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Galionsfigur

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Hubert Behrendt

unread,
Jan 17, 2001, 8:43:42 AM1/17/01
to
Guten Tag!

Ob mir hier jemand weiter helfen kann?
Am Bug von Segelschiffen war früher eine Frauenfigur angebracht. Wie begann
dieser Brauch und aus welchem Zeitalter/Kulturkreis stammt er?
Danke!
--
Mit freundlichen Eifeler Grüßen
Hubert Behrendt


Kurt Scheuerer

unread,
Jan 17, 2001, 2:02:20 PM1/17/01
to
Hubert Behrendt <hubert-...@gmx.de> schrieb:

Auf griechischen Schiffen sind Augen beiderseits des Bugs aufgemalt.
Wohl zur Abschreckung böser Meergeister.

Servus, Kurt Scheuerer


Joachim Schmid

unread,
Jan 17, 2001, 3:24:00 PM1/17/01
to
Hubert Behrendt schrieb:

>
> Am Bug von Segelschiffen war früher eine Frauenfigur angebracht. Wie begann
> dieser Brauch und aus welchem Zeitalter/Kulturkreis stammt er?

Den Bug eines Schiffes zu verzieren scheint ein natürliches Bedürfnis
der Seefahrer zu sein. In allen Kulturkreisen und Epochen sind Bugzieren
nachgewiesen, sehr oft im Form von figürlichem Schnitzwerk - meist als
Kopf. Die Motive hierfür dürften eine Mischung aus dekorativer
Gestaltung und religiöser Beschwörung sein. Sicher spielte mitunter auch
die Schaustellung im Kampf erbeuteter Trophäen eine Rolle. Den mitunter
kolportierten Erzählungen, dass deswegen in primitiven Kulturen auch
gefangengenommene Frauen des Gegners an den Bug gebunden worden sein
sollen, kann ich aber keinen Glauben schenken, ich halte sie für
romantische bis erotische Verbrämungen. Als Ursprung der Sitte des
Frauenkopfes als Galionsfigur kommen sie jedenfalls schon wegen der
fehlenden historischen und kulturellen Kontinuität nicht in Betracht.

Quasi-obligatorische Bugzieren existieren auch heute in Form des
Bugwappens und der Bugflagge fort. Auch die nicht in diesem Ausmaß durch
technische Notwendigkeiten verlangte, modisch-ästhetische Gestaltung der
Bugform gehört dazu. Ich verweise auch auf ein derzeit bei der
Meyer-Werft im Bau befindliches Passagierschiff "Radiance Of The Seas",
das am Bug eine vorkragende Plattform nach Muster des Films "Titanic"
erhielt.

Römer und Griechen dekorierten den Schiffsbug mit aufgemalten Augen, und
auch die Bugramme wurde künstlerisch gestaltet. Die ältesten bekannten
Galionsfiguren im europäischen Kulturkreis sind die Drachenköpfe am Bug
der Langsboote der Wikinger. Sie sollten sowohl dem Gegner Furcht
einflößen als auch dem Schiff die Fähigkeit verleihen, sicher den Weg
durch Nebel und Untiefen zu finden.

Die Galionsfigur im heutigen Sinne taucht Mitte des 15. Jh. auf der
iberischen Halbinsel als Schnitzerei im oberen Ende des Stevenbalkens
auf. Hier sind es noch Tier- oder Heiligenköpfe. Der Name selber kommt
vom ursprünglich spanischen Schiffstyp der Galeone aus dem 16. Jh.,
deren typische Bugform mit dem weit ausladenden Scheg eine Dekoration
desselben geradezu herausforderte. Typische Gestaltungsformen waren
beidseitige Schnitzereien im Liegerfutter oder _auf_ das Scheg
aufgesetzte Holzfiguren; typische Motive Löwen, Sagengestalten, Heilige
und Symbole des Landesherrn.

Die heute als Galionsfigur bekannte Gestaltung ergab sich, als Ende des
18. Jh. das Scheg erst hochgebogen und dann wieder mit dem Bugsteven
vereinigt wurde. Man muste nun die Figur unter dasselbe setzen, wo sie
dann auch blieb. Die Verwendung von Frauenfiguren taucht zunächst bei
Handelsschiffen des 18. Jh. auf, bei Kriegsschiffen erscheint sie erst
Anfang des 19. Jh., kann sich dort aber nie durchsetzen.

Joachim

Diedrich Dirks

unread,
Jan 17, 2001, 4:28:32 PM1/17/01
to
Hubert Behrendt:

> Wie begann dieser Brauch und aus welchem Zeitalter/Kulturkreis stammt
> er?

es ist wohl kein bestimmtes Zeitalter und auch kein definierter
Kulturkreis auszumachen, mit dem die Entstehung der Galionsfiguren zu
verbinden wären. "In Nubien fand man 6000 Jahre alte Felszeichnungen,
die Kanus mit Stierköpfen auf den Steven der Boote darstellten.
Offenbar sollten sie die gebrechlichen Fahrzeuge schützen, ist doch der
Stier antikes Symbol der Kraft. Es gab sogar Urstämme, welche die Köpfe
erschlagener Feinde am Steven ihrer Boote als Trophäen befestigten".
(Jochen Brennecke "Geschichte der Seefahrt", Sigloch-Edition)
Weiter wird dort berichtet, daß kretische Schiffe um das Jahr 2000
v.Chr. Fischfiguren an den hohen Bug- oder Heckpfosten führten, und daß
aus der Zeit um 1190 v.Chr. ägyptische Kriegsschiffe bekannt sind, die
einen Löwenkopf auf der vorderen Verlängerung des Kiels trugen.
Weit mehr verbreitet im antiken Mittelmeer und auch im Fernen Osten war
aber wohl das Bemalen des Bugs mit großen Augen, vielleicht, damit die
Schiffe besser ihren Weg fanden.

Und dann schau Dir mal Hägars Schiffe an, ein Drachenkopf schöner als
der andere! ;-)

Diedrich


Wolfram Steinacker

unread,
Jan 18, 2001, 2:39:45 PM1/18/01
to
Hubert Behrendt wrote:

> Am Bug von Segelschiffen war früher eine Frauenfigur angebracht. Wie
> begann dieser Brauch und aus welchem Zeitalter/Kulturkreis stammt er?

"Das Wort Galion hat seinen Ursprung im romanischen Sprachbereich.
Spanisch hieß es 'Galeon' und bezeichnete einen berühmten Schiffstyp des
16. Jh....
Die Galeonen trugen vor dem Bug einen sich nach vorn verjüngenden Anbau,
der zwar bis auf die Galeeren der Antike zurückführt, mit dem aber die
seefahrenden Nationen Nordeuropas erst durch die vor ihren Küsten
kreuzenden Schiffe der "unbesiegbaren" Seemacht Spanien näher bekannt
wurden. Die Bezeichnung für die Schiffe mit diesem charakteristischen
Anbau ging deshalb in der niederländischen und nierderdeutschen Sprache
bald auf den Anbau selbst über, und man nannte ihn 'den', 'die' oder das
'Galion' oder auch 'Galjon'...
Die Form des Schiffsschnabels gab den Seglern eine gefällige
...Seitenansicht, zudem wurde er oft kunstvoll gestaltet und mit
Figuren geschmückt. Um 1630 begann dann die große Zeit der dekorativen
Skulpturen, mit denen die Schiffe von vorn bis achtern überladen wurden.
J.B. Colbert, 1619 bis 1683, Marine-Minister Ludwigs XIV. von 1669-1683,
formulierte die Parole für den Schiffbau dieser Zeit: "Nichts ist
eindrucksvoller, nichts festigt die Majestät eines Königs mehr, als wenn
seine Schiffe den erlesensten Schmuck tragen, den man je auf hoher See
erblickte."... Üppige Phantasie erwachte, Phantasie entfaltete sich,
Prestigedenken machte sich breit. Das Schmuckbedürfnis erreichte Mitte
17. Jh. seinen Höhepunkt. Die frz., eng., und niederländische Marine,
Schiffbauer und Künstler überboten sich in der prachtvollen Gestaltung
der Schiffe, und widmeten sich nicht nur dem Galion, sondern auch der
Außenhaut und insbesondere dem Hinterschiff. der üppige Schmuck erfaßte
den gesamten Heckaufbau im bereich seiner hinteren und seitlichen
Flächen... vergoldete Embleme, Schild mit dem Nationalwappen und dem
Namen des Schiffs, eingerahmt von Figuren und Schiffslaternen,
Häuserfronten gleich mit vergoldeten Giebeln, Engeln, mythischen Tieren
und strammen weiblichen Wesen...
...Aufschluß über die Bedeutung und den Sinn dieser
Dekorationen...(Zit.:) "Auf dem Galion sitzt seine Majestät, der König
Edgar mit seinem Pferd und trampelt auf sieben Königen herum..."
Diese aufregenden Kunstwerke, zum teil vollendet in der Form,
überschritten indessen mehr und mehr die Grenze zum Nutzlosen. Zudem war
der verschwenderische Luxus in vieler Hinsicht störend und von Nachteil:
Die übermäßige Prachtentfaltung kostete sehr viel Geld, die
tonnenschwere Masse des "spazierengefahrenen" Schmuckes ging an Ladung
und Bewaffnung verloren...
...gegen Ende des 17 Jh. setzte sich das Vernünftigere wieder durch...
bis dann im 19. Jh. die funktionslose Pracht ganz verschwand. was von
der Herrlichkeit übrigblieb, waren die Galionsfiguren.
Bugverzierungen hingegen sind älter - so alt wie die Schiffahrt selbst.
Schon die Fahrzeuge der Pharaonen auf dem Nil und die seetüchtigen
ägyptischen Schiffe hatten Bugverzierungen, Nachbildungen von
Tiergestalten...
Auch die Römer verwandten gern Figuren... Und von den Wikingern wissen
wir, daß ihre wohldurchdachten schnellen Langboote oft reichgeschnitzte
Verzierungen an Bug und Steven hatten...
Natürlich reizte es (alle seefahrende Nationen) die Schiffe zu
schmücken, aber der eigentliche Beweggrund war ein anderem die
gefürchteten Unsichtbaren und freilich auch die irdischen feinde sollten
erschreckt, besser noch verschreckt werden...
Erst mit dem Aufkommen des Christentums werden die figürlichen
Beschwörungen der Gewalten und Meeresgeister sanfter...

Doch die größte Zeit der Galionsfiguren begann im 17. Jh. und sie
dauerte bis zum Anfang des 20. Jh... Im 18 Jh. nannte man die
Galionsfigur 'Bild des Schiffes'..."

Alles weitere und noch viel mehr in
K. Reich/M. Pagel, Himmelsbesen über weißen Hunden. Wörter und
Redensarten, Geschichten und Anekdoten - ein Lesebuch für Halbmänner und
erwachsene Leute, die sich vom Schiffsvolk und dem Seewesen deutlichere
begriffe verschaffen wollen - neu ins Gespräch gebracht und erkläret.
Berlin, transpress. VEB Vlg. f. Verkehrswesen, 1984, S. 211ff.

Grüße von
Wolfram


--
Er liebte hauptsächlich die Wörter, die nicht in Wörterbüchern
vorzukommen pflegen. (Lichtenberg)

NVA-Jargon http://netzwoerterbuch.de

Wolfram Steinacker

unread,
Jan 18, 2001, 5:12:01 PM1/18/01
to Wolfram Steinacker

Wolfram Steinacker

unread,
Jan 18, 2001, 5:11:54 PM1/18/01
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