Am 19 Apr 2021 13:35:59 GMT schrieb Robert Latest <
bobl...@yahoo.com>:
>Dirk Wagner wrote:
>> Warum traut sich kein Verkehrspolitiker Tempo 30 mit verpflichtender
>> Fahrbahnbenutzung zu propagieren?
>
>Weil er in einer Hinsicht leider, leider recht hat: Die meisten RadfahrerInnen
>trauen sich nicht so recht auf die Fahrbahn. Und wenn sie es dann doch tun,
>drücken sie sich zu weit rechts herum. Ich habe meine Kinder von Anfang an zu
>selbstbewusstem, zügigen Fahren auf der Fahrbahn erzogen. Auf verkehrssicheren
>Rädern. Der Großteil ihrer Mitschüler hampelt noch mit 15 auf Baumarktschrott
>ohne Licht, Luft und Bremsen auf dem Gehewg rum. Aber mit Helm!
>
>Insofern machen diese albernen "Schutzstreifen" Sinn: Sie suggerieren
>unsicheren Radfahrern, dass es völlig OK ist, der gefährlichen Tätigkeit
>Radfahren auf der gefährlichen Straße mit den gefährlichen Autos nachzugehen.
Als ich die Tage mit meiner Frau spazieren ging und die Strasse den
örtlichen Hügel hoch gequert hatte, bei der ich mich immer wieder über
den beschissenen neuen Schmutzstreifen ärgere, blickte ich mich aus
irgend einem Grunde um. Was sah ich da: einen Rennradfahrer in voller
Montur, den dort keinen Meter breiten Bürgersteig hochfahrend und dabei
angestrengt auf sein an den Lenker und vmtl. als Navi dienendes Handy
starrend.
Links neben sich den etwas breiteren Schutzstreifen, auf einer zu dem
Zeitpunkt erstaunlich wenig befahrenen Straße.
Unsicheren Radfahrern mögen Suggestivstreifen, die man dann in
Schutzstreifen umgetauft hat, vielleicht suggerieren, dass sie da
geschützt seien. Jedoch bricht diese Illusion schnell genug zusammen,
nicht zuletzt, weil genau diese Schutzstreifen aufgrund ihrer oft
mangelnden Breite (dafür wurden sie ja letztlich erfunden) auch
suggerieren, dass man nahe am Bordstein fahren solle - mit den zu
erwartenden Folgen, etwa wenn ein Fußgänger auf die Fahrbahn tritt,
jemand eine Autotüre öffnet oder nach einem Schlenker um eine Hindernis
die Bremsen eines vorbeifahrenden Autos kreischen (dessen Fahrer sich ja
an der Trennlinie orientiert, sobald eine da ist, nicht an irgendwelchen
abstrakten Abstandsregeln). Danach weiss der unsichere Radfahrer, dass
Radfahren auf der Fahrbahn saugefährlich ist und wir deswegen "protected
bike lanes" brauchen oder besser noch, doch wieder die Hochbordradwege.
Danach sieht es dann jedenfalls so aus, wie ich es vor vielen Jahren mal
dokumentiert habe, als die Schmutzstreifen noch neu waren:
<
https://www.mystrobl.de/ws/fahrrad/rwbilder/radstreifen6/03_1.html>
Man beachte den Radfahrer auf dem Bürgersteig (eine frühe PBL, btw.!)
sowie das durch diesen teilweise verdeckte Lieferfahrzeug weiter hinten.
>Die Linie verführt zu meiner Überraschung die Autofahrer *nicht* dazu,
>Reifenkante-Linienkante zu fahren. Ich nehme mit Schutzstreifen keine
>verschlechterte Abstandsdisziplin wahr.
Ich schon. Dein Irrtum ergibt sich möglicherweise daraus, dass insb.
nach Einführung der 1,50 m-Regel gerne in demonstrativ weitem Bogen
überholt wird, sofern das einfach möglich ist. Zum Ausgleich wird dann
aber gelegentlich auch besonders dicht überholt, wenn es _nicht_ möglich
ist, so nach dem Motto "ist ja jetzt sowieso egal und verboten".
Richtig ärgerlich ist es aber, wenn Schutzstreifen so wie vorgesehen
gepinselt werden, also da, wo der Platz für einen regelkonformen
richtigen Radstreifen schon auf gerader Strecke nicht ausreicht. Da
werden diese Schutzstreifen dann gnadenlos auch um die Kurve
durchgezogen - und das wird dann wirklich gefährlich, selbst wenn
seitens eines Autofahrers weder grobe Nachlässigkeit noch böser Wille im
Spiel ist. Wer als Radfahrer einigermaßen bei Verstand ist, weiss,
dass man möglichst nicht in tote Winkel hineinfährt, vor allem nicht
dort, wo schnell gefahren wird. Dies bedeutet, dass man bei einer Kurve
vor und in der Kurve mehr Abstand vom Strassenrand halten muss als auf
gerader Strecke, insb. aber bei Rechtskurven. Schutzstreifen erschweren
das erheblich. Man muss schon sehr robust sein, um in einem Anstieg,
der in eine Rechtskurve mündet, den Schutzstreifen vor so einer Kurve
komplett zu verlassen. Es ist aber trotzdem anzuraten. Lieber gesehen
und angehupt werden, als in der Kurve mit hohem Tempo umgenietet zu
werden und dann zu hören, das man "plötzlich aufgetaucht" sei.
Ich empfehle, die oben verlinkte Bildfolge mal komplett durchzusehen.