Szasz-Zitat: Erfindung der Schizophrenie [Nr. 489] Psychiatrie
Oder genauer:
Die Erfindung der /Dementia praecox/ und der /Schizophrenie/ durch
Kraepelin und Bleuler.
Oder:
Psychiater glauben heute, daß Geisteskrankheiten
(bzw. „psychische Krankheiten“ bzw. „psychische Störungen“)
Folgen und Manifestationen von organischen Erkrankungen des Gehirns seien.
Oder:
Der Glaube an die Schizophrenie (2)
Kurzzitate:
„Tatsächlich wurde das Konzept der /Dementia praecox/, so wie wir sie
heute kennen, von Emil Kraepelin (1855-1926) im Jahre 1898 erfunden.“
„Da auch Bleuler weder eine neue Krankheit entdeckte noch eine neue
Behandlungsmethode entwickelte, beruht sein Ruhm meiner Ansicht nach
darauf, daß er eine neue Krankheit erfunden hat – und damit eine neue
Rechtfertigung lieferte, um den Psychiater als Arzt, den Schizophrenen
als Patienten und das Gefängnis, in welches der erstere den letzteren
sperrt, als Krankenhaus zu betrachten.“
„Vor 1900 hatten die Psychiater angenommen, daß die progressive Paralyse
auf schlechte Erbanlagen, Alkoholismus, Rauchen und Masturbation
zurückzuführen sei.“
„In ähnlicher Weise glauben heute Psychiater, daß Schizophrenie eine
Folge und eine Manifestation einer organischen Erkrankung des Gehirns sei.“
Zitat aus:
Szasz, Thomas S.: /Schizophrenie – Das heilige Symbol der Psychiatrie/
Seite 16 ff.:
Tatsächlich wurde das Konzept der /Dementia praecox/, so wie wir sie [es
(?), Anm. d. Schreiber] heute kennen, von Emil Kraepelin (1855-1926) im
Jahre 1898 erfunden. Er ist seither als großer medizinischer
Wissenschaftler gefeiert worden, als ob er eine neue Krankheit entdeckt
oder eine neue Behandlungsmethode entwickelt hätte; in Wirklichkeit hat
er keines von beiden getan.
Was er Arieti – der vor seiner Leistung großen Respekt bekundet –
zufolge tat, war folgendes: „Kraepelins Einsicht bestand darin, drei
verschiedene Zustände zu einem Syndrom zusammenzufassen (11).“
[…]
Dennoch reichte das unangenehme Auffallen von Personen, die ein solches
„psychotisches“ Verhalten an den Tag legten, sowie die tatsächliche oder
scheinbare soziale Unfähigkeit der „Patienten“ und das professionelle
Prestige von Ärzten wie Kraepelin aus, um /Dementia praecox/ als
Krankheit anzuerkennen, deren Histopathologie, Ätiologie und Behandlung
jetzt nur auf die weiteren Fortschritte der medizinischen Wissenschaft
warteten.
Ohne derartige Fortschritte abzuwarten, wurde die Krankheit zunächst
etymologisch vorangebracht. Ihr Name wurde von Latein auf Griechisch
umgeändert, da heißt von /Dementia praecox/ auf Schizophrenie. Und ihre
Verbreitung – das heißt, ihre epidemiologische Signifikanz – wurde durch
einen Federstrich vervielfacht. All dies war das Werk Eugen Bleulers
(1857-1939), der, wieder Arieti zufolge, „das nosologische Grundkonzept
Kraepelins akzeptierte, es aber stark erweiterte, da er auch viele
andere Krankheitsbilder wie Psychosen mit psychopathologischer
Persönlichkeit, alkoholische Halluzinationen etc als mit der /Dementia
praecox/ verwandt betrachtete. Außerdem war er der Ansicht, daß meisten
Patienten niemals hospitalisiert werden, weil ihre Symptome nicht ernst
genug sind; das heißt, sie sind latente Fälle (12) .“
Die Vorstellungswelt und das Vokabular der Syphilologie sind hier
unverkennmar: „Ernste Fälle“, die hospitalisert werden müssen, und
„latente Fälle“, die sich in der Öffentlichkeit herumtreiben, ohne daß
dem Patienten seine Krankheit bewußt ist. (Freud zufolge kann auch die
Homosexualität und praktisch jede andere Form von „Psychopathologie“
sowohl akut, als auch latent sein.) Da auch Bleuler weder eine neue
Krankheit entdeckte noch eine neue Behandlungsmethode entwickelte,
beruht sein Ruhm meiner Ansicht nach darauf, daß er eine neue Krankheit
erfunden hat – und damit eine neue Rechtfertigung lieferte, um den
Psychiater als Arzt, den Schizophrenen als Patienten und das Gefängnis,
in welches der erstere den letzteren sperrt, als Krankenhaus zu betrachten.
Dennoch blieb nach wie vor die Frage offen: Was ist eigentlich die
Schizophrenie? Eugen Bleuler beantwortete diese Frage – zumindest zur
Befriedigung der meisten früheren und heutigen Psychiater.
Vor 1900 hatten die Psychiater angenommen, daß die progressive Paralyse
auf schlechte Erbanlagen, Alkoholismus, Rauchen und Masturbation
zurückzuführen sei. Diese Annahmen sind heute nur noch von historischem
Interesse, wie der Glaube an die Besessenheit durch Teufel oder den
Exorzismus. Der Forschungsarbeit von Ärzten wie Alzheimer, Schaudinn,
Wassermann, Noguchi und Moore gebührt das Verdienst, unwiderlegbar
bewiesen zu haben, daß die Parese eine Folge und eine Manifestation der
Syphilis ist.
In ähnlicher Weise glauben heute Psychiater, daß Schizophrenie eine
Folge und eine Manifestation einer organischen Erkrankung des Gehirns
sei. Batchelors Formulierung ist bezeichnend: „Sowohl Kraepelin als auch
Bleuler glaubten, daß Schizophrenie das Resultat einer pathologischen,
anatomischen oder chemischen Störung des Gehirns sei (13) .“ Aber
weshalb sollte es uns etwas angehen, was Kraepelin und Bleuler
/glaubten/? Bleuler glaubte auch an einen alkoholfreien Lebenswandel und
eine bildliche statt einer buchstäblichen Interpretation der
Eucharistie. Diese Überzeugungen Bleulers sind für die Histopathologie
der Schizophrenie nicht folgenreicher als Flemings religiöse
Überzeugungen für die therapeutische Kraft des Penicillins. Weshalb
fahren Psychiater daher fort, Kraepelins und Bleulers /Glaubenssätze/ in
bezug auf das Wesen der Schizophrenie zu verewigen? Warum weisen sie
nicht statt dessen auf Kraepelins und Bleulers totale Unfähigkeit hin,
ihren Glauben auch nur mit dem geringsten /Beweis/ zu untermauern?
Aus:
/ERSTES KAPITEL/
/Psychiatrie:/
/Das Modell des syphilitischen Geistes/
In:
Szasz, Thomas S.: /Schizophrenie – Das heilige Symbol der Psychiatrie/.
Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 1982; Engl.:
/Schizophrenia/. Basic Books, Inc., Publishers New York: New York 1976
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Fußnoten:
(11) S. Arieti, „Schizophrenia: The Manifest Symptomatology, The
Psychodynamic an Formal Mechanism“, in: /American Handbook of
Psychiatry/, Hrsg. Arieti, Bd. I, S. 455-484; S. 456
(12) Ebd.
(13) I. R. C. Batchelor, /Henderson and Gillespie's Textbook of
Psychiatry/, London 1969, 10. Ausg., S. 247