Am 08.09.2021 um 03:07 schrieb Arnulf Sopp:
> Am Tue, 7 Sep 2021 08:47:10 +0200 schrieb Christoph Müller:
>> Am 07.09.2021 um 00:58 schrieb Arnulf Sopp:
>> Richtig verstandene Religion ist in meinen Augen durchaus etwas
>> Bodenständiges.
>
> Hättest Du Erbsensuppe gesagt, könnte ich dir zustimmen. Du sagtest aber
> Religion.
>
> Alle Religionen der Welt kann niemand kennen.
Man muss auch nicht alle Lebewesen kennen um zu erkennen, ob es um
Biologie geht oder nicht.
> Die mir bekannten haben diese
> Gemeinsamkeiten: Sie postulieren ein Jenseits, bevölkert von jenseitigen
> Wesen.
Die Einen meinen, dass sie das aus Jux und Tollerei machen. Andere
meinen, dass es um schnöde irdische Machtausübung und Ausbeutung geht.
Wieder andere (zu denen ich mich auch zähle) meinen, dass sie das alles
im religiösen Sinne machen sollten. Also um für ein gutes Überleben der
Menschheit zu sorgen. Denn was dem NICHT dient, ist auch nicht religiös.
> Das können Götter, Ahnen, Engel, Dämonen usw. sein. Denen ist zu
> huldigen,
SOFERN es im religiösen Sinne erfolgt. Wenn es also dem guten Überleben
der Menschheit dient.
> widrigenfalls man was erleben kann. Die zu erwartende Strafe ist
> je nach Kultur unterschiedlich.
Ob das wirklich so viel mit Kultur zu tun hat? Wird jemand absichtlich
verletzt, dann wird sich dieser Mensch - unabhängig von jeder Kultur -
auch verletzt fühlen. Meistens wird er dann auch auf Rache sinnen. Egal,
in welcher Kultur.
> Viele Religionen dulden jedoch auch den
> Atheismus.
Wenn's dem guten Überleben der Menschheit dient... Es gibt ja auch
religiöse Atheisten. Das sind die, die sich auch ohne weltliche
Organisation für das gute Überleben der Menschheit einsetzen.
> Bis hierher sehe ich keine Bodenständigkeit. Aber: Alle Götter, Sitten,
> Gebote etc. bilden den Alltag der Religionsgründer ab. Das kann man
> bodenständig nennen. Dabei ist der Aspekt des Überlebens jedoch kaum im
> Mittelpunkt. Oft im Gegenteil: Viele Religionen haben das überhaupt nicht
> im Visier.
Man kann so gut wie alles missbrauchen. Mit einem Küchenmesser kann man
morden. Geht auch mit Wasser, Bienenwachs, Knödeln, Salat, Papier, ...
Selbstverständlich geht das auch mit Religionsgemeinschaften. Warum
sollten sie denn eine Ausnahme sein?
Wichtig ist vor allem, den Missbrauch als solchen auch zu erkennen. Die
Missbrauchenden haben nämlich üblicherweise eine Menge Tricks drauf, den
Missbrauch zu verschleiern. Wenn ihnen das gelingt, haben sie freie
Hand. Damit ihnen das NICHT gelingt, braucht es eine Definition von
Religion, die auch schon die kleinen Kinder problemlos verstehen können.
Was Biologie ist, kann ja auch mit nur einem kurzen Satz beschrieben
werden. "Biologie ist die Lehre vom Leben." Ähnlich einfach muss es mit
Religion auch gehen. "Religion ist das Streben nach dem guten Überleben
der Menschheit." Mit diesem simplen Satz sollte eigentlich leicht
erkennbar ist, was religiös ist und was nicht. Dann kann man auch leicht
erkennen, ob etwas missbräuchlich verwendet wird oder nicht. Einfach,
indem man sich die Frage stellt "Dient's dem guten Überleben der
Menschheit?" Wenn ja -> religiös. Wenn nein -> nicht religiös.
Wenn Religion als das Streben nach dem guten Überleben der Menschheit
gesehen wird, werden es radikale Kräfte schwer haben, noch Nachwuchs zu
rekrutieren. Denn dieser wird sehr merken, dass man mit Hand oder Kopf
ab der Menschheit keinen Gefallen tut. Ganz im Gegenteil, weil damit vor
allem Hass geschürt wird und Hass der Menschheit überhaupt nicht gut
tut. Dann werden z.B. Waffen in gigantischem Ausmaß angehäuft. So viel,
dass man damit die gesamte Menschheit gleich mehrfach auslöschen könnte.
Was einmal in der Welt ist, unterliegt auch der Missbrauchs- und
Unfallgefahr. Solches Zeug kann auch mal versehentlich los gehen und bis
man sich versieht, gibt es keine Menschheit mehr. Das finde ich nicht
besonders religiös.
>>> Du erwähnst den Kosmos. Die Annahme, irgendwo dort könne eine Art Schublade
>>> für die initialen Ideen von späteren Personen (Tieren, Pflanzen, Pilzen
>>> usw.) existieren, erscheint absurd, denn der Kosmos ist durch und durch
>>> diesseitig, soweit wir wissen können.
>>
>> Du solltest dich vielleicht mal etwas mit dem ganzen Quantenzeug
>> beschäftigen.
>
> Diesseitiger geht's kaum. Die Exotik der Quantenwelt darf nicht zu dem
> Missverständnis führen, sie entziehe sich der Physik. Das tut sie NICHT.
Natürlich tut sie es nicht. Aber wir haben damit große
Verständnisprobleme, weil die Quantenwelt ziemlich weit weg von unseren
Alltagserfahrungen liegt. So gibt es ganz einfach Vieles, das wir ganz
einfach nicht begreifen können. Man muss sich auf Theorien und Formeln
verlassen. In der "großen" Physik gibt's dagegen gut Nachvollziehbares.
Damit kann man die Formeln, die das Ganze systematisch beschreiben, gut
nachvollziehen. Mit Quanten geht das nicht mehr.
>> Da sieht's momentan so aus, als würden sich Raum und Zeit grade
>> aufzulösen beginnen.
>
> Was man da neuerdings wahrnimmt, war schon immer da, aber erst in letzter
> Zeit hat man die technischen Möglichkeiten, etwas davon (noch lange nicht
> alles!) zu bemerken. Das rückt jedoch diese Phänomene nicht aus dem Bereich
> der nüchternen Physik hinaus.
Unabhängig davon sind die Erkenntnisse daraus für uns Menschen nur
schwer nachvollziehbar. Wir leben in einer ganz anderen Erfahrungswelt.
Und doch hat die Natur längst Quantensensoren in Betrieb. Rotkehlchen
scheinen im rechten Auge einen Quantensensor zu haben, mit dem sie das
Erdmagnetfeld "sehen" können. Mit weiteren Überraschungen darf gerechnet
werden.
>> Es geht um Lebensregeln, die ein gutes Überleben der Menschheit möglichst
>> wahrscheinlich machen.
>
> Angesichts der Blutspur, die sehr viele Religionen hinter sich herziehen
> (Kreuzzüge, Menschenopfer, Todesstrafe bei Blasphemie - wg. Hexenjagd oder
> Islamismus -, "Mission" mit dem Schwert usw.) scheint mir eher, dass
> zumindest den heute größten Religionen der Tod komplett egal ist.
Bist du dir auch wirklich ganz sicher, dass du von RELIGION schreibst?
Mir fällt da eher Missbrauch von ReligionsGEMEINSCHFTEN ein. Das ist
leicht daran zu erkennen, dass hier NICHT um das gute Überleben der
Menschheit geht/ging. Wie gesagt - missbrauchen kann man so gut wie
alles. Aber manchmal wird's schwierig, Gebrauch und Missbrauch
auseinander halten zu können. Dafür braucht es gute und leicht
verständliche Definitionen. "Religion ist das Streben nach dem guten
Überleben der Menschheit." halte ich für eine gute und leicht
verständliche Definition von Religion.
>> Die einzelnen Religionsgemeinschaften haben für das gleiche Ziel
>> unterschiedliche Rezepte entwickelt, die leider auch gerne mal von
>> "Führungskräften" missbraucht werden.
>
> Mir fällt spontan keine einzige Religion ein, die dieses Ziel überhaupt im
> Pflichtenheft hat. Aber das wurde dir schon sehr häufig vorgehalten, nicht
> nur von mir. Du solltest diesen Punkt überdenken.
Ich habe viel darüber nachgedacht, was Religion überhaupt erst zur
Religion macht. Auf entsprechende Fragen habe ich fast immer nur
irgendwelches Gegackse und Gestammel vernommen. Oft mit seitenlangen
Abhandlungen. Gespickt mit Fremdworten, die ein Fachfremder noch nie
gehört hat. Diese müssen, um verstanden zu werden, dann auch noch eigens
lang und breit erklärt werden. Kurzum: die, die mir solche Auskünfte
gaben, haben selber nicht gewusst, was Religion zur Religion macht.
Auf auf die originäre Auffassung von Religion zu kommen, muss man m.E.
in der Geschichte sehr weit zurück gehen. Die ältesten religiösen
Artefakte, die je ausgegraben wurden, sind wohl um die 120.000 Jahre
alt. Menschen waren damals mit Sicherheit echte Raritäten. Wären sie so
blutrünstig aufeinander los gegangen, wie es vielen
Religionsgemeinschaften heute unterstellt wird, dann wäre die Menschheit
damit wahrscheinlich ausgestorben. Also kann man schon mal davon aus
gehen, dass Blutrünstigkeit schon mal nicht der Kern von Religion sein
kann. Zum Überleben braucht's was Anderes als Mord und Totschlag.
Nämlich eine gute Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, aus dem
Beobachteten brauchbare Schlussfolgerungen ziehen können. Denn DAS
bietet echte Überlebensvorteile. Doch das kann noch getoppt werden,
indem das Wissen von einer Generation an die nächste weitergegeben wird
und auch noch eigene Beobachtungen und Schlussfolgerungen dazu kommen.
Um das möglichst gut hin zu bekommen, wurden griffige Geschichten
erfunden, die man sich gut merken konnte. So ist es auch kein Zufall,
dass sich die ganzen Natur- und Geistenswissenschaften aus den
Religionen heraus entwickelt haben. DAS hat uns Menschen zu dem gemacht,
was wir heute sind. Es ging immer um das gute Überleben der Menschheit.