Google Groups no longer supports new Usenet posts or subscriptions. Historical content remains viewable.
Dismiss

Das Kalenderblatt 091213

0 views
Skip to first unread message

WM

unread,
Dec 12, 2009, 6:18:47 AM12/12/09
to
Platonisten, Formalisten und Realisten.

Platonisten glauben an ein von der menschlichen Existenz unabhängiges
Reich der Zahlen und Ideen. In jenem Reiche gibt es alle Zahlen und
alle Eigenschaften und alle Formeln, und von jeder Zahl ist jede ihrer
Eigenschaften in dem Reiche bekannt oder jedenfalls festgelegt. Es
gibt also auch alle reellen Zahlen, und jede kann in dem Reiche von
jeder anderen unterschieden, also als Individuum identifiziert werden.
Es müsste auch jede Menge Mengen und vor allem alle Mengen geben.
Darüber äußern sich die Platonisten aber ungern.

Formalisten glauben an gar nichts, sondern erschaffen alles aus
gewissen Axiomen selbst. Axiome und Spielregeln werden zwar meistens
mit dem Ziel gebildet, die platonistische Mathematik daraus
abzuleiten, aber das ist eher gleichgültig, und jedenfalls ginge es
auch ganz anders. Der Formalist kann beweisen, dass es Unbeweisbares
gibt, nämlich Sätze, die nicht beweisbar sind oder, wenn sie beweisbar
gemacht werden, wieder die Existenz anderer unbeweisbarer Sätze nach
sich ziehen. Vor allem jedoch gelingt es dem Formalisten, mehr reelle
Zahlen zu erschaffen, als er identifizieren kann, was seinen
Konsistenzanspruch fragwürdig erscheinen lässt.

MatheRealisten (im Unterschied zu den in der mathematischen
Philosophie euphemistisch als Realisten bezeichneten Platonisten)
erkennen, dass Mathematik lediglich bei der Modellierung von
Eigenschaften der Realität im Gehirn, das ebenfalls ein Bestandteil
der Realität ist, entsteht - ganz ähnlich wie Physik, Chemie, Biologie
usw., nur auf einer viel primitiveren Stufe oder, anders ausgedrückt,
mit einem viel höheren Abstraktionsgrad verbunden. Beispiel: In der
Realität existieren Menschen. Die Physik beschreibt Größe und Masse,
die Chemie Elemente und Moleküle, die Biologie Zellen und Wachstum.
Für den Mathematiker (auf dem höchsten Abstraktionsniveau) wird jeder
Mensch eine 1 und eine Menschenmenge eine Summe von Einsen. Die
Primzahleigenschaften der Summe ergeben sich daraus, dass es nicht
möglich ist, eine so gewonnene Zahl ohne Zerstörung eines Individuums
in gleiche Teile zu zerlegen (wobei nur die 1 aus praktischen Gründen
ausgeschlossen wird). Der Fortschritt der Mathematik führt zu
verfeinerten Zahlen (-Darstellungen), Formen und Regeln, die Physiker,
Chemiker und Biologen für ihre Modellierungen benutzen.

Gruß, WM

Ralf Bader

unread,
Dec 12, 2009, 7:22:55 PM12/12/09
to
WM wrote:


> Für den Mathematiker (auf dem höchsten Abstraktionsniveau) wird jeder
> Mensch eine 1

Nein, manche Menschen werden zu einer Null.

Ulrich Lange

unread,
Dec 13, 2009, 1:28:08 AM12/13/09
to
Ralf Bader schrieb:

Bei "Jeder Mensch wird eine 1" fällt mir meine Lieblingsszene aus "Das
Leben des Brian" ein:

(Brian steht am Fenster, darunter haben sich seine "Jünger" versammelt)

Brian:
Hört zu. Ihr versteht das alles falsch. Es ist wirklich nicht
nötig, dass ihr mir folgt. Es ist völlig unnötig, einem
Menschen zu folgen, den ihr nicht mal kennt. Ihr müsst nur an euch
selbst denken. Ihr seid doch alle Individuen.

Jünger:
Ja! Wir sind alle Individuen!

Brian:
Und ihr seid alle völlig verschieden!

Jünger:
Ja! Wir sind alle völlig verschieden!

Einzelner Jünger:
Ich nicht!

--
Gruß, Ulrich Lange

(ulrich punkt lange bindestrich mainz at t-online punkt de)

0 new messages