Andreas Schmidt schrieb:
> Hallo,
> vor kurzem habe ich ein recht neues Buch mit dem obengenannten Titel gelesen.
> Der Autor weist dort unter anderem auf mehrere Widersprüche der Urknalltheorie hin
Die Urknalltheorie beruht auf Beobachtungen. Dass das Universum darin
aus einem "Punkt" entstanden sein soll, war den Physikern von vornherein
als problematisch bewusst. In solchen Situationen sucht man dann nach
Erweiterungen und Verbesserungen des entwickelten Modells. Hier kommt
dann die Inflation ins Spiel. Baumans tiefschürfende Kritik daran:
"Was nicht passt, wird passend gemacht." Ein sehr überzeugendes
"Argument".
> und schreibt, dass schwarze Löcher von Physikern in einem wesentlichen Punkt
> falsch verstanden wurden.
Vorab einmal: Wenn man ein Buch mit dem Titel "Die Lösung der
Einsteingleichungen" veröffentlicht, es aber auffällig vermeidet, diese
Gleichungen zumindest kurz anzugeben und ihre Bedeutung zu erläutern
(das geht auch auf dem Niveau für physikalische Laien) und die Lösungen,
die vorliegen, nicht einmal erwähnt geschweige denn zumindest die
einfachste (die Schwarzschild-Metrik) erläutert, sollte man den Mund
nicht so voll nehmen, dass die Physiker Schwarze Löcher falsch
verstanden hätten. Seriös ist so ein Vorgehen nicht, wissenschaftlich
ist es erst recht nicht.
Zur Schwarzschild-Metrik: Diese ist die Lösung der Einsteingleichungen
für den Außenraum einer sphärischen, statischen Massenverteilung. Hier
tauchen zwei _Koordinatensingularitäten_ auf: der Schwarzschild-Radius
R_S = 2 GM/c^2, und eine Singularität bei r = 0. Bauman schreibt auf
Seite 68:
|"Die Singularität ist eine mathematische Lösung mit Ereignishorizont,
| hinter dem es [...] keine Ereignisse gibt und somit auch keinen Raum,
| keine Zeit und keine Teilchen. Das All endet am Ereignishorizont.
| [...] Aber kann es sein, dass solch ein einfacher und logischer
| Zusammenhang über Generationen von den Physikern nicht verstanden
| wurde?"
Damit bezieht er sich auf die Schwarzschild-Metrik (SM), die von
vornherein _nur im Außenraum_ Gültigkeit besitzt. Ein Blick in ein
beliebiges Lehrbuch der ART zeigt, wie Physiker es sehen:
"1. Die Fläche r = R_S ist physikalisch ausgezeichnet. Für den außen-
stehenden Beobachter nähert sich ein frei fallendes Teilchen
asymptotisch (t → ∞) dem Radius R_S. Außerdem kann dieser
Beobachter keine Information aus dem Bereich r ≦ R_S erhalten.
Für ihn ist die Fläche ein Horizont, über den er nicht hinaussehen
kann.
2. Für den mitbewegten Beobachter zeigt die Stelle R_S keine
Besonderheit; die Raumstruktur wird dort nicht singulär. Der
mitbewegte Beobachter erlebt Ereignisse im Bereich r ≦ R_S;
es gibt also solche Ereignisse.
3. Die Koordinaten der SM sind nicht geeignet, Ereignisse im Bereich
r ≦ R_S zu benennen. [...]
Die Regularität des Raums bei R_S impliziert, dass dort Lokale
IS [InertialSysteme] möglich sind. Die physikalische Auszeichnung von
R_S zeigt sich dann bei der Verbindung der Lokalen IS: Ein Lokales IS
innerhalb von R_S kann kausal nicht mit dem asymptotischen IS
verbunden werden."
aus T. Fließbach: Allgemeine Relativitätstheorie (5. Aufl.), S.268
Bauman weiß immerhin, dass es mitbewegte Koordinaten eines frei
fallenden Beobachters gibt:
|"Es wird [...] gerne auf die Kruskal-Szekeres-Koordinaten verwiesen,
| ein mathematisches Werkzeug, das es erlaubt, hinter einer
| Unendlichkeit weiter zu rechnen, was zeigt, dass diese Physiker weder
| den Begriff unendlich, noch den Unterschied zwischen Mathematik und
| Physik verstanden haben."
Belege für seine Ansicht: Gibt's nicht. Man muss sogar annehmen, dass er
sich hier bewusst auf die Mängel der SM bei der Beschreibung Schwarzer
Löcher stürzt, um die vorliegenden Erweiterungen schlecht machen zu
können. Das Ganze gipfelt dann in einer globalen Beschimpfung von
Physikern auf Seite 66:
|"[Die Physiker haben es nicht verstanden] da vor der Logik das Ego
| kommt und vor dem Physiker der Professor, der etwas erzählt, was ein
| angehender Physiker lernen und widergeben muss, um Physiker zu werden.
| Ansonsten lässt ihn der Professor durchfallen, der nicht bereit ist,
| sich von einem Studenten seine Anschauung als falsch erklären zu
| lassen. Er würde sich blamiert fühlen."
Bauman kennt offensichtlich die wahren Verhältnisse eines Physik-
Studiums und in der Forschung nicht. Dafür spricht auch seine Äußerung
auf Seite 66:
|"Noch schlimmer für das Physikerego [...] wäre, wenn ein
| unvoreingenommener Nichtphysiker, dessen Mathematikkenntnisse kaum
| über Grundschulniveau hinausgehen, diesen einfachen, logischen
| Zusammenhang erkannt hat, wozu Generationen fehlgeprägter Physiker
| nicht in der Lage waren."
Alles klar: Bauman = Genie, Physiker = alle doof.
Diagnose:
https://de.wikipedia.org/wiki/Dunning-Kruger-Effekt
> Ergänzend teilt er mit, dass Photonen die Grundbausteine des Universums,
> sowie im eigenen Bezugssystem unendlich schnell sind,
Das Bezugssystem eines physikalischen Systems ist sein Ruhesystem. In
dem bewegen sich Photonen nicht "unendlich schnell". Sie bewegen sich in
der Raumzeit auf Null-Geodäten, d.h. ihre Eigenzeit ist dτ = 0
> Das Buch wurde vermutlich unter Pseudonym geschrieben
Das lässt tief blicken.
> und erhebt wissenschaftlichen Anspruch.
Es erfüllt nicht einmal wissenschaftliche Mindeststandards. Auch für ein
populärwissenschaftliches Buch ist es einfach nur schlecht. Wie schon
erwähnt: Wenn man über "Die Lösung der Einsteingleichungen" schreiben
will, sollte man schon die Gleichungen und die bekannten Lösungen
mindestens kurz darstellen.
Von den Themen, die Bauman anreißt, hat er klar erkennbar kein
hinreichendes Fachwissen geschweige denn ein tieferes Verständnis. So
redet er stets nur von der "Quantenmechanik". Es scheint ihm nicht
bekannt zu sein, dass für den Zugang zur Quantengravitation über den
Ansatz der Teilchenphysik die Quantenfeldtheorie benötigt wird, was dann
zur String-Theorie führt.
Den anderen bedeutenden Ansatz der Quantengravitation, die Schleifen-
Quantengravitation (SQG), erwähnt er zwar, lässt aber auch hier klar
erkennen, dass er nichts davon versteht. Beispiel: Auf Seite 76
schwadroniert er gegen "ein Punktall als Anfangsstadium". Offenbar ist
ihm nicht bekannt, dass es in der SQG um die Quantisierung der Raumzeit
geht. Eine Folge dieser Quantisierung ist:
"Je näher man dem Urknall zeitlich kommt, desto stärker kontrahiert
sich das Universum, aber es kann nicht 'unendlich' klein gemacht
werden, weil es in der Schleifentheorie nicht möglich ist, ein
beliebig kleines Volumen zu erreichen: Der Raum ist gequantelt.
Es gibt einen kleinsten Rauminhalt, der nicht unterschritten werden
kann."
aus Carlo Rovelli: Und wenn es die Zeit nicht gäbe?, S.114f.
Carlo Rovelli ist einer der Begründer der SQG. Das genannte Buch ist
populärwissenschaftlich, und für Leser ohne tiefer gehende physikalische
Ausbildung sehr zu empfehlen.
> Nach meiner Recherche scheint es zum großen Teil kein Unsinn zu sein.
Es ist zum größten Teil Unfug.
> Kennt jemand von euch das Buch und kann dazu etwas sagen?
Ich kenne es - und sage: Wer sich als Laie der ART, der Kosmologie und
der Quantengravitation nähern möchte, sollte Bücher heranziehen, die
zwar populärwissenschftlich sind, trotzdem aber gut zu den Themen hin
führen. Baumans Buch gehört definitiv nicht dazu.
Dieter Heidorn