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Über das Aufkommen der engen Schornsteine in der Biedermeierzeit: der russische Kamin und Andeutungen zu seiner Geschichte

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Karl-Ludwig Diehl

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Jun 9, 2008, 10:59:02 AM6/9/08
to

Über das Aufkommen der engen Schornsteine in der
Biedermeierzeit: der russische Kamin und Andeutungen
zu seiner Geschichte

Bei Durchsicht der Archivalien des Stadtarchivs von Mon-
tabaur fielen mir Bauakten der preußischen Zeit des
Westerwaldes in die Hände, die noch Baupläne enthiel-
ten. Sie sind eingenäht und lassen sich nur sehr schwie-
rig bearbeiten, da ein Auseinanderfalten die Baupläne
zerstören kann. Den Beilagen zu den Baugenehmigungs-
verfahren ist zu entnehmen, daß im späten 19.Jahrhun-
dert sehr viele Bauanträge eingereicht wurden, die da-
rauf abzielten, die Erlaubnis zum Einbau eines russi-
schen Kamins zu erhalten. Das Wort "russischer Kamin"
gab mir Rätsel auf. Bei ersten Recherchen kam heraus,
daß einfach nur enge Kamine damit gemeint sind, die
einen besseren Rauchabzug als weite Kamine boten.

Das von mir in der Kreuzkapelle in Montabaur unterge-
brachte Deutsche Gewölbemuseum betrat eines Tages
ein älterer Herr, der sich interessiert die Ausstellung an-
sah und dann eine Unterhaltung mit mir aufnahm. Er
stellte sich mir als ehemaliger Schornsteinfegemeister
vor, der noch die weiten Kamine gereinigt hatte, die vor
dem Aufkommen der sogenannten "russischen Kamine"
allgemein üblich waren. Etliche waren also noch im
Westerwald des 20.Jahrhunderts in Gebrauch. Man
musste das Innere dieser weiten Schornsteine bestei-
gen, um sie zu reinigen und auf Feuersicherheit zu prü-
fen. Es sei eine eklige und gesundheitsschädliche Ar-
beit gewesen, besonders dann, als Ölöfen aufgekommen
seien. Die engen Schornsteine seien wahrhaftig ein Se-
gen gewesen. Aber es habe lange Zeit gebraucht, bis
sie überall durchgesetzt waren.

Aus der Biedermeierzeit gibt es dazu einen Bericht:

"Die sogenannten russischen Schornsteine, welche
ihres geringen Querdurchschnittes halber nicht von
dem Schornsteinfeger bestiegen, sondern mittelst ei-
nes Reisigbündels oder einer Bürste, an Leinen gebun-
den, gereinigt werden, sind in neuerer Zeit auch in Mit-
tel- und Süddeutschland mit Vortheil in Anwendung
gebracht worden." (1)

Dieser Aufsatz, aus dem zitiert wird, erschien 1836.
Wenn darin geschildert wird, man habe "in neuerer
Zeit" diese engen Schornsteine auch in Mittel- und
Süddeutschland zum Einsatz gebracht, so sind das
bis zu den Bauanträgen, die ich im Stadtarchiv in
Montabaur einsah, sehr viele Jahrzehnte. Der "russi-
sche Kamin" hatte also am Ende des 19.Jahrhunderts
bereits eine sehr lange Geschichte. Man fragt sich,
wieso er so heißt und seit wann es diese engen Ka-
mine gibt. Auch muß herausgefunden werden, wie
solche engen Kamine im Lauf der Zeit gebaut und
immerzu verbessert wurden. Es muß sich ja eigent-
lich so verhalten, daß die Bautechnik des Kaminbaus
eine wissenschaftliche Bearbeitung erfuhr, die zusam-
men mit der Entwicklung des Ofenbaus zu Verbes-
serungen führen sollte. Diese Wissenschaft muß sich
ebenfalls dauernd modernisiert haben, um zu besseren
Öfen, Beheizungssystemen und Kaminen zu führen.
Der Text vom Jahre 1836 wird also kaum vereinzelt
dastehen, sondern mit dem Werdegang des Kaminbaus
muß eine Literatur der fachlichen Auseinandersetzung
einhergehen. Diese Literatur ist aufzuspüren. Zum
russischen Kamin wird gesagt:

"Durch den lebhaften Zug, den ein solcher Schornstein
hat, wird auch bei ungünstiger Witterung das Rauchen
der Ofenfeuerungen mehrentheils verhütet, ja es sind
uns mehrere Fälle bekannt, wo alle sonstigen Mittel
fehlschlugen, gewöhnlichen Schornsteinen das Rau-
chen zu benehmen, und wo nur nach deren Umände-
rung in enge Schornsteine dieser Uebelstand beseitigt
wurde." (2)

Geutebrück mutmaßt zum südlichen Deutschland:

"Bei genannten Vortheilen, die diese Bauart der Schorn-
steine bisher gewährte, war zu verwundern, daß sie erst
in neuerer Zeit, meines Wissens seit kaum 20 Jahren,
im südlicheren Deutschland zur Sprache und Anwen-
dung gebracht wurde, während sie längst schon in Po-
len, Rußland, Schweden und England, und selbst im
Holsteinischen und in Nieder-Sachsen, auch in Sieben-
bürgen in Gebrauch gewesen sein soll." (3)

Das sagt nun, daß bereits vor der Einführung des russi-
schen Kamins; im südlicheren Deutschland um 1816,
er anderswo schon länger üblich war. Das Gebiet,
wo das der Fall war, ist reichlich groß. Ein anderer Teil
des Aufsatzes nennt dies:

"Nicht unwichtig war mir /.../ die Entdeckung, daß der-
gleichen Schornsteine bereits im Mittelalter in Ober-
Sachsen bekannt und angewendet wurden, indem sie
sich bei Gelegenheit mehrerer im Sommer 1836 vorge-
nommenen Reparaturen und Veränderungen an einem
Universitäts-Gebäude zu Leipzig vorfanden." (4)

Nun wird es sich bei diesem Kamin nicht, so steht zu
vermuten, um einen "russischen Kamin" handeln,
sondern der Autor wird darauf abheben, es sei ein
"deutscher Kamin", der dem "russischen Kamin" vo-
rausging. Aber man muß abwarten, wie Geutebrück sei-
nen Aufsatz zu Ende bringt. Wie sich erfreulicherweise
herausstellt, bildete er einen solchen Gegensatz nicht
heraus, sondern verweist nur darauf, es könne so sein,
daß durch ein Verbot der Bau enger Kamine unter-
drückt worden sei, denn man habe noch an anderer
Stelle, "bei einem sehr alten Bürgerhause Leipzigs",
einen ähnlichen engen Kamin vorgefunden. Er ver-
mutete Kaminbrände wegen unsachgemäßer Führung
enger Kamine, fand aber bei den Überresten enger
Kamine keine Hinweise auf schädliche Ablagerungen,
die zu Kaminbränden hätten führen können.

Geutebrück, dem keine Hausforschung zur Seite stand,
sondern auf dergleichen eher durch Zufall stieß, wünsch-
te sich eine genauere baugeschichtliche Erforschung
des Schornsteinbaus. Es sei auch notwendig, dazu
Wissen zu erlangen, was in Frankreich und Italien
an Schornsteinen gebaut worden ist. Dort waren
in der Biedermeierzeit Kamine in Gebrauch, "welche
gewöhnlich mehr lang als breit, ungefähr 20 bis 25
Centimeter, und 50 bis 60 Centimeter im lichten
Querschnitt messen." (5)

Auch wunderte er sich, wie man in den "russisch-
deutschen Provinzen" mit dem engen Kamin umging,
als er nachforschte:

"Ferner habe ich in Erfahrung, daß, obgleich diese
Schornsteinart in den russisch-deutschen Provinzen
die allgemein gebräuchliche gewesen sei, man doch
bei Neubauten, namentlich in dem ersten Jahrzehend
dieses Jahrhundertes, nicht diese, sondern die weiten
Schornsteine angewendet habe." (6)

Es muß also ein Widerstreit der Meinungen existiert
haben, der einerseits zu engen Kaminen führte, ande-
rerseits dazu Anlaß gab, daß enge Kamine außer Ge-
brauch kamen. Geutebrück wünschte sich sehr genau-
en Aufschluß, schon deshalb, weil ihm bewußt war,
welche Fehler beim Bau enger Kamine gemacht wer-
den können. So dürfen keine Knicke der Schornstein-
führung gemauert werden, die ein Reinigen des Schorn-
steines verunmöglichen.

Doch zurück zu dem ältesten engen Kamin, auf den
er in Leipzig gestoßen war:

"Aller Wahrscheinlichkeit nach war das Gebäude, von
dem hier die Rede ist, das erste der Klostergebäude,
welche auf der Stelle, und wie sich bei Aufgrabungen
zeigte, zum Theil auf den Grundmauern eines im Jahre
1217, folg. von dem Markgrafen zu Meißen, Dietrich
dem Bedrängten, erbauten, im Jahre 1225 aber von
den Bürgern wiederum niedergerissenen Schlosses
errichtet wurden." (7)

Zum Kloster wird angeführt:

"Dieses Gebäude ist der mittlere Theil des Collegii
Paulini, das seinen Namen und Ursprung Dominika-
ner-Mönchen zu danken hat, welche, aus Grimma
nach Leipzig eingewandert, im Jahre 1229 ein Kloster
nebst Kirche erbauten, welche dem heiligen Paulus
gewidmet wurden." (8)

Dominikanermönche bauten also in so früher Zeit
bereits enge Kamine, die am Ende des 19.Jahrhun-
derts als "russische Kamine" im Westerwald ein-
geführt wurden. Dazwischen liegt eine sehr lange Bau-
geschichte, zu der mehr gewußt werden sollte.

K.L.

Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in
http://groups.google.com/group/de.sci.architektur
und
http://groups.google.com/group/de.sci.ing.misc
zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende
Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de

Anmerkungen:
(1)-(2) zitiert aus: Geutebrück (Leipzig): Beitrag zur
Geschichte der engen oder sogenannten russischen
Schornsteine. S.414-416 in: Allgemeine Bauzeitung.
Wien, 1836. S.414
(3) zitiert aus: Geutebrück, wie vor, S.414f.
(4) zitiert aus: Geutebrück, wie vor, S.415
(5) siehe genauer bei: Geutebrück, wie vor, S.416
(6) zitiert aus: Geutebrück, wie vor, S.416
(7)-(8) zitiert aus: Geutebrück, wie vor, S.415

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