Dienstag, den 13.06.2023
Strecke: Salzburg-Itzling, Eugendorf, Thalgau, Sankt Lorenzen am
Mondsee, Sankt Gilgen am Wolfgangsee, Strobl, Bad Ischl, Ebensee,
Altmünster am Traunsee
Zurückgelegte Entfernung: 99,35 km
Fahrzeit: 7 Stunden 11 Minuten
Gestiegene Höhenmeter: +651 m
Wetter: Ganztags sonnig, jedoch oft sehr windig. Am Vormittag kühl.
An diesem Tag mußte ich das erste Mal auf dieser Reise kacken. Man
merkte, daß mein Körper Energie brauchte. Der Stuhlgang war recht fest,
und das Ausscheiden tat weh. Ich tupfte eher mit dem Klopapier als daß
ich rieb.
Abfahrt gegen dreiviertel sieben Uhr bei einem strahlend blauen Himmel.
Ich verließ den Campingplatz und blieb bald stehen. Da zwei Fußgänger
den Berg hochkamen, machte ich jedoch kein Photo mehr von der Festung
Hohensalzburg im roten Morgenlicht mit dahinterliegendem Untersberg.
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Auf dem ersten Stück und auch etwas später bei der Ausfahrt aus der
Stadt auf der ehemaligen Ischlerbahntrasse, wo auch der
Salzkammergutradweg, der R2, oder der Mozartradweg verläuft, an der
alten Landstraße entlang kamen mir sehr viele Radfahrer entgegen.
Vermutlich fuhren die jetzt im Sommer alle mit dem Fahrrad zur Arbeit.
Eine junge Frau kam mir laufend entgegen. Wir blickten uns kurz
gegenseitig staunend an. Dann war jeder hinter dem anderen verschwunden.
Ich werde sie vermutlich nie wieder sehen.
Als ich die Stadt verlassen hatte, stieg der Radweg beständig, aber
leicht an. Ich konnte trotz dem schwer bepackten Fahrrad alles treten.
Wo der Möslweg eine Kurve machte, den Radweg querte und eine kleine
Kapelle stand, blieb ich noch einmal kurz stehen. Es war inzwischen so
warm geworden, daß ich das langärmelige Oberteil ausziehen konnte.
Neben der Kapelle stand ein merkwürdiges Gefährt mit drei Rädern. Erst
als ich wieder anfuhr und an der Kapelle vorbei war, bemerkte ich, daß
auf der anderen Seite ein junger Mann saß. Er wandte mir den Rücken zu.
Vermutlich gehörte das Gefährt zu ihm.
http://home.chiemgau-net.de/ausserstorfer/Temp/2023-09-03/Morgenblick.jpg
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Der Salzkammergutradweg R2 folgte hier der ehemaligen Isenbahntrasse,
einer Eisenbahnstrecke, die einst Bad Ischl mit Salzburg verband. Einer
der letzten Fahrgäste dürfte Claus Unterbuchberger gewesen sein.
Zumindest erwähnte er die Bahnfahrt in dem ersten Band seines Werkes
"Radle ins Leben, steige niemals ab!"
Bis Eugendorf ging es einige Male durch den Wald, sonst viel über
Wiesen. In Eugendorf, welches ich gegen dreiviertelacht erreichte,
machte ich einen kurzen Abstecher in das Dorf, um einen Postkasten zu
suchen. Beim Gemeindeamt war einer. Dort stiegen gerade Kinder aus einem
Schulbus.
Allmählich drückte die Blase. Ich verließ Eugendorf wieder auf dem Weg,
auf dem ich gekommen war. Der Radweg querte einmal die Salzburger Straße
und folgte etwas später nach der Durchquerung eines kleinen Wohngebietes
der Thalgauer Landesstraße.
Kurz bevor diese südlich von Knutzing auf die nördliche Seite zu queren
war, sah ich links von mir eine Wiese und dahinter endlich einen Wald.
Durch die hohe Wiese hatte ich jedoch nicht gehen oder fahren wollen. Es
tauchte dann ein landwirtschaftlicher Versorgungsweg auf, auf dem ich
durch eine feuchte Mulde bis zum Wald fahren konnte. Dort konnte ich
endlich in aller Ruhe die Blase entleeren.
Hinter Knutzing verließ man noch einmal die Thalgauer Landstraße. Es
ging auf einer Nebenstraße durch Reitberg hindurch und anschließend an
einem Golfplatz entlang. Dann machte der Radweg plötzlich einen Knick.
Bei einem alleinstehenden Haus links von der Straße stand die Haustür
weit offen und hatte man ein großes Brett auf die Treppe vor den Eingang
gelegt. Eine kräftige Frau schob einen Schubkarren, vollgepackt mit
Brennscheiteln, über das Brett hoch und verschwand im Haus. Überall um
das Haus herum standen meterhohe Stapel von Scheiteln herum.
Beeindruckend.
Es war das letzte Haus, bevor man direkt an die Thalgauer Landstraße
zurückkehrte. Der weitere Verlauf des Radweges war eher langweilig. Er
folgte jetzt nördlich der alten Landstraße. Es ging auch einmal kurz
steil aufwärts, weshalb ich schob.
Kurz nachdem ich die Westautobahn A1 gequert hatte, stand ich auf einer
Anhöhe. Dort blieb ich stehen. Ich befand mich jetzt kurz vor dem
Thalgau. Vor mir breitete sich ein gewaltiges Panorama aus: Ich sah von
hier aus bis ins Salzkammergut hinein. Welch ein Paradies! Es lag still
und friedlich, aber voller Kraft und in allen Farben von der Morgensonne
beschienen vor mir.
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Im Sommer 2003 war ich das bisher einzige Mal bei schönstem Wetter mit
dem Fahrrad ins Thalgau gekommen. Immer hatte ich mir gesagt, daß ich
eines Tages zurückkehren werde. Heute war es endlich soweit!
Nur hatte ich damals von der Stadt Salzburg aus die steile
Wolfgangseestraße nördlich vom Gaisberg über Koppl genommen und war dann
von Plainfeld gekommen. Die heutige Strecke war viel angenehmer, weil
verkehrsruhiger und flacher. Hätte ich damals doch lieber den
Salzkammergutradweg genommen! Hinterher ist man immer schlauer.
Nach einer kurzen, aber rasanten Abfahrt ereichte ich das
Industriegebiet und kam direkt am CD-Werk von Sony vorbei, wo ich 2003
fast eine Anstellung bekommen hätte. Hätte ich damals nicht abgesagt.
Mein Ausbildungsbetrieb in Bayrisch Gmain hatte mich damals gefragt, ob
ich noch den August überbrücken helfen könnte, bis das neue Lehrmädchen
anfangen würde. Das hatte ich Naivling dann auch gemacht, weil ich
gedacht hatte, es wäre kein Problem, innerhalb eines Monats eine andere
Arbeit zu finden. Auf der anderen Seite hatte ich nicht gewußt, wie ich
hätte ins Thalgau kommen sollen. Ich wohnte damals in Bad Reichenhall.
Stand danach dann aber ohne Arbeit da. Das Lehrmädchen hatte man später
übrigens rausgeworfen. War ich wohl doch nicht so schlimm gewesen.
Wieder war ein Punkt auf meiner Liste geschafft. Als ich ihn abhaken
wollte, bemerkte ich jedoch, daß ich er ja gar nicht draufstand. Ich
hatte ihn vergessen gehabt. Der wievielte Punkt war das jetzt
eigentlich? Allmählich kam ich ins Schleudern. Oje, oje, was für ein
Saustall!
Ich folgte der Beschilderung bis nach Thalgau hinein, wo ich in der
Ortsmitte einen Bücherschrank mit sehr interessanten Büchern entdeckte.
Leider hatte ich nicht den Platz, etwas mitzunehmen.
Bei der Ausfahrt auf der Ferdinand-Zuckerstätter-Straße aus dem Dorf kam
ich an drei Schulen und einem Kindergarten vorbei, welche direkt
nebeneinanderstanden. Bald danach ging es direkt an der Fuscher Ache,
welche hier eher ein Bach war, entlang. Die Fuscher Ache wurde auf
beiden Uferseiten von einem schmalen Streifen Gebüsch und Bäume gesäumt.
Hinter der kleinen Ortschaft Waidach stand direkt am Gebüsch eine Bank.
Es war jetzt kurz nach neun Uhr. Bei der Bank machte ich Brotzeit und
saute mich für den Rest des Tages wieder mit Sonnencreme ein. Tägliches
Ritual. Allmählich wurde es warm.
Die Wasser des türkisfarbenen Mondsees erreichte ich etwa gegen zehn Uhr
bei Plomberg, nachdem ich ein Gewirr von kleinen Straßen und Häusern
hinter mich gelassen hatte. Die sanften Wellen des Sees funkelten und
glitzerten in der Morgensonne. Selten hatte ich etwas so Schönes
gesehen.
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Ich mußte an die Schweizer Radfahrer von vorgestern Nachmittag und an
die Radfahrer aus Neuseeland gestern in Salzburg denken. Mich wunderte
es nicht, daß sie in diese Gegend zum Radfahren kamen. Da ich bereits
selbst die Schweiz mit dem Fahrrad durchquert und auch einige
Zeit in Neuseeland gelebt und gearbeitet hatte, denke ich, daß ich den
Vergleich recht gut ziehen kann.
Das hier war ein einziges Paradies.
Da kam mir der Gedanke, daß ich inzwischen vielleicht ja gar nicht mehr
am Leben, sondern bereits tot wäre und als Geist umherwandeln würde.
Vielleicht hatte mich gestern doch eine Kuh zusammengetrampelt oder der
Bus überfahren und ich hatte es noch gar nicht bemerkt? In solchen
Sachen war ich gerne recht schnell.
Bis nach Scharfling ging es gut drei Kilometer oder eine Viertelstunde
neben der Hauptstraße direkt am See entlang. Eigentlich viel zu kurz.
Danach mußte ich abbiegen und der kurvenreichen und dunklen, weil
größtenteils im Schatten liegenden Hauptstraße durch den Wald bis nach
Sankt Gilgen am Wolfgangsee folgen. Da der Mondsee (493 m) wesentlich
tiefer als der Wolfgangsee (545 m) liegt, stieg die breite Straße leicht
aber beständig an. Es gab hier keinen eigenen Radweg. Man fuhr direkt
auf der breiten Hauptstraße. Es war insgesamt recht ruhig und wenig
Verkehr. Von Zeit zu Zeit überholten mich auch Radfahrer. Meist hatten
sie diese moderne Tretunterstützung.
Spätestens auf diesem leichten Anstieg hatte ich wieder Probleme mit der
Rohloff Speedhub 500/14 Getriebenabe. Immer wieder mal rutschte beim
Treten ein Gang durch. Das war lästig. Ich würde die Nabe bald tauschen
müssen. Dabei war sie noch keine 12 Jahre alt und dürfte auch noch keine
100.000 km auf dem Buckel gehabt haben.
Kurz vor dem kleinen Krottensee hat man die Paßhöhe erreicht. Danach
rollt man wie von selbst wieder bis nach Sankt Gilgen hinab.
Ich erreichte das Dorf gegen dreiviertelelf. Es war voll mit
Spaziergängern. Ich kaufte wieder fünf Ansichtskarten samt Briefmarken.
Sie hatten auch viele handgezeichnete Ansichten von der Gegend. Das hat
mich sehr erfreut! Denn inzwischen sind Ansichtskarten überhaupt sehr
selten geworden.
Ein erster Blick auf den von sanften Bergen umragten Wolfgangsee. Er kam
mir an diesem Tag nicht ganz so schön vor wie der Mondsee. Trotzdem war
er schön. Kein Wunder, daß der deutsche Politiker Helmut Kohl zusammen
mit seiner Frau Hannelore und Kindern jeden Sommer hierherkamen, um
ihren Urlaub zu verbringen. Das hatte ich früher schon gewußt, verstand
ich aber erst jetzt.
Das waren noch Zeiten, als sechs Millionen Arbeitslose dazu aufgerufen
waren, hierher an den Wolfgangsee zu kommen, um gegen Helmut
Kohls Arbeitsmarktpolitik zu demonstrieren!
Die nächsten Kilometer bis zur nächsten Halbinsel oder Landzunge, welche
in den Wolfgangsee hineinragt, ging es eingebettet zwischen Hauptstraße
und See auf einen gekiesten Radweg dahin. Auf den Feldern lag Heu zum
Trocknen aus. Es war sehr heiß. Einmal blieb ich kurz bei einer Bank
stehen, um ein Lichtbild von einem schönen alten Bauernhaus mitsamt dem
Radweg sowie vom Wolfgangsee zu zeichnen.
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Wo man auf die Halbinsel oder Landzunge stieß, war am Ufer erst einmal
eine Badewiese. Dahinter lagen gleich vier Campingplätze. Bis zum Ende
der Halbinsel sollten es laut Karte gleich 12 sein.
Im Schatten eines Waldrandes machte ich noch einmal kurz Rast, bevor ich
den Wald durchquerte. Es fuhr gerade eine große landwirtschaftliche
Maschine auf dem Feld zwischen Wald und See herum.
Gegen Mittag erreichte ich dann in der größten Hitze mit dem Ort Strobl
das Ende des Sees. Bei dem kleinen Geschäft ADEG kaufte ich noch
kurzerhand Äpfel und Nüsse ein. Mir waren diese ausgegangen. Nach den
Nüssen suchte ich lange. Da ich keine Erdnüsse fand, kaufte ich
Walnüsse. Eine junge Verkäuferin sah mich fragend an. Vielleicht sah ich
etwas wild aus. Keine Ahnung.
Dort, wo man auf dem Radweg an die Ufer des Wolfgangsees zurückkam,
befand sich links neben dem Seehotel Lilly ein großer Platz mit einem
grandiosen Blick auf den See. An dieser Stelle mußte ich unbedingt noch
einmal stehenbleiben und ein Lichtbild zeichnen. Was für ein Traum!
Diese Uferpromenade hätte genausogut in Riva am Gardersee liegen können,
wo die Großmutter Franziska Zoina meines Urgroßvaters Engelbert geboren
worden war.
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Kurz später setzte ich auf einer Brücke über die Ischl über und folgte
dieser in Richtung Bad Ischl. Die Straße auf der nördlichen Seite des
Sees zu meiner Linken war nur für Fußgänger freigegeben, eine Befahrung
mit Fahrzeugen aller Art ausdrücklich verboten.
Da es die meiste Zeit abwärts ging, kam ich recht schnell voran.
Trotzdem war der ausgeschilderte Radweg nach Ischl ein ziemliches
Gemetzel, weil er nicht direkt dem Fluß folgte, sondern diesem auf allen
möglichen Nebenstraßen in einem unübersichtlichen Zickzack begleitete.
Mal befand man sich weit entfernt rechts vom Fluß, dann wieder links von
ihm.
Das letzte Teilstück nach Ischl fuhr ich auf dem Dammweg, gesäumt von
einem Wald, direkt am Fluß entlang. Hier waren abschnittsweise keine
Häuser oder Straßen mehr zu sehen. Dieser Weg war nur für Radfahrer und
Fußgänger und folgte im Schatten direkt dem Fluß, so wie man sich das
halt wünschte. Man konnte auch problemlos zur Ischl runtergehen.
Etwas später mußte ich aber auch schon wieder über den Fluß übersetzen
und auf einer asphaltierten Straße von ihm wegfahren. Es kamen viele
Häuser und zum Schluß wieder eine Brücke, die frontal auf die Salzburger
Straße stieß. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite begrenzte eine
Felswand oder steiler Abhang die weitere Sicht. Gleich nach der Brücke
über die Ischl ging links ein schmaler Weg ab, der mich direkt am Ufer
nach Bad Ischl führte, dessen erste Häuser kurz später vor mir
auftauchten.
Daß ich auch direkt an der Kaiservilla vorbeifuhr, welches sich auf der
gegenüberliegenden Flußseite befand, übersah ich auf Grund von Gebüsch
vermutlich. Ja, selbst Kaiser residierten hier im Salzkammergut! Dort
drüben in diesem Gebäuse hatte Kaiser Franz Joseph den Marschbefehl
unterzeichnet, der zum ersten Weltkrieg geführt hatte.
Als ich beim Parkbad auf die Götzstraße rausbrach, welche quasi eine der
Hauptstraßen durch Bad Ischl war, kannte ich mich wieder aus. Hier war
ich vor fünf Jahren schon einmal. Damals war ich allerdings vom Traunsee
gekommen und in Richtung Hallstätter See abgebogen, also genau in
Gegenrichtung gefahren. Ich hätte nie geglaubt, daß es ein halbes
Jahrzehnt dauern würde, bis ich wieder hierherkommen täte.
Als ich bei der Einmündung der Ischl auf die Traun stieß, erkannte ich
gegenüber dem Kreisverkehr den Platz wieder, wo ich damals vor fünf
Jahren gegenüber einem Eurospar Mittag gemacht hatte.
Mein Anliegen war es immer gewesen, die Traun kennenzulernen. Ich war
selbst im Trauntal groß geworden - allerdings in Bayern. Denn dort gab
es auch eine Traun. Ich hatte die österreichische Traun eines Tages in
einer Karte oder in einem Atlas entdeckt gehabt, was mich neugierig
gemacht hatte.
Von nun an würde ich also der Traun bis zur Einmündung in die Donau bei
Linz folgen. Denn ein Ziel von vielen auf dieser Fahrt war, den
Geburtsort meiner Urgroßmutter Aloisia Außerstorfer, geborene Knogler,
in der Froschau bei Waxenberg im Mühlviertel kennenzulernen. Und die
Traun lag da halt genau auf dem Weg. Es paßte alles zusammen. Puh, was
tat man denn nicht alles für die Bildung!
Die nächsten 12 km bis Plankau würde es recht eintönig werden. Man
fuhr hier ohne viel Abwechslung eingebettet in einem schmalen Tal
zwischen der Bundesstraße 145 und der Traun auf einem Radweg dahin, der
oft eher einem erhöhten Bürgersteig glich.
Obwohl ich einmal ein Schild sah, daß der Radweg in 200 m aufhören
würde, war das nicht der Fall. Mit einer kurzen Ausnahme mußte ich
niemals auf der Bundesstraße fahren; an einer Stelle nämlich war eine
Baustelle. Den Fluß sieht man oft, aber nicht immer. Es war - wie auch
schon das letzte Mal vor fünf Jahren - plötzlich sehr windig. Mir kam es
so vor, wie wenn ich die ganze Zeit Gegenwind hätte. Vielleicht ein
Fallwind. Bald glaubte ich, den Traunstein vor mir ausmachen zu können.
Im Gegensatz zu meiner Geburtsstadt in Bayern war der Traunstein hier
aber ein Berg oder Felsen.
Kurz vor der Plankau überquerte man auf einer Brücke den Fluß. Etwas
später machte der Radweg dann plötzlich kehrt und führte unter der
Bundesstraße durch. Beim Bahnübergang angekommen hatte ich jedoch
Probleme, weil ich keine Beschilderung mehr sah. Ich erriet die richtige
Richtung dann. Kurz später überquerte ich auf einer Brücke nochmals die
Traun. Hier hatte ich vor fünf Jahren schon einmal ein Photo gemacht.
Und wieder schoß ich eines.
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Ein kurzes Stück lief die Straße noch durch einen Wald. Dann brach
er auf. Zur Linken kamen allmählich die ersten Häuser daher. Gegen drei
Uhr am Nachmittag erreichte ich den Ort Ebensee am Traunsee. An der
Kreuzung Langbathstraße - Hauptstraße sah ich gegenüber der Kreuzung ein
Fahrradgeschäft. Davor waren einige Fahrräder auf einem Geländer
montiert.
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Kurz später kam ich am Gemeindeamt vorbei. Dort sah ich eine Tafel mit
dem Ortsplan und einigen Auslagen. Da auch Landkarten für Radfahrer
darunter waren, sah ich mir das an. Sehr löblich! Ich hatte meine vom
Salzkammergutradweg damals vor fünf Jahren in Attersee am Attersee auf
dieselbe Weise bekommen. Sie war jetzt wieder mit dabei.
http://home.chiemgau-net.de/ausserstorfer/Temp/2023-09-10/Gemeindeamt.jpg
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In Ebensee gab es direkt am Traunsee unterhalb der Bundesstraße 145 nach
Gmunden einen großen Rastplatz mit einigen Bänken. Dort machte ich noch
einmal kurz Rast, stärkte mich und genoß den Blick auf den Traunsee,
bevor ich die letzten Kilometer am Traunsee entlang nach Gmunden fuhr.
Anfangs ging es direkt am See neben der Bundesstraße entlang bis zu
einem Tunnel. Da man als Radfahrer nicht durch diesen fahren darf, bog
ich auf die kleine Straße rechts davon ein, welche weiter direkt am See
entlangführte. Dort kam dann die erste Baustelle daher.
Bald schon erreichte ich das Löwendenkmal, welches wohl an den Bau
dieser abenteuerlichen Straße durch den Fels erinnern sollte.
Dem Löwendenkmal gegenüber stand auch eine Sitzgruppe. An dieser Stelle
der Straße hatte man einen guten Blick auf den See mit Traunkirchen und
dem Traunstein.
http://home.chiemgau-net.de/ausserstorfer/Temp/2023-09-10/BeimLoewendenkmal.jpg
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Hier stürzten auf beiden Seiten des Traunsees die Felswende fast
senkrecht in den See. Für Reisende von und nach Linz stellte diese
Stelle vor dem Bau der Straße eine natürliche Barriere dar. Wenn
überhaupt, dann hatte es wohl nur einen schmalen Pfad am Ufer entlang
gegeben. Oder man hatte für die Weiterreise ein Boot oder ein Schiff
nehmen müssen. Natürliche Ohnmacht.
Der Forschungsreisende Alexander von Humbold schrieb an einem Brief an
den Botaniker J. van der Schot, welcher auf den 28. Oktober 1797 datiert
ist, über diese Gegend:
"Wir haben eine herrliche Witterung auf der Reise gehabt. Diese allein
konnte mich aufheitern, denn ich habe Wien recht ungern verlassen... Wir
sind der schönen Gegend wegen so langsam gereist (beinahe einen Monat),
daß wir erst 2 Tage hier sind. Sie sehen, dass wir also Vor- und
Nachmittag 1/4 Stunde gereist sind. In der That aber war die Natur des
Aufenthaltes werth. Wir haben von Linz aus, Gmunden, den Traunfall, den
Traunsee u. s. w. besucht. Ich gestehe, daß ich in der Schweiz kaum
solche große Naturscenen kenne, als diese Oberösterreichischen. Dazu ist
das Volk dort mir ungleich interessanter und liebenswürdiger, als die
trägen kalten Schweizer. Ich sehe die Gegend diesen Herbst (November)
noch einmal. Ich werde zu Fuß nach Ischl, Hallstatt und wenn die
Witterung sich hält, bis Aussee in Steiermark gehen, um die
Steinsalzflöße daselbst zu besehen."
Wer heute mit dem Auto von Salzburg nach Linz fährt, wird in der Regel
die Westautobahn A1 nehmen und vom Traunsee und dessen Schönheit nichts
mitbekommen. Mit dem Fahrrad aber ist man viel langsamer unterwegs und
fährt, ja lebt ganz anders.
In Traunkirchen mußte ich plötzlich einen Berg hochfahren. Mir kam ein
Junge in Arbeitskleidung unter. Jemand, der das Fahrrad noch als Mittel
zum Zweck nutzt? Sowas sieht man heutzutage selten.
Die weitere Straße war zum Teil komplett abgetragen und eine
Fahrbahnseite gesperrt. Schwere Baumschinen und Laster waren im Einsatz.
Offensichtlich wurde die Straße zwischen Traunkirchen und Gmunden
erneuert.
Gegen vier Uhr am Nachmittag erreichte ich das Strandcamping
Traunkirchen. Ich überlegte kurz, radelte dann aber doch weiter.
Kurz vor Gmunden schien es laut meiner Karte noch einen Zeltplatz zu
geben. Ich wollte heute möglichst weit kommen und damit die Entfernung
für morgen möglichst weit verringern, weil es zwischen Gmunden und Linz
keine Zeltplätze mehr zu geben schien. Zumindest hatte ich zuhause
nichts in Erfahrung bringen können.
In Altmünster kam ich dann tatsächlich nochmals an einem Zeltplatz
vorbei. Allerdings sah ich keinen Zugang. Diesen fand ich erst auf der
anderen Seite, oben an der Hauptstraße. Das war wieder einmal typisch.
Alles fürs Auto gemacht.
Nun versperrte mir aber eine Schranke die Zufahrt. Ich klingelte zwei
Mal. Aber es rührte sich nichts. Kurzerhand stellte ich mein Fahrrad zur
Seite, krabbelte unter der Schranke hindurch und ging zur Anmeldung
hinunter, um nachzusehen, ob der Platz überhaupt geöffnet war.
Das war er. Hinter der Theke stand eine Frau. Sie sagte irgendwas. Aber
sie sprach sehr undeutlich. Ich verstand sie nicht.
Nun war da noch ein junger Mann, der gerade das Pärchen vor mir
bedient hatte und jetzt das Wort übernahm. Irgendwie hätte die Klingel
nicht funktioniert. Sie hätten nichts gehört.
Ich fragte nach einem Platz für eine Nacht.
"Hast Du Dein Handy dabei?"
Ich wunderte mich und zog es aus meiner Hosentasche. Wozu brauchte er es
denn? Er hatte doch ein eigenes Telefon hier auf dem Tisch stehen!
"Nein, damit wird das nichts."
Was hatte er denn gegen mein Samsung GT-B2710?
Nun mußte ich vier oder fünf Minuten warten, bis der junge Herr hinter
der Theke mir ein Blatt ausgedruckt hatte, das ich dann ausfüllen
durfte. Wieso nicht einfach ein Stapel solcher Blätter oder ein Block
schon griffbereit dalag, das entzog sich meiner Kenntnis. Auf anderen
Zeltplätzen machten sie es schließlich auch so.
Während ich den Zettel ausfüllte, war das Paar vor mir damit
beschäftigt, irgendwas in ihr SmartPhone einzutippen. Was ewig zu dauern
schien. Sie waren vor mir gekommen, aber ich war trotz des Wartens
schneller.
Ich bekam dann noch einen elektronischen Schlüssel für die Toiletten,
die Duschen und andere Räume. Dafür mußte ich 20 Euro hinterlegen.
Anschließend gingen wir gemeinsam nach draußen. Er zeigte mir meinen
Platz.
Bevor der junge Mann zurückging, fragte ich ihn noch wegen der
Bezahlung. Die sollte ich morgen machen. Und dabei den Schlüssel
zurückgeben.
Ab wann sie denn morgen geöffnet hätten?
Ab acht Uhr.
Erst?
Ja, das war blöd. Ich wollte doch spätestens so um dreiviertelsieben Uhr
los. Ich wollte morgen doch bis nach Linz und hatte sehr viele Kilometer
vor mir!
Dann sollte ich später nochmal zu ihnen kommen und bezahlen, wenn ich
mit allem fertig wäre. Sie hätten bis 20 Uhr auf. Allerdings müßte ich
dann auch den Schlüssel abgeben und würde keinen Zugang zu den sanitären
Einrichtungen mehr haben. Es gäbe aber in der Nähe des Zeltplatzes eine
öffentliche Toilette, die man nutzen könnte.
Ich baute mein Zelt direkt neben einem ziemlich großen Zelt auf, in das
ein Erwachsener fast aufrecht hineingehen konnte und dessen Eigentümer
mit dem Auto gekommen waren. Das Zelt gehörte zu zwei Frauen, die aus
Asien zu kommen schienen. Vielleicht Mutter und Tochter. Sie sprachen
kein Deutsch und auch keine mir bekannte europäische Sprache.
Als ich etwas später das Abendessen einnahm, bekam ich zwei neue
Nachbarn: Marek und Veronika, ein Ehepaar aus Tirol. Sie waren ebenfalls
wie ich mit dem Fahrrad unterwegs und bauten ihr Tunnelzelt neben dem
meinem auf.
Die Fahrräder sahen sehr neu und wertig aus und interessierten mich.
Daher ging ich zu ihnen hinüber und fragte sie, ob ich mir ihre Räder
genauer ansehen dürfte. So kamen wir miteinander ins Gespräch.
Die beiden Fahrräder waren von Patria und vom Modell Cosmos.
Sie waren mit Scheibenbremsen und jeweils der Rohloff Speedhub 500/14
Getriebenabe ausgestattet. Diese Kombination finde ich nicht so toll.
Das Getriebe von Rohloff ist mit einem Öl gefüllt. Wenn sie undicht
wird, und das wird sie in der Regel auf der Seite der Bremsscheibe,
habe ich selbst gleich mehrfach erleben müssen, kann das Öl auf die
Bremsscheibe laufen. Eine ölverschmierte Bremsscheibe bremst vermutlich
nicht mehr richtig.
Besonders nachdenklich machte mich, daß Rohloff Loctite Schraubendicht
511 statt einer vernünftigen Abdichtung verwendete. So eine Schraube
einige Male rein- und wieder rausgedreht kann sehr schnell undicht
werden. Außerdem ist es schädigend für Wasserorganismen. Bei dem Preis
für das Getriebe waren doch wohl hoffentlich noch einige Euro für
vernünftige, dichtmachende Schrauben drin. Oder Schrauben mit Tuflok
360, dem blauen Ring.
Die Kette lief bei beiden Rädern offen, obwohl man problemlos einen
Hebie Chainglider hätte anbringen können. Aber anscheinend wußte
das das Pärchen nicht. Hier verstehe ich Patria nicht. Sie hätten es
ihnen ja anbieten oder wenigstens sagen können.
Das E-Werk von Busch und Müller war anscheinend nach weniger als zwei
Jahren kaputt gegangen.
Die Fahrräder verfügten über eine komplette Lichtanlage von SON.
Der Frontscheinwerfer Edelux 2 von SON hat sich bei mir ja aus vielerlei
Gründen nicht bewährt (Schalter im Winter festgefroren, Dreck sammelte
sich auf dem Frontglas, Licht fällt nur nach unten und ist dabei viel zu
stark, so daß er insbesondere bei nasser Fahrbahn spiegelt und alle
Verkehrsteilnehmer und mitunter einen selbst irritiert). Ich hatte meine
zwei Stück deshalb irgendwann abgegeben und wieder durch einen
vernünftigen Halogenscheinwerfer ersetzt.
Der Nabendynamo hat das Problem, daß man nicht einfach ein Kabelende
anschließen kann, sondern eine Flachsteckhülse oder gar eine
entsprechende Buchse am Kabelende dafür benötigt. Um jetzt ein
geeignetes Kabel herzustellen, braucht man einiges an Werkzeug und ist
unterwegs auch gar nicht so ohne weiteres möglich. Das war mir bereits
bekannt. Der Eigentümer hatte jetzt das Problem, daß er nachträglich das
E-Werk von B&M zwischenschalten wollte. Das war in meinen Augen bei den
Nabendynamos von Shimano besser, sprich einfacher gelöst. Kabel
abisolieren, durchstecken, umbiegen, Stecker aufstecken fertig. Zur Not
konnte man ja einen Ersatzstecker mitnehmen, falls er mal verloren ging.
Wir hatten auch über unsere Ausrüstung gesprochen. Ich hatte kurz vor
der Abfahrt noch einen neuen, leichteren Schlafsack von Salewa besorgt
gehabt, weil ich anfangs über die Berge gefahren war. Leider war ich
davon ausgegangen, daß ich den schweren Kunststoffschlafsack Lamina von
Mountain Hardware, der knapp 2 kg wiegen dürfte und bis -9 °C ging,
nicht brauchen würde und er jetzt im Sommer sowieso viel zu warm war.
Aber ich hatte mich getäuscht. Der neue Schlafsack Micro II 800 von
Salewa war laut Aufdruck für eine Grenztemperatur von +7 °C ausgelegt.
Das hatte sich in diesen ersten Tagen der Reise als grenzwertig
herausgestellt. Eigentlich war es fast schon zu kalt. Ich zog dann zum
Schlafen zusätzlich noch Socken an.
Hier die beiden Schlafsäcke im direkten Vergleich:
http://home.chiemgau-net.de/ausserstorfer/Temp/2023-09-10/Schlafsaecke.JPG
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Seit Ende Jänner wehte mit Unterbrechungen aber auch noch immer dieser
kalte Wind aus Ost. So auch bis jetzt auf dieser Fahrt.
Trotzdem hätte es noch schlimmer sein können. Die Grenztemperatur
anderer (billigerer) Schlafsäcke im Geschäft waren mit teils über +10 °C
angegeben gewesen. Und im Gegensatz zu dem schweren Schlafsack konnte
ich den neuen von Salewa wenigstens in der eigenen Waschmaschine zuhause
waschen und mußte diesen nicht ein jedes Mal in eine Wäscherei geben und
viel Geld für das Waschen bezahlen.
Wir tauschten Adressen und Telefonnummern aus.
Witzig war auch, daß Marek und ich die gleichen Sandalen trugen.
Als ich zu meinem Platz zurückkehrte, war leider das restliche
Abendessen kalt geworden.
Nachdem ich geduscht hatte, lief ich noch barfuß auf der Uferpromenade
an den Tennisplätzen vorbei zu den öffentlichen Toiletten. Man hatte sie
neu erbaut und es schien alles sehr sauber zu sein. Auf dem Rückweg zu
meinem Zelt sah ich aber nur noch die undeutlich sprechende Frau im
Büro. Der junge Mann war verschwunden. Ich hatte keine Lust, mich an die
Frau zu wenden. Und außerdem war ich mir unsicher, ob die öffentlichen
Toiletten nicht nachts abgesperrt würden. Kurzum: Ich lief zu meinem
Zelt zurück und behielt den Schlüssel vom Zeltplatz.
Am Abend lud mich das Tiroler Pärchen noch auf einen Plausch am Ufer des
Traunsees ein. Wie es der Zufall wollte, befand sich auf dem See gerade
ein Ruderboot mit einigen Musikanten. Laut einer Frau, die eben
vorbeikam, würden die Musikanten hier am Ufer ab heute jeden Dienstag
Abend spielen.
Die Frau, die gerade vorbeikam und uns das sagte, war eine Einheimische.
Sie durfte dieses Paradies hier jeden Tag erleben. Sie sagte uns das
so.
Am Geländer der Bank, auf welcher wir drei saßen, hing eine Unterhose.
Niemand wußte, wo diese herkam oder wer sie hinterlassen hatte. Veronika
entdeckte in einiger Entfernung am Ufer eine andere Sitzbank, die mit
Solarzellen ausgestattet war und wo man tagsüber kostenlos elektronische
Geräte per USB-Anschluß aufladen konnte. Ja, der heutige Energiehunger
der Menschheit war unglaublich. Ich gehörte da wohl weniger dazu. Das
Mobilfunktelefon GT-B2710 von Samsung, mit dem ich einen Großteil der
Bilder für de.rec.fahrrad gemacht hatte, mußte ich unterwegs kein
einziges Mal nachladen, obwohl es tagsüber fast die ganze Zeit
eingeschaltet war. Es hielt auch so durch. Den Datenlogger P-1 von
Columbus lud ich täglich mit Hilfe eines mitgeführten Akkupacks nach.
Das reichte völlig aus. Aber ich hatte auch Landkarten dabei. Gedruckt
auf richtigem Papier! Diese brauchten keinen Strom. Einmal gedruckt
hielten sie, bis sie zu Staub zerfielen. So wünscht man sich das.
Hinter uns waren Mückenschwärme in der Luft. Aber sie belästigten uns
nicht.
Ich hatte Marek und Veronika auch meine bisherige Route bis hierher nach
Altmünster am Ufer des Traunsees geschildert gehabt. Über Berchtesgaden
meinte Marek nur, die Häuser dort wären schwerer und robuster gebaut als
sonstwo und die Menschen sehr verschlossen. Wie wenn sie vor etwas Angst
hätten.
Ich mußte an meine eigene Familie denken. Mein Urgroßvater Engelbert
Josef Außerstorfer kam etwa um 1901 herum aus Südtirol nach
Berchtesgaden (wie viele andere Südtiroler zu dieser Zeit auch). Seine
erste Frau stammte aus Ungarn. Seine zweite Frau Aloisya Knogler kam aus
dem Mühlviertel in Oberösterreich.
Engelbert und Aloisya hatten drei Kinder: Engelbert Anton, Alfred und
die Tochter Rosa, von allen immer nur Luise genannt.
Der gleichnahmige, älteste Sohn, war zehn Jahre alt, als sein Vater 1929
starb, seine beiden Geschwister etwa zwei Jahre alt.
Die Mutter mußte ihre drei Kinder allein großziehen und durch
den Zweiten Weltkrieg bringen. In der Familie erzählte man sich, daß sie
auch im Winter barfuß lief.
Die aus Schiffweiler im Saarland stammente Maria Magdalena Wagner machte
während des zweiten Weltkrieges in dem abgelegenen Berchtesgaden bei der
Metzgerei Sperger eine Lehre zur Metzgereifachverkäuferin. Dort lernte
sie meinen Großvater, den Engelbert Anton, kennen.
Die einzige Tochter, Luise, an deren Haus ich vorbeigekommen war,
heiratete einen Arzt, der ursprünglich aus Dresden stammte und den es
durch die Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges ebenfalls wie meine
Großmutter Maria nach Berchtesgaden verschlagen hatte. Sie bauten
zusammen ein Haus in der Hinterschönau auf einem großen Grundstück.
Dieses Haus war in der Tat sehr schwer gebaut. Luise erzählte mir
einmal, wie lange es gedauert hatte, den Ausschnitt für die Treppe in
die Zimmerdecke zu schneiden. Das ganze Haus war mit einem Metalldach
versehen, so wie man es in Berchtesgaden oft sah.
Fast jeder war als Fremder nach Berchtesgaden gekommen und hatte dort
ein neues Zuhause gefunden. Der gesellschaftliche Aufstieg meiner
Familie während der ersten Generation Engelbert und Aloisya wäre
woanders vermutlich gar nicht möglich gewesen. Meine Urgroßmutter
Aloisya Knogler war die uneheliche Tochter einer Magd. Der Vater meines
Urgroßvaters Engelbert Josef Außerstorfer war nicht bekannt, seine
Mutter die einzige Überlebende einer Tagelöhner-Familie aus Südtirol.
Beide entstammten damit in der damaligen Zeit der untersten
gesellschaftlichen Schicht und brachten es trotzdem innerhalb einiger
weniger Jahrzehnte zu einer eigenen Metzgerei, zu einem Ferienhaus und
zu einem Bauernhof in der Hinterschönau. Die Grundlage ihres Erfolges
war die Wirtschaft zum Goldenen Bären im Zentrum von Berchtesgaden, die
allerdings schon seit Jahrhunderten der Brauerei Wieninger aus
Teisendorf gehörte und von meinen Vorfahren nur gepachtet gewesen war.
Am Abend hatte es mich gefroren, weil ich keine lange Hose übergezogen
hatte. Normalerweise war es so, daß ich mich den ganzen Tag über bewegte
und frühzeitig schlafen ging, weshalb die leichte Bekleidung nicht so
sehr ins Gewicht fiel. An diesem Tag aber war es anders gewesen. So warm
war es also noch nicht.
Die untergehende Sonne tauchte den Traunstein allmählich in ein sanftes
rosafarbenes Licht. So ging ein Tag friedlich zu Ende.
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