Beleidigung in der Popnacht - Moderator klagt gegen Kündigung
Einem Bericht der Bremer Nachrichten zufolge klagt der von
Radio Bremen fristlos gekündigte Moderator Peter Mack gegen
diese Kündigung. Mack bezeichnete in der Popnacht vom 4. auf
den 5. Juni die Tagebücher von Anne Frank als, so wörtlich
"Scheißtagebücher". Kurz vor vier Uhr rief eine 12jährige
Schülerin in der Sendung an und berichtete, daß sie gerade
an einer Hausarbeit über Anne Frank brüte. Darauf der
Moderator: "Ich hasse Anne Frank. Ich hasse Anne Frank."
Im weiteren Dialog mit seiner jungen Hörerin sagte er weiter,
er finde dieses "depressive Mädel entsetzlich." Eine hessische
Hörerin beschwerte sich daraufhin beim Hessischen Rundfunk,
der diese Beschwerde an Radio Bremen weiterleitete. Dessen
Hörfunkchefs zitierten den Moderator zu sich. Der Moderator
entschuldigte sich damit, das Schicksal von Anne Frank sei
ihm nicht bekannt gewesen. Das Direktorium von Radio Bremen
sprach dessen ungeachtet die fristlose Kündigung aus.
Beim Gütetermin vor dem Bremer Arbeitsgericht versuchte der
Anwalt des entlassenen Moderators, Tilo Winter, erneut, die
Äußerungen zu entschuldigen. Dieser "einmalige Ausrutscher",
dieses "Verplappern" rechtfertige keine fristlose Kündigung.
Peter Mack habe allenfalls abgemahnt werden dürfen. Der
sofortige Rausschmiß sei nur zulässig, wenn eine weitere
Beschäftigung unzumutbar sei. "Eben," konterte Richter
Claussen, "was muß man denn noch sagen, damit eine fristlose
Kündigung berechtigt sein soll?" Der Richter schlug eine
Rücknahme der Kündigungsschutzklage des gefeuerten Moderators
vor. Diesen Vorschlag wies dessen Anwalt allerdings zurück.
Das endgültige Urteil fällt das Gericht im Januar 1999.
Mitschuld der Sender - Ein Kommentar aus den Bremer Nachrichten
vom 28. Juli 1998, Seite 2 - Autor: Hans-Peter Mlodoch
Erfreulich unmißverständlich hat der Vorsitzende Richter des
Bremer Arbeitsgerichtes gestern klargemacht, daß er nicht
gewillt ist, der Kündigungsschutzklage des gefeuerten Radio-
Bremen-Moderators stattzugeben. Das letzte Wort hat natürlich
seine komplette Kammer einschließlich der Beisitzer, aber alles
andere als ein abweisendes Urteil wäre eine echte Überraschung.
Der Rauswurf ist die einzig richtige Reaktion auf die bundesweit
verbreitete Verunglimpfung des Naziopfers Anne Frank. Fadenscheinig
die Entschuldigung, er habe das Schicksal des jüdischen Mädchens
nicht vor Augen gehabt. Ihre Tagebücher und ihr Tod stehen in
jeder Schule auf dem Lehrplan. Von einem Journalisten sollte
man eigentlich erwarten können, daß er sich irgendwie damit
beschäftigt hat. Und selbst, wenn nicht: Dann muß die Frage
erlaubt sein, was dieser im öffentlich-rechtlichen Rundfunk
zu suchen hat. Dies führt allerdings zu einer weiteren Frage:
Hat nicht auch Radio Bremen, haben nicht auch die anderen Sender
eine gewisse Mitschuld daran, daß sich Geschmacklosigkeiten im
Äther immer weiter breit machen? Gerade der gefeuerte Moderator
ist ein typisches Beispiel. Die Sendereihe "Nullnummer" mit den
Comedyfiguren "Hermine Plaschke" und "Gisbert Geyer" war eine
Ansammlung von flachen Witzen, peinlichen Zoten und Gemeinheiten
oft unterhalb der Gürtellinie. Sie wurde erst eingestellt, als
sich diese Art von "Humor" in der Hörergunst totgelaufen hatte.
Aber sie stand und steht für ein - vor allem an jugendliche
Zielgruppen gerichtetes - anspruchsloses Programm auf unterstem
Niveau, mit dem die öffentlich-rechtlichen Anstalten glauben,
den privaten Sendern Konkurrenz machen zu können. Da darf man
sich eigentlich nicht mehr wundern, daß die für derart hirnlose
Sendungen rekrutierten Moderatoren auch mal völlig ausfallend
werden.
Leseprobe - Aus dem Tagebuch von Anne Frank - Donnerstag, 25.5.44
Liebe Kitty!
Jeden Tag ist etwas anderes los. Heute morgen haben sie unseren
netten Gemüsemann verhaftet, er hatte zwei Juden im Haus! Es
ist ein schwerer Schlag für uns, nicht allein, daß die armen
Juden nun wieder am Rande des Abgrunds stehen, es ist auch
schrecklich für den armen Mann selbst.
Die Welt steht hier auf dem Kopf. Die anständigen Menschen
werden fortgeschickt in Konzentrationslager, Gefängnisse und
einsame Zellen, und über alt und jung, reich und arm regiert
die Unterwelt. Der eine fällt herein durch den Schwarzhandel,
der andere, weil er Juden oder andere Untergetauchte schützt.
Niemand weiß, was morgen geschieht. Auch für uns ist dieser
Mann ein schwerer Verlust. Die Mädels können und dürfen die
Portionen Kartoffeln nicht herschleppen, und das einzige,
was wir tun können, ist, weniger zu essen. Wie wir das machen
werden, wirst du noch hören, ein Vergnügen wird es jedenfalls
nicht sein. Mutter sagt, daß wir des Morgens gar kein Frühstück,
mittags Brei und Brot, abends Bratkartoffeln und eventuell
wöchentlich ein- oder zweimal Salat oder etwas Gemüse bekommen,
mehr nicht. Dann heißt es hungern, aber alle Entbehrungen
sind nicht so schlimm, wie entdeckt zu werden. Anne
Nachtrag
Anne Frank wurde am 4. August 1944 zusammen mit ihrer Familie
festgenommen. Alle Versteckten aus dem Hinterhaus in der
Amsterdamer Prinsengracht kamen in deutsche und holländische
Konzentrationslager. Anne Frank starb im März 1945 im
Konzentrationslager Bergen-Belsen, zwei Monate vor der
Befreiung Hollands durch alliierte Truppen.
Während ich dieses hier tippe, frage ich mich nach den
Motiven eines Radio-Bremen-Typen, dieses tote Mädchen zu
hassen. Ich ahne, warum:
In Kreisen der Bremer Flachfunker gelten Geschichten wie die
von Anne Frank als "Tränendrüsennummern", denn sie verderben
die gute Laune. Peter Mack hat die Philosophie seines Senders
verinnerlicht. Er tat nur, was seinem Gefühl nach alle getan
hätten. Er hat eben dumm daher geplappert: Hauptsache, kein
Tiefgang.
Von daher verstehe ich ihn richtig. Das Schicksal von Anne
Frank hat er nicht gekannt und wollte es auch nicht kennen.
Anne Frank war ihm dennoch nicht egal: Weil man über ihren
Tod und über ihr Leben im Versteck keine Zoten reißen kann,
haßt er sie.
Anne Frank war aber das unschuldige Opfer von Nazis, die im
Rassenwahn den Juden alle Schuld für alles Übel dieser
Welt gaben. Diese abstruse Verschwörungstheorie der Nazis
kostete Millionen von Menschen das Leben. In den KZ starben
über 12 Millionen Menschen auf grausame Weise. Es waren
ungefähr sechs Millionen Juden und weitere sechs Millionen
nichtjüdischer Zivilisten. Anne Frank wußte davon. Sie hatte
Angst. Aber diese jahrelange Todesangst eines kleinen Mädchens
paßt nicht in das Sendeformat eines jugendlich-dynamischen
Popsenders der Neunziger. Das Stakkato des von Radio Bremen
gesendeten Hiphops ist der Preßlufthammer, unter dem die
Erinnerung an die Untaten der Nazis für immer verschwinden
soll.
Es wäre an der Zeit, daß sich Radio Bremen für die Entgleisung
des Peter Mack öffentlich entschuldigt. Aber nein: Der Sender
kündigte zwar fristlos, ließ aber per Lokalpresse verlauten,
man hielte Peter Mack nach wie vor für einen "fähigen
Journalisten." Das macht zornig und traurig. So tief sind
die Flachfunker also schon gesunken.
Holger
Es ist einfach eine Schande, dass gebührenfinanziertes Radio
sich durch solche unglaublichen Aüßerungen hervortut...
Ich fände es auch sehr angebracht, wenn sich die Anstalt
dafür bei den Hörern entschuldigen würde...
Halte uns bitte auf dem Laufenden !!!
MARTiN