Am 11.02.2012 18:10, schrieb Harald Maedl:
> Das ist ein Totschlagargument, das an Beliebigkeit keine Wünsche offen
> lässt. Um noch mehr Schutz der Allgemeinheit zu gewähren, sollte man
> zugleich im (Auto-)Straßenverkehr die Höchstgeschwindigkeit wieder wie
> seinerzeit laut der 1. Reichs-Straßenverkehrsordnung auf 15 km/h
> begrenzen.
Da fehlt ein wenig der Zusammenhang mit der bisherigen Diskussion - so
leid es mir tut. Es ging um die Möglichkeit, "unwürdigen" die Ausübung
bestimmter Tätigkeiten zu untersagen, nicht darum, für diese Tätigkeiten
Regeln aus der "Urzeit" wieder einzuführen. (Hier sehen wir übrigens
wieder ein Beispiel für Liberalisierung - Früher 15 km/h, heute
schneller...)
> Lizenzen aller Art waren und sind vielmehr in sehr großem Umfang das
> Ergebnis erfolgreicher Lobbyarbeit. Es gilt zum einen
> Zugangsbeschränkungen aufrechtzuerhalten, um vorgeblich eine gewisse
> Qualität gewährleisten zu können (z.B Gesellen-/Meisterbriefe,
> Ausstellungsberechtigte für den Energieausweis etc), hauptsächlich
> jedoch um ganze Berufsgruppen vor zu starkem Wettbewerb zu schützen.
Beim Handwerk und verwandten Berufen gebe ich Dir vollkommen Recht. Es
ist unbegreiflich, daß man die Meisterpflicht für Friseure und Bäcker
weiterhin am Leben hält, wenn man davon ausgeht, daß die Meisterpflicht
nur in den Bereichen aufrecht erhalten werden soll, in denen es um Leib
und Leben geht. Da haben die jeweiligen Lobbyisten ihre Arbeit gut gemacht.
Das hat aber nichts mit Fahrerlaubnissen im Straßenverkehr zu tun - und
auch auf die Wassersportprüfungen kann man sich autonom vorbereiten,
wenn man das möchte. Gut, die Prüfungsausschüsse verdienen, aber das
wird wahrscheinlich preiswerter, als staatlicherseits Prüfberechtigte
vorzuhalten.
> Der andere Grund ist in dem Bemühen zu sehen, möglichst Verantwortung
> nach dem Motto "wir haben alles Menschenmögliche zur Qualifikation
> getan" abschieben zu können. Wie gut das funktioniert, hat man jüngst
> erst bei Capitano Winkiwinki gesehen.
DER war - wenn ihn denn ein Gericht schuldig spricht - genau so ein
Idiot, wie diejenigen, die unter Alkoholeinfluß irgendwelche Leute
totfahren. Ansonsten war er (aus meiner uninformierten Sicht allerdings
unwahrscheinlich) ein Opfer der Medien. Führerscheine sollen ein
Mindestmaß an Fähigkeiten demonstrieren, auch damit man zeigen kann, daß
der Prüfling den Stoff in Grundlage beherrscht. Der Kapitän wußte
sicherlich, was er zu tun hatte. Er hat es wahrscheinlich nicht gemacht
und wird wahrscheinlich sein Patent verlieren. Gäbe es jetzt keine
Pflicht zum Patent, dazu noch den Nachweis praktischer Erfahrung, könnte
man ihm im Schuldfall nicht die weitere Berufsausübung untersagen. (Denn
er wußte, was er tat, er hat es nicht getan, jetzt darf er nichts mehr
tun...)
> Und dies alles wird selbstverständlich grundsätzlich unter dem
> Deckmäntelchen des Wohles und des Schutzes der Allgemeinheit" lanciert.
Wenn wir im rechtlichen Sinne von "grundsätzlich" reden, kann man es
diskutieren - denn der Grundsatz sieht da ja Ausnahmen vor. Sehen wir
oft (da sind wir bei Bäckern, ACTA, bei der Beschränkung der
Informationsfreiheit und so weiter und so fort), aber das gilt halt
nicht immer. Ich lebe sehr gut damit, daß Kraftfahrzeuge zugelassen und
regelmäßig technisch auf Sicherheit geprüft werden - und daß man nicht
beliebig an ihnen basteln darf.
> Ich fahre seit rund 35 Jahren punktefrei und auch unfallfrei (mit der
> Ausnahme eines unverschuldeten Reifenplatzers und nicht gerechnet die
> Gelegenheiten, bei denen mir irgendwelche Hirnis reingekachelt sind),
> aber ich würde heute vermutlich mit Pauken und Trompeten durch die
> theoretische Prüfung, die mit sprachlichen Spitzfindigkeiten und
> Rabulistik durchsetzt ist, fallen.
Die Prüfungen sind doch trivial. Wichtig ist, daß Du offensichtlich in
der Fahrschule genug gelernt hast, um nach der Prüfung unfallfrei
weiterzufahren. Und daß man, wenn das nicht so wäre, die Führung eines
Kraftfahrzeugs so untersagen zu können, daß bei einer Verkehrskontrolle
ohen Internetzugang leicht zu zu zeigen ist, daß dies der Fall ist.
> Man mag ja der Ansicht sein, dass der Mensch vor sich selber beschützt
> werden muss. Aber durch den ständig herabregnendem Wust an Gesetzen,
> Verordnungen, Vorschriften, Normen und Lizenzen jedweder Art wird die
> Freiheit so eingeschränkt, dass diese mittlerweile zur Karikatur
> geworden ist. Statt das Tragen von Verantwortung zu fördern, werden
> Gesetze gemacht. Das ist schnell, preiswert und einfach und man muss
> sich als Politiker nichts vorwerfen lassen.
Du erinnerst Dich an mein Zitat aus dem Braun weiter oben? :)
Er führt weiter aus, daß in einem Sozialstaat über kurz oder lang
derjenige der Außenseiter ist, der NICHT staatliche Leistungen so weit
wie irgendmöglich in Anspruch nimmt.
Sicher muß man nicht jeden Menschen immer und jederzeit vor sich selbst
beschützen. Die meisten Leute können das in den meisten Situationen
durchaus selbst. In vielen Bereichen ist allerdings staatliche Aufsicht
von Vorteil. Lebensmittelkontrollen sind ein gutes Beispiel.
Alkoholkontrollen im Straßenverkehr ebenso - jeder alkoholisiert
fahrende demonstriert doch, daß er NICHT in der Lage ist, verantwortlich
am Straßenverkehr teilzunehmen.
Die Lösung kann aber nicht in der Abschaffung aller Gesetze liegen. Und
ich wette, daß die Reform das Ganze eher noch komplizierter machen wird.
> Mein Gott, vor welchem Publikum rede ich eigentlich? Warum segelt ihr
> denn und warum geht ihr denn auf Blauwasserfahrt? Doch nicht um den
> ganzen zivilisatorischen Sch...dreck mitzuschleppen, sondern eher doch,
> um diesen auf das Notwendigste zu begrenzen, um mit der Natur, der See,
> dem Wind Zwiesprache zu halten, oder nicht?
Da hat sicher jeder seine eigenen Motive. So poetisch veranlagt bin ich
nicht - und Freiheit beginnt für mich nicht auf dem Wasser.
Gruß,
Jens