Konstruktion der Wirklichkeit: Die Idee des Radikalen Konstruktivismus
bei Ernst von Glasersfeld
Jemand, der staedtebauliche oder regionale Problemstrukturen ermittelt
und sich daran machen muss, Veraenderungsideen zu entwickeln, muss
Wirklichkeit erfassen und eine neue gestalten. Jedoch was ist
Wirklichkeit? Es lohnt sich für denjenigen, der sich genauer mit dem
auseinandersetzen will, was Wirklichkeit ist, sich in den
Konstruktivismus einzulesen. E.v.Glasersfelds eigener Weg zum
Radikalen Konstruktivismus kann dabei als Anregung dienen, die eigene
Wirklichkeitsauffassung besser zu verstehen. Ein wichtiger Text von
ihm wird hier kurz vorgestellt:
Im Jahre 1997 erschien ein Buch von Ernst von Glasersfeld in deutscher
Übersetzung, das sich mit dem "Radikalen Konstruktivismus"
auseinandersetzt. (1) Es war zwei Jahre zuvor unter dem Titel "Radical
Constructivsm" in London erschienen. Die 10 Kapitel der deutschen
Ausgabe erhielten als Anhang Gespräche mit E.v.Glasersfeld, die an der
Universität Siegen geführt worden waren. Der Autor schreibt selbst
über sein Buch:
"Das erste Kapitel erzählt, wie ich selbst zur konstruktivistischen
Denkweise gefunden habe." (2)
Im zweiten Kapitel trug E.v.Glasersfeld zusammen, was er in der
westlichen Philosophie auffand und als Ideengut angesehen werden kann,
das dem Konstruktivismus vorausging und ganz ähnliche Denkansätze
bietet. Er formuliert außerdem:
"Das dritte, vierte und fünfte Kapitel erläutern meine Interpretation
Piagets und stellen dar, wie einige der von mir in früheren Arbeiten
entwickelten Ideen zur Begriffsanalyse verschmolzen sind." (3)
Es entsteht der Eindruck, daß Piaget bei E.v.Glasersfeld den tiefsten
Eindruck von den vielen Autoren hinterlassen hat, die er gelesen
hatte, um zu einer eigenen Erkenntnistheorie zu gelangen.
"Das sechste, das siebte und das achte Kapitel beschreiben Modelle,
die mir wesentliche Bausteine des konstruktivistischen Gebäudes zu
sein scheinen: den Begriff des Ich, die Funktion der Sprache sowie die
Begriffe der Information und der Regelung, wie sie in der Kybernetik
entwickelt worden sind." (4)
Man erfährt also etwas von den Bausteinen des konstruktivistischen
Bauwerkes.
"Das neunte Kapitel beschreibt ein hypothetisches Modell der Erzeugung
von Einheiten, Vielheiten und Zahlen." (5)
Dieser Textabschnitt beruht auf Erfahrungen im Umgang mit Kindern, bei
denen sich arithmetische Begriffe herausbilden sollten. Das zehnte
Kapitel behandelt Themen aus dem Bereich der Erziehung. Dazu schreibt
er:
"Das zehnte Kapitel hat mir die größten Schwierigkeiten bereitet, denn
im Bereich der Erziehung fühle ich mich weniger zu Hause als in den
anderen Disziplinen, in die ich mich eingeschlichen habe. Es ist
ebenso persönlich gehalten wie das erste Kapitel." (6)
Wer sein Buch gelesen hat, soll in die Lage versetzt sein, den "echten
Konstruktivismus" zu erkennen, wenn er Literatur auswertet.
Ernst von Glasersfeld beginnt sein erstes Kapitel im Buch mit der
Frage: "Was ist Radikaler Konstruktivismus?" (7) Und er beantwortet
diese Frage so:
"Der Radikale Konstruktivismus beruht auf der Annahme, daß alles
Wissen, wie immer man es definieren mag, nur in den Köpfen von
Menschen existiert und daß das denkende Subjekt sein Wissen nur auf
der Grundlage eigener Erfahrungen konstruieren kann." (8)
Die Welt ist also in uns und aus der Erfahrung aufgebaut worden. Nur
in ihr leben wir bewußt, meint E.v.Glasersfeld. So lebe jeder in
seiner von ihm selbst konstruierten eigenen Welt. Und wenn man diesen
Standpunkt ernst nimmt, sei man sicher sehr schockiert. Aber es sei
so:
"Aus konstruktivistischer Sicht kann kein Subjekt die Grenzen seiner
individuellen Erfahrung überschreiten." (9)
Aus diesem Grunde stellt er sehr subjektiv dar, wie er zum Radikalen
Konstruktivismus gekommen ist.
Er habe schon sehr früh Probleme mit "dem Begriff der Realität"
gehabt, weil er mehrsprachig aufgewachsen sei. Sein Vater war im
diplomatischen Dienst und Fremdsprachen, die jeweils zu erlernen
waren, prägten das Leben des Kindes. Da jede Sprache etwas anders
funktioniert, wurde ihm rasch klar, daß sich mit jeder neuen Sprache
eine eigene kulturelle Dimension verband, die in Erfahrung zu bringen
war. Das Sprachenlernen
"verlangte eine neue Art des Sehens, Fühlens, und somit eine neue Art,
Erfahrung begrifflich zu fassen." (10)
Als er sich in Zürich zum Mathematikstudium einschrieb, blieb ihm kaum
Zeit zum Studium, weil die Wirtschaftskrise vor dem 2.Weltkrieg die
finanziellen Mittel seines Vater einschränkte. E.v.Glasersfeld mußte
sich nach Wien begeben, um weiterzustudieren, wo ihm die
Nationalsozialisten überall, auch an der Hochschule, begegneten. Als
er eine Arbeit als Skilehrer in Australien wahrnehmen konnte, verließ
er rasch das Land. Als bleibenden Eindruck von der Universität in Wien
nahm er die Kenntnisse der Arbeiten von Sigmund Freud und der
Schriften Wittgensteins mit. Das Buch "Traumdeutung" von Freud und der
Text "Tractatus" von Wittgenstein wurden zum Auslöser der
Beschäftigung mit der Psychologie. Ihm wurde bewusst, daß wir als
Menschen keinen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit haben.
Nach seinem Australienaufenthalt fand sich E.v.Glasersfeld mit seiner
Frau in Dublin wieder, wohin er kurz vor dem Kriegsbeginn ausgewich.
Er bewirtschaftete mit einem Freund einen Bauernhof und las, wenn ihm
dazu Zeit blieb, philosophische Werke. Er setzte sich mit der
Abhandlung "Of the Principles of Human Knowledge", im Jahre 1710 von
Berkeley herausgegeben, auseinander, dem bewußt geworden war,
"daß das Wort Existenz für ihn jenseits des Bereichs seiner Erfahrung
keinerlei Sinn hat." (11)
"Finnegans Wake", dieses Wortspielwerk von James Joyce, erschien 1939
und bot für E.v.Glasersfeld Anlaß, einen Arbeitskreis zur Enträtselung
der Wortspiele ins Leben zu rufen, der aber nur sehr kurze Zeit
bestand. Wichtig wurde im Text von Joyce ein Hinweis auf den
neapolitanischen Philosophen Giambattista Vico, der im 18.Jahrhundert
tätig war. E.v.Glasersfeld ging auf die Suche und entdeckte in der
Public Library von Dublin dessen Schrift "Scienza Nuova", die 1744
herausgekommen war. Er machte sich daran, den italienischen Text
durchzuarbeiten. Doch eine andere Schrift von diesem Autor wurde für
ihn wichtiger:
"Erst sehr viel später las ich Vicos erkenntnistheoretische Abhandlung
(1710), die eine erste explizite Formulierung des Konstruktivismus
darstellt." (12)
Als der Krieg endlich vorbei war, ergab sich die Gelegenheit, die Farm
in Irland aufzugeben, um über Paris und die Schweiz nach Meran in
Norditalien zu gehen, wo sich eine Bekanntschaft mit dem
Musikwissenschaftler Silvio Ceccato als wichtig erwies. Dieser war
lange Jahre grundsätzlichen Fragen in der philosophischen Literatur
nachgegangen, doch mit all den Werken unzufrieden geblieben.
Schließlich kam er auf die Idee, interessierte Freunde zu einer Gruppe
zusammenzubringen, die sie die "Italienische operationistische Schule"
nannten. Der Personenkreis war bunt gemischt, zu dem auch
E.v.Glasersfeld eingeladen worden war. Zu der Einladung durch Ceccato
schreibt E.v.Glasersfeld:
"Nachdem er mir erklärt hatte, daß sie sich bemühten, alle sprachliche
Bedeutung nicht auf andere Wörter, sondern auf mentale Operationen
zurückzuführen, nahm ich die Aufforderung mit Vergnügen an." (13)
So geriet E.v.Glasersfeld in einen Forschungskreis, der sich mit den
Ideen des amerikanischen Physikers Percy Bridgeman beschäftigte.
Dieser hatte die Idee, Begriffe durch Operationen zu erklären, erwähnt
E.v.Glasersfeld und nennt das den "Operationalimus". Dazu schreibt er:
"Mir /../ gefiel die These, daß Wörter für Begriffe stehen und daß
Definitionen die Operationen angeben müssen, mit denen man diese
Begriffe erzeugen kann, ausgezeichnet zu Vicos Prinzip der
Konstruktion des Wissens." (14)
Im Arbeitskreis warf man alle üblichen Erkenntnistheorien über den
Haufen und erarbeitete sich eigene Denkansätze, die in einer
Zeitschrift namens "Methodos" ab dem Jahr 1949 von Ceccato an die
Öffentlichkeit gebracht wurden.
Die Aktivitäten von Checcato führten zu Einladungen und Tätigkeiten an
Hochschulen. Silvio Ceccato wurde nach London eingeladen. Colin Cherry
hatte dort ein Symposium über Informationstheorie organisiert. Das
Thema "mentale Operationen" und wie man das Verständnis von ihnen beim
technischen Informationsaustausch nutzen könnte, bewegte die
amerikanischen Streitkräfte dazu, Ceccato mit Forschungsmitteln
auszustatten. Es ging darum, wie man Übersetzer durch den Einsatz von
Computern einsparen kann, wenn riesige Mengen von
naturwissenschaftlichen und technischen Informationen zu übersetzen
sind.
Ceccato wurde zunächst Dozent der Philosophie an der Universität in
Mailand und gründete bald darauf das erste Zentrum für Kybernetik, das
sich mit maschinellen Übersetzungen beschäftigte. Zu dieser Zeit, im
Jahr 1959, wurde der vielsprachige E.v.Glasersfeld in diesem Zentrum
als Mitarbeiter eingestellt. Dazu schreibt dieser:
"Meine erste Aufgabe bestand darin, eine Analyse der Begriffe zu
liefern, die Englisch und andere Sprachen (u.a. Russisch) mit Hilfe
von Präpositionen ausdrücken (ich hatte zwei russischsprachige
Mitarbeiter). Das Thema war unerschöpflich und hatte mich noch lange
nach dem Ende des Mailänder Projekts beschäftigt." (15)
Solche Formulierungen "sie verbrachte eine Stunde 'am' Fluß" und
ähnliche Präpositionen gaben als "begriffliche Beziehungen" Rätsel
auf.
"Durch die Arbeit auf diesem Gebiet (in dem es freilich auch zahllose
Beispiele für begriffliche Unterschiede zwischen Substantiven, Verben
und Adjektiven gibt, auch wenn diese in den üblichen zweisprachigen
Wörterbüchern als äquivalent verzeichnet sind) wurde meine tiefe
Überzeugung bestätigt, daß jede Sprache eine andere begriffliche Welt
bedeutet." (16)
In der Hoffnung, Computer seien einmal in der Lage, Übersetzungen zu
leisten, wandte sich nach Abschluß des ersten Forschungsauftrages die
amerikanischen Luftwaffe an das Forschungsinstitut in Mailand. Dadurch
kamen Ceccato und E.v.Glasersfeld in Kontakt mit Warren Culloch, Heinz
von Foerster und Gordon Pask. Das waren damals die führenden Köpfe auf
dem Feld der Kybernetik-Forschung, informiert E.v.Glasersfeld. Rowena
Swanson, die die Projektleitung in Mailand für dieses neue Thema
übernommen hatte, machte aus ihrem Büro "einen Umschlagplatz für
neuartige Ideen". E.v.Glasersfeld schreibt:
"In den folgenden zwei Jahren entwickelten Piero Pisani, Jehane Barton
und ich einen neuartigen Ansatz für die Analyse der Bedeutung von
Sätzen mit Hilfe des Computers." (17)
Großrechner standen ihnen damals noch nicht zur Verfügung, sodaß man
an der Wand auf 10 qm die Grundoperationen des Computers durch Symbole
veranschaulichte. Der Vorteil habe darin bestanden, daß Fehler sofort
auffielen. Als im Jahre 1965 diese Forschung in Mailand auslief, bot
man den Forscher an, ihre Forschungen in den USA weiterzuführen. Im
Jahre 1966 befand sich die Forschungsgruppe schließlich in Athens, im
Bundesstaat Georgia, wieder, wo sie bis 1969 arbeiten konnte.
Präsident Nixon fror jedoch die Finanzmittel bald ein und zwanzig
Forschungsgruppen auf dem Gebiet der Computerwissenschaft und
Kommunikation standen ohne bezahlten Arbeitsauftrag da.
E.v.Glasersfeld und seine Kollegen hatten Glück. Sie wurden an
verschiedenen Einrichtungen der University of Georgia
weiterbeschäftigt. So gelangte E.v.Glasersfeld an das Department of
Psychology.
Am Department of Psychology konnte er an einen Psychologie-Kurs von
Bob Pollack teilnehmen. Das zwang ihn Literatur zum Thema
"Wahrnehmung" zu bearbeiten. Er schreibt:
"Da ich nie über die Mechanismen des Sehens nachgedacht hatte, lernte
ich nun eine Menge über die gerade gängigen Modelle in der
Psychologie. Ich war fasziniert, vor allem von den ausgeklügelten
Experimenten, die die Daten lieferten, um diese Modelle zu
>>bestätigen<<. Andererseits war ich erstaunt über den allgemeinen
Mangel an erkenntnistheoretischer Reflexion.Was das Auge sieht -
Licht, Farbe und Form -, wurde gewöhnlich als physikalisch gegeben
vorausgesetzt, und die Forschung konzentrierte sich auf die
sensorischen Mechanismen, die diese vorausgesetzte Realität an das
Gehirn vermittelten." (18)
E.v.Glasersfeld bringt es noch auf den Punkt, wenn er sagt:
"Die naive Metapher der fotografischen Kamera schien das Feld zu
beherrschen, ungeachtet der Tatsache, daß nicht nur die Szene vor der
Kamera, sondern auch das Bild, das von der Kamera erzeugt wird,
offensichtlich Produkte eben derjenigen visuellen Prozesse waren, die
untersucht werden sollten." (19)
Während er das Thema durchdachte, fiel ihm das sogenannte "Cocktail-
Phänomen" auf, das zum Beispiel in einem Gespräch in Erscheinung
tritt, bei dem man spürt, daß sich die eigene Aufmerksamkeit auf ein
Gespräch richtet, das ganz woanders abläuft.
"Das bedeutet, daß man in der Lage ist, seine Aufmerksamkeit beliebig
auf unterschiedliche Punkte in einem Hörfeld zu richten." (20)
Es herrsche also ein subjektives Interesse vor, seine Aufmerksamkeit
schweifen zu lassen, obwohl sie sich auf den eigentlichen
Gesprächspartner richten sollte. Ein ähnliches Phänomen konnte von
Experimentalpsychologen im visuellen Bereich festgestellt werden.
E.v.Glasersfeld nennt Donald Hebb, Karl Lashley, Wolfgang Köhler und
andere, die sich damit beschäftigten. Köhler wird bei E.v.Glasersfeld
zitiert:
"Wir können zwei verschiedene Objekte gleichzeitig an verschiedenen
Orten sehen, ohne daß wir unsere Augen bewegen, und wir können diese
Objekte miteinander vergleichen und feststellen, ob sie die gleiche
Gestalt haben." (21)
Man könne also Objekte in verschiedenen Teilen des Sehfeldes sehen,
hebt E.v.Glasersfeld hervor und schreibt dazu:
"Für mich war die Entdeckung dieser Fähigkeit eine außerordentliche
Ermutigung, die Suche nach dem aktiven Element im wahrnehmenden
Subjekt, also im Konstrukteur des Wissens, weiterzuverfolgen." (22)
Es scheint sich damit eine wichtige Grundlage bei E.v.Glasersfeld
gebildet zu haben, die es ihm später erlaubte, den Radikalen
Konstruktivismus herauszuarbeiten.
An der University of Georgia hatte man E.v.Glasersfeld deshalb
eingestellt, weil er sich mit Computerlinguistik beschäftigt hatte und
auf dem Feld der "begrifflichen Analyse" tätig war. Interessant wurde
es für ihn in der Forschung besonders dadurch, als er auch mit dem
Yerkes Primate Research Center in Atlanta in Berührung kam, weil der
führende Primatologe Ray Carpenter sowohl für die University of
Georgia als auch für die University of Nevada tätig war. Carpenter
mußte ein Computerprogramm für sein Schimpansenprojekt entwickeln, in
das er u.a. auch E.v.Glasersfeld einband, der so darüber berichtet:
"Ich entwickelte also die Sprache >>Yerkish<<, indem ich geometrische
Figuren als Symbole für Wörter (Begriffe) und eine sehr einfache, aber
strenge Grammatik festlegte, um die Symbole zu Sätzen zu verbinden.
Durch das Drücken der verschiedenen Tasten gelangten Code-Signale für
die Wörter in den Computer, der den Wortschatz, die Grammatik, ein
System für die Prüfung der Korrektheit der Sätze und die Regeln für
die Reaktionen auf etwa zwei Dutzend Wünsche enthielt, die die
Schimpansin Lana mit Hilfe der Sprache Yerkish formulieren
konnte." (23)
Ab irgendeinem Zeitpunkt zog sich E.v.Glasersfeld aus diesem Yerkish-
Projekt zurück, da es ihn inhaltlich nicht weiterbrachte, und
beschäftigte sich mit dem frühen Spracherwerb von Kindern. Einer
seiner Studenten hatte akribisch die sprachlichen Äußerungen seines
heranwachsenden Kindes dokumentiert, was sich auswerten ließ. Daran
ließ sich nun prüfen, ob die bisherigen Spracherwerbtheorien brauchbar
waren. Sein Student faßte seine Analysen mit seinem Kind in einem Buch
mit dem Titel "First Verbs" (24) zusammen.
Durch Charles Smock, mit dem E.v.Glasersfeld 1974 einen
Forschungsbericht über Erkenntnistheorie und Erziehung erarbeitet
hatte (25), in dem erstmals das Wort "Radical Constructivism"
auftauchte, war er auf die Arbeiten von Jean Piaget aufmerksam gemacht
worden. Dessen Werk wurde maßgeblich für das Denken E.v.Glasersfelds,
der dazu anmerkt:
"Ich begann also Piaget zu lesen. Da Charles eine Menge von Texten aus
Genf mitgebracht hatte, konnte ich Piaget im französischen Original
lesen." (26)
Ihm fiel auf, daß die ins Englische übersetzten Texte von Piaget
eigentlich nicht richtig verstanden werden konnten, da bestimmte
Schlüsselworte durch die Übersetzer nicht richtig verstanden worden
waren. Auch fehlten manchmal erklärende Aussagen von Piaget und sogar
ganze Absätze seines Textes. E.v.Glasersfeld versuchte seine Studenten
aus Mißverständnissen herauszuholen und Piaget richtiger zu erklären.
Er machte auf die Bedeutung Piagets für den Konstruktivismus
aufmerksam:
"Piaget war nicht der erste, der meinte, daß wir unsere Begriffe und
das Bild unserer Lebenswelt konstruieren. Kein Denker vor ihm hatte
jedoch einen entwicklungspsychologischen Zugang gesucht." (27)
Piaget hatte untersucht, wie Kinder ihr Wissen aufbauen. Ein solcher
Weg sei die beste Grundlage, um herauszufinden, wie wir unser Bild von
der Welt konstruieren, meint E.v.Glasersfeld, dem daran lag, "der
Herkunft und Geltung menschlichen Wissens" nachzugehen. Er konnte das
tun, weil ihm durch Piagets Schrift "La construction du réel chez
l'enfant (1937)" ein Grundgerüst erkennbar wurde, wie
"die begriffliche Struktur von Gegenständen, des Raumes, der Zeit und
der Kausalität" aufgebaut ist. Piaget selbst formulierte:
"Die genetische Erkenntnistheorie beschäftigt sich also insgesamt
sowohl mit der Herstellung als auch mit der Bedeutung des Wissens. Wir
können unser Problem auf folgende Weise formulieren: Mit welchen
Mitteln bewegt sich der menschliche Verstand von einem Zustand weniger
zufriedenstellenden Wissens zu einem Zustand höheren Wissens?" (28)
Erkenntnis sei also kein Bild der realen Welt, sondern eine
Konstruktion, meint E.v.Glasersfeld, der sich in seinen eigenen
Arbeitsansätzen gestärkt sah, als er Piaget las. Er lehnt als
radikaler Konstruktivist die "Abbildungstheorien" ab, da Welt durch
Wahrnehmung in der Innerlichkeit des Menschen nicht abgebildet werden
könne, sondern nur eine viable Konstruktion von der Realität
zeitweilig Gültigkeit habe, bis sie durch eine neue ersetzt wird.
E.v.Glasersfeld schreibt:
"Für diejenigen, die an Erkenntnis der Abbildung glauben, bewirkt
diese radikale Veränderung des Begriffs der Erkenntnis und seines
Bezugs zur Realität einen furchtbaren Schock. Sie schließen direkt
daraus, daß die Ablehnung der Abbildungsvorstellung gleichbedeutend
ist mit dem Leugnen der Realität schlechthin, was freilich töricht
wäre. Die Welt unserer Erfahrung ist ja kaum je so, wie wir sie gerne
hätten. Dies schließt jedoch nicht aus, daß wir unser Wissen davon
selbst konstruiert haben." (29)
Wissen wird, so betrachtet, zur Tätigkeit und ist nicht mehr Ergebnis.
Als er diese Auffassung vertrat, die alte Denkweisen durchbrach,
wurden seine Aufsätze von Fachzeitschriftsredaktionen abgelehnt.
Behavioristen, die wie B.F.Skinner glaubten, daß durch die Umwelt die
Variablen menschlichen Verhaltens festgelegt werden, prägten den
amerikanischen Wissenschaftsbetrieb.(30) Es umgekehrt zu sehen, wie es
E.v.Glasersfeld tat, stieß somit auf Ablehnung. Er schreibt dazu:
"Wer an diese Art von Determinismus glaubte, konnte sich mit Theorien
mentaler Konstruktion natürlich nicht anfreunden. Der Glaube an die
Determiniertheit des Verhaltens durch die Umwelt wäre vielleicht
sinnvoll, wenn wir Zugang zu einer objektiven Umwelt hätten und zeigen
könnten, daß bestimmte Gegenstände oder Verhältnisse in dieser Umwelt
ein bestimmtes Verhalten verursachen. Was jedoch ein
Naturwissenschaftler oder irgendein denkender Mensch als seine
>>Umwelt<< kategorisiert und hernach kausal mit dem Verhalten eines
beobachteten Organismus verknüpft, das liegt im Erfahrungsbereich des
Beobachters und niemals in einer von ihm unabhängigen Außenwelt." (31)
Ceccato und Piaget hatten Denkweisen, die den Radikalen
Konstruktivismus des E.v.Glasersfeld prägten. Doch es gab weitere
Stationen in seinem Leben, die ihn inhaltlich weiterbrachten. Er wurde
durch Charles Smock mit Leslie Steffe bekannt gemacht, der ein
Forschungsprojekt im Department of Mathematics Education an der
University of Georgia lenkte.
"Als wir anfingen, über kognitive Entwicklung und begriffliche Analyse
zu reden, war uns sofort klar, daß wir fast völlig einer Meinung
waren." (32)
Sie begaben sich mit etlichen anderen daran, ein plausibles Modell für
all das zu entwickeln, was Kinder tun, "um den Begriff der Zahl und
die Grundoperationen der Arithmetik zu erwerben". Es ging
E.v.Glasersfeld nun darum, die "begriffliche Analyse" auf
mathematische Begriffe anzuwenden:
"Für einen Konstruktivisten war es unmöglich, Zahlen und geometrische
Formen als gottgegebene Dinge hinzunehmen, noch konnte er die
platonische Auffassung akzeptieren, dernach die reinen Formen wie
Kristalle in einem mystischen Bereich jenseits menschlicher Erfahrung
herumschweben." (33)
Er sagt es noch deutlicher:
"Seit Euklid haben sich Mathematiker kaum um den Aufbau ihrer
Grundbegriffe gekümmert. Zahlen sind die Bausteine ihrer abstrakten
Gebäude, und sie setzen sie ebenso selbstverständlich voraus wie
Maurer ihre Ziegel." (34)
In der Philosophie finde man zwar gelegentlich den Hinweis, daß die
Zahl >>ein geistiger Gegenstand<< sei, doch es würde nicht erklärt,
wie diese "mentale Entität" eigentlich zustande kommt. Nur bei Edmund
Husserl traf er auf einen Hinweis der weiterführt.
"Die einzige Ausnahme war Edmund Husserl, der Begründer der
Phänomenologie, der feststellte, daß die Operation, die in unserem
Wahrnehmungsfeld diskrete einheitliche Objekte schafft, im
wesentlichen derjenigen gleicht, die dem Begriff der >>Eins<< zugrunde
liegt." (35)
E.v.Glasersfeld meint, eine solche Erklärung passe gut zu den
Denkansätzen Piagets zur "reflexiven Abstraktion". Er untersuchte
deshalb mit Leslie Steffe und seinen Freunden, wie im Bereich der
Erfahrung solche Abstraktionen vorgenommen werden, und sagt dazu:
"Die Lösung lag in der Beobachtung von Kindern." (36)
Wie L.Steffe und E.v.Glasersfeld vorgingen, ist beschrieben. Basis war
eine Vorgehensweise, die Leslie Steffe bei Piaget abgeschaut hatte. Es
sollten Situationen geschaffen werden, die es erlaubten, den Kindern
bei der Arbeit zuzuschauen, wenn sie mathematische Begriffe
herstellen.
"In den Lehrexperimenten gibt es keinen Unterricht im herkömmlichen
Sinn und auch keinen Lehrplan. /.../ Das Entscheidende /../ ist nicht
ihre Lösung, sondern die spontane Art und Weise, wie die Kinder die
einzelnen Probleme angehen - oder, wie Steffe sagt, die Mathematik der
Kinder." (37)
Anhand von Videos hatte man anschließend die Möglichkeit, die
Themenbearbeitung der Kinder auszuwerten. Als Ergebnis formulierte
E.v.Glasersfeld für den Seminarbetrieb, wenn zum Thema "Genetische
Epistemologie", das ist Genetische Erkenntnistheorie, gearbeitet
wurde:
"Ich nannte mein eigenes Modell >>radikal<< und formulierte seine
beiden Grundprinzipien so:
a) Wissen wird vom denkenden Subjekt nicht pasiv aufgenommen, sondern
aktiv aufgebaut.
b) Die Funktion der Kognition ist adaptiv und dient der Organisation
der Erfahrungswelt, nicht der Entdeckung der ontologischen
Realität." (38)
Piaget war in den 1980er Jahren erneut in den USA in Mode gekommen und
unter Pädagogen wurde es üblich, die konstruktivistische Einstellung
zu akzeptieren. Wohl durch die Arbeitsergebnisse der Forschungen von
L.Steffe und E.v.Glasersfeld angeregt, verlegten sich die
Mathematikdidaktiker darauf, den Denkansatz zu übernehmen, daß Kinder
ihre kognitiven Strukturen in kleinen Schritten entfalten.
Auch eine Tagung zum Thema "Die Konstruktion von Wirklichkeiten" hatte
Auswirkungen. Heinz von Foerster und Francisco Varela hatten sie im
Jahre 1978 in San Francisco organisiert, um etwa 30 relevante
Wissenschaftler oder Autoren unterschiedlichster Disziplinen zum Thema
zusammenzubringen. Es habe sich ergeben, daß die traditionelle
Erkenntnistheorie aufgegeben wurde, schreibt E.v.Glasersfeld, der bei
diesem Treffen Gregory Bateson und Paul Watzlawick kennenlernte.
Paul Watzlawick war wie E.v.Glasersfeld Österreicher und hatte gerade
das Buch "How Real is Real? herausgegeben. Von ihm stammt auch das
später erschienene Buch "Die erfundene Wirklichkeit", durch das
konstruktivistische Ideen weit verbreitet wurden. Wer eine
konstruktivistische Denkweise annimmt, muß alte Denkmuster über den
Haufen werfen, meint E.v.Glasersfeld und formuliert:
"Wir sind uns ja gewöhnlich der vielen Denkmuster gar nicht bewußt,
die zu lieben Gewohnheiten geworden sind. Und da ist ein anderes
Hindernis: Die Sprache, in der unsere Gedanken formuliert werden
müssen, ob Englisch, Deutsch oder irgendeine andere, ist von demselben
naiven Realismus geprägt, der das Alltagsleben durchdringt, und auch
von den Propheten, die überzeugt waren, den Zugang zur absoluten
Realität zu besitzen." (39)
Es ging also um Abkehr von den Meinungen dieser Propheten und ihrer
veralteten Erkenntnistheorie und darum, eine neue Denkweise in den
Wissenschaftsbetrieb einzuführen: die des Radikalen Konstruktivismus.
"Er beansprucht nicht mehr zu sein als eine kohärente Denkweise, die
helfen soll, mit der prinzipiell unbegreiflichen Welt unserer
Erfahrung fertig zu werden, und die - was vielleicht besonders wichtig
ist - die Verantwortung für alles Tun und Denken dorthin verlegt, wo
sie hingehört: in das Individuum nämlich." (40)
Die Zielsetzung ist also klar. Daß Tun und Denken im Individuum
stattfinden, soll akzeptiert werden. Eine absolute Realität kann sich
im Denken des Individuums nicht einfinden. Das Individuum kann nur
etwas in seiner Innerlichkeit aus der Erfahrung heraus als situatives
Wissen "konstruieren".
Im Jahre 1975 hatte E.v.Glasersfeld erstmals Gelegenheit, seine
erkenntnistheoretischen Positionen auf einer Tagung vorzustellen. Er
sprach auf der Versammlung der Jean Piaget Society in Philadelphia,
woraufhin ihm Hermine Sinclair, die lange Zeit mit Piaget
zusammenarbeitete, mitteilte, er solle seine guten Positionen weiter
ausbauen. Durch sie wurde er nach Genf eingeladen. Eine Einladung
erhielt er auch nach Amherst an die University of Massachusetts, wohin
ihn Jack Lochhead deshalb haben wollte, damit er Workshops im Physics
Department abhielt, um die Lernfähigkeit der Studenten zu verbessern.
Schließlich holte ihn Lochhead im Jahre 1987 ganz nach Amherst, wo
E.v.Glasersfeld Arbeit im Thema Didaktik des Physikunterrichts wirksam
gemacht wurde. In der Physik sei es leichter als in der Mathematik,
weil in der Physik der "Prozeß der Abstraktion" nicht nur der Logik
gehorchen muss, sondern auch einer Überprüfung standhalten muß, die
aufgrund menschlicher Erfahrungen geleistet wird. Er sagt:
"Kurzum, die Mathematik genügt sich selbst, und ihre Ziele liegen
innerhalb ihres selbstdefinierten Bereichs. Die Physik jedoch hat eine
instrumentelle Komponente, denn sie muß theoretische Modelle liefern,
die uns helfen, unsere Erfahrungswelt besser zu organisieren." (41)
Auf Tagungen bot sich E.v.Glasersfeld die Möglichkeit, seine Ideen zu
überprüfen. Es bestätigte sich für ihn, daß Physiker Aussagen machten,
die zeigten, daß sie ihre Theorien erfanden oder konstruierten. Als
Beispiel führt er Werner Heisenberg an, der geschrieben hatte:
"Auch in der Naturwissenschaft ist also der Gegenstand der Forschung
nicht mehr die Natur an sich, sondern die der menschlichen
Fragestellung ausgesetzte Natur, und insofern begegnet sich der Mensch
auch hier wieder sich selbst" (42)
E.v.Glasersfeld meint, dem Forscher Heisenberg sei bewußt gewesen, daß
es nicht Abbild von Realität sein kann, was er herausfindet, sondern
nur seine Sichtweise auf die Dinge. Er führt Karl Popper an, der den
metaphysischen Glauben erschüttert hatte, "daß wissenschaftliche
Theorien einen Grad von Richtigkeit (<<Wahrheit<<) erreichen können".
Popper schrieb zu den Instrumenten der Wissenschaft:
"Ein Instrument kann natürlich versagen oder veralten. Aber es ist
kaum sinnvoll zu behaupten, daß wir ein Instrument dem strengsten Test
unterwerfen, den wir anwenden können, um es zu eliminieren, wenn es
dem Test nicht standhält: Jede Flugzeugzelle kann zum Beispiel so
lange getestet werden, bis sie zerstört ist. Dieser strenge Test wird
aber nicht vorgenommen, um jede Zelle zu eliminieren, die zerstört
worden ist, sondern um Informationen über die Zelle zu gewinnen (das
heißt eine Theorie dieser Zelle zu prüfen), um sie sodann nur
innerhalb der Grenzen ihrer Verwendbarkeit (oder Sicherheit) zu
gebrauchen." (43)
Desweiteren schrieb Popper im Anschluß daran:
"Eine Theorie kann für instrumentelle Zwecke der praktischen Anwendung
auch dann noch gebraucht werden, wenn sie widerlegt worden ist, und
zwar innerhalb der Grenzen ihrer Anwendbarkeit: Ein Astronom, der
glaubt, daß Newtons Theorie sich als falsch erwiesen hat, wird ihren
Formalismus, ohne zu zögern, innerhalb der Grenzen seiner
Anwendbarkeit einsetzen." (44)
Es gibt also immer einen Bereich der Anwendbarkeit, bis eine Grenze
auftaucht, hinter der eine Anwendung nicht mehr sinnvoll ist. Popper
setzt fort:
"Instrumente und auch Theorien, insofern sie Instrumente sind, können
nicht widerlegt werden. Die instrumentalistische Interpretation kann
daher wirkliche Tests, die eigentlich Widerlegungen sein sollten,
nicht erklären, und kann nicht über die Behauptung hinausgelangen, daß
unterschiedliche Theorien unterschiedliche Anwendungsbereiche haben.
Sie kann daher auf keinen Fall den wissenschaftlichen Fortschritt
erklären." (45)
Der "Instrumentalismus" sei eine >>obskurantistische Philosophie<<
folgert K.Popper. Und E.v.Glasersfeld, dem diese Meinung in den Kram
paßte, verweist auf die Raumfahrt, bei der sich die Wissenschaftler
der NASA der Newtonschen Formel bedienten, da sie einfacher und mit
geringerem Zeitaufwand Berechnungen ermöglichten, um die Flugbahnen zu
ermitteln. Seit Einstein war Newtons Theorie des planetarischen
Systems überholt und wurde nicht mehr für wahr gehalten. Trotzdem
bediente man sich ihr in der modernen Raumfahrt. E.v.Glasersfeld
schreibt deshalb mit Begeisterung:
"Der Radikale Konstruktivismus ist unverhohlen instrumentalistisch. Er
ersetzt den Begriff der Wahrheit (im Sinne der wahren Abbildung einer
von uns unabhängigen Realität) durch den Begriff der Viabilität
innerhalb der Erfahrungswelt der Subjekte. Er verwirft folglich alle
metaphysischen Verpflichtungen und beansprucht nicht mehr zu sein, als
ein mögliches Denkmodell für die einzige Welt, die wir >>erkennen<<
können, die Welt nämlich, die wir als lebende Individuen
konstruieren." (46)
Es geht dem Radikalen Konstruktivismus eines Ernst von Glasersfeld
also um die Viabilität der menschlichen Erfindung auf dem Weg durch
die Konstruktionen in der Innerlichkeit, mit der sich Menschen im
wahren Leben zurecht finden wollen. Durch die Zusammenhänge der Welt,
die wir in uns als Konstruktionen erfunden erfunden haben, soll ein
Weg geschaffen werden, der uns weiterbringt. Das gilt auch für den
Wissenschaftsbetrieb, wenn wir uns in ihm aufhalten. Wir erleben ihn
und schaffen uns eine konstruierte Welt des Wissenschaftsbetriebs in
uns, in dem wir uns zurecht finden wollen, weshalb wir gangbare Wege
konstruieren.
Je länger sich E.v.Glasersfeld durch philosophische Werke arbeitete,
desto deutlicher wurde ihm bewußt, daß schon andere vor ihm ähnliche
Ideen ausformuliert hatten. Die metaphysische Verbrämung sollte
überwunden werden und zugegeben werden, daß der Mensch nur etwas
konstruieren kann, das nicht die Realität ist.
"Der Radikale Konstruktivismus soll ein Modell des rationalen Wissens
sein, nicht eine Metaphysik, die eine reale Welt zu umschreiben
versucht." (47)
Das eine sei die Metaphysik, also der Versuch die Welt mit Hilfe des
Denkens als ein Ganzes zu begreifen, meinte schon Bertrand Russell.
Das andere sei der Weg hin zur Wissenschaft. Es sei, so schildert
Russell, ein Nebeneinander sinnvoll möglich. Doch beides miteinander
zu verbinden, mache keinen Sinn, sei die Auffassung des Radikalen
Konstruktivismus. E.V.Glasersfeld schreibt:
"Für mich entzieht sich alle wahre Mystik dem Zugriff der Vernunft.
Das ist weder eine Leugnung noch ein Werturteil. Es drückt lediglich
meine Überzeugung aus, daß das Mystische ein geschlossener Bereich der
Weisheit ist, der sich unter den scharfen Instrumenten des Verstandes
auflöst. Der Zweck der Vernunft ist die Analyse." (48)
Wer diese Trennung vornahm und den Gedanken daran fallen ließ,
sicheres Wissen über die Realität aufzuspüren, konnte in
Schwierigkeiten geraten. Besonders im 19.Jahrhundert habe sich die
Meinung verstärkt, man könne wirklich die Zusammenhänge in der Welt
enthüllen. Schließlich habe man aber feststellen müssen, daß Zweifel
an der Abbildungsfähigkeit angebracht sind. Die Wissenschaft könne nur
Modelle herstellen und niemals die Wirklichkeit erfassen.
Städte und Regionen können wir zwar betrachten, aber jeglicher
Versuch, Wirklichkeit zu beschreiben, kann nur in Modellen von der
Wirklichkeit enden. Es kann ein Bemühen entstehen, der Wirklichkeit
möglichst nahe zu kommen, um auf einer solchen Grundlage nach
sinnvollen Veränderungen zu streben.
Karl-Ludwig Diehl
http://vub-virtuelleuniversittfrdasbauwesen.blogspot.com/
Anmerkungen:
E.v.Glasersfelds eigener Weg zum Radikalen Konstruktivismus
(1) Ernst von Glasersfeld: Radikaler Konstruktivismus. Frankfurt am
Main, 1997
(2) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.18
(3)-(6) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.19
(7)-(8) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.22
(9) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.23
(10) siehe Zitat im Zusammenhang in: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.25
(11) siehe Zitat im Zusammenhang in: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.28
(12) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.29
(13) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.30
(14) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.31
(15) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.32
(16) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.33
(17) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.34
(18)-(19) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.36
(20) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.36f.
(21) Köhler zitiert bei: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.37; Köhler, W.
(1951), >>Unlimited contribution to the discussion of a paper by
McCulloch at the Hixon Symposium<<, in: L.A.Jeffress (Hg.), Cerebral
Mechanism in Behavior, New York, S.42-111. Außerdem in: McCulloch
1970, S.96
(22) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.37
(23) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.38
(24) siehe dazu: Michael Tomasello: First Verbs. A Case Study of Early
Grammatical Development. Cambridge (Great Britan), 1992
(25) siehe dazu: Smock, C.D. und E.v.Glasersfeld (1974): Epistemology
and Education: The Implications of Radical Constructivism for
Knowledge Acquisition (Report No.14), Athens, Georgia.
(26) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.40
(27) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.41
(28) Jean Piaget zitiert bei: E.v.Glaserfeld, wie vor, S.42;
E.v.Glasersfeld zitierte aus: Jean Piaget: Genetic Epistemology. New
York, 1970. S.12: auf deutsch: Einführung in die genetische
Erkenntnistheorie. Vier Vorlesungen. Frankfurt a.M., 1973
(29) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.43
(30) siehe in: B.F.Skinner: Why I am not a cognitive psychologist. In:
Behaviorism 5 (2), S. 1-10
(31) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.44
(32) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.45
(33)-(36) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.46
(37) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.47
(38) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.48
(39) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.50
(40) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.50f.
(41) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.52
(42) E.v.Glasersfeld zitiert auf S.53 aus: Werner Heisenberg (1955):
Das Naturbild der heutigen Physik. Hamburg. S.18
(43)-(45) E.v.Glasersfeld zitiert auf S.54 aus: Popper, K. (1963):
Conjectures and Refutations: The Growth of Scientific Knowledge.
London/New York. S.112f.
(46) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.55
Teil 2
(47) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.57
(48) zitiert aus: E.v.Glasersfeld, wie vor, S.56