Fritz Feldhase <
franz.fri...@gmail.com> schrieb:
>>
>> Ich stimme Dir zu, dass ich die Assoziativität von u und n
>> vergessen habe aufzuzählen (sowie natürlich X u X = X) [...]
>
> Neben dem (von Dir) erwähnten (und dem von mir "erweiterten")
> Distributivgesetz und den Kommutativ- und Assoziativgesetzen
> benötigt man (in meinem Beweis) noch die Idempotenzgesetze
> _sowie eines der Absorptionsgesetze_
Du hast recht, man braucht X n X = X sowie anstelle des
von mir behaupteten X u X = X das etwas allgemeinere aber
ebenso offensichtliche (und trivial zu beweisende)
(X n Y) u X = X.
Weil ich es nur im Kopf überflogen ausmultipliziert und
dabei zwei Terme vergessen hatte, war mir das tatsächlich entgangen.
> Hier - im Kontext dieses Anfängerbuchs (eine Einführung
> in die elementare Mengenlehre) - gibt es aber nichts
> "Bekanntest" auf das Du zurückgreifen könntest - außer
> den im Buch schon bewiesenen Theoremen bzw. selbst
> gelösten Aufgaben
Und anscheinend wurde alles zur Lösung Notwendige
(Assoziatität und Kommutativität, vermutlich auch
Distributivität) bereits gezeigt.
Das noch ausstehende X n X = X und (X n Y) u X = X
wurde vielleicht ebenfalls schon gezeigt, oder
man muss eine Zeile Beweis dazu hinschreiben.
> Konzepte wie "Mengenalgebra" bzw. "Boolesche Algebra"
> sind an dieser Stelle noch nicht eingeführt/erklärt.
> [...]
> Auch der Begriff des kommutativen Rings ist hier noch nicht
> "bekannt"
Die Terminologie muss man ja dazu nicht kennen. Wenn man
reelle und komplexe Zahlen kennt, sind einem die
Konzepte aber bekannt.
Ja, mir ist schon klar, dass Du Dich auf den rein
formalen Standpunkt stellst. Kannst Du tun, aber das
Problem ist, dass ein solches Buch ein schlechtes Lehrbuch
wäre, weil einfach langweilig.
> Der Lernende müsste sich das also gegebenenfalls selbst
> "aus den Fingern saugen".
Ja, in der Tat, der Leser muss in der Lage sein, triviale
Sachverhalte zu übertragen. Das nennt man üblicherweise
"abstraktes Denken" und ist in der Tat eine Eigenschaft,
über die man verfügen sollte, wenn man ein Mathematikbuch
liest.
>> OK, Summa/Produkt für mehr als zwei Summanden
> kann man noch ausdrücklich definieren,
>
> Man MUSS es, das sagte ich doch schon.
Nein, nicht "ausdrücklich". Eine Bemerkung wie
"Es ist klar, was z.B. A u B u C bedeuten soll" sollte
vollkommen ausreichen, und auch wenn dieser Satz *nicht*
ausdrücklich da steht, sollte es trotzdem ausreichen.
> Mit undefinierten Ausdrücken herum zu hantieren
Nur, weil man etwas nicht *explizit* definiert hat,
heißt es nicht, dass es undefiniert ist. Es heißt nur,
dass es nicht *formal* eingeführt wurde.
Überleg mal: Wie lange hast Du gebraucht, um herauszufinden,
wie die Definition von A u B u C aussehen muss?
Glaubst Du wirklich, es gibt einen Leser, der diese
Definition an dieser Stelle *nicht* selbständig füllen kann?
Oder glaubst Du gar, er würde die Mengenlehre
besser verstehen, wenn Du ihm diese Banalität in
allen Details vorkaust, statt ihm zuzutrauen, die
offensichtliche Lücke auszufüllen?
> Und natürlich kann man sich eine Kette von Definitionen
> vorstelle so dass also ein Ausdruck der Form
> a_1 * ... * a_n für eine beliebige Anzahl von Termen a_i
> (mit i = 1, ..., n) definiert ist
Ich vermute nicht nur, dass man sich das vorstellen kann.
Ich unterstelle sogar, dass *jeder*, der mal eine
Übungsaufgabe zu einer vollständigen Induktion gesehen hat
(und natürlich ein gewisses Grundinteresse an Mathematik hat),
weiß, wie sowas zu machen ist. Das mehr als einmal zu sehen,
ist einfach nur langweilig. Es vorgekaut zu bekommen, ist
sogar *stink*langweilig.
Selbstverständlich darf ein Lehrbuch über Mengenlehre, das
sich an Studenten richtet, solche Grundkenntnisse von seinen
Lesern voraussetzen, ohne die Banalitäten ausführlich zu
wiederholen.
> aber gilt für all diese Ausdrücke auch, dass beliebig
> geklammert werden darf, ohne dass sich etwas
> "am Wert des Ausdrucks" ändert? (Einfach mal so glauben?)
So sehr glauben oder nicht, wie Du es bei reellen Zahlen
glaubst: Weil es ja nichts anderes ist als dort,
zusammen mit der einfache Erkenntnis, dass Du dazu bei
reellen Zahlen nur die Assozativität benutzt.
> Jedenfalls habe ich auch schon mal in einem Algebrabuch
> einen Beweis für diese Tatsache gefunden. :-)
Ein Buch, das ich spätestens da aus Langeweile weggelegt
hätte. Das mal in einer Übungsaufgabe über formale
Sprachen zu sehen, wäre für mich das höchste erträgliche
Maß an Langeweile mit Banalitäten.
>> Ernsthaft? Du empfindest das Ausmultiplizieren
>> in (*) als "anspruchsvollere" Aufgabe?
>
> Du laberst dummes Zeug daher.
>
> Nein, ich empfinde "ausmultiplizieren" nicht als
> anspruchsvolle Aufgabe.
Das ist der einzig anspruchsvolle Teil der Aufgabe,
weil man sich da verrechnen kann, wie es mir passiert
ist.
> Darüber hinaus hatte ich aber doch schon erwähnt,
> dass es (hier) allein mit dem "Ausmultiplizieren"
> nicht getan ist
Ja, man braucht noch die trivialen Zusatzregeln
X n X = X und (X n Y) u X = X.
> ganz abgesehen davon, dass das der Lernende an dieser
> Stelle noch nicht "einfach so" machen kann.
Doch, genau das darf man und *muss* man annehmen,
wenn man den Lernenden nicht nur mit Banalitäten
langweilen will.
Es ist deswegen m.E. eine gute Aufgabe, aber weil sie
eben i.W. nicht mehr als eine triviale Übertragung von
Bekanntem darstellt, keine anspruchsvolle Aufgabe.
> Ganz offensichtlich hast Du mein letztes Post nicht
> wirklich aufmerksam (also mit Verstand) durchgelesen.
Ganz im Gegenteil. Mir ist vollkommen klar, dass Du
darauf hinaus willst, dass für die Aufgabe noch nicht
formal alles im Detail vorgekaut wurde.
Was Du nicht zu verstehen scheinst, ist, dass Mathematik
etwas anderes ist, als reiner Formalismus, und dass der
"Anspruch" einer Aufgabe nichts damit zu tun hat, wie
sehr man an diesem haftet.
Wir sind hier in einer ganz tiefen Grundsatzdiskussion,
bei der mir mal wieder bewusst wird, wie gefährlich der
Bourbakismus in der mathematischen Lehre ist (s. unten),
obwohl ich deren Vertreter aus *mathematischer* Sicht
sehr gut verstehe. Aber das ist eben der Unterschied
zwischen *Mathematik* einerseits und Mathematik*unterricht*
oder einem (mathematischen) *Lehr*buch andererseits.
Wie gesagt: Immer eine Gradwanderung, aber reiner
Bourbakismus ist einfach nur stinklangweilig und geht
am Wesentlichen vorbei - der Erziehung zum *eigenen*
Denken.
> hast Du der vergleichsweise trivialen Aufgabe
> "Prove: A - B c= C <-> A - C c= B" wesentlich mehr
> Verständnis entgegengebracht.
Zu dieser banalen Aufgabe hätte ich nichts geschrieben,
hätte ich nicht eine Aussage von Rainer dazu
richtigstellen wollen.
> Aber bei dieser Aufgabe versagst Du diesbezüglich
> leider total
Im Gegenteil. Ich verstehe Deinen rein formalen
Standpunkt sehr gut - aus *mathematischer* Sicht.
Aber in einem *Lehr*buch ist er eben vollkommen fehl
am Platze, und die Anwesenheit oder Abwesenheit
von Formalismus hat nichts mit der Schwierigkeit einer
Aufgabe zu tun.
Genau damit zeigst Du, wie gefährlich der Bourbakismus
ist: Mit eigenem Denken - Transfer von aus R bekanntem -
ist die Aufgabe trivial, aber wenn man nur voll
formalisierte Schlüsse erlaubt, erscheint die
Trivialität auf einmal als etwas Schwieriges und
Komplexes. Das einfache Fazit der Aufgabe ist, dass
man den Formalismus eben nicht über die Intuition
stellen darf: Er ist immer nur ein Hilfsmittel,
wenn auch *theoretisch* das einzig verfügbare:
Wir reden - grob gesprochen - über den Unterschied
zwischen Theorie und (mathematischer) Praxis.