Am Tue, 26 Nov 2019 22:46:20 -0800 (PST) schrieb Karsten Hilsen
<
mrhi...@gmx.de>:
>Am Dienstag, 26. November 2019 20:07:48 UTC+1 schrieb Karl Meisenkaiser:
>> Am 26.11.2019 um 19:53 schrieb Ralph Aichinger:
>> > In de.rec.fahrrad Eichhörnchenweitwurf <
den-bundesirrsi...@eichhoernchenweitwurf.de> wrote:
>> >> Die Akkutechnik wird schon seit 100 Jahren kritisiert. Verändert hat
>> >> sich nix, außer daß der Fehlschlag E-Auto schicker verpackt wird.
>> >
>> > Vor 100 Jahren hat es Bleiakkus oder sowas gegeben, heute gibt es Lithium, das ist
>> > ein deutlicher unterschied in der Energiedichte.
>>
>> Energiedichte Bleiakku 0,11 MJ/kg
>> Energiedichte Li-Akku 0,6 MJ/kg
>> Energiedichte Benzin 40 MJ/kg
>>
>Irreführende Zahlen.
Usw.
Ich möchte Dir bei Deiner Trollfütterung nicht in die Parade fahren,
aber auch darauf hinweisen, daß wir hier in de.rec.fahrrad sind.
Auch hier schlagen diese Desinformationspostings neuerdings in der Form
von weit gestreuten Crosspostings häufiger auf. Ihre Konstruktion ist so
offensichtlich wie - leider - wirksam. Das Schema ist weitgehend
ähnlich, eine vage zutreffende Beobachtung wird mit ein paar
Fehlschlüssen und einem dicken argumentativem Loch am Ende garniert und
verpackt. Erstere fischt nach Zustimmung, der Rest soll als Aufhänger
für verbale Schlammschlachten dienen und genügend Raum für beliebig
abwegige Thesen und Ziele dienen.
Konkret: das E-Auto ist in der Form, wie es derzeit gehyped wird (E-SUV
als Repräsentant), in der Tat ein Fehlschlag. Der gegenwärtige Trend -
immer schwerere, leistungsfähige Fahrzeuge - beschleunigt durch den
Wechsel des Energieträgers den Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen,
darunter auch den Verbrauch an fossilen Energieträgern, statt ihn zu
reduzieren oder sogar zu vermeiden.
Jedoch könnte genau dieser Umstand einen Hinweis auf die nicht erst seit
heute offensichtliche Lösung - Entschleunigung und Optimierung des
Transportwesens - geben. Ob man hier synthetische Kraftstoffe,
elektrische Akkumulatoren oder überhaupt einen mitgeführten
Energieträger braucht oder bevorzugt, ist zweitrangig. Primär ginge es
darum, die auf Güterverkehr weg von der Eisenbahn und immer mehr auf
Abhängigkeit nicht mehr darstellbaren Energieträgern und -dichten (nebst
dem inhärenten Verschleiß bei ihrem exzessiven Gebrauch) zielende
Verkehrspolitik der letzten Jahrzehnte zu beenden. M.E. gäbe es
nachhaltige Alternativen, die auch denen, die nicht radfahren wollen
oder können, einen Komfort böten, der besser ist, als der tägliche
Kfzirrsinn auf den Straßen tatsächlich (und nicht bloß in den Träumen
seiner Proponenten, die irgendwann in den 50ern stecken geblieben zu
sein scheinen) bieten kann.
Aber das gehört nicht hierher.
Hier könnte man aber durchaus darüber reflektieren, daß der Gebrauch von
Fahrrädern in den meisten Fällen mit einem negativen Verbrauch an
fossilen Ressourcen und anderen verbrauchbaren Rohstoffen verbunden ist,
dies jedenfalls dann, wenn man ähnlich rechnet, wie es beim Schönrechnen
des Kfz-Gebrauchs Usus ist.
Ich mutmaße, daß der typische, vmtl. etwas verfettete Trollposter, der
sich ausgerechnet hier über seine Präferenz für Benzin und Diesel
unterhalten möchte, wenig Interesse oder Verständnis für die Überlegung
hat, daß, wenn ein Fahrzeug für den Transport von 70 kg Wasser, Fett und
Muskelfleisch sowie 10 kg Kleidung und Aktentäschchen über eine Distanz
von fünf bis zehn Kilometern geeignet sein soll, weder Geschwindigkeiten
von 180 km/h noch ein Tankinhalt von 65 l Superbenzin erforderlich oder
überhaupt zweckmäßig und zielführend sind, daß man dafür nicht mal einen
Antrieb braucht. Und daß man selbst dann, wenn man dies, des Arguments
wegen, auf 20 km Strecke und 150 km Lebendgewicht ausdehnt, die
Energiedichte eines Lithium-Ionenakkus locker ausreicht, ein dafür
geeignetes Fahrzeug auszustatten. Womit wir dann schon oberhalb dessen
sind, was bei der Mehrzahl aller Individualfahrten zur Arbeit
tatsächlich anfällt.
N.B. in einer utopischen, alternativen Welt wären solche Fahrzeuge
übrigens weder S-Pedelec noch Lastenfahrräder, sondern das, was
herauskommt, wenn man sich verkleidete Liegefahrräder vorstellt, die auf
dafür optimierten Fahrbahnen rollen.
In der realen Welt haben wir Straßen, deren Fahrbahnen von Kfz
beherrscht werden und auf denen Radfahrer zu ihren Schaden an die
Dreckränder und auf Radwege verdrängt werden, also unnötige, aber
unvermeidlich ungünstige Bedingunen.
Trotzdem läßt sich eine Vergleichsrechnung anstellen, indem wir zwei
verschiedene Entwicklungspfade einer Person gegenüberstellen, nennen wir
sie Florian, die von den Bedingungen hier und jetzt ausgehen.
Variante 1
Florians Normalgewicht ist 75 kg, da er gerne ißt und trinkt, frisst er
sich in der ersten Lebensphase nach und nach 30 kg Fett an, die er dann
mit regelmäßigen Fahrten zum Gym einigermaßen im Zaum halten kann.
Obwohl ursprünglich recht sportlich, gibt er das Radfahren nach ein paar
Versuchen, damit zur Arbeit zu kommen auf und fährt die 10 km mit dem
Auto. Um dem Stau zu entkommen, wegen billigeren Baulandes und für die
Familie baut er in einer günstigen Lage weiter draußen ein Haus, fährt
nun doppelt so weit und braucht dafür meist sogar weniger Zeit als
vorher - für eine Weile. Denn nach ein paar Jahren sind viel andere
Familienväter nachgezogen und stehen nun gemeinsam mit ihm im Stau,
tauschen sich beim Fahren per Handy über "Blitzer" aus und wählen
rechtsradikal, um es "denen da oben" mal so richtig zu zeigen. Auch die
Fahrt zum Gym - und zur Kneipe in der Innenstadt, wo man die alten
Bekannten trifft - braucht mehr Strecke und somit mehr Zeit. Der Neubau
von einigen Umgehungsstraßen bietet zeitweilig Abhilfe, auf Kosten von
noch höheren notwendigen Geschwindigkeiten auf längeren Strecken.
Florian kauft sich zur Abhilfe ein besser motorisiertes SUV, das im Stau
als rollendes Wohnzimmer dient und auf freien Autobahnen, für die man
halt ein Stück fahren muß, das Gefühl von Freiheit und Abenteuer bietet.
Mit 54 hat er einen Herzinfarkt, schleppt sich dann mit einem Stent und
dann zwei Beipässen bis zur Rente, wobei er einen nicht unerheblichen
Teil seiner Zeit in Krankenhäusern und Wartezimmern verbringt.
Unter dem Strich kommen so alleine für diese Fahrten etwa 17.000 km im
Jahr zusammen, bei einem Durchschnittsverbrauch von 8 l Super pro 100
km, einem neues Fahrzeug alle sechs Jahre, dessen Produktion, genau so
wie der anteilige Verschleiß an Straßen (und dem Transport des dafür
nötigen Materials) jeweils noch einmal fossile und anderer Ressourcen in
diesem Umfang verschlingt. Über das, was seine medizinische Versorgung
verschlingt, kann man nur spekulieren. Wenn die entsprechenden Kosten,
für die wir alle zahlen, betrachtet ...
Variante 2
Florians Normalgewicht ist 75 kg, das er, obwohl er gerne ißt und
trinkt, sein Leben lang beibehält. Er fährt gerne Auto, jedenfalls für
eine Weile, bis es ihm zu öde wird, die immer gleiche Strecke
anzustarren, ohne dabei irgend etwas sinnvolles tun zu können. Obwohl
schon etwas verweichlicht, fährt er an ein paar Tagen mal die zehn
Kilometer mit dem Rad zur Arbeit und findet schließlich Spaß daran. So
viel Spaß, daß er schließlich das Auto fast immer stehen läßt und rund
ums Jahr fährt. Nachdem ein Wechsel des Arbeitsplatzes seinen Arbeitsweg
auf 15 km verlängert, gibt Florian das zunächst wieder auf und schwankt
zwischen Bus (so lala), Fahrrad (anstrengend und zeitraubend) und Auto
(nicht anstrengend, aber nun auch mehr Zeit kostend). Aus Gründen, die
hier keine Rolle spielen, entscheidet er sich dafür, sich nicht von
einem Auto abhängig zu machen und zieht in die Nähe seines
Arbeitsplatzes. Geld spart das nicht, Wohnraum ist dort, wo die
Transportwege kurz sind, teuer. Aber es spart Zeit.
Für die an sich nun acht Kilometer zur Arbeit findet er eine
Alternativroute, die zwar genau so weit ist wie seine anfänglichen
Strecke - zehn Kilometer -, ihm aber erlaubt, auf einer nicht all zu
(kfz-)verkehrsbelasteten Fahrbahn richtig schnell zu fahren - so, daß
die Fahrt quasi das Kreislauftraining ersetzt, für das andere (und
Florian I in der Variante 1) eine Extrastunde pro Tag für Anfahrt und
Hüppekurs/Pumpen veranschlagen müssen.
Wesentlich an dieser gesamtheitlichen Betrachtung ist es, nicht
lediglich auf die in der Gesamtbilanz unerheblichen direkten Vor- und
Nachteile der gegenübergestellten Verkehrsmittel zu starren, sondern
auch die mittelbaren Wirkungen und Rückkopplungen - von denen ich nur
einen Teil angesprochen habe - zu berücksichtigen. Wie viel Tonnen
Bitumen, Sprit, Blech, Aluminium, wie viel Energie/CO2-Produktion
Florian II gegenüber Florian II eingespart hat, bei unter dem Strich
mehr Lebensqualität für sich und für andere, mag sich selber anhand
eigener Konkretisierungen ausrechnen bzw. abschätzen.
Hier möchte ich nur darauf hinweisen, daß beim Vergleich Fahrrad/E-Bike
von den Proponenten der E-Bikes bzw. Pedelecs gerne unterschlagen wird,
daß eine Elektrifizierung von leistungsmäßig massiv abgespeckten Autos
(und eine Renaissance von modernen, leichten elektrischen Straßenbahnen)
zwar eine denkbare, bei der derzeitigen Verkehrspolitik aber utopische
Abrüstung wäre, daß die Elektrifizierung beim Fahrrad aber eine massive
_Aufrüstung_ darstellt, die beim potentiellen Übergang von Florian I zu
Florian II jede Menge Fallstricke produziert und diesen erschwert und
sehr unwahrscheinlich macht. Wer sich schon für die ersten drei von drei
Kilometern überhaupt nicht anstrengen muß, wird kaum in den Genuß der
erfreulichen Erfahrung kommen, sich für die letzten drei Kilometer einer
hügeligen 30km-Strecke nicht merklich anstrengen zu müssen - und seine
weitere Lebensplanung darauf abstellen. Usw.
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