Google Groups no longer supports new Usenet posts or subscriptions. Historical content remains viewable.
Dismiss

Islamische Kulturleistungen [was: Ja was denn nun?]

1 view
Skip to first unread message

Sina Da Ponte

unread,
Jun 30, 2008, 6:10:21 AM6/30/08
to
Hallo Cemil,
Cemil Kaya schrieb:

> "Horst Nietowski" <Ho...@koelle-am-rhing.de> schrieb:
>>
>> 642 wurde die Bibliothek von Alexandria durch den Kalifen Omar
>> verbrannt.
>
> DAS ist eine LÜGE.

Nein.

> Es ist längst geklärt und bewiesen, daß es nicht durch Muslime geschah.

Nun, diesen "Beweis" würde ich dann doch gerne mal sehen wollen. Wobei
ich nicht verhehle, daß ich es - von der inhaltlichen Seite mal
abgesehen - schon sehr merkwürdig finde, wenn in Zusammenhang mit
historischen Tatbeständen von "Beweisen" geredet wird. Gemeinhin gilt
die Geschichtswissenschaft nicht als empirische (wie etwa die Physik)
oder reine Wissenschaft (wie etwa die Mathematik), sondern als
hermeneutische, freilich mit empirischem Einschlag, nicht zuletzt durch
ihre modernen Hilfswissenschaften.

Daraus folgt, daß es wohl besser wäre, in solchen wie hiesigen
Zusammenhängen nicht von Beweisen zu reden, sondern stattdessen
*Argumente* vorzulegen.

> Erkundige dich, ich bin nicht dein Lehrer.

Meine Güte, Cemil! Du wirst doch wohl nicht von einer Gestalt wie
Nietowski erwarten, daß sie sich bei ihrem Gelall auf was anderes stützt
als entweder gemeinhin geteilte Ansicht, also auf Trivialitäten (darum
handelt es sich im Fall der historischen Hintergründe des
Vernichtungswahns bezüglich der Bibliothek von Alexandria [BvA]) oder
auf ihre vollkommen unmaßgebliche Privatmeinung, wie sie ja hier und
anderswo in Sachen der Beurteilung islamischer Weltanschauunng deutlich
- wenngleich nicht minder unterbelichtet und ideologisch verseucht - zum
Ausdruck kommt. Gleiches gilt im Übrigen für die anderen Kandidaten
dieser Couleur, hießen sie nun Bruns oder sonstwie ...

Nun zur Sache: Tatsächlich gibt es keinerlei ernstzunehmende Hinweise
(also solche kultur-, religionswissenschaftlicher und historischer
Natur) auf einen anderen Verursacher der Vernichtung der BvA als den
oben gennannten.
Die Frage ist nur, ob es historisch und v.a. kultur- und
wissenschaftsgesichtlich angemessen ist, die Leistung des Islam für die
Erweiterung des Wissenhorizontes der Menschheit allein daran
festzumachen. Und eine Antwort darauf kann aus kulturhistorischer Sicht
natürlich nur ein ganz striktes Nein sein! - Es wird solchen
Jammergestalten wie jenen, die hier mit dir "diskutieren",
wahrscheinlich nicht in den Kram passen, aber nichtsdestotrotz steht
fest, daß die Leistung des Islam i.o.g. Sinn gerade auch für die
Entwicklung des europäischen Raumes in überhaupt keiner Weise
überschätzt werden kann, sei es in philosophischer und medizinischer
Hinsicht (die für das arabisch-islamische Denken wie auch für die
Griechenn zusammengehörten), sei es in naturwissenschaftlicher wie auch
ganz allgemein viele pragmatische Dimennsionen des kulturellen Lebens
betreffend.

Es ist unmöglich, an dieser Stelle einen auch nur minimal umfassenden
Überblick über die Rezeptions-, Translations- wie auch
Generierungsleistung der islamischen Wissenschaft vom 7. bis zum 12. Jhd
u.Z. zu geben (darüber gibt eine nicht überschaubare Zahl umfänglicher
Spezialarbeiten aus den betroffenen Wissenschaftsbereichen), weshalb ich
mich auf wenige Aspekte konzentriere:

1. Der intensiven arabisch-islamischen Rezeption der griechischen
antiken Autoren (vermittelt v.a. durch häretische syrische Christen,
durch Byzanz und die Perser) ist es zu danken, daß diese Quellen bewahrt
und schließlich - ab dem 11. Jhd. - im christl. Abendland wieder
zugänglich wurden.

---> der enorme Wissens-Anschub, der dadurch in Gang gesetzt wurde,
kann in keiner Weise überschätzt werden, weil er die materielle
*Voraussetzung* für die Entwicklung der reifen Scholastik und
insbesondere ihres nominalistischen Zweiges war. D.h. im Klartext und
unter Berücksichtigung hier nicht erwähnter Implikationen
(Wiederbenutzung des aristotelischen Textcorpus etc.!), daß ohne diesen
Komplex keine Ausbildung der (v.a. naturwiss.) Einzeldisziplinen möglich
gewesen wäre unnd mithin zu diesem Zeitpunkt (ab der
Spätscholastik/Renaisance) auch keine Löslösung und Eigenständigkeit
dieser Wissenschaften gegenüber der Philosophie und v.a. Theologie.

2. Für die Philosophie und Theologie selbst - und wegen damals
besonderer Bedingungen, den Sprachstand der mittelalterlchen Philosophen
betreffend - darf gelten, daß der Einfluß solcher islamischer Denker wie
al-Kindi, al-Farabi, Ibn Sina (lat. Avicenna) und Ibn Rushd (lat.
Averroes), um nur mal einige zu nennen, für die intelektuelle
Entwicklung des 11., 12. und 13. Jhd. gar nicht wegzudenken ist, sowenig
wie die enorme Leistung der diversen Übersetzerschulen, die - betrieben
von islamischen wie auch jüdischen Gelehrten - den enormen
Wissenssprung im Abendland durch ihre Arbeit ja überhaupt erst möglich
machten.

3. Die - was die frühen Kalifate inklusive des andalusischen betrifft -
*in der Mehrheit* wissens- und traditionsdurstige Bildungs- und
Kulturpolitik der großen Kalifen und ihrer Statthalter. Z.B., indem
Tributleistungen durch Büchersendungen erbracht werden konnten (v.a. aus
Byzanz sind dergestalt ganze Eselskarawanen mit unschätzbar wertvollen
Manuskripten und Buchrollen in den arabischen Raum gekommen und so der
Wissenschaft zugänglich gemacht worden); indem gigantische Bibliotheken
- auch jedem zugängliche öffentliche Büchereien - errichtet wurden,
indem Lesen und Schreiben überall gelehrt wurden usw. usf.

4. Die eigenständigen naturwiss. und v.a. medizinischen Impulse, die für
die ganze Welt von den islamischen NWlern und Medizinern gesetzt wurden;
man denke z.B. an al-Kindi (Medizin, Optik, Geometrie), an Avicenna
(Medizin und Philosophie) sowie Ibn Rushd (Medizin und Philosophie);
genauso, wie die Leistung der nur genial zu nennenden Adaption der
indischen Mathematik durch islamische Mathematiker das Abendland über
alle Maßen befruchtet hat, zunächst v.a. in der Computistik, später in
allen mathematikrelevanten Sparten wie der Physik, der Astronomie usw.

5. Zahllose Erfindungen und ingenieurtechnische Innovationen wie auch
ganz profane Tatbestände haushalttechnischer Couleur - z.T. noch heute
in der Etymologie der Begriffe als von den Arabern übernommen
identifizierbar - haben ab dem 11. Jhd. aufgrund intensiven Austauschs
(übrigens auch diplomatischer Natur) zu zahllosen Verbesserungen des
wissenschaftl. Arbeitens wie der allgemeinen Lebens geführt.

Insgesamt gesehen kann der Einfluß des islamischen Denkens und Wirkens
auf das Abendland in der Epoche der Scholastik (des Hochmittelalters)
gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Rechnet man auf, was in dieser
Zeit vom Abendland gegeben und was dem gegenüber genommen werden konnte,
so fällt eine deutliche Präponderanz der islamisch-arabischen Leistung
unmittelbar ins Auge. Und weiß man nun, welch enormen Einfluß diese
Phase der abendländischen Entwicklung auf alles Spätere genommen hat, so
muß man schon von der bornierten und letztlich rassistischen
(menschenverachtenden) Denkart eines Nietowski oder Bruns sein, wenn man
*wähnt* (das hängt mit Wahn zusammen!), die islamische Welt als
inzestuöse, intellektuell minderbemittelte usw. denunzieren zu müssen.

Ich bin davon überzeugt, daß das hier angesprochene Potential in der
islamischen Welt noch immer schlummert, daß es nur darauf ankommt, die
entsprechenden Bedingungen herzustellen, um es vermittels einer neuen
Initialzündung wirksam machen zu können.
Freilich, lieber Cemil, würde dies auch bedeuten, daß z.B. du aufhören
müßtest, hier und anderswo Mythen über den Islam zu verbreiten und
religionsfundamentalistische Standpunkte einzunehmen. Denn im Grunde
genommen bist du kaum anders als deine "Diskussionspartner": Du
*argumentierst* nicht, sondern versuchst zu indoktrinieren. Die
Geschichte des (erfolgreichen, ursprünglich arabischen) Islam
allerdings lehrt augenscheinlich, daß dies kein Weg ist, die Welt besser
und sich selbst aufgeklärter zu machen. Denn es ist geradezu ein
Kennzeichen des fruchtbaren Kerns des Islam, gegenüber Andersgläubigen
*tolerant* zu sein und den Dingen des Wissens aufgeschlossen
gegenüberzutreten. Diese Tugenden haben den Islam groß und strahlend
gemacht, haben ihn zu undenkbar Schönem angeregt und haben ihn zudem als
eine Denkart erscheinen lassen, die die ganze Welt mit reichen Gaben zu
überschütten vermag.

Ich halte es nicht für einen Zufall, daß der Verfall der Größe des
historischen Islam einhergeht mit der Unterwanderung der
Herrschaftsstrukturen durch letztlich mediokre Kreise, die sich in gar
mancherlei Bereichen aus ursprünglichen Sklaven rekrutierten, etwa im
zerfallenden al-andalus (Slaven und v.a. Berber) oder wie im Fall der
Mameluken. Auch jene Turk-Stämme, die - irgendwann islamisiert - dem
längst verblühten Byzanz den Todesstoß versetzten, haben es zu keinem
Zeitpunkt verstanden, eine kulturelle Blüte wie zuzeiten des
historischen Islam initiieren zu können. Dies deutet - auch wennn man
die Sache unter religionswiss. und theologischen Aspekten betrachtet -
auf eine innere Starre, auf die Reduzierung des Hl. Islam zur bloßen
Herrschaftsideologie bzw. zum fundamentalistischen Glauben. Dabei lehrt
aber die Geschichte dieses außerordentlich interessanten *Phänomens*,
sowohl, was die materielle wie auch die geistige Geschichte angeht, daß
der Islam dann am fruchtbarsten war, wenn er sich anderen Ideen
gegenüber offen und anderen Menschen gegenüber tolerant gezeigt hat.

Diese Lehre scheint mir also unerbittlich - und sie gilt ja nicht minder
für fundamentalistische Christen und/oder Juden: Wer etwas Gutes für das
Jetzt und das Morgen bewirken möchte (und dies gilt gleichermaßen bei
religiöser wie auch nicht-religiöser Motivation), ist immer hervorragend
beraten, wenn er sich geschichtlich und ideengeschichtlich orientiert;
vulgo: wenn er versucht, die vergangenen Prozesse und Kämpfe um den
Vorrang der Ideen zu studieren, denn daraus - aus dem historischen
Erfolg wie aus seiner Versagung -, kann man Anhaltspunkte gewinnen, wie
hinfort zu agieren sei. Wer seine Vergangenheit nicht versteht, hat
keine Chance, die Zukunft zu gestalten!

Und so sei dir denn ins Stammbuch geschrieben, daß es tatsächlich - nach
allem, was wir sinnvoll verstanden *wissen* können - ein Kalif war, der
die BvA zerstören ließ und dabei unschätzbares Gut des menschlichen
kulturellen Erbes aus bloßer fundamentalistischer Ignoranz und aus
Größenwahn vernichten ließ.
Indem du diesen Tatbestand leugnest, hast du in jeder rationalen
Diskussion schon verloren, lieber Cemil! Denke also darüber nach, was es
bedeutet, so einen Unsinn zu schreiben wie jenen oben. Die großen
Denker des Islam würden über dich spotten ... nun ja, und so Allah -
sein Name sei gepriesen - in dieser Welt irgendwas zu bestellen hat (was
ich nicht wissen kann), würde er vermutlich auch darüber lächeln. Aber
nicht aus Freude, sondern aus Mitleid ...

Freundliche Grüße

Sina

HJP

unread,
Jul 1, 2008, 4:26:15 AM7/1/08
to
Sina Da Ponte
> Cemil Kaya

>> Es ist längst geklärt und bewiesen,
>> daß es nicht durch Muslime geschah.

Was hast du davon ?
Kannst das - was da fehlt - sowieso nicht lesen.

Wende dich dem zu, was heute wichtig ist:

http://www.blogse.nl/images/achtergrond/eurabia.jpg

Die Muslime waren im letzten Jahrhundert
punkto blutrünstige Religion an zweiter stelle.
Sie haben dies Manko beseitig und
sind sind jetzt an erster Stelle.

>> Erkundige dich, ich bin nicht dein Lehrer.

Aber ich bin deiner :-)

> Meine Güte, ...

Du hast keine Güte.


--
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
mfg
Hans Joss
http://www.hjp.ch/

0 new messages