Ulrich D i e z <
ud.usenetco...@web.de> schrieb:
> Am 17.09.23 um 10:43 schrieb Martin Vaeth:
>
>> Nur darf man Wahrheiten über Didaktik in dieser Newsgruppe
>> nicht ansprechen, weil die einen einen sonst sofort als
>> Narren beschimpfen, der sich lächerlich macht, indem er
>> leicht überprüfbare Wahrheiten behauptet und ihm vorwerfen,
>> die heutige Jugend schlechtreden zu wollen,
>
> Wieso die Jugend?
>
> Die Jugend steht nicht in der Verantwortung für didaktische
> Gepflogenheiten. Sondern sie ist ihnen ausgesetzt.
Richtig. Deswegen ist der Vorwurf ja so absurd.
> Es stellt sich zudem die Frage, wie didaktisch Innovatives früher
> gestaltet worden wäre, wenn es früher z.B. im Textsatz und im
> Druckereiwesen und mit den heutigen neuen Medien die technischen
> Möglichkeiten von heute gegeben hätte.
Die gab es schon längst, als viele (noch) gute Lehrbücher
geschrieben wurden. Ich empfehle nochmals die Videos von Krötz,
in denen er sehr viele Beispiele alter und neuer Lehrbücher
bringt, sowohl was Einführung von Begriffen als auch sehr
viele Beispiele von Aufgaben betrifft.
> Aber wenn mich die Großnichte beim Schularbeitenmachen anbetrachts der
> Textaufgabe, bei der es darum geht, dass statt Schüler/in S_1 und
> Schüler/in S_2 eben Erika und Ayse im Bäckerladen einkaufen (, die sich
> ihre Namen, weil sie beide fiktiv sind, nicht selbst ausgesucht haben)
Das Problem ist weniger die Wahl der Namen, sondern vielmehr der
*sprachliche* Umfang der Aufgaben: Statt exakter und knapper
Formulierungen über den mathematisch relevanten Teil wird über
viele Absätze herumgelabert und die wichtigen Informationen
gezielt versteckt. Es sind eben eher die sprachlichen Fähigkeiten
der Schüler als die mathematischen gefordert. Für Kinder mit
Deutsch als Zweitsprache ist das eine Katastrophe, ebenso für
mathematisch begabte Kinder, denen das Herumlabern nicht liegt.
> oder bei anderer Gelegenheit heulend und schreiend ihren
> Tablet-Computer an die Wand wirft und meint, dass das Gerät
> sie terrorisiert, weil es so viel gleichzeitig macht, dass
> man sich beim Denken nicht konzentrieren kann
Auch darüber wird in den Krötz-Videos viel geredet. Die
Abschaffung des Frontal-Unterrichts ist eben eine weitere
Katastrophe neben der Abschaffung der guten Lehrbücher
und eines guten Lehrplans.
> dann beschleicht mich das Gefühl, dass es nicht nur
> an meiner eigenen Art liegt, die Dinge wahrzunehmen und zu
> beurteilen.
Ausnahmslos jeder, den ich kenne, der sieht, wie es aktuell
an den Schulen vor sich geht (und mathematisch gebildet
genug ist), machte bislang die selbe Beobachtung.
>> So ehrenvoll sozialpolitische, demokratische und
>> nicht-diskriminierende Erziehung an der Schule ist:
>> Sie ist vollkommen orthogonal zu
>> mathematisch-naturwissenschaftlicher Ausbildung,
>
> Was meinst du hier mit orthogonal?
Das hatte ich in einem anderen Posting länger erklärt,
als jemand spaßeshalber "antatonistische" vorschlug
(was ich aber natürlich gerade nicht meinte).
Dort habe ich auch eine andere Bedeutung des Worts im
mathematischen Sinne genannt - es heißt mathematisch
nicht unbedingt nur "rechtwinklig" sondern auch so
etwas wie "disjunkt". Grob gesprochen: Es sind
verschiedene Dinge, die nicht viel miteinander zu
tun haben. (Vielleicht benutzt man das Wort wirklich
nur im Englischen in dieser Bedeutung?)
> Mathematik ist etwas, was manche Geister auch wegen
> der ihr innewohnenden "Forderung der Strenge", wie
> es in der Einleitung des Mangoldt-Knopp formuliert
> ist, anziehend finden
Das ist unter den Didaktikern heftig verpönt und
genau einer der Gründe, weshalb die Begriffe in
den Lehrbüchern nur noch wischi-waschi eingeführt
und die Aufgaben so unklar formuliert werden:
Das ist Absicht und das Konzept der neuen
Mathematik-Didaktiker. Dazu muss man wissen, dass
Mathematik-Didaktik-Professuren seit geraumer Zeit
bewusst durch Leuten besetzt werde, die keinerlei
Mathematik-Kenntnisse haben.
Genau deswegen richten sich die Vorwürfe von Krötz,
Lemmermeyer und anderen Mathematikern eben hauptsächlich
an diese Mathematik-Didaktiker. Politiker lassen sich aber
naturgemäß von letzeren treiben, vor allem eben solche,
die Du unten beschreibst.
> Ich sehe darin, solche Dinge anziehend zu finden, und gleichzeitig
> auch manches sozialpolitisches, demokratisches und auf angemessenen
> Umgang mit der Würde des Menschen gerichtetes Gedankengut anziehend
> zu finden, nicht notwendigerweise einen Widerspruch.
Ganz genau deswegen habe ich den Begriff "orthogonal"
benutzt: Das eine steht dem anderen nicht im Wege.
> So manche Politiker/innen jedweder politischen Ausrichtung [...]
> Insbesondere solche, die propagieren, Präzision und Schärfe im Denken
> durch Wischi-Waschi zu ersetzen sei ein Zeichen für echte Offenheit
> (und deshalb dürfe man sich zwecks Pflege des Toleranzgedankens nicht
> mehr darauf kaprizieren, bei Mathematikaufgaben ab und zu auch richtige
> Ergebnisse zu verlangen)
Hier kommen eben leider die neuen Didaktiker und einige
(schlechte) Politiker zusammen und bilden eine verheerende
Gemeinschaft für die mathematische Bildung.
> Letztere Leute gibt es zwar, anscheinend auch an manchen Stellen der
> bildungspolitischen Landschaft, und es geht aufmerksamkeitserregend
> durch die Medien, aber ich sehe da derzeit noch keinen echten Mainstream.
Bayern ist eben (noch) ein Trost, obwohl es da auch
schlechter wird. In der Schweiz beobachte ich derzeit,
wie ebenfalls der Abwärtstrend los geht. Dort ist es
allerdings anscheinend derzeit noch am besten.
> Aber die Medien suggerieren manchmal größere Ausmaße als bei
> Erscheinungen tatsächlich da sind.
Das hatte ich auch erst gehofft, bis ich Krötz' Videos sah
und daraufhin mit mehreren alten Kollegen sprach, die leider
alles bestätigten.
> Dass ich mich überhaupt in Gedanken an letztere Leute ergehe,
> könnte von daher auch ein Ausfluss des "I'm so worried"-Syndroms
> sein, das schon von Monty Python im gleichnamigen Song auf die
> Schippe genommen wurde.
Wer eigene Kinder hat, ist ein Betroffener. Wie meine
frühere Freundin, die "dank" des ohne sorgfältige
Untersuchungen in ihrem Bundesland global eingeführten
"Schreiben nach Gehör"-Unsinns - der i.W. auch auf die
Kopfgeburten ein paar neuer Didaktiker zurückgeht -
jetzt schauen kann, wie sie ihren praktisch
analphabetischen Kinder durch Zusatzunterricht zumindest
halbwegs Lesen und Rechtschreibung beibringen kann; und
damit ist sie nicht alleine. Eine halbe Generation wird
wohl dauerhaft keine Rechtschreibung mehr lernen, wie
jeder ahnt, der mal in die "sozialen" Netzwerke schaut.
Das haben wir u.a. dem oben erwähnten Unsnin zu verdanken.
Man sollte eine Entschuldigung und Rücktritt der dafür
verantwortlichen Politiker und Didaktiker erwarten,
aber da kann man natürlich lange warten.
> Die Leute sitzen ganztags, von morgens bis abends, in der Schule und
> haben als "Dauerbeschallung" das Schulprogramm und die damit verbundenen
> Dynamiken um sich - auch deswegen, weil die Eltern für den Lebensunterhalt
> der Familie arbeiten müssen und die Kinder während dieser Zeit in der
> Schule verwahrt sind.
Auch ein Thema bei Krötz: Das Problem ist weniger, dass die
Eltern wollen, dass die Kinder ganztags verwahrt werden
(dafür gäbe es jetzt wie früher auch andere Einrichtungen),
sondern dass sich der Wahnsinn etabliert hat, die Kinder
wie Erwachsene 40 Stunden die Woche fordern zu wollen.
Das ist nicht kindgerecht und bringt auch inhaltlich nichts.
> Ich hatte nicht jeden Nachmittag Schule
Ja, definitiv etwas, zu dem wir ebenfalls wieder kommen müssen.
> Je mehr Zeit die Kinder in der Schule verbringen, desto weniger Zeit
> können sie Zuhause mit Üben/Verinnerlichen von Schulwissen verbringen.
Hausaufgaben werden ja mehr und mehr abgeschafft. Das hat
natürlich auch gute Seiten und gibt den Kindern mehr
Freiraum. Wenn der durch mehr Unterricht verschwindet,
geht diese positive Wirkung natürlich verloren.
> Aber da müssen sich die Leute im häuslichen
> Umfeld mit kümmern, z.B. darauf achten, dass der Zögling auf dem
> Hosenboden sitzenbleibt, bis die Aufgaben gemacht sind.
Ja, das sind eben die Nachteile der Hausaufgaben: Auf die
Kinder macht das letztlich enormen Druck. Außerdem macht
es eben das Lernen des Kindes zu sehr vom Elternhaus
abhängig, so dass weniger privilegierte Kinder zusätzlich
benachteiligt werden. Wie gesagt: Für die Abschaffung der
Hausaufgaben gibt es schon gute Argumente.
> In der Interaktion im häuslichen Umfeld sind Dinge möglich, die im
> schulischen Umfeld nicht angebracht sind.
Wenn die Eltern reich und bildungs-affin sind und
entsprechend viel Zeit haben und sich diese nehmen.
Will man aber nicht eher eine Schule, in der alle Kinder
vergleichbare Chancen haben? Deutschland ist schon seit
jeher das Land, in dem die Bildungschancen so sehr vom
Elternhaus abhängen, wie in keinem anderen Land.
> Ein Zusammenspiel dieser "drei Säulen" ist meiner Ansicht nach nicht
> generell abzulehnen, sondern könnte auch "befruchtend" wirken.
Nein, dazu sind sie inhaltlich zu verschieden. Das hat man
schon zu meiner Zeit versucht - zumindest mit der sprachlichen
und politischen Säule - und es hat schlichtweg nicht
funktioniert. Solange sich das - wie bei mir - nur um ein
paar Berührpunkte handelt, hat es aber nicht viel geschadet.
Das Ausmaß, in dem jetzt die Mathematik okkupiert wird, ist
aber ein ganz anderes.
> Ich fand es früher als Schüler schon nett, wenn die selben Lehrer, die
> über die Segnungen des Gedankens an fächerübergreifende Aspekte der
> Unterrichtsgestaltung schwadronieren konnten, ein paar Atemzüge
> später die Wichtigkeit anderer Fachrichtungen als der ihren fröhlich
> relativieren und kleinreden konnten.
Du überschätzt die Freiheit, die Lehrer heutzutage (nicht mehr) haben.
Das ist auch einer der Punkte aus Krötz-Videos' Videos: War früher der
Kernlehrplan ein paar Seiten, den besonders die erfahrenen Lehrer
leicht mit Leben füllen konnten, wird heutzutage in hunderten von
Seiten dem Lehrer praktisch jede Unterrichtsstunde haarklein
oktruiert.
> Sie schleppten Gesundheitsapostel in die Schule [...]
Für so etwas gäbe es heutzutage keine Zeit (und Erlaubnis) mehr.
Vor allem ersteres ist erschreckend, wo die Schüler jetzt doch
schon bis zum Abend durchgehend Unterricht haben.