Rat' mal, wer zum Essen kommt (1967)

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F. W.

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Nov 19, 2021, 2:45:49 AM11/19/21
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Es gibt Filme, die sieht man einmal und vergisst sie nicht mehr. Das
sind in meinem Fall nicht unbedingt weltberühmte Meisterwerke, aber wohl
Meisterwerke. Da mich beim Film vor allem die erzählte Geschichte
fasziniert, sind es erzählstarke Filme.

Ich nenne mal als Beispiel "Der weiße Hund von Beverly Hills"^1 in dem
Kristy McNichol versucht, einen rassistisch erzogenen Schäferhund zu
normalisieren. Oder "Abschied von einer Insel"^2, in dem Jon Voight
versucht, die Chancen einer abgeschriebenen Schulklasse gegen den Willen
der Schule zu verbessern. Und natürlich "Quiet Earth"^3, der inzwischen
allerdings eine Art Kultstatus erreicht hat.

Ein weiterer dieser Filme ist "Rat' mal wer zum Essen kommt"^4. "Joey",
eine liberal erzogene junge Dame (Katharine Houghton) bringt ihren
Bräutigam nach Hause, den sie in einem Urlaub auf Hawaii kennen gelernt
hat. Der Bräutigam ist ein Schwarzer (Sidney Poitier).

Obwohl die Eltern liberal sind (Spencer Tracy, Katherine Hepburn),
zweifeln sie an ihren Überzeugungen. Als auch noch die Eltern des
Bräutigams eintreffen, treten gleich mehrere grundsätzliche Konflikte
offen zu Tage.

Das Bemerkenswerte an diesem Film ist für mich allerdings nicht das viel
zitierte Minenspiel von Tracy im Garten (in einer Plansequenz).
Bemerkenswert finde ich stattdessen die vielen Diskussionen und deren
Inhalt. Und dass Menschen in bestimmten Situationen anders sind als sie
auftreten.

Nebenbei handelt es sich um eines der von mir geliebten Kammerspiele
(ehem. Broadway-Stück) und wenn man den Gesprächen folgen will, ist er
in keiner Szene langweilig.

Sehen werden wir den Film im Fernsehen aber nicht. Grund ist die
Synchronisierung, die 1967 selbstverständlich das "N-Wort" nutzt. Schon
damals fand ich es störend wegen seiner Diskriminierung, seiner
Unterscheidung.

"Wer hätte gedacht, dass mein Bräutigam ein N. ist?" fragt Joey
unschuldig. Und liest ihren Partner dann damit doch als ein
Nicht-Mensch, der außerhalb steht.

Selbstverständlich kann man eine Neusynchronisation fordern. Dabei ginge
aber natürlich die ansonsten extrem stimmige Synchro verloren, was
schade wäre. Schon weil viele der Stimmen gar nicht mehr leben.

Der Film ist bekanntlich Tracys letzter gewesen. Kurz nach den
Dreharbeiten starb er an den Spätfolgen seines jahrzehntelangen
Alkoholismus.

"Die Tränen", so weiß Wikipedia, "von Katherine Hepburn waren echt.
Beide wussten, dass es die letzten Sätze Tracy in einem Film sein
werden". Da müssen sie wohl prophetische Gaben gehabt haben. Tracy starb
bekanntlich an Herzversagen und das kündigt sich nicht wochenlang an.
Trotzdem ist der Film natürlich auch vor dem Hintergrund der
lebenslangen Beziehung zwischen den beiden interessant.

Und einer meiner persönlichen Top-Ten.

FW

^1 https://de.wikipedia.org/wiki/Der_wei%C3%9Fe_Hund_von_Beverly_Hills
^2 https://www.imdb.com/title/tt0071358/?ref_=nv_sr_srsg_0
^3 https://de.wikipedia.org/wiki/Quiet_Earth_%E2%80%93_Das_letzte_Experiment
^4 https://de.wikipedia.org/wiki/Rat_mal,_wer_zum_Essen_kommt

Andy Angerer

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Nov 19, 2021, 10:35:05 AM11/19/21
to
Am 19.11.21 um 08:45 schrieb F. W.:

> Das Bemerkenswerte an diesem Film ist für mich allerdings nicht das viel
> zitierte Minenspiel von Tracy im Garten (in einer Plansequenz).
^^^^^

Hat er da den Rasen gesprengt?


--
! NEU !
Kurzgeschichten
eine davon ist von mir
<www.amazon.de/dp/B09K26CCXH?ref_=pe_3052080_397514860>

Stephan Seitz

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Nov 19, 2021, 10:45:17 AM11/19/21
to
F. W. <m...@home.com> wrote:
> Sehen werden wir den Film im Fernsehen aber nicht. Grund ist die
> Synchronisierung, die 1967 selbstverständlich das "N-Wort" nutzt. Schon

Ja mei, was verwendet denn das Original für ein Wort? Wenn die Synchro
gut war, dann wird die Übersetzung schon das passende Wort gewählt
haben. Und läuft der Film im US-amerikanischen Fernsehen?

Stephan

--
| Stephan Seitz E-Mail: stse+...@rootsland.net |
| If your life was a horse, you'd have to shoot it. |

Manfred Polak

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Nov 19, 2021, 4:13:51 PM11/19/21
to
F. W. schrieb:

>"Die Tränen", so weiß Wikipedia, "von Katherine Hepburn waren echt.
>Beide wussten, dass es die letzten Sätze Tracy in einem Film sein
>werden". Da müssen sie wohl prophetische Gaben gehabt haben. Tracy starb
>bekanntlich an Herzversagen und das kündigt sich nicht wochenlang an.
>Trotzdem ist der Film natürlich auch vor dem Hintergrund der
>lebenslangen Beziehung zwischen den beiden interessant.

Nein, die mussten keine Propheten sein, sondern nur über Realitätssinn
verfügen. Tracy hatte schon 1963 ein Lungenödem erlitten, war 1965
beinahe an einem akuten Nierenversagen gestorben (er lag schon eine
Nacht im Koma), und nun, bei den Dreharbeiten 1967, litt er an einer
Lungenstauung (eine milde Form des Lungenödems), Diabetes und
Herzinsuffizienz. Er war einfach in lausiger Verfassung - so lausig,
dass sich die Versicherung weigerte, Tracy für den Film zu versichern.
Daran wäre das ganze Projekt gescheitert, wenn nicht Stanley Kramer
und Hepburn mit eigenem Geld für den Fall gebürgt hätten, dass Tracy
bei den Dreharbeiten stirbt und der Film deshalb abgebrochen werden
muss. Es war schon ziemlich klar, dass sich das so nicht wiederholen
würde. Werfen wir doch nochmal einen Blick in Wikipedia [1] und
schauen, was Sidney Poitier dazu meinte:

| "The illness of Spencer dominated everything. I knew his health was
| very poor and many of the people who knew what the situation was
| didn't believe we'd finish the film, that is, that Tracy would be
| able to finish the film. Those of us who were close knew it was
| worse than they thought. Kate brought him to and from the set. She
| worked with him on his lines. She made sure with [Stanley] Kramer
| that his hours were right for what he could do, and what he couldn't
| do was different each day. There were days when he couldn't do
| anything. But also there were days when he was great, and I got the
| chance to know what it was like working with Tracy."


Manfred

[1] https://en.wikipedia.org/wiki/Guess_Who's_Coming_to_Dinner

F. W.

unread,
Nov 22, 2021, 5:02:51 AM11/22/21
to
Am 19.11.2021 um 16:35 schrieb Andy Angerer:
> Am 19.11.21 um 08:45 schrieb F. W.:
>
>> Das Bemerkenswerte an diesem Film ist für mich allerdings nicht das viel
>> zitierte Minenspiel von Tracy im Garten (in einer Plansequenz).
>            ^^^^^
>
> Hat er da den Rasen gesprengt?
>
>

:-D

Ich kaufe ein "e".

FW

F. W.

unread,
Nov 22, 2021, 5:03:25 AM11/22/21
to
Na das überzeugt ja. Vielen Dank!

FW

F. W.

unread,
Nov 22, 2021, 5:04:43 AM11/22/21
to
Am 19.11.2021 um 16:45 schrieb Stephan Seitz:
> F. W. <m...@home.com> wrote:

>> Sehen werden wir den Film im Fernsehen aber nicht. Grund ist die
>> Synchronisierung, die 1967 selbstverständlich das "N-Wort" nutzt.
>> Schon

> Ja mei, was verwendet denn das Original für ein Wort? Wenn die
> Synchro gut war, dann wird die Übersetzung schon das passende Wort
> gewählt haben. Und läuft der Film im US-amerikanischen Fernsehen?

Tja, das weiß ich leider nicht.

Originalstimmen zu dubben dürfte ein Kapitalverbrechen in Hollywood sein.

FW

Quinn C

unread,
Nov 22, 2021, 12:33:40 PM11/22/21
to
* F. W.:

> Am 19.11.2021 um 16:45 schrieb Stephan Seitz:
>> F. W. <m...@home.com> wrote:
>
>>> Sehen werden wir den Film im Fernsehen aber nicht. Grund ist die
>>> Synchronisierung, die 1967 selbstverständlich das "N-Wort" nutzt.
>>> Schon
>
>> Ja mei, was verwendet denn das Original für ein Wort? Wenn die
>> Synchro gut war, dann wird die Übersetzung schon das passende Wort
>> gewählt haben. Und läuft der Film im US-amerikanischen Fernsehen?
>
> Tja, das weiß ich leider nicht.

"Negro" - wie zu erwarten war, aber ich habe zur Sicherheit
nachgeschaut.

Damals noch das übliche Wort, wie ja auch die deutsche Entsprechung. In
diesem Sinne hat die Synchro schon das passende Wort gewählt.

Aber wenige Jahre später änderte sich das allmählich. "Negro" klingt im
Englischen heute meist altertümelnd und tendenziell herablassend, aber
in einem historischen Film ist es kein Problem (im Gegensatz zu deren
"echtem" N-Wort). Das deutsche Wort hat eine stärkere Wandlung
durchgemacht, ist also jetzt keine gute Entsprechung mehr.

--
... it might be nice to see ourselves reflected in TV shows and
Pride season campaigns, but the cis white men who invented the
gender binary still own the damn mirror.
-- Delilah Friedler at slate.com
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