Wolfgang Strobl schrieb:
> Jedenfalls habe ich in Jahrzehnten der Fahrt zur Arbeit, mit dem Rennrad
> im Sommer und einem als Randonneur aufgebauten Reiserad im Winter nicht
> den dringenden Wunsch verspürt, Felgenbremsen durch Scheibenbremsen zu
> ersetzen. Bei Urlaub-, Freizeit- und Besorgungsfahrten auch nicht.
Wenn's für Dich paßt, paßt's ja. Bei mir war das ganz anders.
> In allen Fällen war die Einfachheit des Prinzips, Reduktion der Bremse
> auf ein für sich ebenfalls austauschbares Element - Bremskörper - und
> die damit einhergehende einfache Austauschbarkeit der Laufräder wichtig
> und wurde auch genutzt. Am Winterrad habe ich nacheinander drei
> verschiedene Bremskörper verwendet und unabhängig davon die Laufräder
> zwischen Sommerslicks und Winterreifen gewechselt.
Irgendwie fehlt mir hier die Erwähnung der Felgenbreite. Ist die nicht
überall identisch, geht's dann auch gleich los mit der Einstellorgie - und
das empfand ich bei allen gefahrenen Felgenbremsen von 70er Jahre
Zangenhebel über Canti und V-Brakes bis HS 33 immer als Strafarbeit.
Dann kommt auch noch dazu, wie weit und mit welcher Art "Schleif-Nut" eine
Felge bereits eingefräst ist.
> Wie dergleichen fahrrad- und personenübergreifend auf derart einfache
> Weise mit Scheibenbremsen funktionieren soll, kann ich mir nicht
> vorstellen. Laufräder kann man recht problemlos sogar zwischen
> Cantilever, Magura, V-Brake Single- und Dual-Pivot, also ziemlich
> unterschiedlichen Konstruktionen wechseln.
Bei unterschiedlicher Felgenbreite nicht.
> Bei Scheibenbremsen bin ich mir nicht mal sicher, ob man von Rad zu Rad
> zwischen vom Typ her identischen Bremsen werkzeugfrei wechseln kann.
Kann man, da die Naben resp. Scheibenbremsaufnahmen genormt sind. Selbst
bei unterschiedlichen Scheiben z. B. für Sommer- oder Winter-Laufradsätze
geht das normalerweise. Z. B. fahre ich im Winter natürlich keine teuren
innenbelüfteten Scheiben, da reichen normale, die dann auch schmäler sind.
Stimmen muß der Scheibendurchmesser.
Und wenn eine Scheibenbremse nach Laufradwechsel vielleicht doch neu
justiert werden muß, dann ist das IMO schneller und einfacher neu
eingestellt als bei Felgenbremsen. BTDTGT.
> Nassbremsverhalten schön und gut, das sehe ich ein, auch wenn ich
> argwöhne, daß die Verbesserung durch größeren Anpressdruck und damit
> kleinere Toleranzen nicht für lau kommt.
Mei, "umsonst ist der Tod, und der kost' des Leb'n" (meine Oma).
> Der OP schrieb was von "entspannten Tagestouren". Das klingt auch nicht
> gerade nach vielen Vollbremsungen bei Regenfahrten. YMMV
Das schließt aber die eine oder andere Hügelabfahrt (auch mit Gepäck) nicht
aus.
> Interessieren würden _spezifische_ Situationen, in denen eine
> Scheibenbremse am Fahrrad einer gleich teuren Felgenbremse vorzuziehen
> wäre...
Wieso diese Preisvorgabe?
Na ja, wie dem auch sei: Ich bin für mich zu der Erkenntnis gelangt, daß
ich Felgenbremsen gar nicht mehr will; und bei Scheibenbremsen nehme ich
nur noch die standfestesten, die ich kriegen kann (also Hope). Folglich
kostet das Geld.
Ich kann dann aber auch mit 60+ irgendwo runterstechen und mich immer noch
drauf verlassen, daß die Bremsen sehr kraftvoll und gut dosierbar und nicht
nur mit Hängen und Würgen und Beten vielleicht gerade noch so
funktionieren, auch mit Gepäck.
Auf jeden Fall ist das immer recht aufschlußreich, wenn z. B. bei so
kleinen ADFC-Anfänger- und Schnuppertouren es "aus Versehen" mal irgendwo
mit 15+ % runtergeht (wir haben hier Hügelland, da ist das eigentlich nicht
so ungewöhnlich) und die Leute dann den Angstschweiß auf der Stirn haben,
weil sie sich sonst um solche Abfahrten immer herumdrücken, aber in der
Gruppe sich nicht trauen, wie sonst abzusteigen.
Ehrlich gesagt kann ich bei dem Gedanken "Bremsen müssen billig sein" nur
noch abwinken. Aber das muß am Ende eben jeder selber entscheiden, was ihm
solche Bauteile wert sind, von denen letztlich "nur" das eigene Leben
abhängt.
> ... nebst einer technischen Erklärung, warum.
Regen und Schnee. Ebenso höhere Bremskraft bei gleichzeitig besserer
Dosierbarkeit.
> Was man ans Fahrrad dranbaut, ist immer ein Balanceakt, man muß abwägen,
> da geht es meist nicht um gut oder schlecht, sondern darum, was man an
> anderer Stelle aufgeben muß, wenn's besser als "gut genug" sein soll.
Bei Bremsen geht es oft genug eben doch um gut oder schlecht, und "gut
genug" ist leider meist doch zu schlecht, wenn man genauer hinschaut oder
testet.
Zu dem "gut genug" mal ein kleines Beispiel: Nach einem Sommerfest letztes
Jahr bin ich mit einem Bekannten zusammen heimgeradelt. Er mit seinem
Billig-Dynamo und seiner Winzig-Funzel meinte, es wäre zwar schön, am Fluß
fahren zu können, aber da würde er im Dunkeln ja nix sehen, er würde also
lieber die g'schissene Straße fahren wollen. Ich hab dann meine
Akku-Stecklampe an den Lenker und meine LED Lenser H14.2 auf die Rübe, habe
gesagt, er möge sich einfach keine Sorgen machen, das kriegen wir schon
hin, ich hätte Licht, was auch "gut genug" für zwei wäre. Dann habe ich
beide Lampen eingeschaltet und ihm ist "d'Lätschn obagflogn" (die Kinnlade
runtergklappt), wie das plötzlich geht mit Dunkelheit und Licht. Bis dahin
kannte er das nur aus meinen Erzählungen; der Live-Effekt hat ihn förmlich
geschockt, das hatte er so nicht erwartet.
Ein paar Wochen später haben wir eine Tagestour gemacht. Nachdem er am
Abend zuvor "mal schnell" die Speichen nachziehen wollte, ist eine gerissen
und das Laufrad eierte. Ich hab ihm dann abgeraten, mit der Gurke auf Tour
zu gehen und er hat ein Leihrad von der Werkstatt bekommen. Das Leihrad
hatte eine vernünftige Schaltung und ich konnte ihn dann damit zum Abschluß
noch auf eine Anhöhe lotsen, wo wir bei Sonnenuntergang den Blick weit über
die Landschaft schweifen lassen konnten. Der ist um die 20 Jahre hier und
von den verschiedenen traumhaften Aussichtspunkten kannte er noch keinen
einzigen von oben, weil seine Normalgurke das schlicht nicht zuläßt. Man
hat ihm angesehen, wie ihm das Herz aufging angesichts der Aussicht.
Neulich hat er dann überlegt: doch mal ein neues Radl. Ich hab ihm dann
angesichts der Erfahrungen zusammen mit mir "was ordentliches"
vorgeschlagen. Das ging los mit Rohloff Speedhub und SON, Wartungsarmut
bei gleichzeitig sehr guter Funktion wollte er ja ausdrücklich. Ein
packtaschentauglicher Gepäckträger, vernünftige Scheibenbremsen (meine
kannte er da auch schon), gefederte Sattelstütze (also Thudbuster LT, denn
gegen die ist alles andere alberner Spielkram), Plattformpedale und was
eben so zusammenkommt, wenn man "was richtig ordentliches und wartungsarm"
vorgibt. Waren wir bei um die 3000 Öro. Ergebnis: "Das geht ja GAR NICHT!"
Alles, was er oder auch ich bis max. 1500 Öro angeschaut haben, erfüllt
seine Anforderungen aber nicht. "Ja, ist das denn nicht gut genug?" "Nein,
wenn Du das und das und das und das willst, dann nicht." Mehr will er aber
dennoch nicht ausgeben.
Er fährt nun immer noch seine alte Schrottgurke. Ich habe ihn wissen
lassen, wo ich heuer schon die Frühlingssonnenuntergänge genossen habe.
Deutliches Zähneknirschen auf der anderen Seite, aber keine Einsicht.
"Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß!"
Seine Dose hat mal irgendwie so das 10-fache des von mir vorgeschlagenen
Radls gekostet. Dieser Hinweis hilft auch nix.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich würde mal ganz ehrlich meine Bedürfnisse
hinterfragen und dabei auch eine gute "Rundungsreserve" nach oben mit
einplanen, wenn ich ein Radl oder Komponenten suche, die "gut genug" sind.
Der Appetit kommt ja oft beim Essen, und wenn dann Geschirr und Besteck
viel zu enge Grenzen stecken, man das aber erst zu spät merkt, ist das ja
nur frustrierend. Ich für mich wünschte jedenfalls, ich wäre schon viel
früher auf das Credo "Am Radl wird nicht gekleckert, sondern geklotzt"
gekommen.
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