Segeltermini des frühen 19. JH: Der Graf von Monte Christo vs. Hornblower

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Ignatios Souvatzis

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Apr 3, 2021, 10:40:08 AMApr 3
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Zwei Bücher, die sich (eins zumindest anfangs) mit dem europäischen
Segelhandwerk zu Beginn des 19. Jahrhunderts befassen, liegen bei
mir auf dem Nachttisch:

- C. S. Forrester, Young Hornblower Omnibus, enthaltend Midschipman
Hornblower, Lieutenant Hornblower, und Hornblower and the Hotspur.
Penguin Books, 978-0-140-11939-8

- Alexandre Dumas, Der Graf von Monte Christo, Nach einer alten
Übersetzung aus dem Französischen von Meinhard Hasenbein
insel Taschenbuch 3535, 978-3-458-35235-8
(und Band 1 von 6 einer franz. Online-Originalausgabe.)

... und haben zu Fragen (und provisorischen Antworten) über die
Terminologie geführt.

"Get the yards crossed" und ähnliche Fundstellen - Yards Crossed
heisst hier Rahen segelfertig gesetzt, waagerecht, quer zum Mast,
aus der Ferne wie ein Kreuz aussehend. Ebenso müsste es bei der
Beobachtung der (demnächst) feindlichen Reede bei Brest sein, ich
finde nur die Stelle gerade nicht wieder.

Wenige Jahre später, Napoleon Bonaparte ist in seinem ersten Exil,
spielt Der Graf vMC. Dantes segelt als kommissarischer Kapitän
eines Handelsschiffs (der eigentliche war unterwegs an einer
Hirnhautentzündung verstorben) in den Hafen von Marseille:

"Die Bugsprietwände waren losgehakt." - was ist das denn?
"ses haubans de beaupré décrochés". Hm, also die Stampfstage.
Sollte da in der originalen Übersetzung "hauban" zur Erstbedeutung
"Want" übersetzt gewesen sein? Autsch.

"wenn man nicht das Schiff Havarie ausbessern musste."
"wenn nicht das Schiff einen Schaden auszubessern gehabt hätte."
wäre deutsch gewesen.

(N.B. Ich mag das nicht. Von meinem Schulfranzösisch - 3. Fremdsprache,
und nach der Mittelstufe zur Optimierung des Abiturergebnisses
nicht weiter verfolgt - ist nicht genug übrig geblieben, um entspannt
einen ganzen Roman im Original zu lesen. Es macht mir Angst, dass
ich das nach den ersten drei Seiten schon in Erwägung ziehe. Außerdem
ist die Übersetzung deutlich gekürzt - teils sind ganze Absätze -
z.B. mehrere weitere Kommandos von Dantes - auf einen Satz reduziert.)

Aber um auf das Kreuzen und mein Anliegen zurückzukommen:

"Hißt die Flagge halbmast! Kreuzt die Segelstangen!" Äh...
Segelatangen? Im Frz. heißt es:

"« Abaissez la flamme à mi-mât, mettez le
pavillon en berne, croisez les vergues !"

(Senkt (!) den Stander auf Halbmast, versetzt die Flagge
in den Trauermodus*, kreuzt die Rahen!)

Hier ist das Kreuzen - also das möglicht steil anstellen der Rahen
in gegensätzlicher Richtung, so dass sie gegeneinander gekreuzt
erscheinen - wohl in der Handeslschifffahrt jener Zeit als Zeichen
der Trauer zu deuten, wie ich einem Forumsbeitrag[1] entnehmen
konnte. Im Englischen würde man dazu "a-cockbill" sagen.

*)Die Flagge am Flaggenstock wird in Frankreich in der Mitte mit
einem Trauerflor um den Stock zusammengerafft. Hier hat auch die
englische Übersetzung bei mcgill.ca eins der beiden Tücher kurzerhand
weggelassen.)

Lese ich das jeweils richtig?

Und hat hier jemand die ältere deutsche Übersetzung des "Grafen" und
kann die betroffenen Stellen dort mal nachlesen?

-is

[1] https://forums.ybw.com/index.php?threads/nauticle-term.296602/post-3265589
--
A medium apple... weighs 182 grams, yields 95 kcal, and contains no
caffeine, thus making it unsuitable for sysadmins. - Brian Kantor

Ulrich G. Kliegis

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May 7, 2021, 4:10:19 AMMay 7
to
Hast Du Deine durch und durch berechtigte Kritik mal dem Verlag direkt
mitgeteilt? In AliExpress-Anzeigen nimmt man den automagischen
Übersetzungsblödsinn ja noch mit unwilligem Kopfschütteln zur
Kenntnis, aber hier hat offenkundig jemand die Buchstaben
aneinandergereiht, der in keiner der beteiligten Sprachen so recht zu
Hause ist, und für den es beim Leseverständnis nur Pechsträhnen gibt.

Gruß,
U.



On 3 Apr 2021 14:20:42 GMT, Ignatios Souvatzis
<u50...@beverly.kleinbus.org> wrote:

>Zwei Bücher, die sich (eins zumindest anfangs) mit dem europäischen
>Segelhandwerk zu Beginn des 19. Jahrhunderts befassen, liegen bei
>mir auf dem Nachttisch:
...

Ignatios Souvatzis

unread,
May 7, 2021, 12:40:08 PMMay 7
to
Ulrich G Kliegis wrote:
> Hast Du Deine durch und durch berechtigte Kritik mal dem Verlag direkt
> mitgeteilt?

Nach drei Seiten? Hm... hast eigentlich recht.

-is

Michael Ottenbruch

unread,
May 7, 2021, 4:35:59 PMMay 7
to
Am Fri, 07 May 2021 10:09:55 +0200, schrieb Ulrich G. Kliegis:

> Hast Du Deine durch und durch berechtigte Kritik mal dem Verlag direkt
> mitgeteilt?

Ich kenne zwei Bücher, bei denen selbst ich den deutschen Ausgaben
angemerkt habe, daß sie so widerlich übersetzt waren, daß man den
ursprünglichen Sinn nicht mehr erkennen konnte. Ich habe sie dann im
englischen Original gelesen und auch sofort verstanden, warum sie so
einen Weltruf haben:

1. Robert Anson Heinlein: Starship Troopers: In der deutschen
Übersetzung fast so faschistisch wie die Verfilmung (eines Holländers -
hätte der vielleicht lieber das Original lesen sollen?); im Original
allenfalls seiner Zeit etwas voraus: "Frage nicht, was Dein Land für
Dich tun kann, frage, was Du für Dein Land tun kannst", hat JFK erst ein
paar Jahre später gesagt.

2. Erskine Childers: The Riddle of the Sands: Als ich das Buch Mitte der
90er Jahre zum ersten Mal (in der deutschen Übersetzung) gelesen habe,
meinte ich, schon ein wenig vom Segeln zu verstehen. Aber was eine
"Takelschraube" - die gleich im ersten Kapitel vorkommt, weil Carruthers
mehrere solche nach Deutschland mitbringen sollte - ist, wußte ich
nicht. Erst der Erwerb und die Lektüre des Originals brachten mich
dahinter, daß hier von "rigging screws", also von Wantenspannern die
Rede war.

Damals, in den 90ern, ist mir der Gedanke gekommen, daß ich das Ding
einfach neu übersetzen könnte, weil Childers ja bereits 1921 von der
britischen Regierung in einer anderen Angelegenheit an die Wand gestellt
worden war, die 70 Jahre Urheberrecht also bereits abgelaufen waren.

Ich habe diesen Gedanken dann aber nicht weiterverfolgt, weil ich mich
nicht davon überzeugen konnte, daß irgendein Verlag ausgerechnet von mir
eine Neuübersetzung eines prominenten Werkes der Weltliteratur würde
verlegen wollen.

Glaubst Du wirklich, daß Verlage auf so etwas einsteigen?
--
...und tschuess!

Michael
E-mail: M.Otte...@sailor.ping.de

Ulrich G. Kliegis

unread,
May 7, 2021, 5:15:37 PMMay 7
to
On Fri, 07 May 2021 22:35:58 +0200, Michael Ottenbruch
<M.Otte...@sailor.ping.de> wrote:

>
>Glaubst Du wirklich, daß Verlage auf so etwas einsteigen?

No risk, no fun. Manchmal gibt es auch in Verlagen noch Restbestände
an Qualitätsbewußtsein, und einen Fingerzeig auf einen Produktmangel
nimmt heute jedes Unternehmen ernst. Die werden sicher nicht gleich
einen Rückruf starten, aber vielleicht sehen die sich ja bei
Gelegenheit nach einem anderen Übersetzer (und dann auch gleich noch
nach einem Lektor) um.

Gruß,
U.
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