Am Sat, 15 Jul 2017 07:00:44 +0200 schrieb Olaf Kaluza:
> Andre Eiger <
gree...@fantasymail.de> wrote:
>
> >müsste das in einem Versuchsaufbau hinkriegen. Wie das bei einem
> >geschlossenen System in 2 Jahren praktischem Motorradfahrbetrieb
> >passieren soll, mit Bremskolben, aus denen es nicht gerade raussuppt,
> >ist mir absolut schleierhaft.
>
> In 2Jahren wird da sicher nichts passieren, aber wie ist es in 10Jahren?
> Das Problem tritt ja auf wenn Leute eben nicht regelmaessig wechseln.
> Hinzu kommt noch das die meisten Leute vermutlich niemals ein Problem
> haben, selbst wenn sie jede Menge Wasser drin haben. Einfach weil sie im
> normalen Alltagsbetrieb garnicht so fahren das eine Bremse heiss genug
> wird. Aber wenn sie dann doch mal im Urlaub einen Berg runterfahren ist
> das erstaunen gross wenn sie ploetzlich ins leere treten.
10 Jahre und 2 Jahre sind schon ein Unterschied. Aber solange wir von
einem geschlossenen (!) System reden, 4 ml Wasser durch Dichtungen
reinzukriegen, wo keine Bremsflüssigkeit rauskommt, dürfte Magie sein,
zumindest nicht unter den Bedingungen und Laufleistungen eines typischen
Motorrades in Deutschland.
Bei offenen Systemen sieht das durch die hygroskopischen Eigenschaften
der glykolbasierten Bremsflüssigkeiten nach 10 Jahren anders aus. Die
kriegen das Wasser schon rein, und dann fehlt die Sicherheitsreserve.
> >Aber sei's drum. Der unwahrscheinliche Fall, wenn das Wasser nun mal
> >drin ist. Das offene System hat da ein Problem. Das Gas dehnt sich
> >aus, füllt mehr oder weniger Volumen von Zylinder im Bremssattel und
> >den Leitungen, der Flüssigkeitspegel im Ausgleichsbehälter steigt.
> >Das geschlossene System gefällt mir da besser: Das Gas dehnt sich aus,
> >die Membran alsbald auf Anschlag. Der Gasdruck steigt, die Kolben
> >bewegen sich zur Scheibe. Mehr geht nicht. Wenn ich jetzt in die
> >Bremse greife, steigt der Druck, die Gasblase fällt in sich zusammen
> >(Siedepunkt steigt mit Druckerhöhung), und die Kiste bremst!
>
> Ich glaube du hast da was nicht verstanden. Der Normalfall einer Bremse
> besteht darin das sie nicht betaetig wird. Wenn die Temperatur in der
> Bremsfluessigkeit steigt, weil die Bremse kurz vorher reichlich benutzt
> wurde und es einige Zeit braucht bis die Temperatur von der Bremsscheibe
> zum Bremszylinder gewandert ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit gross
> das die Bremse gerade nicht betaetigt wird wenn das Wasser anfaengt zu
> kochen. Dann drueckt es Fluessigkeit durch eine Bohrung im
> Betaetigigungszylinder zurueck. Wenn du dann die Bremse betaetigst dann
> komprimierst du den Wasserdampf ohne Bremswirkung.
Logisch passiert die Dampfblasenbildung bei nicht betätigter Bremse. Und
ja, die Flüssigkeit wird in den Geberzylinder zurückgedrückt und weiter
in den Ausgleichsbehälter, der allerdings beim geschlossenen System eine
Membran und einen Deckel drüber hat, der das Ausgleichsvolumen hart
begrenzt. Deshalb bewegen sich als nächstes die Bremskolben zur Scheibe
bis zum Anliegen. Das Volumen für diesen Weg ist dasselbe, was bei einer
normalen Bremsung vom Geberzylinder verdrängt wird. Beim Griff in die
Bremse fällt die dieses Volumen belegende Gasblase in sich zusammen.
> >Die ganze Story vom 2-jährlichen Bremsflüssigkeitswechsel halte ich
> >für eine (durchaus profitable) Geschichte vom alten
> >Pferdestallmeister. Es mag Umstände geben, wo sie berechtigt ist, aber
> >beim Motorrad, zumal einem geschlossenen System, kann ich diese
> >wirklich nicht finden.
>
> Ich war selbst dabei als meinem Vater sowas passiert ist. Das war
> Familienurlaub in den Alpen. Nachdem er das Auto mit Glueck zum halten
> gebracht hat und danach eine Stunde gewartet hat, war sein naechster
> halt in einer Werkstatt um die Fluessigkeit wechseln zu lassen. :)
Auto = offenes System. Zitat Eiger: "... Das offene System hat da ein
Problem. ..."
Andererseits, den Tritt ins Leere in Geschichten aus der Steinzeit kann
ich auch beisteuern. Waren aber nicht Alpen sondern Ostsee. Und keine
Dampfblasen sondern Luft. Ob die Diagnose der Dampfblasen immer so
stimmig ist? Wird ja viel erzählt von ...
> Jetzt kann man sich ueber den Intervall natuerlich streiten. Sicherlich
> sind die 2Jahre eben so gewaehlt das man da sicher ist das es noch keine
> Probleme gibt. Und ich glaube auch gerne das Werkstaetten das im Zweifel
> niedrig sehen um Kohle zu machen. Aber beliebig weit vergroessern kann
> man den Intervall auch nicht.
Nein, kann man sicher nicht, insbesondere bei offenen Systemen. Jedoch
sind die geschlossenen (also keine schwappende Flüssigkeit am Schauglas)
m.W. außer bei Fahrrädern wenig verbreitet und werden mit den offenen
über einen Kamm geschoren.
Aber selbst unter ungünstigsten Umständen, wenn durch 10 % Wasseraufnahme
der Siedepunkt bei vielleicht 130 °C liegt: Erstmal muss über Bremsbeläge
und Kolben so viel Wärmeenergie in den Bremssattel und die Flüssigkeit
eingetragen werden. Dann sind auch andere entscheidende Teile arg heiß.
Ob gerade beim Motorrad ausgerechnet die Bremsflüssigkeit zuerst an die
Grenze kommt, oder eher das Fading der Bremsbeläge beginnt? Finde ich bei
der Einbaulage und der Fahrgeschwindigkeit Alpenpass bergbwärts sehr
fragwürdig. Beim Auto mit schlechter Belüftung, Anhänger dran, langsame
Gangart mit kaum Fahrtwind, hat's der Bremssattel sicher schwerer.
Thermisch hypersensible Scheibenbremsen kenne ich von Rennrädern, dort
jedoch die Scheiben und nicht die Bremsflüssigkeit. Bei Mountainbikes
lassen sich auch die Scheiben an die Grenze kriegen.
Moderne Motorräder haben nach meiner Beobachtung eher groß ausgelegte
Bremsanlagen für eine enorm hohe Bremsleistung. Die auf eine kritische
Bremssatteltemperatur zu bringen, dürfte selbst bei 'ner Alpenpassabfahrt
einen ungewöhnlichen Fahrstil erfordern.
Übrigens, diese hier benutzt Wasser als hydraulisches Medium. Der
Hersteller schreibt: "... Wasser hat eine höhere Wärmekapazität und eine
geringere Wärmeausdehnung. Damit lässt sich eine höhere
Wärmestandfestigkeit erreichen. ..."
http://www.brakeforceone.de/h2o/
--