Am 24.03.21 um 22:27 schrieb Thorsten Klein:
> Benutzt Ihr in der Wohnung/Haus Überspannungsableiter? Ich habe derzeit,
> zum Schutz meiner Endgeräte und weil ich noch zur Miete wohne,
> Mehrfachsteckdosen mit Überspannungsschutz.
Ich will es mal so formulieren:
mir ist noch /nie/ ein Fall zu Ohren gekommen, wo derlei Steckdosen mit
Feinschutz irgendeinen Nutzen gestiftet hätten.
Dafür kenne ich hunderte von Fällen, wo ohne einen solchen Schutz kein
Gerät einen Überspannungsschaden erlitten hat, über Jahrzehnte.
Und ich kenne natürlich auch Fälle, wo Überspannungsschäden aufgetreten
sind. Diese hatten aber ausnahmslos Dimensionen, wo der Feinschutz nicht
das geringste bewirkt hätte.
Am häufigsten kamen die Schaden gar nicht über die niederohmige und
moderat gut geschützte Netzteile in die Geräte, sondern über separat
verlegte Daten bzw. Signalleitungen (Telefonanlage, DSL, Kabel-TV etc.).
Dabei oft auch nicht über leicht aufzuhaltende Differenzspannungen,
sondern als Common-Mode im niederohmigen Kabelschirm - wohl dem der
UTP-Kabel hat, die dagegen immun sind.
Hingegen sind mir Fälle zu Ohren gekommen, wo die Schutzfilter in den
Steckdosen Brände ausgelöst haben, allerdings nicht in meinem direktem
Umfeld, insofern keine statistische Signifikanz.
Feinschutz in der Stromleitung ergibt ohne Grob- und Mittelschutz keine
Sinn.
Und selbst alle drei zusammen schützen auch kein Gerät, dass noch andere
elektrischen Verbindungen zur Außenwelt besitzt. Auch dann nicht wenn
diese selbst geschützt sind.
Nur wenn /alle/ Verbindungen zur Außenwelt /an einer Stelle/ geschützt
sind, oder aber alle Anschlüsse hinreichend immun gegen Common-Mode
Störungen sind (selten), dann ergibt sich ein erwähnenswerter Schutz.
Der größte Feind des Überspannungsschutzes ist ein vermaschter
Potentialausgleich, der sich auch über dünnere Datenleitungen erstreckt.
Also irgendwelche Querverbindungen zwischen verschiedenen Geräten, weit
ab der PE-Verbindung über die Hauserdung. Diese Leiterschleifen wirken
wie riesige Antennen, die auch die EM-Felder weiter entfernter Blitze
noch einfangen können. Dabei tritt der Spannungsabfall natürlich
bevorzugt am dünnsten Kabel auf. Also z.B. den Netzwerkkabel und der
Leiterbahn zum Schirm der Buchse. Die kann es dabei zerlegen oder sie
können zumindest an unerwarteten Stellen der Schaltung
Spannungsdifferenzen von wenigen Volt erzeugen, die die Absolut Maximum
Ratings der Chips übersteigen und z.B. die Substratdioden der Chips öffnen.
Und selbst wenn es kein EM-Feld zu empfangen gibt, Würde eine
Common-Mode Überspannung auf dem TV-Kabel über den Weg
TV-AV-Receiver-Computer oder TV-Netzwerkkabel-Computer oder
DSL-Netzwerkkabel-Computer in alle möglichen Geräte finden und auf
ähnliche Weise Schaden stiften.
DSL ist nach meiner Erfahrung besonders oft beteiligt, da es im
Gegensatz zu TV-Kabel üblicherweise nicht mit dem Flächenerder verbunden
wird.
Kurzum den wirksamsten Blitzschutz erreicht man, indem man darauf
achtet, keinerlei anfällige Querverbindungen zwischen Geräten die auf
verschiedene Weise mit der Außenwelt außerhalb des Hauses verbunden
sind. Also der WLAN-Router bekommt kein Netzwerkkabel oder allenfalls
UTP. Dann ist man schon mal das gröbste über die Internetleitung (DSL
oder Kabel) los. Wer FTH hat, ist natürlich fein raus, das ist immanent
sicher.
Etwas schwieriger ist die Sache bei TV über Kabel. Aber da ist die
Gefahr auch kleiner (s.o.). Man kann aber zumindest dafür sorgen dass
von dort kein Netzwerkkabel (oder wenigstens nur UTP zum Computernetz führt.
Wenn man weiter entfernte Gebäude oder Wohnungsteile hat (angekabeltes
Garten- oder Nebenhaus oder auch nur Netzwerkkabel vom 5. in den
Keller), sollte man über Glasfaser für die weiten Strecken nachdenken.
Solche Dummheiten wie SAT-Schüsseln auf dem Dach, nur um dem 40000km
entfernten Satelleite etwas näher zu sein, sollte man tunlichst lassen.
Oder, wenn wirklich unvermeidlich, nur in Kombinationen mit dem
empfohlenen Blitzableiter (16mm² Kupfer zum Erder). Es gibt zwar kein
Gesetzt, was letzteres vorschreibt, aber die Brandversicherung kann
andernfalls schon grobe Fahrlässigkeit geltend machen.
Das einzige, was in all diesen halbwegs "haushaltstauglichen" Maßnahmen
nicht vorkommt, sind gewissensberuhigende Steckdosen mit
Überspannungsschutz.
> Aktuell schaue ich mich nach Eigentum um. Dort würde ich das gerne
> besser lösen, z.B. über einen Ableiter in der UV, dann brauche ich das
> an den Steckdosen nicht mehr.
> Sowas gibts. Die, die ich aber bisher gefunden habe, liegen im
> vierstelligen Bereich, die "geschützten Steckdosen" haben nur einen
> Bruchteil davon gekostet.
Nein Du braucht alle 3. Grob für von außen, Mittel in der UV und
Feinschutz ganz hinten bei den Geräten, wenn Du wirklich sicher sein
willst. Aber vor den "echten" Gefahren wie oben erwähnt, schützt das
noch lange nicht. Dafür sind weitere Maßnahmen erforderlich.
Seit die Stromkabel nicht mehr über Dachträger ins Haus kommen, sind
Überspannungsschäden über das Stromnetz zumindest mal sehr selten
geworden. Und wenn doch, sind es oft nicht Blitzeinschläge, sondern
Störungen beim Versorger. Und wenn dann halt mal etwas länger 300V~ auf
der Leitung sind, weil irgendwo eine Verkabelung oder Verschaltung im
Eimer ist, hält das dein tolles Schutzkonzept auch nicht auf, und die
Geräte sind wieder gegrillt.
Am Ende ist die Frage die Verhältnismäßigkeit der Mittel. Es ist einfach
ökonomischer und möglicherweise sogar ökologischer, in den seltenen
Fällen halt mal einiges austauschen zu müssen, als sich mit maximalem
Aufwand gegen das unwahrscheinliche zu sichern und dann vielleicht wegen
eines kleinen Faux-Pas doch alles zu verlieren. Wenn einem die
potentielle Schadenssumme zu hoch ist, löst man das über eine
Versicherung, die selbiges verteilt.
> Wie ist das zu bewerten? Sind die Steckdosendinger eher Mist oder die
> Hutschienentypen zu professionell für meinen Anwendungsfall?
Ja, das ist die bisher beste Zusammenfassung, auch wenn es den Nagel
nicht auf den Kopf trifft, da es sich ja nicht um technisch wirkungslose
Dinge handelt.
Marcel