Ernst Klee über die Nazi-Ärzte

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Werner Fuss Zentrum

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May 13, 2002, 2:05:04 PM5/13/02
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Alles ist wiederholbar
Ein Gespräch mit Ernst Klee

Ernst Klee (Jg.1942), Lehre als Sanitär- und Heizungstechniker,
Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Studium der Theologie und
Sozialpädagogik. Er publiziert u.a. in der Wochenzeitung "Die Zeit"
und zahlreichen Rundfunkanstalten.

1983 erschien sein Buch "Euthanasie im NS-Staat. Die Vernichtung
'lebensunwerten Lebens'". 1996 trat er mit dem ARD-Dokumentarfilm
"Ärzte ohne Gewissen" hervor. Im Herbst 1997 veröffentlichte Klee das
Buch "Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer". (Red.)

>Ihr Buch zur Euthanasie ist 1983 erschienen. Wie waren zu dieser
Zeit die Bedingungen für das Erscheinen des Buches?

Das war eine Zeit, in der wir im Verlag unsicher waren: Wie gehen wir
mit den Namen von Tätern um? Ich war und bin einer, der immer
Täternamen nennt. Aber zur damaligen Zeit war ich noch unsicher.

Was mir damals unklar war, war die Tatsache, daß ich zwar wußte, daß
bis August 1941 in Vergasungsanstalten vergast wurde. Was ich jedoch
nicht wußte, war, daß die Vergasungen danach zwar eingestellt wurden,
jedoch mehr Menschen in der Psychiatrie umgebracht worden sind als
zuvor. Das geschah dann durch Nahrungsentzug und durch das Nachhelfen
mit Medikamenten - man hat sie regelrecht vergiftet. Und was mir auch
überhaupt nicht klar war, war die Tatsache, daß in der Nazizeit nur
das umgesetzt wurde, was Psychiater und andere Fachleute schon lange
vor der Nazizeit gefordert hatten. Diese Tatsache ist ein Grund
dafür, daß es in den Psychiatrien keinen nennenswerten Widerstand
gegen die Tötungen gegeben hat. Es gibt keinen einzigen Arzt, der
einen Abtransport in eine Vergasungsanstalt verhindert hätte. Und es
gab jede Menge Kontinuitäten, d. h., daß sich viele Mediziner nach
1945 unangefochten als Ärzte niedergelassen haben. Und daß sich
selbst Ärzte, die vergast haben, z. B. ganz normal als Frauenärzte
niedergelassen haben. Mit diesem Ausmaß an Kontinuitäten hab ich
nicht im entferntesten gerechnet.

>Wie war die Reaktion auf das Erscheinen des Buches?

Die war eigentlich sehr einhellig negativ! Für dieses Buch hab ich
sehr viel Prügel eingesteckt - sei es von seiten der Psychiatrie oder
von Fachhistorikern. Es wurde zuerst in den USA und England von
Fachhistorikern positiv rezensiert. Es ist aber aus heutiger Sicht
ein Buch, das sich im Laufe der Zeit als Standardwerk durchgesetzt
hat und eine unglaubliche Folge von Forschungsarbeiten ausgelöst hat.
Heute ist es unbestritten!

>Haben Sie sich nach Veröffentlichung des Buches zur Euthanasie schon
bald auf die Arbeit zu dem Buch zur NS-Medizin gestürzt?

Nein, überhaupt nicht. Es ist was anderes passiert. Wer sich mit dem
Thema "Euthanasie" beschäftigt, muß irgendwann darauf stoßen, daß die
Täter, die in Grafeneck und Hadamar gearbeitet und gemordet haben, ab
einem bestimmten Zeitpunkt in den Judenvernichtungslagern, wie z. B.
Treblinka, auftauchten. Es muß gesehen werden, daß die Tötungsmethode
mit Gas und deren Umstände, also die Tarnung der Gaskammern als
Duschräume, von der "Euthanasie" her kommt und dort erfunden worden
ist. Es sind dieselben Täter, dieselbe Mordmethode, die gleiche
Organisation.

Ich habe dann zunächst zum Thema weitergearbeitet und die
Nachkriegskarrieren der Täter recherchiert und dazu ein Buch
geschrieben. Weiter war die systematische Vernichtung der Juden nach
dem Beginn des Rußlandfeldzuges ein Arbeitsschwerpunkt. Zu Beginn
sind diese Vernichtungen regelrecht als Volksfeste begangen worden,
d. h. LKWs sind mit Lautsprechern durch die Orte gefahren und haben
zur Hinrichtung eingeladen. Daraus ist das Buch "Schöne Zeiten -
Judenvernichtung aus der Sicht der Täter und Gaffer" entstanden.
Darin sind die Fotos dieser Hinrichtungen enthalten.

Im Anschluß habe ich, da es so viele solcher Fotos gibt, einen Band
über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht gemacht.

>Aber dann kam irgendwann die Beschäftigung mit dem Thema des
aktuellen Buches?

Ich habe immer gedacht, daß mit dem Buch von Mitscherlich und Mielke
"Medizin ohne Menschlichkeit" der Medizinbereich abgedeckt sei. Dann
ist mir irgendwann aufgefallen, daß es seit diesem Buch, welches 1947
erschienen ist, keine weitere Forschung zu diesem Bereich gegeben
hat. Von einigen Teiluntersuchungen abgesehen ist eigentlich nur noch
von diesem Buch abgeschrieben worden, ohne neue Erkenntnisse mit
einzubeziehen. Man muß sich mal vorstellen, daß seit diesem Zeitpunkt
auf diesem Gebiet bis zum letztjährigen fünfzigsten Jahrestag der
Nürnberger Ärzteprozesse nichts an Aufarbeitung geschehen ist.

>Wie ging Ihre persönliche Forschung weiter?

Mir war aufgefallen, daß ein Teil der Menschenversuche zuerst in der
Psychiatrie gelaufen sind, bevor sie auch in den KZs durchgeführt
wurden. Es vollzog sich als Prozeß: Menschen werden umgebracht und
verbrannt. Dann kommen die Ordinarien und sagen: Wenn die eh
umgebracht und verbrannt werden, können wir doch an den Gehirnen der
Toten forschen. Und dann kommen die nächsten, die, wenn die Menschen
doch sowieso sterben müssen, an den Menschen vorher noch forschen
wollen. Und so hat man angefangen, zumal die Psychiatrie schon in den
20er Jahren z.T. der Versuchsort für die Pharmaindustrie war, an den
Menschen Mittel und Präparate zu erproben.

Die Psychiatrie war historisch somit der erste Ort, an dem
Menschenversuche stattgefunden haben. Und dann wurde mir irgendwann
bewußt, daß die von Mitscherlich und Mielke genannte Zahl von 350 in
Medizinversuche involvierten Medizinern viel zu gering und
verharmlosend sein mußte.

>Um welche Art von Medizinern handelte es sich bei den Beteiligten?

Es waren die gestandenen Mediziner, die primär in die Versuche
verwickelt waren, nicht die jungen SS-Ärzte. Viele Mediziner hatten
schon Karriere gemacht und sahen nun die Chance, nicht mehr allein
auf Tierversuche zurückgreifen zu müssen, sondern Menschen als
Material zu verwenden.

>Wie erklären Sie sich den Bruch der ethischen Schranken bei diesen
Medizinern?

Da kommen zwei Gründe zur Wirkung. Zum einen der Verweis auf ein
höheres Ziel, z.B. die "Gesundung des Volkskörpers", zum anderen die
Abqualifizierung der betroffenen Menschen als minderwertig und
"Ungeziefer". Man hat den Versuchspersonen vorab den Menschenstatus
wegdefiniert.

Der Begriff des "lebensunwerten Lebens" kommt ja auch aus der
Medizin. Die Nazis haben diesen Begriff übernommen, er wurde schon
seit Jahrzehnten in medizinischen und psychiatrischen Aufsätzen
propagiert. Dieser Begriff ist also schon lange vor dem Faschismus
da.

>In Ihrem Buch nennen Sie viele Institutionen, die Verbrechen in
Auftrag gaben. Welche waren die Hauptauftraggeber?

Die meisten Medizinverbrechen wurden von der Wehrmacht in Auftrag
gegeben. Die Wehrmacht konnte während des Krieges die Ärzte
einberufen. Diese Ärzte trafen sich mindestens einmal im Jahr zu
Tagungen in der militärärztlichen Akademie in Berlin. Aus den
Teilnehmerlisten ist ersichtlich, daß da die gesamten
Spitzenmediziner des Deutschen Reiches zusammentrafen.

>Gab es neues Material zu Mengele? Er ist doch die Hauptfigur für
Medizinverbrechen?

Mengele ist in der Öffentlichkeit eigentlich als Monster schlechthin
bekannt. Zu meinem Erstaunen beschrieben ihn viele Häftlinge jedoch
als höflich und gutaussehend, als Mann mit Manieren, gebildet, aber
auch als kalt und zynisch. Aber diese Beschreibungen weichen ab von
dem "Totschläger"-Abziehbild. Man muß begreifen, daß er nicht zum
Morden in Auschwitz war, sondern als Mitglied des
Kaiser-Wilhelm-Instituts. Dieser Mann war mit einem Forschungsauftrag
dort. Dies ist ein Paradebeispiel für eine Wissenschaft, die alles
durfte, was sie immer schon gewollt hatte.

>Ihrer Meinung nach war dieser unmenschliche Aspekt der
Medizingeschichte also schon lange immanenter Bestandteil der
deutschen Medizin, der im Faschismus die Möglichkeit der Umsetzung
gefunden hat?

Ja, nicht nur in Deutschland. Auch in anderen Ländern gab es diese
Forschung an "unwertem Leben", z. B. an Menschen aus den Kolonien.
Dieses eugenische Denken war in den angelsächsischen Ländern weit
verbreitet. Und auch auf Seiten der Linken, der Sozialisten, gab es
einen richtigen Flügel, der eugenisches Gedankengut vertreten hat.

Aber in Deutschland haben diese eugenischen Gedanken eine neue
Qualität angenommen. Hier wurden systematisch Menschen, die als
weniger wert galten, ermordet.

>Wo sind die Triebfedern für das Einreißen der ethischen Grenzen
während des Faschismus auszumachen? Ging die Initiative von den
Pharmakonzernen aus, die ihre Gewinne maximieren wollten oder von
einzelnen Wissenschaftlern, die einfach Karriere machen wollten und
dabei über Leichen gingen?

Ich sehe nicht, daß der Aspekt des Gewinns, die Profitmaximierung,
die Triebfeder für die Menschenversuche war. Dies war vielmehr die
einmalige Möglichkeit, in diesem Umfang Menschenmaterial für die
Forschung zur Verfügung zu haben und auszunutzen. Und natürlich die
Möglichkeit, Karriere zu machen. Diese Gründe waren viel stärker!

>Es erstaunt doch, daß es Mediziner waren, die eigentlich schon an
der obersten Sprosse der Karriereleiter angekommen waren?

Es waren eigenartige Leute daran beteiligt. Ich nenne hier das
Beispiel Prof. Schaltenbrand, der versucht hat, Multiple Sklerose auf
Psychiatriepatienten zu übertragen, um die Ursachen der Krankheit
herauszufinden. Wenn ihm das gelungen wäre, hätte er den Nobelpreis
dafür bekommen. Oder Prof. Schillig in Dachau. Dieser Mann war mehr
als 70 Jahre alt, also schon längst pensioniert - der kriegt ein
ganzes KZ zur Verfügung gestellt, um seine Theorie der
Malariabekämpfung durchzuprobieren. Dieser Mann wollte sein
Lebenswerk krönen.

Dieser Punkt ist wahrscheinlich nur durch den Drang nach der
absoluten Forschungsfreiheit zu ergründen.

>Waren die beteiligten Mediziner selbst überzeugte Faschisten oder
haben sie das System als Mittel zum Zweck benutzt, um Karriere zu
machen?

Diese Frage muß man mit "Ja" und mit "Nein" beantworten. Es gab keinen
Berufsstand im "Dritten Reich", der so stark in der NSDAP und der SS
organisiert war, wie die Mediziner. Keine Ahnung, warum. Die
hochrangigen Ärzte, die Menschenversuche gemacht haben, waren aber in
der Regel keine ausgewiesenen Nazis. Viele waren nicht Mitglied der
Partei oder anderer Organisationen. Nazis waren vielmehr die
unbedeutenderen SS-Ärzte.

>Hat es von Seiten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die ja
eine der wichtigsten Förderinstitutitonen der Wissenschaftler war und
ist, Versuche zu einer Aufarbeitung gegeben?

Die DFG hat ein Buch herausgebracht, welches die Nazizeit zum
Gegenstand hat, aber diesem Buch kann man in keiner Weise entnehmen,
was geforscht worden ist. Das ist eine große Vernebelungsschlacht.
Und das Kaiser-Wilhelm-Institut ist in Max-Planck-Institut umbenannt
worden - die Leute sind aber die gleichen geblieben.

>Wie sah der Umgang mit den beteiligten Medizinern nach 1945 aus?

Die Ärzte sind nicht zur Verantwortung gezogen worden und die
wenigen, die im Nürnberger Ärzteprozeß verurteilt worden sind, waren,
wenn sie nicht die Todesstrafe bekommen hatten, nach kürzester Zeit
wieder draußen. Das Urteil galt noch nicht mal als Vorstrafe. Die
Ärzte konnten nahtlos weiterarbeiten, sei es in Universitäten oder
als niedergelassene Ärzte. Niemand wurde an irgendetwas gehindert!

>Waren die Bedingungen zu der Ausarbeitung des Buches "Auschwitz, die
NS-Medizin..." leichter als z. B. bei dem Buch über "Euthanasie"?
Wurde ihnen mit weniger Skepsis begegnet oder gab es Behinderung bei
der Recherche?

Das Klima ist besser geworden. Das liegt daran, daß die
Tätergeneration nicht mehr so einen großen Einfluß hat und daß es
mehr junge Mediziner gibt, die wissen wollen, was war. Es gibt
darüber hinaus auch einen Widerstand, wenn ich Archive betreten will,
aber das war immer so - das ist ein normaler Arbeitszustand.

>Aber die Resonanz war weitaus positiver als auf das Buch
"Euthanasie"?

Die war fast komplett positiv! Das Buch ist sogar im Deutschen
Ärzteblatt als lesenswert empfohlen worden.

>Sie haben in Ihrem Buch ja auch Namen von noch lebenden Medizinern
genannt. Wie sah deren Reaktion aus?

Ja, es leben noch mehr Mediziner aus dieser Zeit als wir ahnen. Ich
habe auch von einigen wenigen Post bekommen. Die loben das Buch
teilweise, sagen aber gleich, daß der eigene Name falsch plaziert
wurde.

>Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung im Bereich der Medizin? Am
Nürnberger Ärztekodex wird ja von seiten der Forschung stark
gerüttelt.

Hier findet der Versuch statt, sich in der Ethik wieder annähernd
Arbeitsbedingungen zu schaffen wie in der Nazizeit. Nur, daß man
immer beteuert, mit den Nazis nichts zu tun zu haben.

>Es geht konkret um den Forschungszugriff auf den Menschen. Wie
schätzen Sie die Situation ein?

Wenn die Humangenetik mit der Begründung des Standortes Deutschland
wieder fordert, Versuche an nichteinwilligungsfähigen Menschen ohne
eigenen Nutzen für diese Menschen durchführen zu können, dann sehe
ich ethisch den Versuch der Wiederholung.

Ich sehe, daß da eine Barriere eingerissen werden soll.

Und die Begründung läuft ähnlich: Menschen werden abqualifiziert. Es
wird gesagt: Wir nehmen für die Versuche geistig Behinderte und
Alzheimer-Patienten - die merken eh nix mehr. Da ist für mich die
Parallele, die nicht zu übersehen ist.

>Wie sehen Sie unter diesen Voraussetzungen die Verhandlungen um die
"Bioethik-Konvention" des Europarates?

Also, was mich sehr erschüttert hat, war die Tatsache, daß jemand wie
Peter Singer, der so ordinär und unflätig schreibt und Menschen als
"Gemüse" bezeichnet, sich durchsetzen kann. Ich dachte immer, solche
Gedanken entlarven sich allein durch die Sprache und sind somit
gegessen. Aber an diesem Beispiel konnte man sehen, wie hochrangige
Wissenschaftler sich hinstellen und das alles verteidigen.

Und daran merkt man, daß alles wiederholbar ist. Den Entwurf dieser
Konvention sehe ich als Versuch an, die Tür richtig aufzustoßen!

>Haben Sie da selbst Befürchtungen, daß eine Wiederholung möglich
ist?

Geschichte wiederholt sich ja nicht. Ich sehe nur die Tendenz,
Menschen wieder nach ihrer Nützlichkeit einzuteilen. Auch
medizinische Versorgung wird nach dem Prinzip der Nützlichkeit
ausgerichtet. Man denkt immer, daß dieses Denken einen nicht
erreicht. Es erreicht aber jeden - spätestens im Alter. Aber je mehr
Leute davon betroffen sind, desto mehr wird auch der Widerstand
dagegen wachsen.

Interview: Guido Sprügel

junge Welt
04.04.1998

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Rezension
Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. S. Fischer
Verlag, Frankfurt am Main 1997, 526 Seiten, DM 58.

NS-Mediziner im Visier
Ernst Klee hat ein Kompendium zusammengestellt


"Ich hatte den Eindruck, daß es sich um eine große Kaserne handelt,
die vom Standpunkt des Hygienikers aus gesehen einen ganz
ausgezeichneten sauberen Eindruck machte" - diese Aussage im
Nürnberger Ärzteprozeß 1947 stammt von Dr. Bernhard Schmidt,
Hygieniker der Heeres-Sanitätsinspektion. Sie bezieht sich nicht etwa
auf eine der unzähligen Kasernen der Wehrmacht, sondern auf das KZ
Buchenwald. Schmidt, der an medizinischen Versuchen an Häftlingen
beteiligt war, wurde nach 1945 Ordentlicher Professor für Hygiene und
Direktor des Hygiene-Instituts der FU Berlin. Der Name dieses
Mediziners, der während der Zeit des Faschismus an Menschenversuchen
in KZ beteiligt war, ist einer von über 1000, die Ernst Klee in
seinem Buch "Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer" zum Teil zum
ersten Mal namentlich veröffentlicht - fast keiner wurde zur
Rechenschaft gezogen, die meisten gingen nach 1945 nahtlos an
Universitäten oder ließen sich als praktische Ärzte nieder.

Akribisch genau beschreibt Klee anhand neuer Quellen das System der
medizinischen Forschung im Faschismus und die darin konkurrierenden
Organisationen: die Wehrmacht, das SS-Sanitätswesen, das SS-Ahnenerbe
und die Kaiser-Wilhelm-Institute (heute Max-Planck-Institute).

Weltbekannte Firmen, darunter IG Farben, Hoechst, aber auch
Universitätsinstitute zählten zu den Auftraggebern der Experimente.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die bis heute eine der
größten Geldgeberinnen der Wissenschaft ist, finanzierte ohne Skrupel
Versuche an KZ-Häftlingen. Menschenmaterial war genug da, es mußte
keine Rücksicht auf Verluste genommen werden.

Vor allem in Auschwitz und Buchenwald wurden in mörderischen
Testreihen Präparate der chemischen Großindustrie, allen voran IG
Farben Bayer Leverkusen, an Häftlingen ausprobiert. Neue "Impfstoffe"
wurden genauso erprobt wie die Wirkung von Giftgas oder die
Auswirkungen von Kälte oder Hitze. Viele Häftlinge überlebten die
Versuche nicht. "Auschwitz war die Hölle für die Häftlinge und der
Himmel für die Forschung, die sich hemmungslos des Menschenmaterials
'bediente'", schreibt Klee resümierend. Kaum einer der genannten
Mediziner zeigte jemals Reue - viele verteidigten ihre
"Forschungsfreiheit" auch nach 1945 und behaupteten, der Menschheit
einen Dienst geleistet zu haben. Klee wertet das verwendete
Dokumentenmaterial nicht - es spricht für sich selbst und zwar in
einer Sprache, die teils im besten Medizinerdeutsch um die Wahrung
des Scheins bemüht ist. Teilweise werden die Häftlinge wörtlich als
"Meerschweinchen" bezeichnet.

Es handelt sich bei diesem Buch um ein notwendiges, wenngleich auch
an vielen Stellen chaotisches Werk, das um eine Ordnung der
unüberschaubaren und überwältigenden Fakten ringt. Die Summe der
aufgezählten Greueltaten übersteigt dabei so manches Mal menschliches
Vorstellungsvermögen. Als Nachschlagewerk bietet es interessierten
Lesern jedoch einen unentbehrlichen Fundus für eine gründliche
Beschäftigung mit der Medizin im Nationalsozialismus.

Guido Sprügel


junge Welt
27.01.1998


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"Es wird wieder gestorben werden müssen"

"Rassenhygiene" nach Art der Ärzteschaft: Die deutsche Psychiatrie
wurde von den Nazis nicht mißbraucht, sie brauchte die Nazis. Das
Morden wurde auch nach Kriegsende fortgesetzt

Von Ernst Klee


1940/41 werden in insgesamt sechs Vergasungsanstalten 70.273 Menschen
ermordet. Das Gas liefern die IG Farben Ludwigshafen. Das Zahngold
der Ermordeten bekommt die Degussa. Die Gehirne verarbeiten das
Kaiser-Wilhelm-Institut für Gehirnforschung in Berlin und das
Kaiser-Wilhelm-Institut in München (beide heute
Max-Planck-Institute). Den Gasmord organisiert eine Zentralstelle in
der Berliner Tiergartenstraße 4 (kurz T4 genannt). Im August 1941
verordnet Hitler einen Vergasungsstopp. Dennoch wird weiter gemordet:
mit Medikamenten, mittels Hunger, im Einzelfall per Elektroschock.
Ein weltweit einmaliges Verbrechen: Psychiater versuchen, ihre
Kranken auszurotten.


Die deutsche Psychiatrie brauchte die Nazis

Zwischen 1933 und 1945 geschieht nichts, was Psychiater nicht schon
lange vor den Nazis gefordert hatten. Emil Kraepelin etwa schreibt
1918: "Ein unumschränkter Herrscher, der ... rücksichtslos in die
Lebensgewohnheiten der Menschen einzugreifen vermöchte, würde im
Laufe weniger Jahrzehnte bestimmt eine Abnahme des Irreseins
erreichen können."

Hermann Simon, Anstaltsleiter in Gütersloh, definiert 1931 den
Personenkreis angeblich Minderwertiger als Körperschwache,
Kränkliche, Schwächliche, Schwachsinnige, Krüppel, Geisteskranke. Er
kommt zu dem Schluss: "Es wird wieder gestorben werden müssen." Und
Ernst Rüdin schreibt 1934: "Der Psychiater muss sich mit den Gesunden
gegen Erbkranke verbünden. ... Dem hohen Zuchtziel einer erbgesunden,
begabten, hochwertigen Rasse muss der Psychiater dienstbar sein."

Rüdin, der die Zwangssterilisierung als die "humanste Tat der
Menschheit" bezeichnete, sagt 1934 über Hitler: "Die Bedeutung der
Rassenhygiene ist in Deutschland erst durch das politische Werk Adolf
Hitlers allen aufgeweckten Deutschen offenbar geworden, und erst
durch ihn wurde endlich unser mehr als dreißigjähriger Traum zur
Wirklichkeit, Rassenhygiene in die Tat umsetzen zu können." Die
deutsche Psychiatrie wurde von den Nazis nicht missbraucht, sie
brauchte die Nazis.

Psychiater diffamierten ihre Patienten aus Schwäche, denn sie kannten
weder Therapie noch Heilung. Sie beseitigten zuerst jene, die ihnen
ihr Unvermögen vor Augen führten: die chronisch Kranken, die
sogenannten Unheilbaren. Der nahezu unaussprechliche Höhepunkt
deutscher Psychiatriegeschichte: Sie sagten "behandeln", wenn sie
mordeten.

Es gibt keinen Psychiater, der dem Massenmord Widerstand leistete. Im
Gegenteil: Direktoren der württembergischen Anstalten besichtigten
die Vergasungsanstalt Grafeneck, die Vergasung ihrer Patienten
inklusive. In der bayerischen Diakonie-Anstalt Neuendettelsau meldet
Rektor Lauerer Patienten nach, weil sie als Hilfskräfte für die
Hausarbeit nicht in Betracht kommen. Die westfälische
Heilerziehungsanstalt Wittekingshof bittet die
Generalstaatsanwaltschaft Hamm, schwierige Patienten in ein
Arbeitslager, sprich: KZ, einzuweisen.

Die Vernichtung der Unheilbaren versetzte die Beteiligten, so
T4-Psychiater Prof. Friedrich Panse, in "eine berauschende
Gehobenheit". Prof. Paul Nitsche, psychiatrischer Leiter beim
Massenmord: "Es ist doch herrlich, wenn wir in den Anstalten den
Ballast los werden und nun wirklich richtige Therapie treiben
können." Richtige Therapie, das hieß: Cardiazol-Schocks,
Insulin-Schocks, Elektro-Schocks.


"Ballastexistenzen" dienen als menschliche Versuchskaninchen

Der Massenmord wurde nicht nur als einmalige Gelegenheit genutzt, die
"Ballastexistenzen" loszuwerden, die "Lebensunwerten" dienten auch als
menschliche Versuchskaninchen: In den Wittenauer Heilstätten werden
behinderte Kinder zu Versuchszwecken künstlich mit Tuberkulose
angesteckt. Gleiches geschieht in der bayerischen Anstalt Kaufbeuren.
Erhalten sind Fotos der Kinder, die sie nackt in ihrer Angst zeigen.
Dr. Georg Hensel, verantwortlich für die tödlichen Versuche, schreibt
schon 1940 in seiner Habilschrift: "Da mit dieser Art der
Schutzimpfung beim Menschen ein Neuland betreten wurde, erscheint es
selbstverständlich, daß für die Vakzination (Impfung von lebenden
Krankheitserregern, d.Red.) vorläufig nur Säuglinge in Frage kommen,
die schwere körperliche und geistige Missbildung aufweisen und deren
Lebenserhaltung für die Nation keinen Vorteil bedeutet."

(Bild)
Die Anstalt Brandenburg-Görden war die zentrale Mordstätte für
behinderte Kinder. Hier wurden deutsche Ärzte zu Kindermördern
ausgebildet, hier sterben Kinder für Doktorarbeiten und
wissenschaftliche Karrieren.

Zentraler Verwerter der Morde ist Julius Hallervorden. Er ist im
Herbst 1940 bei der Vergasung ausgewählter Kinder anwesend, um am
Tatort die Gehirne herauszuschneiden. Hallervordens Hirnforschung
wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Am 8.
Dezember 1942 meldet er der DFG, dass er "im Laufe dieses Sommers 500
Gehirne von Schwachsinningen selbst sezieren" konnte. Nach dem Kriege
schwärmt er: "Es war wunderbares Material unter diesen Gehirnen,
Schwachsinnige, Missbildungen und frühe Kinderkrankheiten."
Hallervorden ist nach 1945 Abteilungsleiter am Max-Planck-Institut
für Hirnforschung. Hans Heinze, der Direktor der Brandburger
Mordanstalt, wird Leiter der Jugendpsychiatrie im niedersächsischen
Wunstorf.

In der oberschlesischen Anstalt Lubliniec werden Kinder und
Jugendliche nach ihrer sozialen Brauchbarkeit selektiert und mit
Luminal getötet. Gehirne und Rückenmark werden an Prof. Viktor von
Weizsäcker, Neurologisches Forschungsinstitut Breslau, geschickt. Die
Jugendpsychiaterin Elisabeth Hecker dazu: "Ich darf wohl nur
andeutungsweise darauf hinweisen, welch gut untersuchtes Material auf
der Pflegestation zusammenkommt, wenn nach dem Tode der Kinder das
Gehirn durch das neurologische Forschungsinstitut in Breslau
untersucht wird. Prof. von Weizsäcker hat sich entgegenkommenderweise
bereit erklärt, diese hirnpathologischen Untersuchungen machen zu
lassen." Elisabeth Hecker gilt als Begründerin der Westfälischen
Klinik für Jugendpsychiatrie in Hamm. Von ihr stammt der Satz: "Ein
Tag ohne Goethe ist ein verlorener Tag."


Auch die Pharma-Industrie profitiert von den Experimenten

Die Pharma-Industrie nutzt die Gelegenheit. Die IG Farben Höchst
kooperiert mit der hessischen Anstalt Eichberg, um Präparate im
Menschenversuch zu erproben. In der bayerischen Anstalt Günzburg
befindet sich ein eigenes Versuchslabor der IG Farben Ludwigshafen.
Die Anstalt stellt Räume und "Krankenmaterial" zur Verfügung. Der
Hygieniker Gerhard Rose vom Robert-Koch-Institut kooperiert wiederum
mit Bayer-Leverkusen. Kennzeichen dieser Versuche ist, daß Menschen,
die keine Malaria habe, künstlich zu Malariakranken gemacht werden.
In der sächsischen Psychiatrie in Arnsdorf, wo eine Assistentin aus
Leverkusen beschäftigt wird, übernimmt der Direktor Prof. Wilhelm
Sagel die Infizierung.

In der Marburger Psychiatrie finden Versuche der Behringwerke statt.
In einem Bericht der Verwaltung des Bezirksverbandes Hessen heißt es
1937: "Eine systematische Ausprobierung des hefeartigen Mittels
Eugenozym, das angeblich nicht nur die Schizophrenie heilt, sondern
auch die Erbmassen der Schizophreniekranken günstig verändern soll,
wurde in monatelang fortgesetzten Versuchen bei einer größeren Anzahl
alter und frischer Fälle von Schizophrenie durchgeführt, gemeinsam
mit der Landesheilanstalt Herborn."

Der spätere Neurologie-Papst Georg Schaltenbrand hält die multiple
Sklerose für eine Infektionskrankheit. Deshalb überträgt er
Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) von MS-Kranken auf Affen. Er
glaubt, bei den Affen eine Form von MS erzeugt zu haben und injiziert
den Liquor der Affen auf Patienten der fränkischen Anstalt Werneck.
Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten
Versuche enden, als im Oktober 1940 die Wernecker Patienten zur
Vergasung abtransportiert werden. Georg Schaltenbrand wird nach 1945
Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Menschenversuche im KZ und in der Psychiatrie wurden auch sonst von
der DFG finanziert. 1999 ist ein Buch des Historikers Notker
Hammerstein erschienen: "Die Deutsche Forschungsgemeinschaft in der
Weimarer Republik und im Dritten Reich." Eine Auftragsarbeit, ein
letzter Versuch der Reinwäsche: So wird die Arbeit des Psychiaters
Robert Ritter, der Sinti und Roma nach Auschwitz definierte und
selektierte, als "allgemeinmedizinische Forschung" hochstilisiert.
Über die NS-Rassenhygiene heißt es, viele Forscher seien den
"üblichen Auffassungen von moderner Hygiene, von Fürsorge und
Vorsorgepflicht der öffentlichen Hand für Geschädigte, sogenannte
Asoziale oder Behinderte" gefolgt. Auf diese Weise werden noch 1999
Vordenker und Handlanger von Auschwitz und Hadamar in den Dunstkreis
von Für- und Vorsorge gerückt.


Ermordet wird bis 1945, aber auch noch in den Jahren danach

In der sächsischen Anstalt Großschweidnitz sind zwischen 1939 und
1945 über 5700 Patienten "gestorben". In Hadamar werden allein 1941
an die 10.000 Menschen vergast und danach etwa 5000 mit Hunger und
Spritzen ermordet. Im Januar 1945, zwei Monate vor dem Einmarsch der
Amerikaner, bestellt Dr. Adolf Wahlmann noch 10.000 Veronaltabletten,
um weiterhin Patienten vergiften zu können. Von der Befreiung
Hadamars gibt es Filmaufnahmen der US-Armee. Sie zeigen zum Skelett
abgemagerte Menschen, wie sie aus den Konzentrationslagern bekannt
sind.

In der Anstalt Meseritz-Obrawalde, 150 Kilometer östlich von Berlin,
werden ab 1942 rund 18.000 Menschen ermordet. Die letzten am 28.
Januar 1945, einen Tag bevor die sowjetische Armee eintrifft. Einige
tausend noch ungenutzter Urnen dokumentieren, dass weiter gemordet
werden sollte. In der bayerischen Anstalt Kaufbeuren hatte Direktor
Valentin Falthauser aus eigenem Antrieb eine spezielle "Hungerkost"
entwickelt, wonach seine Patienten binnen dreier Monate verhungerten.
Noch drei Monate nach der Befreiung und nach der Verhaftung des
Direktors geht das Massensterben weiter.

In der brandenburgischen Anstalt Teuplitz leben am 28. April 1945, am
Tag der Befreiung, noch 600 Bewohner. Ende Oktober sind es nur noch
54 Patienten. In der sächsischen Anstalt Altscherbitz sterben 1945
mehr Menschen als während der Nazi-Zeit. Die Sterberate beträgt 1945
genau 36,5 Prozent, das sind 838 Menschen. 1947 steigt die Sterberate
auf 38 Prozent, das sind 887 Menschen.

In der württembergischen Anstalt Zwiefalten sterben 1945 rund 46,5
Prozent der Insassen, doppelt so viele wie 1944. In der pommerschen
Anstalt Ueckermünde beträgt 1945 die Sterblichkeit 55 Prozent. In der
Anstalt Bernburg/Saale verdoppelt sich 1945 die Zahl der Sterbefälle.

Schloss Hoym in Sachsen-Anhalt ist während der Nazi-Zeit eine
Absterbeanstalt für sogenannte psychiatrische Pflegefälle. Auch hier
beginnt das Massensterben erst nach der Befreiung. Bei 500 Bewohnern
beträgt 1945 der "durchschnittliche Sargbedarf" 250 Särge. Auch die
Anstalt Düsseldorf-Grafenberg hat 1946/47 eine Sterberate von 55
Prozent, 1948/49 sind es noch immer 30 Prozent. Grafenberg hatte
schon vor den Nazis Kranke zur Erprobung von Malaria-Präparaten den
Pharmazeuten bei Bayer-Elberfeld zur Verfügung gestellt.


Verhungern lassen - auch eine Art, Menschen zu ermorden

Der Psychiater Heinz Faulstich ("Hungersterben in der Psychiatrie
1914-1949", 1988) hat als erster Vertreter seines Faches die
Ermordung mittels Hunger dokumentiert. Faulstich gibt für die
Nachkriegszeit eine Mindestzahl von 20.000 Toten an, wahrscheinlich
seien es jedoch erheblich mehr. Eine exakte Bestandsaufnahme
scheitert daran, daß zahlreiche Anstalten ihre Unterlagen vernichtet
haben.

Bis heute finden die Täter im Regelfall mehr Verständnis als ihre
Opfer. Es gibt eine Ausnahme: Mitarbeiter der Wittenauer Heilstätten
in Berlin haben die Vergangenheit ihrer Klinik aufgearbeitet. Von
1939 bis zum Kriegsende am 24. April 1945 waren 4607 Patienten
umgekommen, in der Regel etwa 20 Tage nach ihrer Einlieferung. Nach
der Befreiung werden 2500 Menschen neu aufgenommen, davon "sterben"
im selben Jahr 1400, etwa 55 Prozent.

Seit 1957 heisst die Einrichtung Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik.
Bonhoeffer war Gutachter bei der "Unfruchtbarmachung geistig
Minderwertiger" (Bonhoeffer), freiwillig, wie alle. Noch nach seiner
Pensionierung arbeitete Bonhoeffer für die rassistischen
Sterilisierungsgerichte der Nazis. Im Dezember 1941 hat er einen
sogenannten Halbjuden zu begutachten, der 14 Jahre zuvor ein einziges
Mal in der Psychiatrie gewesen war. Selbst das
NS-Erbgesundheitsgericht hat Bedenken, da er keinerlei kranke
Symptome zeigte und normal arbeite. Bonhoeffer empfiehlt dennoch die
Sterilisierung.

Menschen, die zwangssterilisiert wurden, fielen dem Rassenwahn der
Nazi-Zeit zum Opfer, wurden aber rechtlich nie als Nazi-Verfolgte
anerkannt und entschädigt. Es bleiben lediglich Almosen aus einem
Härtefallfonds. Die Täter setzen ihre Karriere ohne Scham fort,
traten sogar als Gutachter in Entschädigungsfällen auf und verhöhnten
ihre Opfer, angesichts ihrer Minderwertigkeit könne kein seelischer
Schaden vorliegen.

Einer der meistgeehrten Psychiater der Nachkriegszeit war Prof.
Helmut E. Ehrhardt, Mitglied der NSDAP seit 1937, Ordinarius für
Gerichtliche und Soziale Medizin in Marburg. Ehrhardt tat sich
vielfach als Weißwäscher der Nazi-Psychiatrie hervor. 1963 meinte er
in einem Gutachten für das Bundesfinanzministerium: "Eine
Entschädigungsregelung für die Sterilisierten würde in vielen Fällen
zu einer ... Verhöhnung des echtes Gedankens der Wiedergutmachung."
Ehrhardt wurde mit der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung
der deutschen Ärzteschaft, geehrt. Er war unter anderem Mitglied des
Beirats für Seelische Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation, des
ethischen Komitees und der forensischen Sektion des Weltverbandes für
Psychiatrie, zuletzt auch Ehrenmitglied.


Die Opfer werden verhöhnt, und die Täter werden geschützt

Die Verhöhnung der Opfer hat Tradition: bereits 1946 erstattete der
Wiener Ordinarius der Psychiatrie Otto Plötz ein Gutachten, wonach
die Verabreichung von Giften eine besonders humane Tötung gewesen
sei, da die Opfer in den Tod "dahindämmern". Der Wiener
Gerichtsmediziner Leopold Breitenecker gutachtete 1967 in einem
Prozess gegen Vergasungsärzte über den Gaskammertod: "Es ist
sicherlich eine der humansten Tötungsarten überhaupt." (Ks 1/66 GStA
Frankfurt a. M.). Breitenecker, Gründer der Österreichischen
Gesellschaft für gerichtliche Medizin, war Mitglied diverser
Ethik-Kommissionen. Sein Sohn Manfred, Universitätsprofessor am
Institut für theoretische Physik der Universität Wien, meinte noch in
diesem Jahr, die Angehörigen der Ermordeten könnten die Aussage über
das Sterben in der Gaskammer "vielleicht als Trost" empfinden.

Der Schutz mörderischer Kollegen stand höher als das Leid der Opfer.
So wird verständlich, dass Psychiatrieprofessor Werner Heyde, der
medizinische Leiter des Gasmords, bis 1959 mit Wissen zahlreicher
Kollegen unter dem Namen Dr. Sawade als Gutachter in
Entschädigungsfällen arbeiten konnte.

Täterschutz galt bis zum Tode: Die Todesanzeige der Ärztekammer
Niedersachsen für Dr. med. Klaus Endruweit, zum Vergasen in der
Anstalt Sonnenstein in Pirna eingesetzt, lautet: "Wir werden seiner
ehrend gedenken." In der Todesanzeige der Klinik Wunstorf für Hans
Heinze, den ehemaligen Leiter der größten Kindermordstätte der
NS-Zeit, steht: "Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren."

In der Todesanzeige der Universität Kiel für Prof. Werner Catel,
verantwortlich für den Kinder-Massenmord, heißt es, er habe "in
vielfältiger Weise zum Wohle kranker Kinder beigetragen". Und die
Traueranzeige der Psychiatrischen Universitätsklinik Düsseldorf für
Prof. Friedrich Panse gipfelt in dem Satz: "Ein Leben der Arbeit im
Dienst leidender Mitmenschen ... ist vollendet." Panse war
T4-Gutachter, das heißt, er gutachtete Patienten in die Gaskammer.


Wer Täter ehrt, mordet ihre Opfer noch einmal.


07.08.1999
taz Hamburg

Dokumenation einer Rede die Ernst Klee beim Gegenkongress der wPA
gehalten hat:
http://www.irren-offensive.de/hamburg.htm

Werner-Fuß-Zentrum
Scharnweberstr. 29
10247 Berlin

The Flayer

unread,
May 13, 2002, 3:49:13 PM5/13/02
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"Werner Fuss Zentrum" <werne...@berlin.de> schrieb im Newsbeitrag
news:3CE0004F...@berlin.de...

| in Dachau. Dieser Mann war mehr
| als 70 Jahre alt, also schon längst pensioniert - der kriegt ein
| ganzes KZ zur Verfügung gestellt, um seine Theorie der
| Malariabekämpfung durchzuprobieren. Dieser Mann wollte sein
| Lebenswerk krönen.

Ich war in Dachau gewesen und habe mir alles angeschaut. Die
Bilderaustellung dort im Museum beinhaltet auch Versuche an lebenden
Menschen in der Überdruckkammer z.B. oder Röntgenuntersuchen an Frauen und
ihren ungeborenen Kindern.
Wenn man vor den Öfen steht, kriegt man auf einmal ein anderes Zeitgefühl.
Die Öfen liegen etwas versteckt von den übrigen Barracken entfernt, hinter
Büschen und Bäumen; die Schieber, mit denen man die Leichen in die Öfen
schub ähneln denen der Brot-oder Pizza Schieber, sind nur in Länge und
Breite auf einen Menschen zugeschnitten.

Wäre gut für einige, sich das anzuschauen und ein bißchen
Geschichtsaufarbeitung zu betreiben.

Flayer :)


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