Franz P. Beuler
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Szasz-Zitat: Folter und die Verantwortung dafür [Nr. 494] Psychiatrie
Genauer:
1. Zwangspsychiatrie: Tyrannei und Torturen und die Verantwortung der
Psychiater
2. Das zentrale moralische Problem der Anstaltspsychiatrie
Kurzzitate:
„… sich dem zentralen moralischen Problem der Anstaltspsychiatrie zu
stellen - nämlich: Wie, falls überhaupt, sind unfreiwillige
psychiatrische Hospitalisierung und andere psychiatrische
Zwangsmaßnahmen zu rechtfertigen?“
„So verabscheuenswert alle solche Systeme sind [totalitäre Systeme], so
ist es doch wichtig, sich daran zu erinnern, daß in jedem dieser Fälle
der Handlanger ein mehr oder weniger freier Mensch ist. Der Staat,
selbst ein totalitärer Staat, zwingt niemanden, ein brutaler Henker oder
ein korrupter Richter oder Anstaltspsychiater zu werden. Die
Betreffenden akzeptieren diese Rolle freiwillig oder bereitwillig – als
Gegenleistung für die Belohnungen und Privilegien, das Prestige und die
Macht, mit denen die Gesellschaft diejenigen auszeichnet, die sich zu
dieser Schmutzarbeit bereitfinden.“
Aus: „Schizophrenie – Das heilige Symbol der Psychiatrie“ von Thomas S.
Szasz:
Zitat:
Bis zum Bürgerkrieg waren viele Amerikaner nicht imstande, sich dem
zentralen moralischen Problem der Leibeigenschaft zu stellen - nämlich:
Wie, falls überhaupt, ist die Sklaverei zu rechtfertigen? In ähnlicher
Weise waren Bleuler und die meisten seiner Zeitgenossen wie auch die
meisten heute lebenden Menschen außerstande, sich dem zentralen
moralischen Problem der Anstaltspsychiatrie zu stellen - nämlich: Wie,
falls überhaupt, sind unfreiwillige psychiatrische Hospitalisierung und
andere psychiatrische Zwangsmaßnahmen zu rechtfertigen? Dies ist der
Grund, weshalb sogar Männer wie Jefferson die Freiheit priesen und die
Sklaverei praktizierten und weshalb sogar Männer wie Bleuler für
psychiatrische Toleranz plädierten aber psychiatrische Tyrannei
praktizierten.
Erstaunlicherweise werden meine oben angeführten Annahmen und
Behauptungen von Bleulers ursprünglichem Text über die Schizophrenie
bekräftigt, und zwar am entschiedensten im letzten Absatz dieses
umfangreichen Werkes. Nachstehend in Bleulers eigenen Worten seine
Bestätigung zweier entscheidender von mir vorgetragener Behauptungen –
nämlich, daß der Anstaltspsychiater nicht die Interessen des Patienten
vertritt, und daß viele seiner Interventionen nicht Behandlungen,
sondern Torturen sind.
„Das unangenehmste aller Symptome bei Schizophrenie ist der
Selbstmordtrieb. Ich führe das deswegen an, um einmal deutlich zu sagen,
daß die jetzige Gesellschaftsordnung in dieser Richtung vom Psychiater
eine große und ganz unangebrachte Grausamkeit verlangt. Man zwingt
Leute, denen aus guten Gründen das Leben veleidet ist, weiterzuleben;
das ist schon schlimm genug. Aber ganz schlimm ist es, wenn man diesen
Kranken mit allen Mitteln das Leben noch unerträglicher macht, indem man
sie einer peinlichen Bewachung unterwirft (39) .“
Das ist ein sehr aufrichtiges, aber auch selbstinkriminierendes
Geständnis von seiten Bleulers. Denn er gibt hier nicht nur zu, daß der
Psychiater gegenüber dem unfreiwilligen psychiatrischen Patienten die
Interessen der Gesellschaft vertritt, sondern auch, daß die Gesellschaft
von ihrem psychiatrischen Sachwalter „Grausamkeit“ fordert. Dies scheint
mir dem Eingeständnis vergleichbar, daß beispielsweise in einer
Gesellschaft, in der brutale Hinrichtungsmethoden praktiziert werden,
die Stadt von den Scharfrichtern erwartet, daß sie ihre Opfer foltern;
oder daß in einer totalitären Gesellschaft der Staat von den Richtern
erwartet, Prozesse zu führen, bei denen unschuldige Menschen
systematisch zu harten Strafen verurteilt werden. So verabscheuenswert
alle solche Systeme sind, so ist es doch wichtig, sich daran zu
erinnern, daß in jedem dieser Fälle der Handlanger ein mehr oder weniger
freier Mensch ist. Der Staat, selbst ein totalitärer Staat, zwingt
niemanden, ein brutaler Henker oder ein korrupter Richter oder
Anstaltspsychiater zu werden. Die Betreffenden akzeptieren diese Rolle
freiwillig oder bereitwillig – als Gegenleistung für die Belohnungen und
Privilegien, das Prestige und die Macht, mit denen die Gesellschaft
diejenigen auszeichnet, die sich zu dieser Schmutzarbeit bereitfinden.
Bleuler räumt all dies ein:
„Der größte Teil unserer ärgsten Zwangsmaßregeln wäre unnötig, wenn wir
nicht verpflichtet wären, den Kranken ein Leben zu erhalten, das für sie
und andere nur negativen Wert hat. Und wenn es noch etwas nützte! … Ich
bin überzeugt, daß bei der Schizophrenie gerade durch die Bewachung der
Selbstmordtrieb geweckt, gesteigert und unterhalten wird. Nur
ausnahmsweise würde sich einer unserer Kranken das Leben nehmen, wenn
wir ihn gewähren ließen. Und wenn es auch ein paar mehr sein sollten,
die zugrunde gehen – ist es recht, wegen dieses Resultates Hunderte von
Kranken zu quälen und ihre Krankheit zu verschlimmern? Vorläufig stehen
wir Psychiater unter der traurigen Pflicht, grausamen Anschauungen
unserer Gesellschaft zu folgen: aber wir haben auch die Pflicht, unser
möglichstes zu tun, daß diese Anschauungen sich bald ändern (40) .“
Ich zweifle nicht an Bleulers Aufrichtigkeit. Aber es ist eine
Aufrichtigkeit, der es an moralischer Kraft fehlt, weil sie dem
Eigeninteresse dient. Bleuler muß gewußt haben, daß – speziell in der
Schweiz – niemand gezwungen wird, sich anderen gegenüber grausam zu
verhalten. Er muß weiter gewußt haben, daß es unredlich ist, die
Grausamkeit, mit der Wahnsinnige behandelt werden, ausschließlich der
Gesellschaft – und gerade der außerordentlich zivilisierten und humanen
Schweizer Gesellschaft – in die Schuhe zu schieben. Bleuler impliziert
mithin in seiner offenkundig dem Eigeninteresse dienenden Erklärung, die
er für die psychiatrischen Barbareien findet, daß die Psychiater im
allgemeinen und er im besonderen daran unschuldig seien. Im Gegenteil,
sie bemühten sich alle, das System zu verbessern!
Wenn das nur wahre gewesen wäre. Das zwanzigste Jahrhundert ist fast zur
Neige gegangen, seit Bleuler die oben zitierten Zeilen geschrieben hat.
Es war eine Epoche unerhörter technologischer Fortschritte und
gesellschaftlicher Umwälzungen. Das einzige, woran sich praktisch nichts
geändert hat, sind die psychiatrischen Zwangsmaßnahmen: Geisteskranke,
insbesondere wenn sie „gefährlich für sich selbst oder andere“ sind,
werden immer noch genau wie im Jahre 1911 hinter Gitter gebracht; ihre
Inhaftierung wird genau wie damals immer noch als „Behandlung“
rationalisiert; und sie werden immer noch nicht viel anders als damals
brutal gequält (obwohl sich die Foltermethoden geändert haben.
(S. 30 ff.)
Aus:
/ERSTES KAPITEL
Psychiatrie:
Das Modell des syphilitischen Geistes/
In:
Szene, Thomas S.: /Schizophrenie – Das heilige Symbol der Psychiatrie/.
Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 1982; Engl.:
Schizophrenie. Psychiater
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Fußnoten:
(14) E. Bleuler, /Dementia Praecox oder Gruppe der Schizophrenien/
(1911),(1911), 10. Ausg., S. 247
1.(36) Bleuler, /Dementia Praecox/, a.a.O., S. 383
(39) Ebd., S. 394
(40) Ebd.