Arno Welzel <
use...@arnowelzel.de> writes:
>Mit "davon abbringen" meine ich selbstverständlich keinen Zwang oder
>Verbote, sondern die Fahrradnutzung so attraktiv zu machen, dass
>Menschen es als echte Alternative für bestimmte Bereiche sehen.
Selbstverstaendlich.
Es ist interessant, dass die Autofahrer es geschafft haben, dass es
ein breiter Konsens (inkl. insbesondere der Gruenen) ist, dass Ihre
Privilegien nicht durch Verbote oder sonstwie eingeschraenkt werden
duerfen. Stattdessen sollen den Autofahrern "attraktive" Angebote
gemacht werden, auf andere Verkehrsmittel umzusteigen, die sie
natuerlich nicht wahrnehmen.
Interessanterweise macht sich das ganze gerne an einer Verbotsrethorik
fest, wo sogar eine Gebuehr (z.B. ein Preis fuer das Fahren nach Wien
zur Stosszeit) als Verbot bezeichnet wird. Das ist insofern
interessant, als vor ein paar Jahrzehnten die Neoliberalen erfolgreich
gepredigt haben, dass Gebuehren oft zielfuehrender sind als Verbote,
weil Verbote angeblich danebentreffen wuerden und eine Gebuehr durch
die wunderbare Magie des Marktes dafuer sorgen wuerde, dass die
Marktteilnehmer genau das vermeiden wuerden, was vermieden werden
soll. Was auch immer an dieser Argumentation dran ist, die
Bezeichnung einer Gebuehr als Verbot fuehrt sie ad absurdum.
Andererseits, wenn man jedwede Einschraenkung ablehnt, dann kann man
natuerlich auch eine Gebuehr als Einschraenkung sehen und ablehnen,
und dann nimmt man natuerlich das von den Neoliberalen erfolgreich als
boese gebrandmarkte Wort "Verbot", voellig losgeloest vom
urspruenglichen Kontext.
Umgekehrt, wenn es um unterprivilegierte Gruppen wie die Radfahrer
geht und nicht um ueberprivilegierte Gruppen wie Autofahrer, dann hat
auf einmal keine politische Partei (auch keine, die sich als liberal
oder "gegen Verbote" praesentiert, und erst recht keine, die "die
Fahrradnutzung attraktiv" machen will) und nicht einmal die
vorgeblichen Interessensvertretungen der Radfahrer etwas gegen Verbote
einzuwenden, z.B. Radfahrverbote, Benutzungspflichten, Verbote des
Fahrens ohne Reflektorenklimbim usw.
Dass das mit dem vorgeblichen Ziel, die Fahrradnutzung attraktiv zu
machen, nicht zusammenpasst, spielt keine Rolle, weil Radfahrer werden
bei sowas eh nicht gefragt, sondern Autofahrer, und die behaupten seit
Jahrzehnten, sie wuerden auf das Fahrrad umsteigen, wenn es mehr
Radwege gaebe (ob das dann tatsaechlich passiert, wird natuerlich nie
ueberprueft).
Reality Check:
Seit 1990 steigen die Radweg-km in Wien stetig an, seit 2000 um
ca. 30km/Jahr auf 1431km 2019. Der Radverkehrsanteil war 1996-2000
bei 4%, sank dann auf 2-3% ab, stieg dann von 2006-2014 auf 7% an und
stagnierte dann dort bis 2019.
Der OePNV-Anteil war von 1996-2005 bei 32-34%, stieg bis 2012 auf 39%,
und stagnierte dann bei 38%-39%; in Wien wurde im Jahr 2012 das
365-Euro-Ticket eingefuehrt, um den OePNV fuer Autofahrer attraktiver
zu machen (davor kostete die Jahreskarte WIMRE EUR 600,-).
Ganz offensichtlich hat die von den Gruenen (Verkehrsstadtraetinnen
2010-2020, und politische Kraft hinter dem 365-EUR-Ticket) propagierte
Form, den Radverkehr und OePNV attraktiver zu machen, nicht dazu
gefuehrt, dass Autofahrer auf Fahrrad und OePNV umgestiegen sind (der
MIV-Anteil schwankte zwischen 2012 und 2019 zwischen 25 und 29%.
Dagegen duerfeten davor Massnahmen stattgefunden haben, die den MIV
effektiv reduziert haben: von 2004-2012 sank der MIV von 36% auf 27%.
Welche Massnahmen das waren, weiss ich nicht, die wurden (wohl aus
gutem Grund) nicht an die grosse Glocke gehaengt, aber ich vermute
einmal, dass das Parkplatzangebot verringert wurde.
Interessant ist auch der Blick in die Zahlen von 2020: Der OePNV hat
11% verloren, der Radverkehr um 2% auf 9% gestiegen, der Fussverkehr
um 9% auf 37% gestiegen, und der MIV unveraendert bei 27%. Meine
Interpretation: Das Radfahren ist recht unattraktiv, der MIV offenbar
noch immer eingeschraenkt, also weichen die Leute auf das
Zu-Fuss-gehen aus. Drei Kollegen mit 3km, 8km, und 10km einfachem Weg
sind auf das Zu-Fuss-Gehen in's Buero umgestiegen (der mit den 3km ist
frueher mit dem Rad gefahren und hat wegen der Radwege mit dem
Radfahren aufgehoert).
>Dass
>jemand, der auf dem Land wohnt und täglich 40 km einfachen Arbeitsweg
>hat, das nicht nur mit Fahrrad macht, ist für mich auch nachvollziehbar.
Die Frage ist auch, warum jemand auf dem Land wohnt und 40km einfachen
Arbeitsweg hat. Bei uns haben die Gruenen jetzt einen
Zersiedelungsbonus (sie nennen ihn "Klimabonus") eingefuehrt, wo
Leute, die in Gemeinden mit schlecher OePNV-Anbindung gezogen sind
oder ziehen, dafuer finanziell belohnt werden.