Die Waldmenschen waren klein und braun und stark behaart, sie gingen
vorgebückt und hatten scheue Wildaugen. Sie konnten wie Menschen und wie
Affen gehen und fühlten sich hoch im Geäst des Waldes ebenso sicher wie am
Boden. Häuser und Hütten kannten sie noch nicht, wohl aber mancherlei Waffen
und Gerätschaften, auch Schmuck. Sie verstanden Bogen, Pfeile, Lanzen und
Streitkolben aus harten Hölzern zu machen, Halsbänder aus Bast und mit
getrockneten Beeren oder Nüssen behängt, auch trugen sie um den Hals oder im
Haar ihre Kostbarkeiten: Eberzahn, Tigerkralle, Papageienfeder, Flußmuschel.
Mitten durch den unendlichen Wald floß der große Strom, die Waldmenschen
wagten sein Ufer aber nur in dunkler Nacht zu betreten, und viele hatten ihn
nie gesehen. Die Mutigeren schlichen zuweilen des Nachts aus dem Dickicht
hervor, scheu und lauernd, dann sahen sie im schwachen Schimmer die
Elefanten baden, blickten durch die überhängenden Baumwipfel und sahen
erschrocken im Netzwerk der vielarmigen Mangrovenbäume die glänzenden Sterne
hängen. Die Sonne sahen sie niemals, und es galt schon für äußerst
gefährlich, ihr Spiegelbild im Sommer zu erblicken.
Zu jenem Stamme der Waldleute, welchen der blinde mata dalam vorstand,
gehörte auch der Jüngling Kubu, und er war der Führer und Vertreter der
Jungen und Unzufriedenen. Es gab nämlich Unzufriedene, seit mata dalam älter
und herrschsüchtiger geworden war. Bisher war es sein Vorrecht gewesen, dass
er, der Blinde, von den andern mit Speise versorgt wurde, auch fragte man
ihn um Rat und sang sein Waldlied. Allmählich aber führte er allerlei neue
und lästige Bräuche ein, welche ihm, wie er sagte, von der Gottheit des
Waldes im Traum waren geoffenbart worden. Ein paar Junge und Zweifler aber
behaupteten, der Alte sei ein Betrüger und suche nur seinen eigenen Vorteil.
Das Neueste, was mata dalam eingeführt hatte, war eine Neumondfeier, wobei
er in der Mitte eines Kreises saß und die Rindentrommel schlug. Die anderen
Waldleute aber mußten so lange im Kreise tanzen und das Lied golo elah dazu
singen, bis sie todmüde waren und in die Knie sanken. Dann mußte ein jeder
sich das linke Ohr mit einem Dorn durchbohren, und die jungen Weiber mußten
zu dem Priester geführt werden, und er durchbohrte einer jeden das Ohr mit
einem Dorn.
Dieser Sitte hatte sich Kubu samt einigen seiner Altersgenossen entzogen,
und ihr Bestreben war, auch die jungen Mädchen zum Widerstand zu überreden.
Einmal hatten sie Aussicht, zu siegen und die Macht des Priesters zu
brechen. Der Alte nämlich hielt wieder Neumondfest und durchbohrte den
Weibchen das linke Ohr. Eine kräftige Junge aber schrie dabei furchtbar und
leistete Widerstand, und darüber passierte es dem Blinden, dass er ihr mit
dem Dorn ins Auge stach, und das Auge lief aus. Jetzt schrie das Mädchen so
verzweifelt, dass alle herbeiliefen, und als man sah, was geschehen war,
schwieg man betroffen und unwillig. Als aber die Jungen sich triumphierend
darein mischten und als der Kubu den Priester an der Schulter zu packen
wagte, da stand der Alte vor seiner Trommel auf und sagte mit krähend
höhnischer Stimme einen so grauenhaften Fluch, dass alle entsetzt
zurückflohen und dem Jüngling selber das Herz vor Entsetzen gefror. Der alte
Priester sagte Worte, deren genauen Sinn niemand verstehen konnte, deren Art
und Ton aber wild und grausig an die gefürchteten heiligen Worte der
Gottesdienste anklang. Und er verfluchte des Jünglings Augen, die er dem
Geier zum Fraße zusprach, und verfluchte seine Eingeweide, von welchen er
prophezeite, sie werden eines Tages im freien Felde in der Sonne rösten.
Dann aber befahl der Priester, der im Augenblick mehr Macht hatte als
jemals, das junge Mädchen nochmals zu sich und stieß ihr den Dorn auch ins
zweite Auge, und jedermann sah es mit Entsetzen, und niemand wagte zu atmen.
»Du wirst draußen sterben«, hatte der Alte dem Kubu geflucht, und seither
mied man den Jüngling als einen Hoffnungslosen. »Draußen« - das hieß:
außerhalb der Heimat, außerhalb des dämmernden Waldes! »Draußen«, das
bedeutete Schrecken, Sonnenbrand und glühende, tödliche Leere.
Entsetzt war Kubu weit hinweg geflohen, und als er sah, daß jedermann vor
ihm zurückwich, da verbarg er sich in einem hohlen Stamme und gab sich
verloren. Tage und Nächte lag er, wechselnd zwischen Todesangst und Trotz,
und ungewiß, ob nun die Leute seines Stammes kommen würden, ihn zu
erschlagen, oder ob die Sonne selbst durch den Wald brechen, ihn belagern
und erjagen und erlegen werde. Es kam aber weder Pfeil noch Lanze, weder
Sonne noch Blitzstrahl, es kam nichts als eine tiefe Erschlaffung und die
brüllende Stimme des Hungers.
Da stand Kubu wieder auf und kroch aus dem Baume, nüchtern und beinahe mit
einem Gefühl von Enttäuschung.
»Es ist nichts mit dem Fluch des Priesters«, dachte er verwundert, und dann
suchte er sich Speise, und als er gegessen hatte und wieder das Leben durch
seine Glieder kreisen fühlte, da kam Stolz und Haß in seine Seele zurück.
Jetzt wollte er nicht mehr zu den Seinen zurückkehren. Jetzt wollte er ein
Einsamer und Ausgestoßener sein, einer, den man haßte und dem der Priester,
das blinde Vieh, ohnmächtige Verfluchungen nachrief. Er wollte allein sein
und allein bleiben, zuvor aber wollte er seine Rache nehmen.
Und er ging und sann. Er dachte über alles nach, was ihm jemals Zweifel
erweckt hatte und als Trug erschienen war, und vor allem über die Trommel
des Priesters und seine Feste, und je mehr er dachte und je länger er allein
war, desto klarer konnte er sehen: ja, es war Trug, es war alles nur Trug
und Lüge. Und da er schon so weit war, dachte er noch weiter und richtete
sein wachsam gewordenes Mißtrauen vollends auf alles, was als wahr und
heilig galt. Wie stand es zum Beispiel mit dem Waldgotte und mit dem
heiligen Waldliede? Oh, auch damit war es nichts, auch das war Schwindel!
Und ein heimliches Entsetzen überwindend, stimmte er das Waldlied an,
höhnisch mit verächtlicher Stimme und alle Worte verdrehend, und er rief
dreimal den Namen der Waldgottheit, den außer dem Priester niemand bei
Todesstrafe nennen durfte, und es blieb alles ruhig, und kein Sturm brach
los, und kein Blitz zuckte nieder!
Manche Tage und Wochen irrte der Vereinsamte so umher, Falten über den Augen
und mit stechendem Blick. Er ging auch, was noch niemand gewagt hatte, bei
Vollmond an das Ufer des Stromes. Dort blickte er erst dem Spiegelbild des
Mondes und dann dem Vollmond selber und allen Sternen lang und kühn in die
Augen, und es geschah ihm kein Leid. Ganze Mondnächte saß er am Ufer,
schwelgte im verbotenen Lichtrausch und pßegte seine Gedanken. Viele kühne
und schreckliche Pläne stiegen in seiner Seele auf. Der Mond ist mein
Freund, dachte er, und der Stern ist mein Freund, aber der alte Blinde ist
mein Feind. Also ist das »Draußen« yielleicht besser als unser Drinnen, und
vielleicht ist die ganze Heiligkeit des Waldes auch nur ein Gerede! Und er
kam, um Generationen vor allen Menschen voraus, eines Nachts auf die
verwegene und fabelhahe Idee, man könne ganz wohl einige Baumäste mit Bast
zusammenbinden, sich darauf setzen und den Strom hinunterschwimmen. Seine
Augen funkelten, und sein Herz schlug gewaltig. Aber es war nichts damit;
der Strom war voll von Krokodilen.
Dann gab es also keinen anderen Weg in die Zukunft als den, den Wald an
seinem Rande zu verlassen, falls es überhaupt ein Ende des Waldes gab, und
sich alsdann der glühenden Leere, dem bösen »Draußen« anzuvertrauen. Jenes
Ungeheuer, die Sonne, mußte aufgesucht und bestanden werden. Denn - wer
weiß? - am Ende war auch die uralte Lehre von der Furchtbarkeit der Sonne
nur so eine Lüge!
Dieser Gedanke, der letzte in einer kühnen, fiebrig wilden Reihe, machte den
Kubu erzittern. Das hatte in allen Weltaltern noch niemals ein Waldmensch
gewagt, freiwillig den Wald zu verlassen und sich der schrecklichen Sonne
auszusetzen. Und wieder ging er Tage um Tage, seinen Gedanken tragend. Und
endlich faßte er Mut. Er schlich mit Zittern am hellen Mittag gegen den
Fluß, näherte sich lauernd dem glitzernden Ufer und suchte mit bangen Augen
das Bildnis der Sonne im Wasser. Der Glanz schmerzte heftig in den
geblendeten Augen, er mußte sie rasch wieder schließen, aber nach einer
Weile wagte er es wieder und dann nochmals, und es gelang. Es war möglich,
es war zu ertragen, und es machte sogar froh und mutig. Kubu hatte Vertrauen
zur Sonne gefaßt. Er liebte sie, auch wenn sie ihn töten sollte, und er
haßte den alten, finstern, faulen Wald, wo die Priester quäkten und wo er,
der Junge und Mutige, verfemt und ausgestoßen worden war.
Jetzt war sein Entschluß reif geworden, und er pflückte die Tat wie eine
süße Frucht. Mit einem neuen, zügigen Hammer aus Eisenholz, dem er einen
ganz dünnen und leichten Stiel gegeben hatte, ging er in der nächsten
Morgenfrühe dem mata dalam nach, fand seine Spur und fand ihn selbst, schlug
ihm den Hammer auf den Kopf und sah seine Seele aus dem gekrümmten Maul
entfliehen. Er legte ihm seine Waffe auf die Brust, damit man wisse, durch
wen der Alte gestorben sei, und auf die glatte Fläche des Hammers hatte er
mit einer Muschelscherbe mühsam eine Schilderung geritzt, einen Kreis mit
mehreren geraden Strahlen: das Bildnis der Sonne.
Mutig trat er seine Wanderschaft nach dem fernen »Draußen« an und ging vom
Morgen bis zur Nacht in gerader Richtung und schlief nachts im Gezweige und
setzte in der Frühe seiri Wandern fort, viele Tage lang, über Bäche und
schwarze Sümpfe, und schließlich über ansteigendes Land und moosige
Steinbänke, wie er sie nie gesehen hatte, und endlich steiler hinan, von
Schluchten aufgehalten, ins Gebirge hinein, immer durch den ewigenëWald, so
dass er am Ende zweifelhaft und traurig wurde und den Gedanken erwog,
vielleicht möchte es doch den Geschöpfen des Waldes von einem Gotte verboten
sein, ihre Heimat zu verlassen.
Und da kam er eines Abends, nachdem er seit langem immerzu gestiegen und in
immer höhere, trocknere, leichtere Lüfte gekommen war, unversehens an ein
Ende. Der Wald hörte auf, aber mit ihm auch der Erdboden, es stürzte hier
der Wald ins Leere der Luft hinab, als wäre an dieser Stelle die Welt
entzweigebrochen. Zu sehen war nichts als eine ferne schwache Röte und oben
einige Sterne, denn die Nacht hatte schon begonnen.
Kubu setzte sich an den Rand der Welt und band sich an den Schlingpflanzen
fest, dass er nicht hinunterfalle. In Grauen und wilder Erregung verbrachte
er kauernd die Nacht, ohne ein Auge zu schließen, und beim ersten Grauen der
Frühe sprang er ungeduldig auf seine Füße und wartete, über das Leere
gebeugt, auf den Tag.
Gelbe Streifen schönen Lichtes erglommen in der Ferne, und der Himmel schien
in Erwartung zu zittern, wie Kubu zitterte, der noch niemals das Werden des
Tages im weiten Luftraum gesehen hatte. Und gelbe Lichtbündel flammten auf,
und plötzlich sprang jenseits der ungeheuren Weltenschlucht die Sonne groß
und rot in den Himmel. Sie sprang empor aus einem endlosen grauen Nichts,
welches alsbald blauschwarz wurde: das Meer.
Und vor dem zitternden Waldmann lag entschleiert das »Draußen«. Vor seinen
Füßen stürzte der Berg hinab bis in unkenntliche rauchende Tiefen, gegenüber
sprang rosig und juwelenhaft ein Felsgebirge empor, zur Seite lag fern und
riesig das dunkle Meer, und die Küste lief weiß und schaumig mit kleinen
nickenden Bäumen darum her. Und über dies alles, über diese tausend neuen,
fremden gewaltigen Formen zog die Sonne herauf und wälzte einen glühenden
Strom von Licht über die Welt, die in lachenden Farben entbrannte.
Kubu vermochte nicht, der Sonne ins Gesicht zu sehen. Aber er sah ihr Licht
in farbigen Fluten um die Berge und Felsen und Küsten und fernen blauen
Inseln strömen, und er sank nieder und neigte sein Gesicht zur Erde vor den
Göttern dieser strahlenden Welt. Ach, wer war er, Kubu?! Er war ein kleines
schmutziges Tier, das sein ganzes dumpfes Leben im dämmerigen Sumpfloch des
dichten Waldes hingebracht hatte, scheu und finster und niederträchtigen
Winkelgottheiten untertan. Aber hier war die Welt, und ihr oberster Gott war
die Sonne, und der lange schmähliche Traum seines Waldlebens lag dahinten
und begann schon jetzt in seiner Seele zu erlöschen wie das fahle Bild des
toten Priesters. Auf Händen und Füßen kletterte Kubu den steilen Abgrund
hinab, dem Licht und dem Meere entgegen, und über seine Seele zitterte in
flüchtigem Glücksrausch die traumhafte Ahnung einer hellen, von der Sonne
regierten Erde, auf welcher helle, befreite Wesen im Lichte lebten und
niemand untertan wären als der Sonne.
Quelle: »Eigensinn macht Spaß« (Textsammlung) von Hermann Hesse, Suhrkamp
Verlag, ISBN 3-518-03585-1
> Der Waldmensch
> von Hermann Hesse
> Im Anfang der ersten Zeitalter, noch ehe die junge Menschheit sich über die
> Erde verbreitet hatte, waren die Waldmenschen. Diese lebten eng und scheu in
[...]
> niemand untertan wären als der Sonne.
> Quelle: »Eigensinn macht Spaß« (Textsammlung) von Hermann Hesse, Suhrkamp
> Verlag, ISBN 3-518-03585-1
Hallo Otto,
Eigensinn macht sicher Spaß, aber welchen Sinn macht es, wenn du
diesen zugegebenermaßen schönen Text hier kommentarlos postest?
Hat dich der Text persönlich berührt? Siehst du in ihm einen bisher
verborgenen Bezug zur Psychologie? Hat er mit irgendeinem laufenden
thread zu tun? Dann berichte darüber, und zwar so, dass es für die
Leser von de.sci.psychologie interessant wird.
Oder willst du damit etwa "zum Nachdenken anregen"?
Dann fick dich selbst: ich hasse Leute die mich am Genick packen um
mir Dinge zu zeigen, die ich kenn. Vor allem, wenn das auf so billige
Weise geschieht.
Gruß, Rainer
Weil hier immer wieder zum Thema Religion und Bibel gepostet wird ...
So ein Text, finde ich persönlich, sagt doch viel mehr aus, als harte
Polemik, oder?
Grüße Otto