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Hegel "Phaenomenologie..." VORREDE ins Gemeindeutsche

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Mittagsbruder

unread,
Jul 14, 2008, 5:21:26 AM7/14/08
to
Ich halte die Vorrede fuer einen der bedeutendsten philosophischen Texte
ueberhaupt, leider nur voellig unlesbar. Hat jemand Lust, sich daran zu
beteiligen, das ganze - wie weiland Stapel den Kant - mal ins
"Gemeindeutsche" zu uebersetzen. Der aufwand duerfte sich in Grenzen halten,
da der Text nicht so lang ist. Ich hab' hier mal einen Anfang gemacht, den
ich gerne fuer Verbesserungen freigebe:

Hier zusammenfassend darzustellen, warum ich z.B. dieses Buch schreiben
musste, was ich damit beabsichtige, worin es anderen philosophischen
Abhandlungen gleicht und worin nicht, halte ich nicht nur für überflüssig,
sondern, gerade weil es sich um eine philosophische Schrift handelt, sogar
für unsinnig, wenn nicht gar irreführend. Was es mit einem Buch auf sich
hat, wird in seinem Vorwort ja nie richtig auseinandergesetzt oder
begründet, sondern zusammenfassend dargestellt, letztlich also behauptet,
vergleichbar einer Zeitungsmeldung oder Episode in einem Geschichtsbuch,
deren Wahrheit wir nicht erarbeiten, sondern dem Fachmann glauben
("nachbeten") sollen. Das ist aber unphilosophisch.

Da es in der Philosophie um Einsicht schlechthin geht, hat es den Anschein,
als sei mit der Aufzählung philosophischer Einsichten oder "Pointen" - etwa
hier in einem Vorwort - das Wesentliche auch schon gesagt; wie man im
einzelnen darauf hatte kommen müssen, kann ruhig unter den Tisch fallen. Wie
ist es aber in anderen Gebieten, z.B. bei der Anatomie? Erschöpft sich deren
Einsicht in der "Kenntnis der Teile des Körpers nach ihrem unlebendigen
Dasein"? Oder wird man sich nicht auch mit den Körperteilen im einzelnen
abgeben müssen, um sich auf Anatomie zu verstehen?

Im übrigen gleicht bei nicht-philosophischen Lehrgebäuden wie etwa der
Anatomie die Vermittlung ihres Inhalts einem quasi journalistischen
Informieren des Verstandes; das, worauf es dabei ankommt, soll man sich
einprägen, nicht etwa erarbeiten. Versuchte dagegen die Philosophie, einen
Verstand über ihre Einsichten zu informieren, könnte dies eigentlich nur
geschehen, indem aufgezeigt würde, warum es gerade so - nämlich durch
Ins-Bild-setzen - nicht geht.

Das Stellen der eigenen gegen andere Philosophien ist in Vorworten wie
diesem zwar üblich, gehört aber nicht zur philosophischen Sache; nachgerade
hindert es die Wahrheit daran, sich zu zeigen. Der Verstand stellt sich dann
nämlich vor, das Richtige auf Kosten Falschen retten zu müssen.
Unterschiedliche Pointen werden dadurch nur in ihrem Widerspruch gesehen,
statt sie als Stufen einer hervortretenden Wahrheit zu begreifen.

Eine Blüte ist nicht weniger wahr als die Knospe, auf deren Kosten sie
hervortritt, und die Frucht "widerlegt" die Blüte, die durch sie vergeht.
Eine Wahrheit tritt an Stelle der anderen, und zwei können nicht
gleichzeitig bestehen. Trotzdem stehen sie als Momente eines organischen
Verlauf so wenig im Widerspruch wie die unterschiedlichen Töne einer
Melodie. So auch die unterschiedlichen philosophischen Systeme, die man
nicht gegeneinander ausspielen darf, will man erkennen, was sich in ihnen
anbahnt


Matthias Warkus

unread,
Jul 14, 2008, 8:34:50 AM7/14/08
to
Mittagsbruder schrieb:

> Ich halte die Vorrede fuer einen der bedeutendsten philosophischen Texte
> ueberhaupt, leider nur voellig unlesbar. Hat jemand Lust, sich daran zu
> beteiligen, das ganze - wie weiland Stapel den Kant - mal ins
> "Gemeindeutsche" zu uebersetzen.

Halte ich für ein zweifelhaftes sinnloses Unterfangen. Was soll das
bringen außer Verwirrung? Wer Hegel verstehen kann und will, der kommt
auch mit der Sprache zurecht - muss es sogar.

Schon der erste Satz deiner Übersetzung zeigt ganz deutlich, dass die
zwangsläufige Interpretationsgeladenheit einer solchen "Vereinfachung"
zu Problemen führt, brichst du doch Hegels Rede vom Verhältnis, in dem
ein philosophischer Text zu anderen stehen kann, auf das bloße Kriterium
von Gleichheit oder Ungleichheit von Inhalten herunter. Ich habe den
restlichen Text nicht detailliert mit dem Original verglichen, auch weil
es eine Weile her ist, seit ich mich zuletzt mit der PdG beschäftigt
habe, aber ich befürchte, solche Verkürzungen sind eine unvermeidliche
systemische Quelle von Fehlinformationen.

Faktisch ist die von dir angestrebte "Übersetzung" also eine implizierte
Kommentierung und Interpretation, die sich als sinnerhaltende
Übersetzung des Originaltextes ausgibt. Das halte ich für unseriös. Dann
doch lieber einen Kommentar schreiben.

Wenn man so eine "Übersetzung" irgendwie seriös verwenden wollte, dann
höchstens in zweispaltigem Satz parallel mit dem Urtext. Das spart einem
dann aber die Originallektüre nicht.

mawa
--
http://www.prellblog.de

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Mittagsbruder

unread,
Jul 14, 2008, 11:10:01 AM7/14/08
to

> Schon der erste Satz deiner Übersetzung zeigt ganz deutlich, dass die
> zwangsläufige Interpretationsgeladenheit einer solchen "Vereinfachung" zu
> Problemen führt, brichst du doch Hegels Rede vom Verhältnis, in dem ein
> philosophischer Text zu anderen stehen kann, auf das bloße Kriterium von
> Gleichheit oder Ungleichheit von Inhalten herunter.

Hegel schreibt, "Erklärungen. über den Zweck, den der Verfasser sich...
vorgesetzt, sowie über die Veranlassungen und das Verhältnis, worin er... zu
andern früheren oder gleichzeitigen Behandlungen desselben Gegenstandes zu
stehen glaubt" scheinen ihm "bei einer philosophischen Schrift nicht nur
überflüssig, sondern um der Natur der Sache willen sogar unpassend und
zweckwidrig zu sein". Das, von Dir so genannte "Verhältnis, in dem ein
philosophischer Text zu anderen stehen kann" wird "auf das bloße Kriterium
von Gleichheit oder Ungleichheit von Inhalten" weder von mir noch von Hegel,
sondern von der von Hegel implizit kritisierten "Gewohnheit"
herunter"gebrochen".

> Ich habe den restlichen Text nicht detailliert mit dem Original
> verglichen, auch weil es eine Weile her ist, seit ich mich zuletzt mit der
> PdG beschäftigt habe, aber ich befürchte, solche Verkürzungen sind eine
> unvermeidliche systemische Quelle von Fehlinformationen.

Schon den ersten Satz hast Du nicht richtig verglichen, oder?

> Wenn man so eine "Übersetzung" irgendwie seriös verwenden wollte, dann
> höchstens in zweispaltigem Satz parallel mit dem Urtext. Das spart einem
> dann aber die Originallektüre nicht.

Parallel zum Urtext versteht sich...


Mittagsbruder

unread,
Jul 14, 2008, 11:47:44 AM7/14/08
to

> Hegel zu begreifen bedeutet allerdings auch, eine besondere Sprache
> der Philosophie zu lernen, denn die Sprache und was sich in ihr
> vollzieht sind gerade bei Hegel NICHT gleichgültig. An anderer Stelle
> sagt er "Begreifen ist wissen, was man sagt." Dies hat drei
> Bedeutungskomponenten: WISSEN, was man sagt; Wissen, WAS man sagt;
> Wissen, was man SAGT. Gerade in der Phänomomenologie geht es ja auch
> darum zu zeigen, daß die Sprache gegenüber der bloßen Unmittelbarkeit
> ein Mehr beinhaltet an Wahrheit. So zeigt sich in der "Sinnlichen
> Gewißheit, daß die deiktischen Ausdrücke wie Dies, Hier, Jetzt, die
> ein Einzelnes Beanspruchen, für sich genommen das genaue Gegenteil
> sind, von dem, was sie beanspruchen, nämlich ein Allgemeines. Ein
> Diesesda (tode ti des Aristoteles) ist alles, Hier ist überall,
> jetzt zu jeder Zeit. Zur Vorrede gibt es auch eine kommentierte
> Fassung, in einem Buch, wo auch andere Vorreden enthalten sind.
> In einer guten Bibliothek findet man das sicher schnell, Kommentator
> ist Erwin Metzke, erschienen ist in Heidelberg 1949.

Die "Phaenomenlogie..." wurde - wie die "Kritik der reinen Vernunft" oder
auch "Sein und Zeit" - "mit der heissen Nadel gestrickt" = quasi "ueber
Nacht" geschrieben, um eine Professur zu ergattern. Das aendert nichts an
der Genialitaet ihres Inhalts, daraus aber ein Stil-Prinzip abzuleiten oder
sogar, wie Du selber, auch noch zu uebernehmen, halte ich fuer reichlich
verwirrt. Goethe himself hat Hegels Unfaehigkeit, sich gescheut
auszudruecken, gegenuber Schiller bedauert. Nicht umsonst ist Hegel, wie
Kant, in Englischuebersetzung besser zu verstehen. Als aktuellen Kommentar
empfehle ich "Hegel's Preface to the 'Phenomenology of Spirit'" von
Yirmiyahu Yovel (New Jerey 200), selbstverstaendlich nicht Dir Waldschrat,
der seine jahrelang geubte Verstaendnisinnigkeit gefaehrdet sieht von jedem,
der in dieselben Gebiete vordringt, aber jedem anderen Interessierten, der
das hier liest.


Sina Da Ponte

unread,
Jul 14, 2008, 1:31:30 PM7/14/08
to
Mittagsbruder schrieb ...

... auf eine blumentrittiadische Hegelei:

> Als aktuellen Kommentar
> empfehle ich "Hegel's Preface to the 'Phenomenology of Spirit'" von

> Yirmiyahu Yovel (New Jersey 2000), selbstverstaendlich nicht Dir Waldschrat,

> der seine jahrelang geubte Verstaendnisinnigkeit gefaehrdet sieht von jedem,

> der in dieselben Gebiete vordringt ...

;-)

'Waldschrat' ist in diesem Kontext tatsächlich ein *sehr* treffender
Ausdruck - sieht doch der Blumentritt philosophisch betrachtet vor
lauter Wald schon lange die Bäume nicht mehr; wobei ich nur hoffen kann,
daß die Verkehrung der sprichwörtlichen Form wg. des Hl. Martin
spätscholastischer Realismus-Idiosynkrasie (induziert durch eine
kritiklose und fundamentalistische K.-H. Haug-Nachstammelei) hier nicht
als Versehen, sondern als vielmehr ... ehm ... *notwendige* Konsequenz
angesehen wird.

Dialektische Grüße

Sina

Mittagsbruder

unread,
Jul 14, 2008, 2:10:31 PM7/14/08
to

> 'Waldschrat' ist in diesem Kontext tatsächlich ein *sehr* treffender
> Ausdruck - sieht doch der Blumentritt philosophisch betrachtet vor lauter
> Wald schon lange die Bäume nicht mehr; wobei ich nur hoffen kann, daß die
> Verkehrung der sprichwörtlichen Form wg. des Hl. Martin spätscholastischer
> Realismus-Idiosynkrasie (induziert durch eine kritiklose und
> fundamentalistische K.-H. Haug-Nachstammelei) hier nicht als Versehen,
> sondern als vielmehr ... ehm ... *notwendige* Konsequenz angesehen wird.
>
> Dialektische Grüße

Den Erwin-Metzke-Tip fand ich immerhin nuetzlich...


Matthias Warkus

unread,
Jul 14, 2008, 4:53:57 PM7/14/08
to
Mittagsbruder schrieb:
[...]

OK, also nicht verstanden. Dann buchstabiere ich es halt nochmal aus.

Hegels Original:
"Eine Erklärung, wie sie in einer Schrift in einer Vorrede nach der
Gewohnheit vorausgeschickt wird -- über den Zweck, den der Verfasser
sich in ihr vorgesetzt, sowie über die Veranlassungen und das
Verhältnis, worin er sie zu anderen früheren oder gleichzeitigen
Behandlungen desselben Gegenstandes zu stehen glaubt --, scheint bei

einer philosophischen Schrift nicht nur überflüssig, sondern um der
Natur der Sache willen sogar unpassend und zweckwidrig zu sein."

Du machst daraus:


"Hier zusammenfassend darzustellen, warum ich z.B. dieses Buch schreiben
musste, was ich damit beabsichtige, worin es anderen philosophischen
Abhandlungen gleicht und worin nicht, halte ich nicht nur für
überflüssig, sondern, gerade weil es sich um eine philosophische Schrift
handelt, sogar für unsinnig, wenn nicht gar irreführend."

Hegel spricht von "eine[r] Erklärung [...] über [...] das Verhältnis,
worin er sie [d.i. die Erklärung, M.W.] zu anderen früheren oder
gleichzeitigen Behandlungen desselben Gegenstandes zu stehen glaubt".

Du sprichst davon, "darzustellen, [...] worin [das Buch] anderen
philosophischen Abhandlungen gleicht und worin nicht".

Darzustellen, für in welchem Verhältnis zu anderen Texten stehend man
einen Text einschätzt, ist aber viel mehr als nur zu erklären, worin er
anderen Texten gleicht oder nicht. Der Unterschied wird von deiner
Übersetzung aber eingeebnet, und das müsste nicht sein. Dafür ist es
auch irrelevant, ob im weiteren Text irgendwie weiter begründet wird, ob
die Einebnung sinnvoll ist.

Es ist natürlich kein Problem, sich in einer Interpretation auf den
Aspekt der Gleichheit zu beschränken, aber dann sollte man nicht so tun,
als sei diese Interpretation eine Übersetzung, denn Übersetzungen
erheben einen Anspruch auf Sinnerhaltung. Ich weiß nicht, ob du mal
Fremdsprachenübersetzung gemacht hast? Schon Änderungen der Satzstellung
sind in der literarischen Übersetzung gar nicht gerne gesehen. (Ich habe
auf Grund des altmodischen Curriculums der hiesigen Romanistik recht
viel Übersetzung aus dem und ins Französische machen müssen, ich weiß,
wovon ich rede.)

Ich würde gegen dein Vorgehen im Grundsatz keinen Einwand mehr erheben,
wenn du es statt Übersetzung vielleicht eine Nachdichtung oder eine
freie Übertragung nenntest. Aber wie gesagt: So tun wollen, als
vereinfachte man nur die Sprache, und dabei Interpretationsspielräume
verengen, ist unseriös.

mawa
--
http://www.prellblog.de

Matthias Warkus

unread,
Jul 14, 2008, 4:58:30 PM7/14/08
to
Mittagsbruder schrieb:

> Die "Phaenomenlogie..." wurde - wie die "Kritik der reinen Vernunft" oder
> auch "Sein und Zeit" - "mit der heissen Nadel gestrickt" = quasi "ueber
> Nacht" geschrieben, um eine Professur zu ergattern. Das aendert nichts an
> der Genialitaet ihres Inhalts, daraus aber ein Stil-Prinzip abzuleiten oder
> sogar, wie Du selber, auch noch zu uebernehmen, halte ich fuer reichlich
> verwirrt.

Dass Hegel einen miesen Stil geschrieben hat, bestreitet wohl niemand,
aber der wissenschaftliche Ernst gebietet, wenn man mit Urtexten
arbeiten kann, diese auch zu nutzen. Es ist halt die Frage, wo du mit so
einer "gemeindeutschen" Übersetzung hinwillst, ob das ein
Erbauungsbrevier oder nutzbar fürs akademische Handwerk sein soll.

mawa
--
http://www.prellblog.de

Mittagsbruder

unread,
Jul 15, 2008, 2:31:59 AM7/15/08
to
> OK, also nicht verstanden. Dann buchstabiere ich es halt nochmal aus.
>
> Hegels Original:
> "Eine Erklärung, wie sie in einer Schrift in einer Vorrede nach der
> Gewohnheit vorausgeschickt wird -- über den Zweck, den der Verfasser sich
> in ihr vorgesetzt, sowie über die Veranlassungen und das Verhältnis, worin
> er sie zu anderen früheren oder gleichzeitigen Behandlungen desselben
> Gegenstandes zu stehen glaubt --, scheint bei einer philosophischen
> Schrift nicht nur überflüssig, sondern um der Natur der Sache willen sogar
> unpassend und zweckwidrig zu sein."
>
> Du machst daraus:
> "Hier zusammenfassend darzustellen, warum ich z.B. dieses Buch schreiben
> musste, was ich damit beabsichtige, worin es anderen philosophischen
> Abhandlungen gleicht und worin nicht, halte ich nicht nur für überflüssig,
> sondern, gerade weil es sich um eine philosophische Schrift handelt, sogar
> für unsinnig, wenn nicht gar irreführend."
>
> Hegel spricht von "eine[r] Erklärung [...] über [...] das Verhältnis,
> worin er sie [d.i. die Erklärung, M.W.]

..."sie" bezieht sich nicht auf "die Erklaerung", sondern "die Schrift" =
deren "Verhaeltnis zu anderen frueheren oder gleichzeitigen Behandlungen
[Schriften]" usf. - Hegel meint, dass es u e b l i c h e Autoren (also
nicht etwa er...) normalerweise so machen: in einem Vorwort die in ihrem
Buch entwickelte Position mit anderen (in anderen Buechern zu demselben
Thema von anderen Autoren entwickelten Positionen) zu vergleichen. Was fuer
Hegel in Falle eines philosopischen Buches aber irrefuehrender U n s i n n
ist! Warum, wird dann im folgenden expliziert und bringt so den von Hegel
entwickelten revolutionaeren Philosophiebegriff hervor: dass es in der
Philosophie (Hegel nennt sie "Wissenschaft") nicht darum geht, Positionen
gegeneinander abzugrenzen, sondern durch ihr Zusammennehmen "aufzuheben" =
weiterzuentwickeln usf. Du verstehst, scheint's, diese Gedankenentwicklung
vom allerersten Anfang an nicht - weil Hegel eben greulich schreibt. Ich
glaube, das er, der ja sonst ein lustiger Typ war, einfach versucht hat,
Kant nachzumachen, um seine Professur zu bekommen. Die Tragik der deutschen
Lehre: dass sie sich stilistisch immer ein Bein zu stellen weiß.

.> Darzustellen, für in welchem Verhältnis zu anderen Texten stehend man
> einen Text einschätzt, ist aber viel mehr als nur zu erklären, worin er
> anderen Texten gleicht oder nicht. Der Unterschied wird von deiner
> Übersetzung aber eingeebnet, und das müsste nicht sein. Dafür ist es auch
> irrelevant, ob im weiteren Text irgendwie weiter begründet wird, ob die
> Einebnung sinnvoll ist.

Ich verstehe, dass Dich die Kantsche Aufgeladenheit von "darstellen"
beschaeftigt. Bedenke aber, dass Hegel imgrunde sagt: 'Fuer unphilosophisch
halte ich folgendes: einem philosophischen Buch ein Vorwort zu geben in dem
der auf vielen Seiten entwickelte Inhalt zusammengefasst und abgegrenzt
(Hegel benutzt dazu das Bild "abgemurkst") wird.' Wer immer in diesem
Textzusammenhang deswegen "darstellt" oder "erklaert" usf. ist nie Hegel,
sondern derjenige, den er ablehnt, weil er etwas Falsches tut, ob man es nur
"darstellen", "erklaeren" oder sonstwie nennt.

> Es ist natürlich kein Problem, sich in einer Interpretation auf den Aspekt
> der Gleichheit zu beschränken, aber dann sollte man nicht so tun, als sei
> diese Interpretation eine Übersetzung, denn Übersetzungen erheben einen
> Anspruch auf Sinnerhaltung. Ich weiß nicht, ob du mal
> Fremdsprachenübersetzung gemacht hast? Schon Änderungen der Satzstellung
> sind in der literarischen Übersetzung gar nicht gerne gesehen. (Ich habe
> auf Grund des altmodischen Curriculums der hiesigen Romanistik recht viel
> Übersetzung aus dem und ins Französische machen müssen, ich weiß, wovon
> ich rede.)

Hegel schreibt miserablestes, da ist nichts mehr zu - etwa auch in
Uebersetzungen - retten. Die dahinter verborgenen Gedanken sind indessen
brillant. Es ist traurig, dass sie rein wegen des Stils nicht zum Tragen
kommen. Aehnlich Kant.

> Ich würde gegen dein Vorgehen im Grundsatz keinen Einwand mehr erheben,
> wenn du es statt Übersetzung vielleicht eine Nachdichtung oder eine freie
> Übertragung nenntest. Aber wie gesagt: So tun wollen, als vereinfachte man
> nur die Sprache, und dabei Interpretationsspielräume verengen, ist
> unseriös.

"Unserioes" - damit wird jede Form menschlicher Lehre bei uns hintertrieben,
aus Motiven, die man auch einmal untersuchen muesste, wahrscheinlich in
de.sci.psychologie. Es ist im uebrigen auch moralisch fragwuerdig, Text, die
die menschheit voranbringen koennen, als Geheimnisse zu konservieren.


Matthias Warkus

unread,
Jul 15, 2008, 4:09:24 AM7/15/08
to
Mittagsbruder schrieb:
[snip]

> Du verstehst, scheint's, diese Gedankenentwicklung
> vom allerersten Anfang an nicht

Es geht doch überhaupt nicht um irgend eine Gedankenentwicklung, sondern
nur darum, dass deine "Übersetzung" sinnverkürzend ist. Da kannst du
dich auf den Kopf stellen: Inhaltliche Teilgleichheit oder
Teilungleichheit ist nicht das einzige Verhältnis, in dem ein Text zu
einem anderen stehen kann.

Deswegen gibt deine "Übersetzung" eben nicht Hegels Gedankenentwicklung
wieder, sondern das, was du dafür hältst.

mawa
--
http://www.prellblog.de

Sina Da Ponte

unread,
Jul 15, 2008, 5:06:41 AM7/15/08
to
Matthias Warkus schrieb:

[Martin Thaus Hegel"übersetzung"]

> Deswegen gibt deine "Übersetzung" eben nicht Hegels Gedankenentwicklung
> wieder, sondern das, was du dafür hältst.

Etwas anderes kann eine Interpretation - und eine "Übersetzung" ist,
neben anderem, eine solche! - auch gar nicht leisten. Vgl. dazu
Benjamins berühmt-berüchtigten Übersetzeraufsatz.

Möchtest du dir anmaßen, eine ev. vorhandene eigene Interpretation
eines Hegeltextes als kanonisch auszugeben, etwa, weil du wähnst,
*Hegels* "Gedankenentwicklung wiederzugeben" und nicht deine Gedanken dazu?

Was Hegel oder sonstwer auch immer mit einer Äußerung - schriftlich oder
(überliefert) mündlich - "tatsächlich" *gemeint* hat, ist letztlich
vollkommen irrelevant. Denn Relevanz hat nur, was sich im akuten Zustand
des Lesens/Hörens und weiter *Verstehens* einem realen Leser/Hörer als
/message/ des Textes erschließt.

Mit freundlichen Grüßen

Sina

Matthias Warkus

unread,
Jul 15, 2008, 5:44:36 AM7/15/08
to
Sina Da Ponte schrieb:

> Matthias Warkus schrieb:
>
> [Martin Thaus Hegel"übersetzung"]
>
>> Deswegen gibt deine "Übersetzung" eben nicht Hegels
>> Gedankenentwicklung wieder, sondern das, was du dafür hältst.
>
> Etwas anderes kann eine Interpretation - und eine "Übersetzung" ist,
> neben anderem, eine solche! - auch gar nicht leisten.

Eine Übersetzung erhebt einen Anspruch auf weitestmögliche
Sinnerhaltung, eine Interpretation (Nacherzählung, Nachdichtung, freie
Übertragung, ...) nicht. Es geht nicht darum, ob es sich total vermeiden
lässt, beim Übersetzen zu interpretieren (selbstverständlich lässt es
sich das nicht), sondern darum, unter welcher regulativen Idee das
Unternehmen steht.

Zu deinen weiteren Versuchen, mir das Wort im Munde herumzudrehen, will
ich mich gar nicht ausführlich äußern. Wenn es hier jemanden gibt, der
eine Hegel-Interpretation als kanonisch festlegen will, dann ist das
doch wohl der Vorposter, der behauptet, seine Interpretation sei eine
bloße Übersetzung. Dass es andere Modi des Verhältnisses zweier Texte
(oder überhaupt zweier Sachen) zueinander gibt als die Teilgleichheit
bzw. -ungleichheit[*], halte ich nicht für eine Frage der
Hegel-Interpretation, sondern der alltäglichen Sprachkompetenz.

Meine Kritik am Vorposter hat primär überhaupt nichts mit seinem oder
meinem Hegel-Verständnis zu tun.

mawa

[*] Wobei, Carnap mag das wirklich gedacht haben. Ich glaube aber nicht,
dass der hier eine Rolle gespielt hat ;)
--
http://www.prellblog.de

Sina Da Ponte

unread,
Jul 15, 2008, 6:34:06 AM7/15/08
to
Matthias Warkus schrieb:

> Sina Da Ponte schrieb:
>> Matthias Warkus schrieb:
>>
>> [Martin Thaus Hegel"übersetzung"]
>>
>>> Deswegen gibt deine "Übersetzung" eben nicht Hegels
>>> Gedankenentwicklung wieder, sondern das, was du dafür hältst.
>>
>> Etwas anderes kann eine Interpretation - und eine "Übersetzung" ist,
>> neben anderem, eine solche! - auch gar nicht leisten.
>
> Eine Übersetzung erhebt einen Anspruch auf weitestmögliche
> Sinnerhaltung, eine Interpretation (Nacherzählung, Nachdichtung, freie
> Übertragung, ...) nicht.

Du lenkst ab. Oben steht - von dir geschrieben - irgendwas Ominöses von
"Hegels Gedankenentwicklung". Damit suggerierst du, *du* wüßtest etwas
darüber, wie es um *Hegels* Gedankenentwicklung steht. Darauf habe ich
reagiert.

Und im Übrigen ist der Ausdruck "weitestgehende Sinnerhaltung"
wachsweich. Denn es geht praktisch - etwa im alltäglichen
philosophiegeschichtlichen Geschäft - wie auch theoretisch - nämlich
u.a. in sprachphilosophischen und epistemologischen Zusammenhängen - ja
gerade darum, was denn nun der Sinn einer (bestimmten, z.B. in Textform
überlieferten) Äußerung ist; woraus doch wohl geschlossen werden darf,
daß dies keineswegs immer selbstverständlich ist.

[...]

> Zu deinen weiteren Versuchen, mir das Wort im Munde herumzudrehen, will
> ich mich gar nicht ausführlich äußern.

Ich hatte nicht vor, dir "das Wort im Munde herumzudrehen". Allerdings
lehrt diese - aus meiner Sicht - Mißinterpretation (meiner
Sprecherintention) sehr schön, wie paradox es in philosophischen
Kontexten oft erscheinen muß, mit so etwas Obskurem wie "weitestgehende
Sinnerhaltung" unreflektiert operieren zu wollen ... ;-)

> Wenn es hier jemanden gibt, der
> eine Hegel-Interpretation als kanonisch festlegen will, dann ist das
> doch wohl der Vorposter, der behauptet, seine Interpretation sei eine
> bloße Übersetzung.

Allein der Umstand, daß es wohl etwas zu interpretieren gibt an Hegels
Text - sowohl M. Blumentritt wie Martin Thau *zeigen* (im
wittgensteinschen Sinn) das ja -, denunziert bereits die Phrase von der
"bloßen Übersetzung". Zumal ich nicht wüßte, was eine "bloße
Übersetzung" sein sollte - es gibt schließlich kein Übersetzen ohne
Interpretation; schon allein deshalb nicht, weil ja der Übersetzer
zuerst mal *verstehen* muß, was er zu übersetzen gedenkt.

> Dass es andere Modi des Verhältnisses zweier Texte
> (oder überhaupt zweier Sachen) zueinander gibt als die Teilgleichheit
> bzw. -ungleichheit[*], halte ich nicht für eine Frage der
> Hegel-Interpretation, sondern der alltäglichen Sprachkompetenz.

D'accord.

[...]

> [*] Wobei, Carnap mag das wirklich gedacht haben. Ich glaube aber nicht,
> dass der hier eine Rolle gespielt hat ;)

Ich auch nicht.

Freundliche Grüße

Sina

Martin Eigmueller

unread,
Jul 15, 2008, 8:59:14 AM7/15/08
to
Matthias Warkus <War...@students.uni-marburg.de> writes:
> Mittagsbruder schrieb:
>> Die "Phaenomenlogie..." wurde - wie die "Kritik der reinen Vernunft"
>> oder auch "Sein und Zeit" - "mit der heissen Nadel gestrickt" =
>> quasi "ueber Nacht" geschrieben, um eine Professur zu ergattern. Das
>> aendert nichts an der Genialitaet ihres Inhalts, daraus aber ein
>> Stil-Prinzip abzuleiten oder sogar, wie Du selber, auch noch zu
>> uebernehmen, halte ich fuer reichlich verwirrt.
>
> Dass Hegel einen miesen Stil geschrieben hat, bestreitet wohl niemand,

Ich habe im Laufe meines Studiums viele kennengelernt, die Hegels Stil
begeistert hat und viele, die sich das auf keinen Fall antun wollten.
Letztere fanden z.B. Thomas Nagel oder Peter Bieri vorbildlich.

Letztlich ist es wohl keine Geschmacksfrage, sondern eine
philsoophische Auseinandersetzung, zu der auch die zitierte Vorrede
Stellung nimmt. Geht es darum, die Sprache als Technik zu benutzen,
also moeglichst einfach und verstaendlich zu schreiben, Gedanken
abzubilden und zu vermitteln, oder geht es in der Philosophie darum,
die Sprache zuerst zu entwickeln und in Bewegung zu bringen.
Vergleiche nicht nur Hegel, sondern auch Kirkegaard, Sartre, Marx,
Adorno, Nietzsche, den spaeten Wittgenstein etc. mit dem eigenen Ideal
von Verstaendlichkeit, Wissenschaftlichkeit, Eindeutigkeit.

Verfuehrerisch wird es dann, wenn Sprache so entwickelt wird, dass ein
unvorsichtiger Leser dem Text das Ringen um den Ausdruck nicht mehr
anmerkt, wenn er so geschliffen erscheint, dass dem Leser das Neue
moeglichst verborgen bleibt. Ein Philosophie-Studium soll ja in der
Regel nicht zum "Philosophen" ausbilden, sondern fuer Arbeiten in
Wirtschaft, Politik und Medien qualifizieren - Juristen der Sprache
und der Wahrnehmung.


Ciao, Martin

Martin Eigmueller

unread,
Jul 15, 2008, 9:02:45 AM7/15/08
to
Matthias Warkus <War...@students.uni-marburg.de> writes:
> Mittagsbruder schrieb:
>> Die "Phaenomenlogie..." wurde - wie die "Kritik der reinen Vernunft"
>> oder auch "Sein und Zeit" - "mit der heissen Nadel gestrickt" =
>> quasi "ueber Nacht" geschrieben, um eine Professur zu ergattern. Das
>> aendert nichts an der Genialitaet ihres Inhalts, daraus aber ein
>> Stil-Prinzip abzuleiten oder sogar, wie Du selber, auch noch zu
>> uebernehmen, halte ich fuer reichlich verwirrt.
>
> Dass Hegel einen miesen Stil geschrieben hat, bestreitet wohl niemand,

Ich habe im Laufe meines Studiums viele kennengelernt, die Hegels Stil


begeistert hat und viele, die sich das auf keinen Fall antun wollten.
Letztere fanden z.B. Thomas Nagel oder Peter Bieri vorbildlich.

Letztlich ist es wohl keine Geschmacksfrage, sondern eine
philsoophische Auseinandersetzung, zu der auch die zitierte Vorrede
Stellung nimmt. Geht es darum, die Sprache als Technik zu benutzen,
also moeglichst einfach und verstaendlich zu schreiben, Gedanken
abzubilden und zu vermitteln, oder geht es in der Philosophie darum,
die Sprache zuerst zu entwickeln und in Bewegung zu bringen.
Vergleiche nicht nur Hegel, sondern auch Kirkegaard, Sartre, Marx,
Adorno, Nietzsche, den spaeten Wittgenstein etc. mit dem eigenen Ideal
von Verstaendlichkeit, Wissenschaftlichkeit, Eindeutigkeit.

Verfuehrerisch wird es dann, wenn Sprache so entwickelt wird, dass ein
unvorsichtiger Leser dem Text das Ringen um den Ausdruck nicht mehr
anmerkt, wenn er so geschliffen erscheint, dass dem Leser das Neue
moeglichst verborgen bleibt.

> Es ist halt die Frage, wo du mit so einer "gemeindeutschen"


> Übersetzung hinwillst, ob das ein Erbauungsbrevier oder nutzbar fürs
> akademische Handwerk sein soll.

Ein Philosophie-Studium soll ja in der Regel nicht zum "Philosophen"

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