Am Wed, 21 Jul 2021 18:49:46 -0000 (UTC) schrieb Andre Eiger
<
gree...@fantasymail.de>:
>Wolfgang Strobl <
ne...@mystrobl.de> wrote:
>> Ein aktueller, jedoch etwas entgleister Thread ist eine guter Anlass,
>> mal wieder ein paar Fakten zu den Unterschieden zwischen Fahrrädern und
>> Pedelec in einem separaten Posting zusammengefasst zu rekapitulieren.
>>
>s/rekapitulieren/spekulieren/
Es ergibt zwar keinen Sinn, wirkt aber auf Unbedarfte vielleicht cool.
Wenn das alles ist, worauf Andre Eigner aus ist ...
>
>Wenn Du hier die Pedelec-Werbung der Zweiradindustrie wiedergeben willst,
>bitte mit Mainzelmännchen, sonst ist's zu öde ;-)
Danke für den Versuch, diesen eigenständige Thread nicht ausschließlich
durch Dauertrollen torpedieren zu wollen, wie es Frank Möller mehrfach
versucht hat.
Diese Vorbemerkung hätte Andre sich allerdings auch schenken können, ich
bezweifle, dass ein derart gequälter Scherz, der einem dummen Vorwurf
die Spitze nehmen bzw. ihn gleich vorab als "Spaß" legitimieren soll,
der Sache, was immer sie ist, dienlich ist. Bloßes unreflektiertes
Nachplappern der Werbesprüche der Zweiradindustrie kann man nun ja mit
Sicherheit ausschließen, nicht wahr? :-}
Zum konkreten Vorwurf: wie man es macht, ist es aus Sicht der
Pedelec-Befürworter falsch. Verweist man auf eigene Fahrversuche,
Messungen und Erfahrungen, oder auf die anderer Personen, die sich
kritisch mit Kraftfahrzeugen der Pedelec-Klasse beschäftigt haben, wird
das in den Wind geschlagen, oft auf die ganz plumpe Art, indem erneut
der Anwurf kommt: "fahr' doch erst mal selber mit einem Pedelec!",
selbstverständlich ohne auf entsprechende eigene Berichte und Messungen
verweisen zu können, teils mit abstrusen Frechheiten. Verweist man auf
technisch durchaus solide Ausführungen der Befürworter von Pedelec, wird
das mit dem Hinweis auf _deren_ Voreingenommenheit pauschal und ziemlich
plump abgetan, so wie Andre es hier macht.
Ich fühle in meiner Vorgehensweise bestätigt: glaube in diesem (!)
Zusammenhang nur das, was du selber ausprobiert, nachgemessen und
nachgerechnet hast, sofern entsprechene Möglichkeiten zur Verfügung
stehen. Betrachte angeführte Studien und "Studien" so kritisch wie jede
andere politik- oder produktnahe wissenschaftliche Studie. Beispiele,
wie schief blindes Vertrauen in "Studien" gehen kann, die populäres
Wunschdenken bestätigen (Zucker ist gesund! Rauchen ist gar nicht so
schädlich!) haben die Hersteller von Zuckerprodukten, von
Nikotinprodukten oder von Sturzhelmen für jedermann, mit Ausnahme von
Autofahrern innerhalb oder ausserhalb ihres Fahrzeugs, in den
vergangenen fast hundert Jahren bis zum Erbrechen vorgeführt.
Da die Frage, wie viel Antriebsleistung in welchen Fahrsituationen
erforderlich ist, keine Raketenwissenschaft ist, da die Frage, wie
Fitness entsteht und gehalten wird, ebenfalls gut untersucht ist,
_kostet_ es nicht mal viel mehr als Zeit und Ausdauer, sich da schlau zu
machen. Aber daran fehlt es, in einer kuriosen Parallelität des
Verhaltens, den Pedelec-Befürwortern ganz erheblich. Jedenfalls fehlt es
ihnen deutlich mehr als denen, die das Konzept Pedelec für verfehlt
halten.
Pseudo-Fahrräder
... von denen taktisch je nach den Umständen behauptet wird, es seien
definitiv, unbedingt, unter allen Umständen richtige Fahrräder, oder das
sei noch niemals nie nicht vor irgendwem behauptet worden, der für
Pedelec wirbt.
Um weiteren taktischen Mißverständnissen vorzubeugen: meine Kritik
richtet sich nicht gegen ein Angebot an gering motorisierten Zweirädern
als Produkt, das weniger streng reguliert ist als normale Motorräder.
Sie richtet sich hingegen gegen den Schwindel, der darin besteht, solche
Motorfahrzeuge technisch entlang der Vorstellungen von Herrn oder Frau
"ich fahr ja auch Rad, aber ..." zu verunstalten, denen aufgrund dieser
Kulisse pauschal die Vorzüge des Fahrrades anzudichten und so
legitimiert offensichtlichen modernisierten Mofas de jure alle
Privilegien des Fahrrades zuzugestehen.
Und es richtet sich gegen die damit einhergehende Legende, der Ersatz
des Radfahrens durch Pedlecfahren sei _förderlich_ für die Gesundheit,
meist kombiniert mit der nicht weiter belegten These, es entstünde ja
dauerhaft ein Zuwachs an "Radverkehr", weil i.W. Leute vom Auto auf das
Verkerhsmittel "Fahrrad" umstiegen. Jeder, der nicht blind in der
Gegend herumläuft oder fährt, sieht aber, dass der Umstieg überwiegend
einer vom Fahrrad aufs motorisierte Fahrrad ist. Es bedürfte schon etwas
mehr als Rudern mit den Armen, um diese forsche These zu stützen.
>
>Deinen theoretisch logisch abgeleiteten Thesen fehlt es meiner Ansicht
>nach einer Überprüfung in der Realität.
Eine kleine, aber realistische Überprüfung sieht beispielsweise so aus,
dass man über längere Zeiträume das Verhalten von Pedelec-Fahrer mit dem
Verhalten von Radfahrern vergleicht, indem man hinterherfährt.
Entsprechende Beobachtungen habe ich hier ausführlich beschrieben,
jeder, der will, könnte sie kritisieren, entsprechende Beobachtungen
selber anstellen und berichten oder bessere Methoden vorschlagen.
Dergleichen ist nicht geeignet, wissenschaftliche Studien zu ersetzen,
es ist aber durchaus geeignet, Zweifel an weit herumgereichten
Ergebnissen gewisser Gefälligkeitsstudien zu erhärten. Es ist sogar
geeignet, bessere Hypthesen zu formulieren - etwa dass nicht
motorunterstütztes Radfahren mehr zur langfristigen Fitness beiträgt als
motorunterstütztes Radfahren.
Was ich weiter unten im Detail betrachte - die von Andre angeführte
Pilotstudie -, ist weder besser noch schlechter als kritische
Plausiblisierung, sondern primär elaboriertes Verstecken von Mängeln in
Hypthesenbildung und Design.
Ja danke. Eine Studie, die fast so viele Autoren hat (nämlich zehn) wie
Teilnehmer, jedenfalls von der Größenordnung her. Und ein typisches
Studiendesign der Sorte, in denen schon im Aufbau das gewünschte
Ergebnis angelegt ist, hier "schon leichtes Training ergibt in kürzester
Zeit merkliche Gesundheitseffekte".
Solche Studien gibt es wie Sand am Meer. Diese ist vom Typ her
"Begleitforschung" zu einer gesundheitspolitischen Aktion, die man nicht
nur hier in Deutschland sondern auch in der Schweiz kennt, "bike to
work", also gewissermaßen schon zu einem positiven Ergebnis angesichts
einer politisch beliebten Wohlfühlaktion verurteilt, der IMHO ein wenig
kritische(!) Begleitforschung durchaus auch wohltun könnte.
Wie sieht dergl. aus?
Rekrutiere eine kleine Gruppe von untrainierten und übergewichtigen
Personen, denen es an Ausdauer fehlt und setze sie ein Bewegung. Ob das
Bewegungprogramm, welches die Rekruten unternehmen müssen, aus zwei
Kilometer Spazierengehen besteht, oder sechs Kilometer Radfahren, sich
Bälle zuwerfen oder im Wasser herumplantschen, ist völlig egal. Es wird
sich fast immer ein messbarer Effekt auf die Gesundheit (hier
Sauerstoffaufnahmefähigkeit) ergeben. Problem dabei: die Effekte sind
klein, sie sind nicht von Dauer, ist das Programm vorbei, fallen die
meisten Teilnehmer in ihre alten Verhaltensweisen zurück. Denn an
ihren Voraussetzugen hat sich nichts geändert. Die in in der
Zusammenfassung suggerierte Annahme, es handele sich sowohl um eine
dauerhafte Verhaltensänderung als auch um eine andauernde gleichlaufende
Fitnesssteigerung, wurde durch nichts belegt.
Ein Umstand, wie man Fitness tatsächlich merklich steigert, ist längst
ausgiebig erforscht und gut belegt, auch bezüglich der konkreten
biologischen Mechanismen. Es bedarf einer nicht unerheblichen
Mindestintensität der Belastung der Muskulatur und der Frequenz dieser
Belastung, damit durch körperliche Aktivität ein dauerhafter*)
Muskelzuwachs entsteht.
Dies gilt sowohl für die Skeletmuskulatur als auch für den Herzmuskel.
Und genau dieser Muskelzuwachs und erst dieser liefert die Motivation,
an der körperlichen Aktivität auch dann festzuhalten, wenn andere
Motivationen wegfallen: z.B. das Erlebnis, diesen einen Hügel, der
letztes Jahr noch eine Quälerei war, mit gleichem Tempo nahezu mühelos
bewältigen zu können, sich motiviert fühlen und Chancen auszurechnen,
nun den auch nächsten anzugehen, auch wenn das wieder eine Quälerei sein
wird. Denn es lockt ja die Belohnung, dass es im nächsten halben Jahr
auch keine mehr sein wird.
Genau diesen Parameter hat man hier aber gewissermassen invers
kontrolliert, indem man keine Vorgaben bezüglich der Intensität gemacht
hat
| Es gab keinerlei Vorgaben im Hinblick auf die Geschwindigkeit und die Intensität des Trainings
Mag sein, dass in Kreisen der Pedelec-Befürworter auch ein weiterer
Umstand unbekannt ist (oder man darauf spekuliert, dass er dem
angesprochenen Publikum unbekannt ist): durch Radfahren nimmt man kaum
ab.
Genauer gesagt, Radfahren wird i.d.R. eingesetzt, weil es weniger
anstrengend ist als Laufen, man kommt mit demselben Einsatz an Kraft,
Kalorien, Futter ... weiter, oder umgekehrt, mit dem Fahrrad läßt sich
eine gegebene Strecke, etwa die 6-km-Distanz dieser Pilotstudie, mit
weniger Energieeinsatz zurücklegen. Vor allem untrainierte
Übergewichtige schätzen das durchaus, nehmen aber genau deswegen durch
Radfahren auch nicht ab, sondern wenn überhaupt, nur durch Reduktion der
Nahrungsaufnahme.
Wie sah nun das Ergebnis aus: nachdem die 30 Teilnehmer an "mindestens
drei Tagen der Woche" ihr Soll, eine Wegstrecke von "mindestens 6 km"
absolviert hatten, in einem Tempo ihrer Wahl, wurde erneut untersucht.
| Nach einem Monat wurden die Teilnehmer erneut untersucht
| und dabei zeigte sich, dass sich beide Gruppen vergleichbar
| gut in ihrer Fitness entwickelt hatten – gemessen an ihrer
| Sauerstoffaufnahmekapazität. Wird die Verbesserung dauerhaft
| aufrecht erhalten, so sinkt das Risiko, an einer
| Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, in klinisch
| relevantem Masse. Zudem arbeitete das Herz nach dem
| vierwöchigen Training ökonomischer.
Dass die Autoren der Studie die in der Überschrift suggestiv formulierte
These "E-Bike fahren fördert Fitness und Gesundheit – schon nach vier
Wochen" selber nicht glauben, erkennt man an der seltsamen
Konditionalformulierung, die faktisch eine Tautologie ist:
ein intaktes Herzkreislaufsystem verringert die Chance, daran zu
sterben, dass es nicht funktioniert. Wow.
Erwartet man Leser auf dem Niveau der Apothekerzeitung, die zwischen
einem dargestellten Ergebnis "Die erzielte dauerhafte Verbesserung ..."
und einer die Aussage auf eine Nullaussage reduzierende Vorbedingung
"Wird die Verbesserung dauerhaft aufrecht erhalten, so ..." nicht
unterscheiden können?
Relevant ist dies, weil erstens nichts dafür spricht, dass diese
Verbesserung dauerhaft aufrechterhalten wird, wenn die Voraussetzung (es
gibt ein Motiv, hier, an dieser Studie teilzunehmen) entfällt, zweitens,
weil es keine (!) relative Verbesserung der Pedelecfahrer zu den
Radfahrern gab. Es gab keine Verschlechterung, weil die Studie so
angelegt war, eine solche gar nicht detektieren zu können. Ähnliche
Tricks und bessere hatte die Tabakindustrie schon zu Zeiten drauf, als
Wissenschaftler noch besser bezahlt wurden als heutzutage und das Wedeln
mit einer halben Drittmittelstelle noch niemanden hinter dem Ofen
hervorlockte.
Noch etwas bizarrer wird es unter dem ähnlich konstruierten nächsten
Absatz.
| Präventionspotential von E-Bikes
|
| Weiterhin zeigt die Studie, dass die Teilnehmer der
| E-Bike-Gruppe im Durchschnitt mit höherer Geschwindigkeit
| unterwegs waren und auch mehr Höhenmeter absolvierten. «Das
| gibt uns einen Hinweis, dass das E-Bike die Motivation
| steigern und Übergewichtigen wie auch älteren Menschen
| helfen kann, die sich mit regelmässiger Fitness ansonsten
| schwer tun würden», so Studienleiter Arno Schmidt-Trucksäss,
| Professor für Sportmedizin von der Universität Basel.
Nett ist zunächst, die nirgendwo belegte These "Präventionspotential"
schon in fetten Lettern in der Überschrift unterzubringen - das liefert
den Diagonallesern sowohl die gewünschte Botschaft als auch den Jargon.
Dann haben wir ein non sequitur. Dass insbesondere übergewichtige,
untrainierte Personen eine Distanzvorgabe (hier: eine 6 km-Kurzstrecke)
auch schwach motorisiert schneller zurücklegen können und dabei mit
derselben Anstrengung mehr Höhenmeter gehen, ist trivialerweise
zutreffend, ein Zuwachs an Motivation über die Vorgabe durch das
Studiendesign hinaus: fahr an drei Tagen mindestens 6 km ist dafür nicht
erforderlich. Ein Motor reicht und eine gewisse Variationsbreite
möglicher Routen.
Der Rest ist eine Basis dieser aus der Luft gegriffenen Voraussetzung
basierende Schlußfolgerung.
Fazit
Selbst wenn man kaum Erfahrung mit Radfahren hat, kann man sich anhand
dieses Textes durchaus zusammenreimen, was tatsächlich passiert ist.
Alle Teilnehmer, ob motorisierte oder nicht motorisierte, waren aufgrund
ihres mutmaßlich bewegungsarmen Lebensstils selektiert - ein BMI von
28-29 (im Text der englischen Veröffentlichung steht 25 to 35 kg/m2) und
die Einstufung "untrainiert" spricht nicht für eine Motivation, sich mit
einem Zweirad mehr als unbedingt nötig anzustrengen.
Ausserdem ist davon auszugehen, dass die Teilnehmer durch ihre
weitgehende Unerfahrenheit als Radfahrer**) und mit dem gestellten
Fahrzeug (die Zuordnung zur Gruppe Pedelec resp. Fahrrad wurde
ausgewürfelt, etwas, das die Studienautoren für den primären Vorzug
ihrer Studie anführen) kaum Erfahrung oder Interesse gehabt haben
dürften, ihrem Pedelec durch geschickte Wahl von Gang und Kadenz ein
Maximum an Unterstützung zu entlocken, oder umgekehrt die Vorzüge ihres
Fahrrades gegenüber einem Pedelec zu nutzen. Die lt. Studientext
bereitgestellten altertümlichen Flyer-C-Series Pedelec
<
http://ebiketours.cat/wp-content/uploads/2013/01/C-Serie.png>
dürften einem Fahrrad bzw. dessen Anforderungen an tatsächlicher
Eigenleistung auch noch wesentlich näher gekommen sein als ein mit dem
in meinem Ausgangsposting erwähnten Bosch-Motor ausgestattetes MTB, dem
ein E-Bike-Lexikon eine legale Maximalleistung von 600 W attestiert.
Auch dies ist angelegt, die Unterschiede zwischen den Fahrradtypen
verschwinden zu lassen: die Radfahrer sind zwar gleich untrainiert,
bringen aber ihre eigenen Fahrräder mit, die für Pedelec ausgewürfelten
fahren auf einem schwereren Motorfahrzeug, dessen bockige Steuerung erst
erlernt werden will.
Neben der grundlegenden Schwäche dieser Studie, lediglich Leute zu
betrachten, die schon vorgeschädigt sind, die durch Unerfahrung kaum der
Lage sind, die Unterschiede zwischen einem motorisierten und einem
nichtmotorisierten Fahrzeug in der einen wie in der anderen Richtung
auszureizen, gibt es eine weitere grundlegende Schwäche: den eminent
kurze Zeitraum von vier Wochen.
Die mögen reichen, um eine bereits vorhandene, aber über den Winter
vernachlässigte Muskulatur wieder "warmzufahren", aber gewiss nicht, um
in nennenswertem Umfang welche aufzubauen. Das braucht, je nach den
Randbedingungen und dem individuellen Talent, viele Monate bis hin zu
Jahrzehnten.
Und die Zeiträume stehen im real life (standen) ja auch zur Verfügung:
hierzulande lernten Kinder mit 4-6 Jahren radfahren und benutzen das die
nächsten zehn Jahre als ihr Hauptverkehrsmittel. Das reicht als
Ausgangsbasis und diese wäre zu studieren: was passiert mit demjenigen,
der sich mit 18 in ein Auto setzt und erst in der Rente auf die Idee
kommt, sich auf ein Rad zu setzen (ich kenne - kannte - zwei Kollegen,
die da gemacht haben, Kollegen, deren Tod ich sehr bedauert habe), was
passiert mit denjenigen, die sich mit 18 auf ein Pedelec setzen und nie
wieder Rad fahren?
Wenn ich mal eine Prognose wagen darf: würde man dies untersuchen, würde
man eine Kohorte über einen langen Zeitraum betrachten (wie entwickelt
sich die Fitness eines Radfahrers, der mit dem Rad zur Arbeit fährt, in
Relation zu jemanden, der dafür ein Fahrrad verwendet, wie ändern sich
andere Parameter wie Fahrtempo, Distanz, was passiert, wenn man danach
statt nach Verwendungszweck kontrolliert...), dann käme heraus, dass es
eine nicht unerhebliche Zahl von paarweisen Fällen gibt, welche die
Thesen von Andre Eigner, Karsten Hilsen und Gernot Pruenster***)
stützen: der Radfahrer verfettete und starb früh, der Pedelecfahrer
wurde alt, blieb dabei aber rank und fit.
Aber ... bei der überwiegenden Mehrheit wird es umgekehrt sein und das
krass. Weil die Belohnung für Anstrengung beim Pedelec gleich zu Beginn
bei der ersten Pedalumdrehung kommt - ey, es geht ja schneller und tut
gar nicht mehr weh! - und sie daher weder eine Belohung ist noch wie
eine wirkt. Während sie beim Fahrrad erst nach erbrachter Leistung und
nach vielen Wiederholungen kommt - ey, es geht inzwischen ja merklich
schneller und tut kaum noch weh, da geht gewiss doch noch mehr! - und
man sie die Belohnung immer und immer wieder holen kann, statt von
Anfang an zu stagnieren und, was noch nachteiliger ist: wenn man merkt,
dass Leistungszuwachs ja sogar bestraft wird. Progressiv. :-}
Vorgaben gab es wie gesagt in der hier angesprochenen Mini-Pilotstudie
nicht. Es ist also anzunehmen, dass die Teilnehmer sich
dementsprechend verhalten haben. Wie viel Leistung pro Kilo
Körpergewicht als angenehm empfunden wird, variiert, auch bei
untrainierten Personen, wenn sie übergewichtig sind.
Man wird aber davon ausgehen können, dass die Teilnehmer unabhängig
davon, wie viel W/kg ihnen zur Verfügung stand, was ihr Fahrzeug wog und
ob es ihnen Teil Tretleistung abnahm, mit dem Tempo gefahren sind, das
sie von der Anstrengung her als angenehm bzw. nicht zu anstrengend
empfanden, gewissermassen mit der persönlichen Wohlfühl-Wattzahl. Daraus
ergibt sich automatisch, dass sie mit etwas mehr Antriebsleistung
geringfügig schneller und höher fuhren. Eine Rückkopplung insofern,
dass eine intensive Eigenleistung per Rückkopplung zu einer permanenten
Leistungssteigerung hätte führen können, war durch das Studiendesign
(Teilnehmerauswahl, Dauer) nicht zu erwarten und das war wohl auch genau
so beabsichtigt.
Fazit: die Studie hat etwas ergeben, was jeder schon wusste: Leuten,
denen es an einer altersgemäßen Fitness mangelt, wobei Fettleibigkeit
und unterdurchschnittliche Ausdauer Hand in Hand gehen, verhilft schon
ein kurzes und minimalistisches Bewegungsprogramm dazu, für den Moment
etwas ausdauernder zu werden. Das gilt auch dann, wenn dafür ein
altertümliches Pedelec verwendet wird. Zur der Frage, wie die
Entscheidung zwischen Fahrrad und Pedelec sich bei dieser Gruppe
langfristig auswirkt, oder wie sie sich bei nicht fettleibigen und/oder
untrainierten Personen kurz- und dann langfristig auswirkt, kann eine
Studie mit einem solchen Design auch bei großen Teilnehmerzahlen nichts
aussagen - und soll das wohl auch nicht.
Für eine (verkehrs-)politisch motivierte Studie reicht das offenbar.
Bedauerlicherweise.
------
*) Für Erbenzähler: vorläufig dauerhaft. Nicht genutzte Muskulatur wird
mit der Zeit abgebaut. Allerdings dauert auch das recht lange und das
Potential verschwindet nie wieder komplett, m.a.W. einmal vorhandene
Muskelfasern sind schneller wieder aktivierbar als solche, die nie
vorhanden waren. Die Fähigkeit, Muskeln aufzubauen, ist stark
altersabhängig, der Abbau geht im Alter schneller, und der
(Wieder-)aufbau dauert viel länger und hat seine Grenzen.
**) Die Teilnehmer mussten unterschreiben, weder regelmäßig in ihrer
Freizeit radzufahren, noch regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit zu fahren.
***) Den erwähne ich, weil er Anfang des Jahres eine andere Studie mit
mehr Teilnehmern aus dem Hut gezaubert hatte (deren Abstract gelesen
hatte), die augenscheinlich nach dem Muster dieser Pilotstudie gestrickt
war und dies als Beleg für eine gleichlautende These anführte. Konkret
ging es wohl im die Studie, die in diesem reisserischen Artikel ziemlich
wilde Schlüsse formuliert
<
https://www.netzwelt.de/e-bike/172182-studie-kalorienverbrauch-e-bike-fahrern-fahrradfahrern-gleich.html>
| E-Bikes sind nur etwas für Faule? Eine groß angelegte
| Studie mit mehr als 10.000 Teilnehmern aus Europa zeichnet
| ein ganz anderes Bild. Demnach trainieren E-Bike-Fahrer
| mehr, als Fahrradfahrer.
Er behauptete zwar, auch die Veröffentlichung gelesen zu haben, war aber
weder mit Stichelei dazu zu bewegen, ihren Inhalt zu diskutieren, noch
damit, ihm seine nicht gemachten Hausaufgaben teilweise abzunehmen.
Stattdessen erwartete er, nicht nur Indizien geliefert zu bekommen,
welche gegen die im besagten Clickbait-Artikel aufgestellten
Behauptungen sprechen, sondern er erwartete von mir eine leichtfassliche
Zusammenfassung einer Studie, die er - so unterstelle ich in derh
Rückschau, gar nicht gelesen, oder, was ich damals annahme, nicht
kritisch gelesen oder nicht verstanden hat und sich jedenfalls keine
Arbeit damit machen, sondern sie anderen aufhalsen wollte. Ich habe den
Eindruck, das Beispiel hat Schule gemacht.