{Nun, über den "anderen Beweis" wollen wir posteriori schweigend
hinwegsehen. Und auch bezüglich des mathematischen Gehaltes des ersten
sicher der Kardinal sich ab:}} In der Voraussetzung, daß Ihr
Transfinitum actuale in sich keinen Widerspruch enthält, ist ihr
Schluß auf die Möglichkeit der Schöpfung eines Transfinitum aus dem
Begriffe von Gottes Allmacht ganz richtig. Allein zu meinem Bedauern
gehen Sie weiter und schließen "aus seiner Allgüte und Herrlichkeit
auf die Nothwendigkeit einer thatsächlich erfolgten Schöpfung des
Transfinitum." Gerade weil Gott an sich das absolute unendliche Gut
und die absolute Herrlichkeit ist, welchem Gute und welcher
Herrlichkeit nichts zuwachsen und nichts abgehen kann, ist die
Nothwendigkeit einer Schöpfung, welche immer diese sein mag, ein
Widerspruch, und die Freiheit der Schöpfung eine ebenso nothwendige
Vollkommenheit Gottes wie alle seine anderen Vollkommenheiten.
[Kardinal Franzelin an Cantor, 26. 1. 1886]
{{Hätte der Kardinal etwas direkter argumentieren wollen (und wäre es
schon 1912 gewesen), so hätte er auch auf folgende Zeilen
zurückgreifen können:}}
Der du Bretter sägst! In deinem Stolze,
willst du wirklich den zu Rede stellen,
der aus eben jenem Holze
Blätter treiben lässt und Knospen schwellen?
[Rainer Maria Rilke (aus dem Gedächtnis zitiert und daher wohl etwas
vom Original abweichend), Gedicht aus dem Marienzyklus, betreffend
eine Rüge des heiligen Geistes an Joseph, der sich wegen der
Heimsuchung Mariae beschweren wollte.]
Gruß, WM
> {{Hᅵtte der Kardinal etwas direkter argumentieren wollen (und wᅵre es
> schon 1912 gewesen), so hᅵtte er auch auf folgende Zeilen
> zurᅵckgreifen kᅵnnen:}}
> Der du Bretter sᅵgst! In deinem Stolze,
> willst du wirklich den zu Rede stellen,
> der aus eben jenem Holze
> Blᅵtter treiben lᅵsst und Knospen schwellen?
> [Rainer Maria Rilke (aus dem Gedᅵchtnis zitiert und daher wohl etwas
> vom Original abweichend), Gedicht aus dem Marienzyklus, betreffend
> eine Rᅵge des heiligen Geistes an Joseph, der sich wegen der
> Heimsuchung Mariae beschweren wollte.]
Danke fᅵr den Hinweis auf Rilke. Mit Guhgel kommt man ja recht flott
an die (eventuell) richtigere Version:
Weil du Bretter machst, in deinem Stolze,
willst du wirklich den zur Rede stelln,
der bescheiden aus dem gleichen Holze
Blᅵtter treiben macht und Knospen schwelln?
Nachtrag aus meiner Feder:
O Ihr Toren,
wollt Ihr bohren
dᅵnne Bretter,
dᅵnner als Kalender-Blᅵtter?
Der andere Rainer,
Rainer Rosenthal
r.ros...@web.de
NB: Der Beitrag von RR zur größten Kardinalzahl war mir bei der
Abfassung dieses KB noch nicht bekannt.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass Cantor durch die Korrespondenz mit
Kardinal Franzelin zu seiner Wortschöpfung angeregt wurde: Er schreibt
dem Kardinal im oben zitierten Brief: " [...] denn gesetzt den Fall,
es gäbe, wie ich bewiesen zu haben glaube, actual unendliche
„Mächtigkeiten" d. h. Cardinalzahlen [...]".
Zwar kommt das Wort Kardinalzahl in der mir bekannten Korrespondenz
erstmals in einem Brief an Curd Laßwitz vom 15. Februar 1884 vor, doch
wurde dieser Brief erst drei Jahre später von Cantor selbst
abgeschrieben und vermutlich der neuesten Wortwahl etwas angepasst.
Gruß, WM