaupten, Hohmann sei
ein Fälschungsopfer. Im Gegenzug verspricht Spiegel TV,
Geiges' Reportage nicht mehr zu senden und darauf zu
verzichten, eine Gegendarstellung zu erwirken. Lange hält die
Ruhe nicht. Im Hamburger Blatt "Die Woche" verkündet Aust
Anfang Mai, die Süddeutsche Zeitung würde die Kuba-Reportage
"nicht mehr als die Geschichte eines Fälschungsopfers
bezeichnen". Aust sagt nicht, wie es zu dieser Einigung
gekommen ist und daß Hohmann inzwischen beim Landgericht
Hamburg eine Einstweilige Verfügung gegen die Ausstrahlung
der Reportage erwirkt hat. Die Münchner fühlen sich durch Austs
Äußerung provoziert."Wir sind nicht von unserer Berichterstattung
zurückgetreten", sagt Chefredakteur Kilz. Dabei sei es so einfach,
den Konflikt aus der Welt zu schaffen: "Eine Entschuldigung von
Aust bei Hohmann genügt."Die Geschichte hat inzwischen längst
Eigendynamik entwickelt. Bei einer Reise nach Kuba bemüht
Aust sich um ein Interview mit Fidel Castro. Doch sein
Ansprechpartner vom Pressezentrum, Igor Hevia, will mit seinem
Gast zunächst über Geiges' Spiegel-TV-Reportage reden. Am
5.November geht bei Spiegel TV Hohmanns Klageschrift ein. Er
fordert 60 000 Mark Schadensersatz, die er einer karitativen
Organisation auf Kuba spenden will. Der erste Prozeßtag vor dem
Landgericht Hamburg führt zu keiner Einigung. Heute wollen die
Richter verkünden, ob sie Geiges, seinen Kameramann und seine
Dolmetscherin, die eidesstattliche Erklärungen abgegeben
haben, sowie Martina Scherf als Zeugen hören werden. Doch
selbst, wenn sich beide Parteien zuvor auf einen Vergleich
einigen, wäre die Geschichte damit nicht zu Ende."Anita
Corrales", sagt Hohmann, "bereitet momentan ihre Klage gegen
Spiegel TV vor."


Tilman Hausherr

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Mar 3, 1997, 3:00:00 AM3/3/97
to

http://www.sueddeutsche.de/sz/19960210/seite3_0.htm

SZ vom 10.02.1996

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Wie man Freier in Havanna wird

Spiegel-TV machte einen SZ-Redakteur zum Sextouristen und eine cubanische
Photographin mal eben zur Prostituierten

Von Michael Stiller

München, 9. Februar - Das ist die bitter- süße Geschichte von Anita aus
Havanna und Georg aus München, wie sie das Fernsehmagazin Spiegel-TV am 23.
Januar unter dem Titel 'Händler, Huren, Guerilleros' seinen Zuschauern auf
SAT 1 dargeboten hat. Es geht um Liebe, Sextourismus und um Dollars, die
Anita so dringend braucht. Die hübsche, etwa 30 Jahre alte Frau mit den
großen, lebhaften Augen war Dozentin an der Universität von Havanna,
Fachbereich Photographie, bis sie dort ihre Arbeit verloren hat. Spiegel-TV
zeigt, wie Anita durch das Foyer des Hotels Nacional schlendert. 'Jetzt
sucht Anita Kontakt zu ausländischen Männern. Dabei ist sie Patriotin
geblieben', erzählt der Sprecher.

Etwas später erfährt man, 'daß Anita in dieser Nacht niemanden mehr
kennenlernt. Sie versteht sich nicht als Hure, ist anders als andere Mädchen
aus armen Familien, die am Strand wahllos ausländische Sextouristen
anquatschen.' Wenn die Verhältnisse nicht so wären, wie sie sind, würde
Anita 'einfach lieben wollen und geliebt werden. Aber heute läuft gar
nichts.' Doch dann nähert sich die Geschichte, die den ganzen einstündigen
mit Allerweltsbildern aus Cuba vollgepflasterten Film wie ein roter Faden
durchzieht, ihrem Höhepunkt: Ein Lover für Anita ist in Sicht.

Georg kommt ins Bild, zusammen mit einer weiteren Frau und Anita. Sie sitzen
in einem beliebten Privatrestaurants. 'Anita verdankt das Abendessen Georg,
Kulturredakteur einer süddeutschen Tageszeitung. Noch ist eine deutsche
Kollegin Georgs dabei.' Beim anschließenden Besuch eines Salsa-Konzerts
registriert die Kamera, daß sich Anita und Georg 'näherkommen'. Schließlich
'machen sich Anita und Georg auf den Weg'. Es ist zu sehen, wie sie die
Treppe des Lokals hochgehen und gemeinsam in ein Taxi steigen. Die beiden
lachen fröhlich aus dem Fond des roten Moskwitsch-Autos in die Kamera. 'An
diesem Abend entscheiden sich die beiden für eine gemeinsame Heimfahrt',
heißt es im Text. Das Taxi mit Anita und Georg verschwindet in der schwülen
cubanischen Nacht. Alles ist klar, alles ist einfach für Spiegel-TV.

Auf welche Weise sich Anfang Dezember Anita und Georg tatsächlich in Havanna
kennenlernten, ist schnell erzählt. Die Geschichte hat nichts gemein mit dem
schwülstigen Sex-Abenteuer, das Autor Adrian Geiges von Spiegel-TV aus ihr
machte. Georg Hohmann, ein Redakteur der SZ, verband einen zweiwöchigen
Cuba-Urlaub mit dem Besuch des lateinamerikanischen Filmfestivals. Er wohnte
im Hotel Nacional, wo sich auch das Akkreditierungsbüro für die Festspiele
befand. Anita lernte er kennen, weil sie die Photos für die Ausweise machte.
Auch das Team von Spiegel-TV war im Nacional. 'Das waren ganz nette Leute.
Sie erzählten, daß sie einen Film über junge Cubaner drehen, die sich
selbständig machen wollen, und daß sie Anita für eine Langzeitreportage
begleiten', sagt Hohmann. Deshalb hatte er nichts dagegen, daß die
Fernsehleute am 11. Dezember in ein Restaurant mitgingen, wo eine zufällig
zur selben Zeit in Cuba weilende Kollegin aus München ihren Geburtstag
feierte. Anita war auch dabei.

Später wechselte man in ein Salsa- Café, wo Hohmann von den Fernsehleuten
aufgefordert wurde, mit Anita zu tanzen, was er aber ablehnte. Als die Fete
vorbei war, fuhr die Gesellschaft mit mehreren Taxis weg. Anita wurde
mitgenommen und in der Stadt abgesetzt. 'Das war's', sagt der von Spiegel-TV
(Leitung und damit verantwortlich: Spiegel- Chefredakteur Stefan Aust) zum
geilen Sextouristen abgestempelte 37jährige Journalist. Keine Liebe, kein
Sex, keine Dollars, nur eine nette Geburtstagsfeier.

Am 23. Januar schaute Hohmann Spiegel-TV. Als er Anita wie eine
Gelegenheitshure auf der Suche nach Ausländern durchs Hotel flanieren sah,
dachte er entgeistert: 'Ich bin im falschen Film.' Dann bekam er das ganze
Ausmaß der Verfälschung zu sehen und tat in der Nacht kein Auge zu. 'Man ist
so hilflos, so wehrlos', sagt Hohmann. Etwa 150 Anrufe hat der Journalist
danach bekommen. Der rücksichtsvollste Kommentar sei noch gewesen: 'Die
haben dich ganz schön übern Tisch gezogen.' Bei weniger guten Bekannten 'ist
schon die Häme rübergekommen'. Was würde wohl Anita sagen, bekäme sie das
Machwerk zu sehen? 'Ich glaube, die würde sagen: ,Typisch Westen, typisch
Marktwirtschaft'', sagt Hohmann.

Er wird jetzt rechtlich gegen Spiegel- TV vorgehen. Autor Geiges hat er
kürzlich mit gespielter Freundlichkeit überreden wollen, wenigstens in einem
Brief an die Freundin die Fälschung einzugestehen. 'Das hat er versprochen
und sich auch noch gewundert, daß ich gar nicht böse zu sein schien', sagt
das Opfer von Spiegel- TV. Natürlich hat Hohmanns Freundin keinen Brief
bekommen. Aber Spiegel-TV hat noch mehr Cubanisches anzubieten. Am
Samstagabend gibt es ein 'Special'. Die Ankündigung im Spiegel klingt wieder
recht verheißungsvoll. Es geht um 'Kampfgefährten Ché Guevaras und Huren mit
Hochschulabschluß'.


http://www.sueddeutsche.de/sz/19960210/seite3_1.htm
SZ vom 10.02.1996

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Als die Bilder lügen lernten

Mit welchen Praktiken der bekennende Fälscher Michael Born jahrelang
Magazine bedienen konnte, obwohl er als unseriös galt

Von Michael Bitala

München, im Februar - Wer erwischt wird, packt aus: 'Seit Jahren geht das
Schlagwort von der Verkommenheit der Medien um. Was das Fernsehen betrifft,
kann sich der normale Zuschauer keine Vorstellung machen, wie ernst es
wirklich ist, wie er von vorne bis hinten belogen wird, wie die Gier nach
Sensationen keine Grenzen mehr kennt.' Eine ungeheuerliche Behauptung? Doch
der Mann, der das schreibt, müßte es wissen. Es ist der mutmaßliche Betrüger
Michael Born, der, so der Verdacht, mehr als 30 gefälschte Filmbeiträge im
Fernsehen unterbringen konnte, Millionen von Zuschauern getäuscht hat.
'Memoiren' nennt er selbstgefällig sein Geständnis.

Michael Born beschreibt detailliert, wie er TV-Filme gefälscht hat. Rund 200
Seiten sind es inzwischen, und täglich werden es mehr. Er behauptet: 'Der
einfache Journalist wird durch die Macht der privaten Medien nicht nur in
die Enge getrieben, indem man von ihm das Unmögliche verlangt, er steht
praktisch vor der Entscheidung finanzieller Ruin oder das Unmögliche möglich
machen.' Die ersten Zeilen zeigen, daß sich Michael Born als Opfer der
deutschen Fernsehszene darstellen will. Und daß er im Koblenzer Gefängnis -
er ist seit Dezember in U- Haft - zum edlen Menschen mutiert sei. Im Knast
stilisiert er sich zum Meisterfälscher ŕ la Konrad Kujau, dem Verfasser der
'Hitler-Tagebücher'. Was in den Memoiren stimmt, weiß man nicht.

Fest steht, daß Born sich dringend mitteilen möchte, daß aber die
Fernsehbranche nicht gerade darauf brennt, mehr von ihm zu wissen. Born hat
mutmaßlich falsche Filme an viele verkauft: stern TV traf es mit elf
Beiträgen; das ARD-Magazin ZAK, Spiegel-TV, Pro Sieben, Sat 1, der Schweizer
Sender DRS und das Fernsehmagazin der Süddeutschen Zeitung, S-Zett.

Wie kann es passieren, daß ein Mann nahezu flächendeckend das deutsche
Fernsehen mit Fälschungen versorgt? Ist er wirklich ein Einzelfall? Und wer
ist Michael Born? Wer Antworten will, stößt auf Schweigen, Spott und
Denunziation. Viele wollen Born gar nicht kennen. Nur über eines geben die
Sender gerne Auskunft: über Born-Filme, die sie abgelehnt haben. 1992 bot
Born einen Beitrag über Exhibitionistinnen an, die nackt durch den Wald
rennen. 'Der kam uns ziemlich merkwürdig vor, den wollten wir nicht', sagt
RTL-Sprecher Andreas Hahm-Gerling. Die einzige wiederkehrende offizielle
Aussage der Fernsehleute lautet: Michael Born sei ein Einzelfall, ein
eiskalter Fälscher mit hoher krimineller Energie.

Von Freunden, Kollegen, Bekannten und Verwandten erhält man ein anderes Bild
des 37jährigen, der in Lahnstein bei Koblenz geboren wurde. Er hat drei
Kinder von drei Frauen. War Geldgier seine treibende Kraft? Wann immer er
welches hatte, gab er es großzügig mit seinen Freunden aus. 'Der hat keinen
Bezug zum Finanziellen', sagt ein Bekannter. Darum stehe Born nun mittellos
da. Am Freitag war der Haftprüfungstermin, und niemand wollte eine Kaution
stellen: 'Das ist viel zu unsicher, wenn der rauskommt, verläßt er
wahrscheinlich so schnell wie möglich Deutschland', sagt er.

Das hat er auch früher bevorzugt gemacht: Er fuhr zur See und reiste in die
Krisengebiete der Welt, wohnte während des Bürgerkriegs in Beirut. 'Der
wollte diese Abenteuer selbst erleben, er hatte kein journalistisches
Anliegen', sagt Christian Bock vom S-Zett-Fernsehen. Er hat ihn Ende der
achtziger Jahre in der Klartext-Redaktion des Münchner Senders Tele 5
kennengelernt. Hier hat Born erste Beiträge untergebracht. Bock schildert
ihn als 'offen, hemdsärmelig, ein bißchen schusselig, sympathisch. Er ist
ein bißchen großschnauzig und hat auch etwas Verhuschtes.' Eine
TV-Redakteurin charakterisiert Born nicht so freundlich: Er sei 'naiv,
trottelig und schmierig, weil er immer dieselben Klamotten trägt'. Auch für
Freunde und Bekannte ist es schwer, Borns Leben zu rekonstruieren: 'Der kam
immer von irgendwoher und ging dann immer irgendwohin, wohin wußte nur er
selbst', sagt ein Vertrauter Borns.

Lauter wirres Zeug

Spiegel-Chef Stefan Aust bezeichnet Born gar als 'Legende der Fernsehszene'.
Ein Klartext-Mitarbeiter erinnert sich an die erste Begegnung mit dem
Journalisten: 'Der stand auf einmal mit drei Koffern voller Filme im Büro.'
Szenen aus Beirut, zerbombte Häuser, Aufnahmen aus Kliniken, 'wirres Zeug,
das wir nicht verwenden konnten'. Eine Einschätzung, die man oft über Borns
Material hört. Er sei, so das übereinstimmende Urteil von TV-Machern, ein
miserabler Kameramann, und von Journalismus verstehe er auch nichts. Sind
das die Voraussetzungen, um eine so große Zahl von Sendern erfolgreich zu
bedienen?

Bei Tele 5 drehte Born Filme für die Kindersendung Bim Bam Bino und für
Klartext: etwa über Opfer des Iran-Irak- Kriegs, die in Deutschland
behandelt werden, über Schlepper, die Ausländer illegal über die
österreichisch-deutsche Grenze bringen. Schon dieser Film fiel als unseriös
auf. Born bot den Schlepperfilm im Juni 1991 dem ARD-Magazin ZAK exklusiv
an, obwohl er im Januar bei Tele 5 gelaufen war. 'Das hat die Redaktion zu
spät erfahren', sagt Moderator Friedrich Küppersbusch, 'danach beendete ZAK
die Geschäftsbeziehungen mit Born.' Zuschauer aus Österreich hätten gesagt,
daß an dem gezeigten angeblich verschneiten Alpenpaß kein Schnee liege. 'Da
wurden natürlich auch Kollegen anderer Redaktionen gewarnt', sagt
Küppersbusch.

Einem TV-Redakteur, der öfter mit Born gearbeitet hat, bot Born 1995 einen
Beitrag über einen Drogenkurier aus Südamerika an. 'Als ich aber sah, daß
Born drei Flugtickets gekauft hat, also auch eines für den Kurier, erkannte
ich, daß er diese Person bezahlt hat', sagt der Redakteur. Der Beitrag wurde
nicht gemacht, und Born wollte auch nicht mit der Wahrheit herausrücken.
Heute steht fest, daß Born vor allem Freunde als Schauspieler für falsche
Filme engagiert hat und daß ein Grieche Kameramann war. Die
Staatsanwaltschaft vermutet, daß Born wegen seines schlechten Rufs unter
Pseudonym oder durch Strohmänner Filme verkauft hat. So viel Dubioses ist zu
erfahren. Wie kann es sein, daß Michael Born von der Koblenzer
Staatsanwaltschaft entlarvt wurde und nicht von Kollegen? Schließlich weiß
in der Fernsehszene fast jeder viel über den anderen. Und als 'Hasardeur'
war der mutmaßliche Fälscher fast allen bekannt.

Warum konnte der TV-Journalist trotz unseriöser Praktiken und mangelhafter
Qualität weiterarbeiten? Viele seiner spektakulären Bilder sind echt. Er
filmte eine Expedition in Kamtschatka, verhungernde Kinder in Bagdad, eine
Flutkatastrophe in Bangladesh. 'Wir schicken niemand gegen seinen Willen in
Krisengebiete', sagt stern- TV-Chefredakteur Andreas Zaik. 'Wenn uns aber
einer auf eigene Faust Aufnahmen aus diesen Gegenden bringt, dann soll es
uns recht sein.' Und da Born auch gute Kontakte zur autonomen Szene, zur PKK
und zu Palästinensern hat - ein Photo zeigt Born mit Arafat - nahmen die
Magazin- Macher leichtgläubig auch Filme über Katzenjäger in Deutschland,
Kinderarbeit in Indien, kurdische Bombenbastler oder den Ku-Klux-Klan in
Deutschland an.

Daß Fernseh-Macher nicht nur im Fall Born oft sehr fahrlässig handeln, um
spektakuläre Bilder zu bekommen, belegt eine 23-Sekunden-Sequenz aus Martin
Lettmayers Dokumentarfilm Verschlußsache: Atomtod - Chronik einer
verschwiegenen Strahlenkatastrophe im Ural, schwer erträgliche Bilder: der
Kopf eines Säuglings, so groß wie eine Melone; schwarze, dicke Adern ziehen
sich netzartig über den Schädel; die Augen sind winzig und aufgerissen. Ein
anderes Kind mit einem klaffenden Loch, das Oberkiefer und Nase verstümmelt.
Einem dritten Baby fehlt das rechte Bein. Grausame Aufnahmen, die noch
haften, wenn der Rest des Films längst vergessen ist.

Lettmayers vom MDR ausgestrahltes Werk wurde 1994 für den Grimme-Preis
nominiert. Und eine Jury, die im selben Jahr einen vom Pay-TV-Kanal Premiere
ausgelobten Dokumentarfilm-Preis vergab, hat lange diskutiert, ob ein Autor
solche Bilder zeigen, ob die Kamera so nah an die Opfer gehen dürfe.
Lettmayer bekam eine lobende Erwähnung und 3000 Mark. Heute sagt er, 'habe
ich ziemliche Bauchschmerzen. Ich bin froh, daß ich keinen Grimme-Preis
bekommen habe.' Denn die schrecklichsten Bilder sind falsch. Der Autor
behauptet in Verschlußsache: Atomtod, daß die Kinder Opfer einer
Strahlenkatastrophe im Ural, diese Sequenzen in einem Haus in Tscheljabinsk
gedreht seien. Doch die Bilder waren 1994 zwei Jahre alt und stammten aus
einer Moskauer Kinderklinik.

Auch Lettmayer wurde erwischt, auch er packt aus: 'Das ist ein
branchenüblicher Kunstgriff', sagt der Salzburger Journalist, der
Verschlußsache: Atomtod Anfang '94 gedreht hat. Von August '94 bis Ende
Dezember '95 war er Redakteur bei stern TV. 'Ich kann Ihnen in jedem zweiten
Film, den Sie sich im Fernsehen anschauen, Bilder zeigen, die ungenau, oder
wenn Sie so wollen, unkorrekt sind', sagt er. 'Jeder greift auf
Archivaufnahmen oder auf internationales Agenturmaterial zurück. Es geht gar
nicht anders.'

Auch von einem Beitrag im S-Zett- Fernsehen muß berichtet werden, an dem
wiederum Lettmayer beteiligt ist, doch nicht als Täter: Mädchen, Models,
Morde hieß der Film, den das S-Zett-Fernsehen am 22. März 1994 zeigte. Es
ging um Mädchenhandel in Osteuropa, ein paar Bilder fehlten. Da griffen die
Autoren ins Archiv - und zogen eine Sequenz aus einem zwei Jahre alten Film
Lettmayers heraus. Er hatte über Sextourismus am Plattensee berichtet. In
diesem Ausschnitt des S-Zett-Beitrags stimmen weder Ort noch Zeit.

Es ist nicht anzunehmen, daß dies Einzelfälle sind. Lettmayer sagt, daß er
150 bis 200 Filmbeiträge gemacht habe, bei denen er selbst nicht vor Ort
gewesen sei. 'Wer böswillig ist, kann jedes nicht gekennzeichnete Archivbild
als Fälschung bezeichnen. So weit gehe ich nicht. Aber keiner ist heilig in
dieser Branche.'

Der Filmproduzent und ehemalige stern-TV-Redakteur Lettmayer macht klar, daß
Born wohl kein Unikat ist. Schließlich hat auch dieser viele Filme gedreht,
die als Fälschung verdächtig sind, weil Sequenzen gestellt sind. Nur, wie
ist es Born gelungen, frei Erfundenes wie die Katzenjäger oder den deutschen
Ku-Klux- Klan unterzubringen? Er kam doch nur mit chaotischem Rohmaterial.
Sollte nur ein Bruchteil dessen stimmen, was Born über das Fälschen
schreibt, geht es in den Magazin-Redaktionen hanebüchen zu.

'Weil er kein guter Journalist ist', sagt stern-TV-Chefredakteur Andreas
Zaik, 'haben wir ihn eng an die Redaktion gebunden.' Bei stern TV mußten
alle Redakteure mit Born arbeiten. 'Da kam jeder mal dran', sagt der
ehemalige stern-TV-MannManfred Hering, der jetzt beim Pro-Sieben-Magazin
taff arbeitet. Redakteure recherchierten und drehten oft mit Born und
produzierten dann den Beitrag in der Kölner Redaktion. Der mutmaßliche
Betrüger habe so gern für stern TV gearbeitet, weil das Magazin
überdurchschnittlich gut zahlt, sagt ein Bekannter Borns.

'Er zeigte nie eine besondere Regung, wenn jemand sein Filmmaterial völlig
umgeschnitten hat', sagt S-Zett-Redakteur Christian Bock. Doch gerade die
redaktionelle Bearbeitung von Filmen bezeichnen TV-Produzenten als 'enormes
Problem des Privatfernsehens': Die Zahl der Sender ist explodiert, doch
qualifizierte Journalisten fehlen; keiner bildet Nachwuchs aus. 'Da macht
dann ein 20jähriger Praktikant die Endabnahme des Films, und das Ergebnis
ist niederschmetternd, du erkennst die eigenen Bilder nicht mehr', sagt ein
freier Autor über Boulevard-Magazine. Und Bock sagt: 'Ich glaube, daß Born
die Schreibtisch-Redakteure zu verachten begann.' Born seien in
Kriegsgebieten die Kugeln um den Kopf geflogen, 'und dann kam so ein junger,
großspuriger und nichtswissender Journalist und erklärte ihm, welche Bilder
fehlen'. In der Fernseh-Branche werde sehr oft von Anfang an konkret
formuliert, welche Sequenzen ein Film braucht. 'Da kann ich mir vorstellen,
daß Born sich dachte: So ein Idiot, der weiß nichts, dem kann ich bringen,
was ich will, der merkt das eh nicht', sagt Bock. Born stehe politisch sehr
weit links, sagt ein Bekannter, ihm sei nur wichtig gewesen, daß die
Botschaft seiner Filme verbreitet werde: 'Und dann traf er auf Menschen, die
nicht einmal wissen, wo links und rechts ist.'

Die Weltanschauung sei auch der Grund, warum Born vor allem politische
Themen bearbeitete - Umweltverschmutzung, Krieg, Rechtsradikale, Autonome,
Drogen, Asylschlepper. Deshalb, sagt stern-TV-Chefredakteur Andreas Zaik
ebenso wie ein Bekannter Borns, sei es ziemlich albern, wenn sich der
mutmaßliche Fälscher jetzt als Beschaffer besonders brutaler Bilder
bezeichne. 'Den Arm aus Vukovar haben wir selbst im Giftschrank stehen, da
brauchen wir keinen Born dazu', sagt Zaik. Er spielt damit auf einen Brief
des Untersuchungshäftlings Born an, den er der Münchner Abendzeitung
geschickt hat. Darin steht, daß TV- Magazine bei ihm angerufen und nach
solchen Szenen gefragt hätten. Auch in seinen 'Memoiren' schreibt Born:
'Mach' schön blutige Bilder, sagt die Redakteurin. Bei diesem Satz grinst
sie und macht mich noch einmal darauf aufmerksam, daß man ja schließlich ein
Boulevardmagazin sei.' Auch dieses Zitat gehört vermutlich ins Reich der
Legenden, Born hat nur einen 'blutigen Beitrag' gedreht: Katzenjäger in
Deutschland. Christian Bock sagt: 'Das verstehe ich nicht. Ich traute bisher
vielen Fernseh-Machern zu, daß sie für ihre Karriere ein Tier über den
Haufen knallen, nur Michael Born nicht.'

Heinen97

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Mar 4, 1997, 3:00:00 AM3/4/97
to

Jetzt hat es einmal einen Kollegen getroffen.
Vielleicht einmal Anlaß für uns, über die hunderte von ver- und gefälschten Bildern und Geschichten nachzudenken, die wir unseren Lesern, Zuhörern und Zuschauern so jeden Tag zumuten.

Tilman Hausherr

unread,
Mar 4, 1997, 3:00:00 AM3/4/97
to

http://www.sueddeutsche.de/sz/19960210/seite4_4.htm

SZ vom 10.02.1996

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Verirrter Journalismus

VON HANS WERNER KILZ

Von dem amerikanischen Soziologen und Kommunikationsforscher Joshua
Meyrovitz stammt der Satz, daß es sich mit dem Fernsehen wie mit dem Wetter
verhält: Keiner ist dafür verantwortlich, oft ist es schlecht, aber fast
jeder schenkt ihm seine Aufmerksamkeit, richtet sich danach und spricht
darüber. Über das Fernsehen wird mal wieder geredet, weil ein ziemlich
mißratener Sproß der Zunft am Pranger steht. Ein Filmproduzent sitzt in
Untersuchungshaft. Er steht im Verdacht, Dokumentarisches gefälscht und als
Sensationsstory an Fernsehanstalten verkauft zu haben. Strafrechtlich ist
das eindeutig zu bewerten. Wer fälscht, ist ein Betrüger. Das verhält sich
im Fernsehen wie im Leben.

Aber zeigt Fernsehen die Wirklichkeit, das reale Leben? Die elektronische
Revolution, die kaum noch zu kontrollierende Technik des Bildermediums haben
eine Erlebniswelt eigener Art geschaffen. Fernsehzuschauer wissen zwar
genau, daß es nicht stimmt, wenn sie sich in der Rolle des Augenzeugen
wähnen. Dennoch halten sie für wahr, was sie gesehen haben. Bilder können
nicht lügen. Es kann nicht unwahr sein, was man mit eigenen Augen sieht. So
ist die Gedankenkette. Daß all das nicht stimmt, daß man mit Bildern genauso
manipulieren kann wie mit Worten - oder sogar noch mehr -, weiß der
Zuschauer in aller Regel nicht. Bilder sind der Stoff, der Fernsehen zum
Ereignis macht. Bilder sind einprägsamer als Worte.

Die schrecklichen Bilder, die der als Fälscher entlarvte Fernsehreporter aus
Kriegsgebieten geliefert hat, waren seinen Auftraggebern mitunter nicht
grausig genug. 'Hast du noch einen Arm aus Vukovar im Archiv?' soll einer
seiner Abnehmer beim Fernsehen gefragt haben. Man ist geneigt, dem Fälscher
zu glauben. Als Lieferant gestellter Filmszenen fühlt er sich nach eigenem
Bekenntnis nun zwar 'schuldig', hat aber 'nicht die geringste Lust, für die
gesamte Szene gekreuzigt zu werden'. Das läßt, wenn es zum Prozeß kommt,
weitere erhellende Einblicke in einen journalistischen Alltag des Fernsehens
erwarten, in dem, nach allem, was bisher bekannt geworden ist, die Sitten
reichlich verwildert sind. Kamerateams dramatisieren ihre Filme mit
erfundenen Personen und Handlungen, schneiden dem Effekt zuliebe Bilder
rein, erfinden ganze Szenen. Sie opfern und verdrehen Fakten, liefern mit
eigens angeheuerten Mitarbeitern den fehlenden Bildbeweis.

Unter Erfolgsdruck

Was veranlaßt Fernseh-Journalisten, so schamlos zu manipulieren? Die
verantwortlichen Redakteure der privaten Sender stehen unter Erfolgsdruck.
Sie spüren die harte Konkurrenz, starren auf Einschaltquoten und
Marktanteile. An der Einschaltquote orientiert sich die Werbung. Und von den
Werbeeinnahmen hängt das Schicksal des Senders ab. Kein Wunder, daß über die
Qualität einer Sendung letztlich - und ausschließlich - die Sehbeteiligung
entscheidet. Dieser Mechanismus macht verständlich, warum der Anspruch des
Journalisten, sein eigentlicher Auftrag, zu informieren, zu orientieren und
notfalls zu kontrollieren, preisgegeben wird. 'Ein garstig breiter Graben',
beklagt der Medienwissenschaftler Hermann Boventer, trenne längst 'das
Sollen vom Sein'.

Fernsehen spiegelt eine Welt, in der es wegen des unerbittlichen
Konkurrenzdrucks immer extremer zugeht. Der Zuschauer will es so. Die
weniger aufregende Wirklichkeit zappt er weg. So ist es durchaus nicht
abwegig, zu fragen, wer eigentlich in der Medienwelt der Information und der
Desinformation vor wem zu retten ist: das Publikum vor den Massenmedien und
ihren Machern oder die Journalisten vor dem schier unstillbaren Hunger der
Konsumenten nach dem Sensationellen, Grellen und Gräßlichen? Ihrer
zunehmenden Verlangweilung versuchen die Menschen durch Aufregung zu
entgehen. In der Freizeit zu radeln oder zu wandern, reicht nicht mehr. Sie
stürzen sich an Gummiseilen von Brücken, durchpflügen mit Kanus
amerikanische Wildwasser oder jagen in Sportwagen über enge Landstraßen.
Nervenkitzel als Lebenselixier.

Absurde Formen der Fernseh-Unterhaltung wie Reality TV, Verbrechen live
sozusagen, haben nichts mit verfallender Moral, sondern mit Abnützung von
Unterhaltung zu tun. Der Trend zum Verrückten, zum Skandalösen, zum Banalen
offenbart die ganze Not der Fernsehunterhaltung, die Opfer ihres eigenen
Anspruchs wird. So nützt es auch gar nichts, auf den Fälschern und ihren
Auftraggebern rumzuprügeln. Der Zuschauer verlangt die Illusion, das
Traumgebilde. Er will seine Vorurteile bestätigt und seine Gelüste
befriedigt haben. Die Wirklichkeit ist ihm zu langweilig.

Der Appetit auf Skandale

Die schreibenden Journalisten sind nicht besser, nur besser dran. Sie sind
nicht so abhängig vom Zufall der Bilder, das heißt davon, ob sie im
richtigen Moment an der richtigen Stelle sind, um ein Geschehen authentisch
einzufangen. Zeitungsreporter können Informanten ausführlich befragen, sie
können recherchieren, diskutieren und auch länger nachdenken. Aber auch sie
brauchen Szenen, die im Kopf des Lesers Bilder entstehen lassen, auch sie
brauchen die Story. Und auch sie benutzen - sofern sie skrupellos genug sind
- die Phantasie, wenn ihnen die Realität zuwenig Stoff zum Schreiben bietet.
Die Washington Post, eine der besten Zeitungen Amerikas, hat sich mit ihren
'Watergate'-Enthüllungen bleibende Verdienste um den investigativen
Journalismus erworben. Die Zeitung wurde aber auch Opfer einer der
dreistesten Verfehlungen, die es je im Journalismus gab. Janet Cooke,
Starreporterin des Blattes, hatte den begehrten Pulitzer- Preis mit einer
Geschichte über einen achtjährigen heroinsüchtigen Jungen gewonnen, die von
der ersten bis zur letzten Zeile erfunden war.

Man muß nicht immer auf die Boulevardpresse oder auf das Fiasko des Stern
mit seinen Hitler-Tagebüchern verweisen. Der Appetit auf Skandale, der
Handel mit Enthüllungen und die unwiderstehliche Verlockung, Mächtige oder
nur Prominente bloßzustellen, verführt zu journalistischer Unredlichkeit. Es
ist unergiebig, vorgeblich seriösen Journalismus über den durchgehend
kommerzialisierten, auf Massenemotion spekulierenden Journalismus zu
erheben. Der Verdruß über den Verfall journalistischer Ethik, sei die Klage
nun zutreffend oder übertrieben, ist überall spürbar. Zu Recht.
Journalisten, die einbrechen, stehlen, erpressen oder betrügen, um
Informationen zu beschaffen oder zu verbreiten, können sich nicht auf ihre
Informationspflicht berufen und schon gar nicht auf ein Gesetz, das sie vor
der Preisgabe ihrer Quellen schützt.

Es macht die Sache auch nicht besser, daß einer, der später eine Leitfigur
des Journalismus werden sollte, seine Karriere mit einer Lüge startete. Egon
Erwin Kisch schob einer Prager Zeitung eine Reportage über den Brand der
Schittkauer Mühlen unter, deren Details erfunden waren. Und der empörte
Kollege des Konkurrenzblattes, der sich bei seinem Chefredakteur dafür zu
entschuldigen hatte, daß er selber nicht so Dramatisches erlebt hatte, hörte
den verblüffenden Satz: 'Komisch, daß sich die anderen immer die
interessantesten Lügen ausdenken, und Sie immer nur die langweiligste
Wahrheit wissen.'

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