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Pflanzerl ???

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see...@my-deja.com

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Jan 20, 2000, 3:00:00 AM1/20/00
to
Weiß jemand, wo der bayerische Begriff "Pflanzerl" für Fleischpflanzerl
herkommt? Die Preußen sagen Bouletten dazu, daß kommt glaube ich von dem
französischen General Jaques Boulette, der dieses Gericht Napoleon zum
ersten Mal auf dem Rußlandfeldzug vorsetzte (der Feldzug wurde daraufhin
ein reines Desaster). Oder kennt jemand auch diesen Begriff genauer?

Danke für Aufklärung
Arne


Sent via Deja.com http://www.deja.com/
Before you buy.

Jochen Terasa

unread,
Jan 20, 2000, 3:00:00 AM1/20/00
to

see...@my-deja.com wrote:

> Weiß jemand, wo der bayerische Begriff "Pflanzerl" für Fleischpflanzerl
> herkommt?

Ich kenne folgende Erklärung:
Ursprünglich hieß es Pfann-Zelt, Pfanne ist klar, und Zelt ist etwas
flaches, gebackenes. Lebkuchen heißen auch Lebzelt, das ist der gleiche
Wortstamm.
Aus dem Pfannzelt wurde dann im Laufe der bayr. Sprachverwirrung das
Pflanzerl.

Gruß
Jochen

Eva-Maria Steiner

unread,
Jan 20, 2000, 3:00:00 AM1/20/00
to

Jochen Terasa schrieb in Nachricht <38870857...@coming-it.de>...

>
>
>Aus dem Pfannzelt wurde dann im Laufe der bayr. Sprachverwirrung das
>Pflanzerl.
>
*lol*
das mit der bayerischen Sprachverwirrung ist gut, das muß ich mir merken.
Aber nun mal im Ernst: Deine Erklärung ist richtig. Ich hab das Wort mal
nachgeschlagen. Schließlich studiere ich Linguistik, das muß ja für
irgendwas nütze sein <g>. Es folgt ein Eintrag aus
Kluge, F.: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1995

*Fleischpflanzl* n. per. oobd. 'Fleischküchlein' (<20. Jh.). Eigentlich
"Fleischpflanzl" aus "Pfann - Zelten" (s. "Zelte[n]") 'Pfannkuchen' mit
sekundärer Angleichung an "Pflanze".

n. = neutrum
per. = peripherer Wortschatz
oobd. = ostoberdeutsch
Das in Anführungszeichen geschriebene gehört eigentlich kursiv.
Das in einfachen Anführungszeichen ist die Angabe einer Bedeutung.

Und da ich schon dabei bin, schreib ich den Eintrag über Zelte auch gleich
noch ab:

*Zelte(n)* m. per. obd. 'flacher Kuchen' (< 10. Jh.). Mhd. "zelte", ahd.
"zelto". Dazu Lebzelten 'Lebkuchen', bair. "pfanzelt" 'in der Pfanne
Gebackenes' (heute Pflanzl. 'Frikadelle', s. "Fleischpflanzl"). Herkunft
unklar. Vielleicht zu dem unter "Zelt" behandelten "*teld-a- stV".
'bedecken'.

obd. = oberdeutsch
mhd. = mittelhochdeutsch
ahd. = althochdeutsch
bair. = bairisch
stV = starkes Verb
das * vor teld-a- heißt, daß es sich um eine rekonstruierte Form handelt

So, ich hoffe, die Erklärungen sind ausreichend (falls sie so detailiert
überhaupt von Interesse waren <g>)

Grüße
Eva

MicrowaveDave

unread,
Jan 20, 2000, 3:00:00 AM1/20/00
to
Und woher kommt der Begriff "Frikadelle"?

Das mit den Bouletten kenne ich auch nur so. Gehst Du hier (Preußen bzw.
Brandenburg) zum Fleischer und verlangst Pflanzerl, schickt er Dich in den
Blumenladen. Und verlangst Du Frikadellen, wirst Du wahrscheinlich
ausgelacht oder er sagt sowas wie "Oh, der Herr wünschen _Frikadellen_..."

;-))

So isses halt mit den regionalen Unterschieden.

Lieben Gruß, Martin


<see...@my-deja.com> schrieb in im Newsbeitrag:
866t6v$sn1$1...@nnrp1.deja.com...


> Weiß jemand, wo der bayerische Begriff "Pflanzerl" für Fleischpflanzerl

MicrowaveDave

unread,
Jan 20, 2000, 3:00:00 AM1/20/00
to

see...@my-deja.com

unread,
Jan 21, 2000, 3:00:00 AM1/21/00
to
Deine Erklärung ist richtig. Ich hab das Wort
mal
> nachgeschlagen. Schließlich studiere ich Linguistik, das muß ja für
> irgendwas nütze sein
> So, ich hoffe, die Erklärungen sind ausreichend (falls sie so
detailiert
> überhaupt von Interesse waren <g>)
>
> Grüße
> Eva
>
> Herzlichen Dank für die Bemühungen.
... und wie steht es mit den linguistischen Wurzeln von Bouletten?
(tschuldigung, aber wenn man schon mal was studiertes am PC hat).

Gruß

Eva-Maria Steiner

unread,
Jan 24, 2000, 3:00:00 AM1/24/00
to
Sorry, daß es mit der Antwort etwas gedauert hat.

see...@my-deja.com schrieb in Nachricht <869gcg$qd2$1...@nnrp1.deja.com>...

>... und wie steht es mit den linguistischen Wurzeln von Bouletten?

Ok, wenn Du es wirklich genau wissen willst, dann schau ich mal nach. Also:

*Bulette* f. per. omd. (Hackfleischbällchen) (<19. Jh.). Entlehnt aus frz.
"boulette (de viande)", einem Diminutivum zu frz. "boule" 'Kugel', aus 1.
"bulla" 'Aufgewalltes, Blase'. S. Bulle

f. = femininum
per. = peripherer Wortschatz
omd. = ostmitteldeutsch
Diminutiv = Verkleinerungsform

Das in Anführungszeichen geschriebene gehört eigentlich kursiv.
Das in einfachen Anführungszeichen ist die Angabe einer Bedeutung.

*Bulle* 1
m. 'Stier' (<17. Jh.). Ursprünglich ein niederdeutsches Wort: ndd. "bulle",
ndl. (dial.) "bol, ból, bolle" u. a. und nndl. bul aus den Kasusformen eines
"n"-Stammes *bulón, *buln- m. 'Stier', in einfacher Form bezeugt in anord.
"boli" 'Stier, Stierkalb', weitergebildet in ae. "bulluca" 'Stierkalb'. Das
Wort ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Ausdruck "pars pro toto", der
ursprünglich das Zeugungsglied bedeutet, voreinzelsprachl. *[Lautschrift,
hier nicht darstellbar] in gr. "phallós" (neben "phales", air. "ball"
'Glied, Geschlechtsglied', im Germanischen mit Ablaut ae. "beallucas"
'Hoden', hess. "bille" 'Penis'. Falls die Bedeutung 'Zeugungsglied'
ursprünglich ist, kann an die Wurzel (ig.) *[wieder Lautschrift]
angeschlossen werden, die Bezeichnung für aufgeblasene oder aufgeschwollene
Gegenstände liefert (s. "Ball 1"). Die allgemeine Bedeutung 'Glied' in dem
altirischen Wort ist dieser Annahme aber nicht günstig.

Nndl. "bul", ne. "bull", nisl. "boli" S. "Bullauge, Bulldogge, Phallus"


m. = masculinum
ndd. = niederdeutsch
ndl. = niederländisch
nndl. = neuniederländisch
anord. = altnordisch
ae. = altenglisch
gr. = griechisch
air. = altirisch
hess. = hessisch
ig. = (gemein-) indogemanisch
ne. = neuenglisch
nisl. = neuisländisch

*Bulle* 2
f. per. fach. 'päpstliche Verordnung' (<14. Jh.). Mhd. "bulle". Entlehnt aus
1. "bulla" gleicher Bedeutung, ursprünglich 'Siegelkapsel', also eine
Bezeichnung "pars pro toto". Ausgangsbedeutung ist 'Wasserblase, Kugel'.

S. (zur Bedeutung 'Kugel') "Bowling, Bulette, Billet, Bulletin, (zur
Bedeutung 'sieden, Blasen werfen') Boiler, Bouillon.


mhd. = mittelhochdeutsch

So, ich glaube, das reicht um einen Einblick zu schaffen in die vielfältigen
Beziehungen der Wortbedeutungen und Sprachen zueinander. Wer bis hierhin
gelesen hat, den hat es ja hoffentlich auch interessiert. Die anderen haben
hoffentlich weggeklickt, ehe ich angefangen habe, sie zu langweilen.
:-)

So, sonst noch Wörter, deren Herkunft Ihr erfahren wollt?
[habsbuchgraddaliegen]

Eva


V. Luna

unread,
Jan 24, 2000, 3:00:00 AM1/24/00
to
Im Artikel <86hjg3$jd3$1...@wsc10.lrz-muenchen.de>, "Eva-Maria Steiner"
<eva-mari...@stud.uni-muenchen.de> schreibt:

>So, sonst noch Wörter, deren Herkunft Ihr erfahren wollt?
>[habsbuchgraddaliegen]
>
>Eva
>

Was heisst "klaszymik trilia klana trilia ko"?

Tschau,
Vava
--
erst am Nachmittag, als keiner mehr einen Bissen herunterzuwuergen vermochte,
wurden die Feuer entfacht und darueber aus gruenen Staemmen Roste errichtet.
Man ging nun daran, die Vorraete, die bereits zu riechen begannen, im Rauch zu
konservieren.

Waltraud Grüneberg

unread,
Nov 3, 2020, 6:05:56 AM11/3/20
to
Toll erklärt, liebe Eva. Ich habe es bis zum Ende gelesen. Mir hat es gefallen. Schöne deutsche Sprache, warum wird sie , selbst von unseren Politikern, so versaut? LG Traudel aus FW

Dorothee Hermann

unread,
Nov 3, 2020, 8:00:41 AM11/3/20
to
Am 03.11.2020 um 12:05 schrieb Waltraud Grüneberg:
^^^^^^^^^^
Am 20.01.2000 schrieb Eva-Maria Steiner zu "Pflanzerl" und "Buletten"
^^^^^^^^^^
u.a.: "Es folgt ein Eintrag aus Kluge, F.: Etymologisches Wörterbuch
der deutschen Sprache, Berlin 1995" ...

*im Thread vor 20 Jahren:
https://groups.google.com/forum/#!search/Pflanzerl$20$3F$3F$3F/de.rec.mampf/mBi-MYOMo4A/ojrl5eoVBAAJ


> Toll erklärt, liebe Eva. Ich habe es bis zum Ende gelesen. Mir hat es
> gefallen.

Ja, die Prosa der Wörterbücher ist schön!

> Schöne deutsche Sprache,

Die Wörterbucheintragungen?

> warum wird sie , selbst von unseren Politikern, so versaut?
> LG Traudel aus FW

WAS wird "versaut" von den Politikern?
Die Bezeichnungen für bestimmte Gerichte/Lebensmittel?

Wie machen "die Politiker" das, die zu "versauen"?


Kann es sein, liebe Waltraud, dass Du da etwas falsch verstanden hast?


Dorothee

Biermann Hans-R.

unread,
Nov 5, 2020, 8:30:55 AM11/5/20
to
Eva-Maria Steiner schrieb am Montag, 24. Januar 2000 um 09:00:00 UTC+1:

>>... und wie steht es mit den linguistischen Wurzeln von Bouletten?

> Ok, wenn Du es wirklich genau wissen willst, dann schau ich mal nach. Also:
> *Bulette* f. per. omd. (Hackfleischbällchen) (<19. Jh.). Entlehnt aus frz.
> "boulette (de viande)", einem Diminutivum zu frz. "boule" 'Kugel', aus 1.
> "bulla" 'Aufgewalltes, Blase'. S. Bulle

In Antwerpen wollte ich in der Bierstube des Hotels noch essen und
bestellte gestomimisch etwas, das am Nebentisch verzehrt wurde.
Es sah mir bulettenähnlich aus, hieß "Bitterballen" und war grausig:
Homogenisiertes, also feinstzerkleinertes Fleisch in der Friteuse
(Lieblingsgerät in Flandern und Niederlanden) ausgebacken, dadurch
äußerlich kross, beim Reinbeißen schwallt einem jedoch aus dem Inneren
eine Flüssigphase entgegen. Ich warne Neugierige!

FR

Frank Hucklenbroich

unread,
Nov 5, 2020, 8:50:54 AM11/5/20
to
Der Beschreibung nach waren das aber keine "Bitterballen", sondern
"Vleiskrokettjes". Bitterballen kenne ich als Mini-Buletten, die zum Bier
gereicht werden. Die werden aber normalerweise nicht frittiert. Bei den
"Fleischkroketten" ist hingegen so eine eklige bräunliche Pampe drin.

Wir hatten das mal auf einem Fußballturnier in Holland, da bin ich als
einer der Betreuer der Fußballmanschaft meines Sohnes mitgefahren, der
damals in der D-Jugend spielte.

Die Veranstalter wollten uns etwas Gutes tun und es wurde eine Runde
Fleischkroketten ausgegeben, die kamen direkt aus dem Tiefkühlschrank in
die große Fritteuse. Von außen sahen die noch halbwegs appetitlich aus
(ähnlich wie Fischstäbchen), wenn man aber hineingebissen hat, quoll aus
dem Inneren eine eklige hellbraune Pampe, wohl feinstzerkleinertes Fleisch
mit Kartoffeln vermischt.

Wir haben die Dinger dann an holländischen Kinder verteilt, die sich
genüßlich darüber hergemacht haben ("Krokettjes! Für frei!").

Grüße,

Frank

Biermann Hans-R.

unread,
Nov 5, 2020, 9:57:50 AM11/5/20
to
Frank Hucklenbroich schrieb am Donnerstag, 5. November 2020 um 14:50:54 UTC+1:

>> In Antwerpen wollte ich in der Bierstube des Hotels noch essen und
>> bestellte gestomimisch etwas, das am Nebentisch verzehrt wurde.
>> Es sah mir bulettenähnlich aus, hieß "Bitterballen" und war grausig

> Der Beschreibung nach waren das aber keine "Bitterballen", sondern
> "Vleiskrokettjes".

Stelle anheim...

> Wir haben die Dinger dann an holländischen Kinder verteilt, die sich
> genüßlich darüber hergemacht haben ("Krokettjes! Für frei!").

Ein niederländischer Unternehmensberater belehrte mich mal, daß das
wichtigste Wort des Niederländischen "gratis" wäre - FR
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