Franz P. Beuler
unread,Apr 30, 2013, 5:39:43 AM4/30/13You do not have permission to delete messages in this group
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Szasz-Zitat: Krankheitsmodell und Psychopharmaka [Nr. 491] Psychiatrie
Oder genauer:
Das klassische Virchowsche Krankheitsmodell und die Wirkung von
Psychopharmaka als Existenzbeweis „psychischer Krankheiten“.
Kurzzitate:
„Wenn jemand einen Arzt aufsuchte und sich bei ihm beklagte, dann hatte
er „Symptome“, die /ipso facto/ das Vorhandensein einer Krankheit
anzeigten. Und wenn der Betreffende in einem psychiatrischen Krankenhaus
untergebracht wurde, dann litt er /ipso facto/ an einer
Geisteskrankheit. Die erstgenannte Schlußfolgerung rechtfertigte die
Behandlung von „Patienten“ ohne nachweisbare Krankheiten, die zweite
rechtfertigte ihre Einkerkerung.“
„Mit der Entwicklung wirksamer therapeutischer Methoden in den
zwanziger, dreißiger und speziell den vierziger Jahren bürgerte es sich
ein, aus der angeblichen Reaktion des Patienten auf die Behandlung auf
das Vorhandensein einer Krankheit zu schließen. […] Dieses Kriterium und
diese Methode eigneten sich ideal für Psychiatrie, speziell für die
Anstaltspsychiatrie […]“
Aus:
Szasz, Thomas S.: /Schizophrenie – Das heilige Symbol der Psychiatrie/
S. 122 f.:
Wir sind jetzt bereit, uns dem verbleibenden, bisher hier nicht zur
Sprache gekommenen erkenntnistheoretischen Problem zuzuwenden, das der
Frage der Schizophrenie zugrunde liegt – nämlich unsere traditionellen
medizinischen Vorstellungen davon, was eine Krankheit eigentlich ist,
und unsere traditionellen Methoden zu ihrer Feststellung; die
Erweiterung und Transformation dieser Ideen und Methoden in der modernen
Psychiatrie; und die Folgen dieser Veränderungen, die in der Tatsache
zum Ausdruck kommen, daß, wenn Leute heute etwas als eine Krankheit oder
jemanden als krank (speziell geisteskrank) bezeichnen, sie nicht
notwendigerweise etwas meinen, das ursprünglich mit diesem Terminus
bezeichnet wurde, obwohl sie das Gegenteil glauben oder behaupten mögen.
Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurde, wie wir gesehen haben,
Krankheit als Histopathologie oder Pathophysiologie definiert.
Verletzungen, Infektionen, Stoffwechselstörungen und Tumore waren somit
die charakteristischen Krankheitskategorien. Die geltende
wissenschaftliche Methode zum Nachweis solcher Krankheiten bestand
erstens darin, ihre morphologischen Merkmale durch postmortale
Untersuchung der Organe und Gewebe festzustellen; und zweitens, mittels
systematischer Beobachtungen und Experimente, vorzugsweise mit
Versuchstieren, ihre Entstehung bzw. Ursachen festzustellen. Die Parese
entspricht diesem Krankheitskriterium. Die Schizophrenie nicht –
zumindest bis jetzt nicht.
Da diese Schlußfolgerung jedoch für Ärzte wie auch für Laien im großen
und ganzen inakzeptabel war, hat es seit dem Tage, an dem Bleuler seine
„Entdeckung“ der Schizophrenie konstatierte – ja auch schon davor –,
Bemühungen gegeben, die Kriterien dafür, was eine Krankheit ist, und die
entsprechenden Grundregeln für ihren Nachweis zu verändern. Im Laufe
dieses Prozesses wurden verschiedene neue Krankheitskriterien und
entsprechende Methoden zum Nachweis ihres Vorhandenseins geschaffen. Ich
habe sie alle bereits erwähnt, es wird daher genügen, diese wichtige
Metamorphose in der medizinischen Epistemologie kurz zusammenzufassen.
Das klassische Virchowsche Krankheitsmodell wurde zunächst auf die
Psychopathologie ausgedehnt. Das war das Werk Kraepelins, Bleulers,
Freuds und ihrer Anhänger. Gleichzeitig oder kurz danach entstand die
Praxis, vom medizinischen oder psychiatrischen Kontakt bzw. von der
Patientenrolle auf das Vorhandensein einer Krankheit zu schließen. Wenn
jemand einen Arzt aufsuchte und sich bei ihm beklagte, dann hatte er
„Symptome“, die ipso facto das Vorhandensein einer Krankheit anzeigten.
Und wenn der Betreffende in einem psychiatrischen Krankenhaus
untergebracht wurde, dann litt er /ipso facto/ an einer
Geisteskrankheit. Die erstgenannte Schlußfolgerung rechtfertigte die
Behandlung von „Patienten“ ohne nachweisbare Krankheiten, die zweite
rechtfertigte ihre Einkerkerung.
Mit der Entwicklung wirksamer therapeutischer Methoden in den zwanziger,
dreißiger und spreziell den vierziger Jahren bürgerte es sich ein, aus
der angeblichen Reaktion des Patienten auf die Behandlung auf das
Vorhandensein einer Krankheit zu schließen. Wenn jemand beispielsweise
Antibiotika oder Hormone erhielt und sich danach besser fühlte, dann
wurde sein „Zustand“ vor der Behandlung als Krankheit betrachtet. Dieses
Kriterium und diese Methode eigneten sich ideal für Psychiatrie,
speziell für die Anstaltspsychiatrie, da sich damit Interventionen wie
Insulinschock, Elektroschock, Lobotomie und Psychopharmaka als
Behandlungen, Schizophrenie und zahllose andere „Zustände“ hingegen als
Krankheiten hinstellen ließen.
Aus:
/DRITTES KAPITEL/
/Schizophrenie: psychiatrisches Syndrom/
/oder wissenschaftlicher Skandal?/
In:
Szasz, Thomas S.: /Schizophrenie – Das heilige Symbol der Psychiatrie/.
Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 1982; Engl.:
/Schizophrenia/. Basic Books, Inc., Publishers New York: New York 1976