Hallo alle zusammen,
am 19.01.22 18:20, schrieb Stefan Ram:
> Um solche Fragen genauer klären zu können, müßte man
> aber vielleicht "schließen"/"Schlüsse" sowie "Aussage"
> genauer definieren.
Das versuche ich hier mal. (Tief Luft holen) Also:
# Aussage
Eine Aussage ist ein Satz (im umgangssprachlichen Sinn des Wortes »Satz«),
der die Eigenschaft hat, wahr oder falsch sein zu können (tertium non
datur). Ein Urteil ist der gedankliche Inhalt einer Aussage. Eine Aussage
ist atomar, wenn sie nur einen Gedanken (ein Urteil) umfasst.
In der Aussagenlogik werden positive atomare Aussagen mit Satzbuchstaben
bezeichnet und über Junktoren, die Verknüpfungsregeln bezeichnen, zu
komplexeren Aussagen, die Terme genannt werden, verknüpft. Negative
Aussagen werden zunächst als positive Aussagen definiert und dann über den
Negationsjunktor negiert. Zum Beispiel würde die Aussage »Es regnet nicht«
folgendermaßen formalisiert:
A: Es regnet
¬A
In der klassischen Logik (also vor Frege, Russell, Wittgenstein usw.) wurde
mit einer spezifischen Art von Aussagen gearbeitet, die kategorische
Urteile genannt wurden. Dabei wurden vier verschiedene Arten von
kategorischen Urteilen unterschieden. In modernen Begriffen:
positive Universalaussagen (a)
Beispiel: »Alle Schwäne sind weiß.«
negative Universalaussagen (e)
Beispiel: »Kein Schwan ist weiß.«
positive Existenzaussagen (i)
Beispiel: »Einige Schwäne sind weiß.« (Im Sinne von: Es gibt mindestens
einen Schwan, der weiß ist.)
negative Existenzaussagen (o)
Beispiel: »Einige Schwäne sind nicht weiß.« (Im Sinne von: Es gibt
mindestens einen Schwan, der nicht weiß ist.)
Vgl. Quine 1988:98–104, Ueberweg 1882:216–219
Seit Aristoteles ist es üblich, diese vier Arten kategorischer Urteile in
einem Quadrat anzuordnen und dann Beziehungen zwischen diesen Arten
kategorischer Urteile herzustellen und zu benennen:
SaP⟷SeP
konträr
SaP⟷SoP
SeP⟷SiP
kontradiktorisch
SiP⟷SoP
subkonträr
SaP→SiP
SeP→SoP
subaltern
Vgl. Quine 1988:104–109, Ueberweg 1882:219–221
Das logische Quadrat sieht dann so aus:
https://1drv.ms/u/s!AhSmXwQDkCvag_14qPxtgZ_RatyZLA
Diese kategorischen Urteile können mit den Mitteln der Aussagenlogik nicht
adäquat wiedergegeben werden. Das ist erst mit der Prädikatenlogik möglich,
die atomare Aussagen noch einmal in ihre Bestandteile zerlegt und in diesem
Zusammenhang auch Quantoren einführt. a, e, i und o würden dann
folgendermaßen formalisiert:
SaP wird zu ∀(x)(S(x)→P(x))
»Für alle x gilt: Wenn x ein Schwan ist, dann ist x weiß.«
SeP wird zu ∀(x)(S(x)→¬P(x))
»Für alle x gilt: Wenn x ein Schwan ist, dann ist x nicht weiß.«
SiP wird zu ∃(x)(S(x)⋀P(x))
»Es gibt ein x, für das gilt: x ist ein Schwan und x ist weiß.«
SoP wird zu ∃(x)(S(x)⋀¬P(x))
»Es gibt ein x, für das gilt: x ist ein Schwan und x ist nicht weiß.«
Das bedeutet auch, dass es erst in der Prädikatenlogik zu dem kommt, was
Quine »offene Sätze« nennt, also Sätze, in denen freie Variablen (wie x)
vorkommen. Offene Sätze im Sinne von Quine sind genau genommen keine Sätze
bzw. Aussagen. Zum Beispiel wird aus dem offenen Satz
x ist Lehrer.
erst dann eine Aussage, wenn für x etwas eingesetzt wird, zum Beispiel
»Klaus Müller«:
Klaus Müller ist Lehrer.
Erst durch diese Ersetzung bekommen wir einen Satz, der wahr oder falsch
sein kann, also eine Aussage.
Vgl. dazu z.B. Quine 1988:121–134
# Schluss bzw. schließen
In der klassischen Logik wurden mittels kategorischer Urteile Schlussfiguren
(Syllogismen) zusammengebaut, bei denen immer von zwei Prämissen (Major und
Minor) auf eine Konklusion geschlossen wurde. Die verschiedenen
Schlussfiguren wurden dann benannt (vgl. Ueberweg 1882:393). Zum Beispiel
ist Barbara der Schuss von zwei positiven Allaussagen auf eine positive
Allaussage, also aaa. Etwas genauer sieht Barbara so aus:
SaM
MaP
---
SaP
Dabei steht S für »Subjekt«, M für »Mittelbegriff« und P für »Prädikat«.
Dabei sollte man sich von der grammatischen Bedeutung der Bezeichnungen
»Subjekt« und »Prädikat« lösen (obwohl sie ersichtlich daher stammen) und
einfach von irgendwelchen Begriffen ausgehen.
Beispiel für einen Barbara-Syllogismus:
Alle Menschen sind Lebewesen.
Alle Lebewesen sind sterblich.
------------------------------
Also: Alle Menschen sind sterblich.
Vgl. dazu z.B. Quine 1988:109–120
In der modernen Aussagenlogik wird die Methode, von Prämissen auf eine
Konklusion zu schließen, übernommen und in gewisser Weise erweitert,
nämlich indem Kettenschlüsse zugelassen werden, bei denen eine Konklusion
wieder zu einer Prämisse werden kann. Logisch wahre (tautologische) Terme
werden »Gesetze« genannt und als Schussregeln benutzt. Dadurch entstehen
aussagenlogische Ableitungen. Ein einfaches Beispiel, das nur zwei Gesetze
benutzt, die ich nach dem Beispiel aufführe, ist folgendes:
A: Die Sonne steht im Zenit
B: Die Schatten sind so lang, wie die Objekte, die sie werfen.
1 A⟷B | Prämisse
2 A | Prämisse
3 A→B | D(S) 1
4 B | PP 2,3
(Das Beispiel habe ich, etwas verändert, aus Soreth 1992:31 entnommen.)
D(S)
Simplifikation der Doppelimplikation
((A→B)⋀(B→A))⟷(A⟷B)
Daraus folgt:
(A⟷B)→(A→B)
(A⟷B)→(B→A)
Vgl. Soreth 1992:31
PP
Modus ponendo ponens
((A→B)⋀(A))→(B)
Vgl. Soreth 1992:21
Soweit an dieser Stelle. Ich hoffe, dass das für die Diskussion irgendwie
hilfreich ist.
Viele Grüße
Marcus
# Literatur
Quine, Willard Van Orman, (6)1988: Grundzüge der Logik. (= stw 65) Frankfurt
am Main: Suhrkamp
Soreth, Marion, 1999: Kleine Einführung in die Aussagenlogik mit Aufgaben
und Lösungen. Köln: P & P
Ueberweg, Friedrich, (5)1882: System der Logik und Geschichte der logischen
Lehren. Bonn: Adolph Marcus
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