Der Direktor des "National Institute of Mental Health" (NIMH), Thomas
Insel bezeichnete unlängst das DSM als nicht valide. Dies schlug in den
USA wie eine Bombe ein; das NIMH untersteht dem US-
Gesundheitsministerium. "Nicht valide" bedeutet: Das DSM diagnostiziert
nicht, was es zu diagnostizieren vorgibt, nämlich "psychische
Krankheiten".
Der Pharma-Manager und Neurowissenschaftler H. Christian Fibiger betonte
bereits im letzten Jahr in einer Fachzeitschrift (Schizophrenia
Bulletin), dass sich die Pharmaindustrie weitgehend aus der
Psychopharmakaforschung zurückgezogen habe, weil die auf das DSM
gestützte psychiatrische Forschung keine Anhaltspunkte zur Entwicklung
zulassungsfähiger Medikamente mit eigenständigem Wirkmechanismus biete.
Die "Division of Clinical Psychology" der "British Psychological
Society", die 50.000 Psychologen vertritt, plädiert nunmehr dafür, das
DSM sowie den psychiatrischen Teil der ICD zu verwerfen. Begründung: Das
diesen Systemen zugrunde liegende medizinische Krankheitsmodell sei
ungeeignet. Die Daten zeigten vielmehr, dass psycho-soziale Faktoren für
seelische Probleme wesentlich bedeutsamer seien.
Der Streit um das DSM-5 offenbart eine tiefe Krise der Psychiatrie, denn
die Validität der Diagnosen ist keine rein akademische Frage. Wie kann
man man einem Patienten "Krankheitseinsicht" erwarten, wenn man nicht in
der Lage ist, diese Krankheiten valide zu diagnostizieren? Das ist keine
theoretische, das ist eine eminent praktische und ethische Frage.
Ist es nicht absurd, von einem Patienten "Krankheitseinsicht" zu
verlangen, wenn man selbst nicht einmal in der Lage ist, diese
"Krankheiten" valide zu diagnostizieren?
Mit welchen Recht werden eigentlich Menschen zwangsbehandelt, wenn das
Gesetz dies nur bei "psychisch Kranken" mit Neigung zur Selbst- bzw.
Fremdgefährdung zulässt, die Psychiatrie aber nicht in der Lage ist,
"psychische Krankheiten" valide zu diagnostizieren?
Hier ist zu beachten, dass Insels Statement keineswegs eine Meinung unter
Meinungen darstellt, sondern dass sich sein Urteil auf den Stand der
empirischen Forschung zu dieser Frage stützen kann. Trotz
jahrzehntelanger Bemühungen war die psychiatrische Wissenschaft bisher
nicht in der Lage, ihre diagnostischen Kategoriensysteme (DSM, ICD u. ä.)
zu validieren.
Das ist skandalös.
MfG
Hans
--
http://ppsk.de **
http://psyconcept.de