Hallo,
Sorry an Bernd für die Konfusion, Einstellungen sind repariert. Also:
Am 06.03.2018 um 11:55 schrieb Bernd Kussin:
> Am 02.03.2018 um 23:01 schrieb Manfred Russ:
>> Hallo,
>>
>> es gibt etliche Sätze, die offenkundig in Sonatenform angelegt sind,
>> deren Reprise jedoch den Hauptsatz unterschlägt und mit dem
>> Seitensatz einsetzt.
>
> Hat das nicht öfters damit zu tun, daß Durchführung und Reprise
> verklammert werden?
Das ist natürlich das erste, dem man nachgeht.
Dies dürfte zutreffen auf Chopin (zumindest die b-moll-Sonate - die
h-moll habe ich gerade nicht so im Kopf). Bei Brahms' erster Sinfonie
eher nicht, denn da dominiert motivisches Material aus Seitensatz und
Schlußgruppe. Sibelius sowieso nicht, da ab der zweiten Sinfonie die
Durchführung zu etwas ganz anderem hin entwickelt wird.
Zustimmung aber für den Fall Bruckners 9. (auch wenn zwischen
Fugenbeginn und "Reprise" einige Partitur(entwurfs)bögen fehlen, kann
man erkennen, daß quasi Höhepunkt der Durchführung und Beginn einer
Reprise zusammenfallen. Evident wird das aber erst mit Eintritt der
Gesangsperiode; das liegt aber zu einem Gutteil an der etwas "amorphen"
Gestaltung des Hauptthemas)
Ebenso Wagners Holländer-Ouvertüre. Allerdings liegt hier natürlich auch
ein Ouvertüren-Typus vor, der stark Richtung Tondichtung tendiert, mit
allen diesbezüglichen Lizenzen.
> Da ist es dann Geschmacksache, ob man meint,
> die Reprise unterschlage das 1. Thema, weil es das Ende der
> Durchführung dominiert hat, oder die Reprise beginne schon zuvor
> und hat durchführungsartigen Charakter.
Da würde ich die eben erwähnten Fälle auch einordnen (Wagner, Bruckner),
was wiederum gerade bei Bruckner auffällig ist, da er zu sehr
dezidierten Hauptthemeneinsätzen in der Reprise neigt.
Und auch Schubert D 845: die betreffende Passage würde ich *thematisch*
der Reprise zuordnen, *strukturell* jedoch scheint das eher ein
Durchführungs-Reprisen-Übergang zu sein.
Ähnlicher Fall: Raffs neunte Sinfonie ("Sommer"), 1. Satz.
Ach ja, und Tschaikowsky, "Pathetique" scheint geradezu ein klassicher
Fall solch eines Zusammenfallens zu sein.
> Die Grenzen sind da fließend ...
>
>> Was mir so ad hoc einfällt:
>>
>> Chopin: 2. und 3. Klaviersonate, jeweils 1. Satz
>> Brahms: 1. Sinfonie, 4. Satz
>> Brahms: Tragische Ouvertüre
>> Sibelius: 4. Sinfonie, 1. Satz
>> Bruckner: 9. Sinfonie, Finale
>> Wagner: Ouvertüre zu "Der fliegenden Holländer"
>>
>> Eventuell auch:
>> Schubert: Sonate D 845, 1. Satz
>>
>> Weitere Beispiele?
>
> Interessant, daß alle Beispiele aus dem 19./20. Jh stammen, nicht?
> Vielleicht hat das nicht nur etwas mit dem Vermeiden von Schematismen
> zu tun, sondern auch mit der Dynamisierung der Form in dieser Zeit.
Mag sein. Aber nicht völlig überraschend. So gegen Mitte des
Jahrhunderts hat sich das Formmodell von A.B. Marx etabliert, und zur
Jahrhundertwende hin ist eh alles in Auflösung begriffen.
[...]>
> Mehr als zwei Themen(gruppen) gibt es auch schon mal bei Mozart ...
> Generell kann man sagen, daß man das schulmäßig durchgezogene
> Sonatenschema viel seltener antrifft an als gemeinhin angenommen
> - selbst bei Beethoven.
Ja, merkt man, wenn man mit seinem Schulwissen dann auf die Praxis
losgelassen wird. :-)
Bis dahin (Mozart/Beethoven) dominiert eine, allgemein ausgedrückt,
zweiteilige Form des Sonatensatzes (siehe Heinrich Christoph Koch oder
auch ETA Hoffmann).
Maßgeblich war weniger eine Ausformulierung in Hauptthema und
(konstrastivem) Seitenthema (oder ~themen), sondern mehr eine tonale
Disposition: Hauptsatztonart => Seitensatztonart (in Dur 5. Stufe, also
Dominante).
> Das Formschema garantiert für sich ja noch keinen musikalischen
> Sinnzusammenhang, es fungiert eher als gemeinsame Verständnisbasis
> größerer Formen, an denen sich Komponisten und Hörer - je nach der
> Ästhetik der jeweiligen Epoche - abzuarbeiten haben.
Ja, sollte schon klar sein, gerät aber ab&zu in Vergessenheit (besonders
in der Pädagogik).
Apropos Pädagogik: falls jemand ein idealtypisches Beispiel sucht für
Sonatenhauptsatzform im Sinne von Marx, wird fündig bei Mozart. "Eine
kleine Nachtmusik", erster Satz.
Manfred